6. Juni 2026

Zieh dich cool an, wenn du Rad fährst

Auf schwarzen Rädern, über den Lenker gebeugt, mit Helm, Schutzweste und Rucksack, so kommen viele Radfahrende daher. Meist Männer zwischen 35 und 65. Sie zeigen uns: Zum Radfahren muss man sich einkleiden und panzern.

In den Augen von Fußgänger:nnen und vielen Autofahrenden verkörpern diese Gestalten den Kampfradler, den gesichtslosen Radler, der sich an keine Regeln hält und überall fährt.

In den Niederlanden oder in Dänemark fahren alle Fahrrad, vom Kind bis zur alten Dame, fast alle in ihren Alltagsklamotten, im Kleid, im Rock, im Nadelstreifenanzug, im Wintermantel, mit Highheels. Und ohne Helm
Gäste aus diesen Ländern wundern sich über unsere Helm- und Sport-Funktionskleidunswut beim Radeln. Diese Art, uns auszurüsten zeigt, dass für uns Radfahren keine Selbstverständlichkeit ist, sondern ein Akt. Vielleicht manchmal sogar eine Demonstration. Aber auch ein Signal an Autofahrende oder Fußgänger:innen: Radfahren ist eine Mutprobe, wir werden gejagt. Auf dem Kongress Cities for Mobility in Stuttgart mit Vertreterinnen aus 40 Partnerstädten Stuttgarts am 20./21. Juni 2016 habe ich gelernt, dass das Bild vom Radfahrer entscheidend davon geprägt wird, wer radelt und wie wir uns dabei anziehen. 

Sind wir auf Ausnahme eingestellt und für den Straßendschungel mit mentaler Machete und Sturzhelm ausgerüstet, dann erleben uns alle anderen als Extraterrestische, als Ausnahmen und Sonderfälle im Straßenverkehr. Fahren wir herum wie andere Menschen zu Fuß gehen, in normalen Klamotten, im Businesskostum, im Anzug mit Krawatte, Eltern mit Kindern in Alltagskleidern, dann sind wir Teil der Gesellschaft (übrigens einer großen Mehrheit!), die sich nicht in Autos, sondern selbst an der frischen Luft durch die Stadt bewegt.

Sind die Augen nicht unter Helmen und Schutzbrillen verborgen, können wir einander in die Augen schauen, uns anlächeln, mit Blicken verständigen, und das Radfahren entfacht den Charme, den es für alle eigentlich hat: als leise und sozial sehr interaktive Mobilität, die den Straßenraum bunt macht und belebt.

Das ist übrigens auch ein Argument gegen das Helmtragen bei Alltagsfahrten im Nicht-Rennradler-Modus, oder anders herum, gegen eine Helmpflicht für Radfahrende. In den Niederlanden oder in Dänemark sieht man, dass Radfahren als normale und alltäglich Fortbewegung im Straßenraum gesehen wird. Fußgänger:innen tragen ja auch keine Helme (Autofahrende auch nicht), dabei ist ihr Risiko, auf einer Treppe schwer oder sogar tödlich zu verunglücken sogar höher. Trotzdem setzen wir keinen Helm auf, wenn wir eine Treppe hinunter gehen. Auch nicht beim Fensterputzen oder beim Aufenthalt im Badezimmer. Auch hier ist die Verletzungsgefahr höher als beim Radeln. Das höchste Risiko für eine schwere Kopfverletzung trägt man übrigens im Auto selbst. Trotzdem kommen wir nicht auf die Idee, Autofahrer müssten einen Helm aufsetzen. Also machen wir uns bei dem Thema etwas lockerer und überlassen wir es den Einzelnen, ob er oder sie mit oder ohne Helm radelt. Älteren Radfahrenden empfehle ich persönlich den Helm, denn die Reaktionsgeschwindigkeiten nehmen ab und Stürze verlaufen schwerer. 

Der Radverkehr in Stuttgart nimmt deutlich zu. Und in der Innenstadt sind die meisten im Alltagsmodus unterwegs, normal gekleidet und in normalem Tempo. Die Radpendler:innen, die auf den Hauptradrouten weite Strecken zurücklegen, sehen dagegen mehrheitlich eher anders aus: wetterfest, zuweilen mit Leuchgtwesten. Und sie fahren teils sehr schnell. Wochenendradler erkennt man hingegem oft an der Tour-de-France-Montur. Sie zeigen damit, dass sie Radfahren als Freizeitsport sehen. Das ist auch eine Stellungnahme. (Es wäre gut, sie würden dann aber auch sportlich auf der Fahrbahn fahren, nicht auf Gehwegen.) 

Grundsätzlich kann jede und jeder überall und auch auf dem Fahrrad anziehen, was sie oder er will. Zeigen tun wir alle etwas damit und wir sollten uns dessen bewusst sein, was wir den anderen zeigen und ob wir das auch zeigen wollten. 

2 Kommentare:

  1. Ich inspiriere mich bei der Kleidung seit Jahren an der letzten Zeit in der, außerhalb der Niederlande und vielleicht Dänemarks, das Fahrrad ein ernstzunehmendes Verkehrsmittel war, die 40er und 50er Jahre. Dazu kommt, dass für mich "Funktionskleidung" einfach zu schlecht funktioniert. Ich werde lieber vorübergehend von außen nass, als im eigenen Schweiß zu baden. Ich ziehe mich so an, dass ich vielleicht nass werde, aber nie kalt.
    Also Polohemden aus Wolle, eine Merinowolljacke und/oder langfaserige Baumwolljacke, lederne Radschuhe, auf längeren Alltagsstrecken, Radreisen oder Tagestouren u.dgl. Bundhose und lange Socken. In die Arbeit nornale Hosen und zivile Schuhe, da ich keine Lust habe, mich dort umzuziehen.
    (Gegen die Nässe helfen gute, lange Schutzbleche übrigens am besten.)

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    1. Das ist auch ein Punkt, am nässesten wird man durch die Fahrbahn. Bzw. ein Schutz davor bringt am Meisten. Um mit Regenhosen einen Vorteil zu haben muss es schon kräftig regnen. So ein bisschen Niesel geht besser ohne.
      christo.

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