20. September 2026

Warum ist der Radverkehr so umständlich organisiert?

Manchmal scheint mir: Der Gesetzgeber hat bis heute nicht begriffen, was Radfahren ist, oder er weiß es, will es aber nicht unterstützen.

Alle, die anfangen zu radeln, wundern sich, wie umständlich die Wege fürs Rad im Vergleich zu den Wegen fürs Auto organisiert sind. Sie stellen sich (und damit auch mir) oft die Fragen, die routinierte Alltagsradler:innen gar nicht mehr stellen, weil sie schon lange wissen, wie man halbwegs gut durchkommt. Radfahren ist etwas grundsätzlich anderes als Autofahren. Wir sitzen zwar auf Fahrzeugen, aber die sind langsamer, wendiger und viel schmaler und kürzer als Autos. Wir haben einen Rundumblick und hören gut, können uns also mit anderen Menschen auf der Straße schnell verständigen. Und wir fahren viel aufmerksamer als Autofahrende. Und von uns geht, verglichen mit dem Auto, kaum eine Gefahr für andere aus. Oft steckt man uns mit Fußgänger:innen auf dieselben Flächen, obgleich wir zu schnell für die Menschen zu Fuß sind. Deren Geschwindigkeit soll dann der Maßstab für uns sein.

Nach vielen Jahren des Radelns in Stuttgart frage ich mich immer noch:

  • Warum hört der Radweg/Radstreifen einfach auf? Ausgerechnet vor Kreisverkehren oder Kreuzungen? 
  • Wieso sind unsere Radrouten voller Bordsteine, unsere Radstreifen voller Gullideckel und die Fahrbahnen dort, wo wir radeln sollen, voller Schlaglöcher? 
  • Warum ist etwas als Radweg ausgeschildert, obgleich Fußgänger:innen darauf laufen? Man schickt doch Autofahrer:innen auch nicht auf gemeinsame Wege mit Fußgänger:innen. 
  • Warum führen Hauptradrouten durch Zonen und Straßen mit viel Fußverkehr, der nicht auf uns achten möchte, und wird durch Abschnitte unterbrochen, die als Fußgängerzonen (mit Rad frei) ausgeschildert sind? 
  • Warum soll ich auf einem erlaubten Gehweg, auf dem niemand geht, Schrittgeschwindigkeit fahren? 
  • Warum müssen überhaupt Gehwege freigegeben werden? Ist es auf der Fahrbahn so gefährlich? Und wenn es so gefährlich ist, warum ist dann dort kein Radfahrstreifen? 
  • Warum soll ich am Stoppschild anhalten und absteigen, wenn ich doch auf dem Fahrrad so hoch und so weit vorn sitze (verglichen mit Menschen in Autos), dass ich alles sehen kann? 
  • Warum darf ich so oft nicht direkt links abbiegen? Warum soll ich indirekt links abbiegen und zwei Mal an roten Ampeln warten? Warum muss ich die Fußgängerüberwege nehmen? 
  • Warum muss ich an der Ampel warten, wenn ich doch nur rechts abbiegen will und niemandem in die Quere komme?
  • Warum werden Ampeln an mehrzügigen Furten auf gemeinsamen Fuß-/Radwegen für langsame Fußgänger:innen nacheinander auf Grün geschaltet, nicht aber für schnellere Radfahrende? 
  • Warum kommen bei einer grünen Welle immer nur die Autos in einem Zug durch, während ich spätestens an der zweiten Ampel Rot habe und anhalten muss? 
  • Wieso werden Radwege nicht so verlegt, dass ich nicht mit dem Autoverkehr alle 150 Meter an einer roten Ampel halten muss?
  • Warum muss ich einen steilen Umweg radeln, während Autos die sanft steigende Geradeausstrecke haben? 
  • Warum muss ich an so vielen Baustellensperren überlegen, ob man das Rad-frei nur vergessen hat oder ob ich da wirklich nicht radeln darf? 
  • Warum gibt es an kulturellen Einrichtungen und Festplätzen so wenig Radbügel und in Wohngebieten auch kaum welche, während überall E-Auto-Lade-Parkplätze entstehen? 
  • Wieso werden Radstrecken und Radwege nicht sofort von Eis und Schnee befreit? Wir haben doch nur zwei Räder und rutschen schneller und stürzen. 
  • Warum könnt ihr Autofahrer:innen in euren bequemen Sesselkutschen nicht mal 200 Meter hinter mir herfahren, wenn die Straße zu eng ist zum überholen? 
  • Warum überholen ihr mich in einer Fahrradstraße? 
  • Und warum fährt die Polizeistreife an dem Auto vorbei, das auf dem Radfahrstreifen steht, und hält mich an, weil ich nicht auf dem Radweg, sondern auf der Fahrbahn geradelt bin? 
  • Warum kostet es 60 bis 100 Euro und einen Punkt in Flensburg, wenn ich mit dem Rad bei Rot über eine Fußgängerfurt fahre, aber nur 5 Euro, wenn ich mein Fahrrad schiebe? 
  • Warum dürfen Autos Hupen haben, ich aber nicht, obgleich Autofahrende meine Klingel nicht hören können? 
Ich weiß natürlich, warum das alles so ist. Unsere Verkehrsregeln sind nur auf den Autoverkehr exakt zugeschnitten. Der Gesetzgeber scheint grundsätzlich nicht wahrhaben zu wollen, dass Radfahrer:innen keine Fußgänger:innen und keine Autofahrer:innen sind. Anhalten und wieder Starten kostet uns mehr Körperraft und Energie als alle anderen. Wir fahren auf zwei Rädern und müssen deshalb Schlaglöchern und Asphaltaufwürfen ausweichen oder jedes Mal abrupt abbremsen und neu anfahren. Und nur ein Mensch, der niemals Rad fährt oder aber, wenn er/sie radelt, immer die Regeln verletzt, kann sich ausdenken und darauf beharren, dass man auf Gehwegen, die für den Radverkehr freigegeben sind, nur - und zwar immer, die ganze Zeit, kilometerlang! - Schrittgeschwindigkeit fahren muss. Du musst ja nicht auf so einem Gehweg radeln, sagt der Verkehrsplaner, der Rad fährt, du kannst ja die Fahrbahn nehmen. Aber wenn es mir dort nun zu ungmütlich wird, weil Autofahrer:innen drängeln und knapp überholen und meinen, ich müsste auf dem Gehweg fahren, den sie für einen Radweg halten? Achselzucken. Es ist zu kompliziert, sich in das Typische des Radverkehrs hineinzudenken (was man beim Autoverkehr aber macht). Auf unseren Straßen wird er einerseits wie Autoverkehr behandelt (dutzende rote Ampeln), andererseits wie Fußverkehr (ständig auf Verkehrsinseln stehen, Gehwege radeln). Das funktioniert, weil viele Menschen trotzdem Rad fahren, weil sie es gerne tun. Aber auf sie eingestellt hat sich unsere deutsche Verkehrswelt noch nicht. Bequem und flüssig will man ihnen das Vorankommen nicht machen und wundert sich dann über die tiefsitzende Anarchie der Radfahrenden.

Und für alle, die mir jetzt wieder mal erklären wollen, sie würden ja selber Fahrrad fahren oder sie hätten ja nichts gegen Radfahrer, aber ... Lasst es! Es stimmt nicht. Die Lust am Regelverstoß teilen sich Fußgänger:innen, Autofahrende und Radfahrende gleichauf. Es gibt keine, aber auch wirklich keine Studie, die die These belegt, Radfahrenden führen öfter regelwidrig, aber etliche, die belegen, dass Autofahrende mehr Regelverstöße begehen als Radfahrende, vor allem aber schwerwiegendere, weil sie Menschen zu Fuß und auf Fahrräder töten können, ohne dabei selbst auch nur verletzt zu werden. 


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