11. August 2026

Hass aufs Fahrrad schadet dem Autoverkehr selbst

Radwege und Radstreifen dienen eigentlich dem Komfort des Autoverkehrs. Aus Gründen der Sicherheit sind sie nicht unbedingt nötig. Sie fühlen sich allerdings sicherer an. 

Vernünftige Stadtpolitiker:innen und Verwaltungen setzen zu Recht auf Radwege und Radfahrstreifen, um mehr Leute, vor allem Kinder, Jugendliche und Alte aufs Fahrrad zu bringen. Es gilt als gefährlich, sich mit dem Rad unter Autos zu mischen. Es kann tatsächlioch auch gefährlich werden, wenn ein Autofahrer einen Radfahrer nicht vor sich sieht und ihn oder sie totfährt. Allerdings sind auch Radwege gefährlich, wenn ein Autofahrer über sie hinweg abbiegt und dabei eine Radlerin oder einen Radler anfährt oder gar tötet. Und das passiert leider unverhältnismäßig oft, öfter als Zusammenstöße im Längsverkehr auf einer Fahrbahn. 

Das Fahrbahn-Radeln ist vor allem stressig. Denn wir bekommen direkt die Aggressionen mancher Autofahrender zu spüren, sie fahren schnell an uns heran, überholen uns knapp, scheren zu schnell wieder ein. Strafendes Überholen nennen wir Radler:innen das. Dazu habe ich und haben vermutlich auch andere routinierte Radfahrende nicht immer Lust. Unerfahrene trauen sich unter solchen Bedingungen aber gar auf die Straßen. Sie brauchen Radwege und Radstreifen, eine Trennung vom Autoverkehr. Ohne Radrouten, die sich sicher anfühlen, erreichen wir in unserer Stadt diejenigen nicht, die Angst haben vor dem Autoverkehr, aber eigentlich gern Rad fahren würden. Sicherer, als wir denken, sind wir aber auch auf Fahrbahnen unterwegs. Diese These untermauert Thomas Schlüter eindrucksvoll auf seinem Blog über Radverkehrsunfälle und Zusammenstöße. 
Kurioserweise kämpfen genau die am meisten gegen Radwege und Radstreifen, die am meisten davon profitieren: nämlich die Autofans und ihre Verbände.

Autofahrende wollen nämlich eigentlich nicht, dass sie Räder auf den Straßen überholen müssen oder über hunderte von Metern hinter ihnen festhängen. Das aber ist der Fall, wenn man Radfahrenden keine getrennte Radinfrastruktur anbietet. 

Und nimmt man dem Autoverkehr eine Fahrspur weg und legt einen Radweg oder Radfahrstreifen an, dann bremst das den Autoverkehr nicht aus, sondern beschleunigt ihn sogar. Das hat schon 2017 selbst der ADAC erkannt und Radfahrstreifen gefordert. Er beruft sich auf eine US-Studie, die feststellte, dass bei einem Radler:innenanteil von 10 Prozent auf einer Straße Autofahrende deutlich schneller vorankommen, wenn es einen Radstreifen gibt. (10 Prozent muss man aber erst einmal erreichen.) Auch wenn Autofahrende gerne gegen Radverkehrsanlagen wettern, so nützen sie ihnen enorm. Was man auch daran sieht, dass sie uns Radfahrende gerne hupend und brüllend auf Gehwege verweisen, die fürs Radfahren nur freigegeben sind, weil sie meinen, dass seien Radwege. Und dass Radfahrende nicht auf Radwegen (und was Autofahrende dafür halten) fahren, ist einer der häufigsten Kritikpunkte der Leute hinter den Lenkrädern. 

Ich persönlich finde Radwege und Radsteifen auch gemütlicher als das Fahrbahnradeln. Niemand hat gern schnellere Fahrzeuge von hinten, die einen überholen (deshalb hassen Fußgänger/innen Radfahrende auch so). Aber die Gefahren, die auf der Fahrbahn, selbst auf einer Landstraße, drohen, werden drastisch überschätzt. Zusammenstöße im Längsverkehr sind selten. Allerdings geht die größte Gefahr für Radfahrende auf Land- und Kreisstraßen dennoch immer noch vom Auto aus, vor allem, wenn sich Rad- und Autoverkehr in irgendeiner Form kreuzen (wobei auch Radfahrende Fehler begehen). Und Radwege, die in einiger Entfernung zur Fahrbahn geführt werden, sind genau dann eine tödliche Gefahr, wenn Lkw-Fahrende über sie hinweg nach rechts oder links abbiegen. Die Radfahrenden hat der Fahrer nicht auf dem Schirm, er sieht sie nicht, ganz unabhängig davon, ob sie sich im Toten Winkel befinden oder nicht, und ob es diesen Toten Winkel gibt oder nicht. 

Ich wundere mich schon lange, warum unsere Stuttgarter Autolobby nicht vehement für Radwege und Radstreifen eintritt, damit die Autofahrenden, uns Radler:innen nicht mehr vor sich, sondern neben sich haben. Ich wundere mich auch, warum die Verbände, die die Menschen zu Fuß vertreten, nicht vehement für Radstreifen und getrennte Radwege kämpfen, damit sie endlich die Radfahrenden nicht mehr zwischen sich, sondern neben sich haben. Wenn eine Stadt den Radverkehr grundsätzlich und deshalb weitgehend vom Auto- und Fußverkehr trennt, haben alle Verkehrsarten was davon. Ich will nicht annehmen, dass die Fans des Autoverkehrs und die Fans des Fußverkehrs uns Radfahrende so sehr hassen, dass sie nur, weil sie uns das bequeme Radeln auf Radwegen nicht gönnen, dagegen sind, dass man auch sie selbst entlastet. Es wäre aber nicht ganz untypisch für unsere Gesellschaft. 

Radfahrerende sind eigentlich die Freunde des Autoverkehrs. Ein Mensch auf dem Fahrrad ist einer, der nicht im Autostau steht und gleichzeitig viel weniger Platz braucht. Viele Radler:innen machen Staus kürzer. Die politische Gegenwehr gegen Radstreifen kann eigentlich nur ideologischer Natur sein. Klug ist sie jedenfalls nicht. Sie schadet der Bürgerschaft einer Stadt. 


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