30. Juli 2026

Die Verkehrswelt der Pizzakuriere

Essens-Kuriere scheinen mir oft nicht von dieser Welt. Sie geistern zwischen Autos, Rädern und Fußgänger:innen hindurch, sind da und schon wieder weg. 

Ich rege mich über sie nicht auf, denn ich weiß, dass sie uns unter grenzwertigen Arbeitsbedingungen zu Diensten sind. Sie bringen uns Essen, wenn wir nicht kochen wollen. Sie fahren mit riesigen Rucksäcken und Packtaschen auf Fahrbahnen, wechseln an Ampeln auf Gehwege, halten an, düsen einen Fußweg hinunter, biegen plötzlich ab und rollen gelegentlich ohne Licht durch die hereinbrechende Nacht. Sie telefonieren oft während des Fahrens auf Arabisch oder Indisch oder einer mir unbekannten Sprache. Sie kommunizieren aber nicht mit uns. Sie lassen sich bei konflikthaften Begegnungen auf keinerlei Wortwechsel mit uns ein. Meistens nehmen wir sie nicht wahr, aber wenn wir sie sehen, dann ärgern sich viele über sie, weil sie so regellos fahren. Sie sind die Menschen, die vielen von uns den Alltag erleichtern, doch mit ihnen zu  tun haben wollen wir lieber nicht. Nicht einmal an unserer Haustür müssen wir sie empfangen, Lieferdienste bieten ausdrücklich eine kontaktlose Lieferung an. 

Eine Anfang Juli veröffentlichte Studie der Technischen Universität Dresden, über die der DVR berichtet, zeigt, dass sie vergleichsweise oft in Verkehrsunfälle verwickelt sind. Innerhalb eines Jahres erlitt jeder im Durchschnitt einen Unfall. Die Studie hat Arbeitsunfälle in anderen Branchen mit denen von Lieferdienst-Radlern verglichen. Von tausend Vollzeitbeschäftigten erleiden im Jahresdurchschnitt 34 einen meldepflichtigen Arbeitsunfall, bei den Lieferandos sind es knapp 400. Im ersten Jahr hatten die Rad-Lieferdienstler im Durchschnitt fünf Unfälle, je länger sie fahren, desto weniger werden es. Besonders oft geschehen sie zwischen 18 und 21 Uhr, wenn am meisten ausgeliefert wird. Dann herrscht Zeitdruck und es wird bereits dunkel oder ist schon dunkel. 

71 Prozent dieser Unfälle sind sogenannte Alleinunfälle auf rutschigen Oberflächen wie Laub, Nässe oder Eis, aber auch auf unebenen Untergründen mit Schlaglöchern, Baumwurzeln, Straßenbahnschienen und Bordsteinkanten. Dabei stürzen die, die Pedelecs fahren, häufiger als die auf Normalrädern. An Kollisionen mit anderen Verkehrsteilnehmenden waren am häufigsten Pkw-Fahrende (23 Prozent) und Fußgänger:innen (19 Prozent) beteiligt. Dooring-Unfälle machen 11 Prozent aus. Bei jedem zweiten Unfall erlitten sie Verletzungen, meist an Beinen, Füßen und Schultern, Armen und Händen. Und die meisten meldeten diese Unfälle ihrem Arbeitgeber nicht und ließen sich auch nicht krankschreiben, es sei denn sie konnten nicht mehr fahren. 

Von den befragten Lieferdienstfahrern (es sind nur 7 Prozent Fahrerinnen darunter) sind 75 Prozent im Ausland aufgewachsen und kommen aus Indien, Bangladesh, Pakistan, der Türkei und aus Syrien. 70 Prozent von ihnen haben studiert und einen Bachalor-Abschluss oder eine noch höhere akademische Qualifikation. Sie fahren zu 63 Prozent Pedelecs und zu 34 Prozent Standardräder. 

Diese Menschen werden, wie die Berliner Zeitung und der rbb berichten, in Indien oder Bangladesh von örtlichen Agenturen gegen hohe Gebühren mit dem Versprechen nach Deutschland gelockt, sie hätten einen Studienplatz an einer Eliteuni. Diese Studiengänge erweisen sich als Fake oder unbezahlbar. Sie kommen hier hoch verschuldet an und keines der Versprechen wird gehalten. Am Flughafen sehen sie schon die Essenskuriere und denken sich, dass sie ein besseres Los gezogen haben. Doch da ihre Deutschkenntnisse gering sind, landen sie oft bei Subunternehmern, wo sie für die großen Lieferdienste Essen ausfahren. Alle kassieren bei ihnen. Bezahlt werden sie nur für die Stunden, die sie tatsächlich Essen ausfahren (5 Std), nicht aber für die Wartezeiten auf den Auftrag (3 Std). Oft erhalten sie den Lohn monatelang nicht. Der Stundenlohn, der ihnen letztlich real bleibt, liegt bei 7 Euro. Auf dem Foto sieht man wie die Lieferanten am Rotebühlplatz gegen 18:30 Uhr auf die ersten Aufträge warten.  

Es ist völlig klar, dass es arbeitsrechtliche Regelungen zum Schutz dieser Fahrer braucht. Die EU ist da dran. Aber es ist auch an den Städten, eine Radinfrastruktur herzustellen, die Fehler toleriert und Unfallrisiken minimiert und sie dann auch von Laub, Eis und Schnee und Hindernissen frei zu halten. Und davon sind wir in Stuttgart (wie in vielen anderen Städten auch) noch weit entfernt. 

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