25. Juni 2018

Ich habe ja nichts gegen Radfahrer, aber ...

Während wir auf die im Stau stehenden Kolleg/innen warten und ich erzähle, ich sei mit dem Fahrrad gekommen, passiert immer das Gleiche. 

Mindestens zwei erzählen mir vorwurfsvoll, dass
  • Radfahrer ständig bei ihnen auf dem Gehweg radeln und auch noch frech werden
  • ständig in übervolle Stadtbahnen drängeln
  • immer bei Rot über die Ampel fahren
  • nie am Zebrastreifen halten
  • rasen
  • sich in Lebensgefahr bringen.
Dann gucken sie mich an. Auch Radfahrer müssen sich an die Regeln halten (drei Aufrufungszeichen). Ich soll dann unbedingt zerknirscht einräumen: Jaja, auch Radfahrer müssen sich an Regeln halten. Gegenfrage: Seid ihr als Autofahrer/innen eigentlich auch verantwortlich für jeden Mist, den andere Autofahrer so machen?
Immer wieder fährt ein Lkw-Fahrer beim Rechtsabbiegen einen Menschen auf dem Fahrrad tot, der völlig regelkonform auf dem Radweg unterwegs war. Ich gucke nun auch mal vorwurfsvoll: Möchtet ihr euch jetzt nicht auch mal von all den Autofahrer/innen distanzieren, die zu schnell fahren, nicht gucken beim Abbiegen, auf Gehwegen parken? Nein, möchten sie nicht. Sie sagen nicht: Ja, auch Autofahrer müssen sich an die Regeln halten. Sie sehen gar keinen Anlass dafür; das sind doch die anderen Autofahrer, nicht sie selbst. Sie selbst parken nie falsch ... na ja, manchmal schon, irgendwo muss man schließlich ...

Eben! Es menschelt unter allen Verkehrsteilnehmern, den Fußgängern, den Radfahrern, den Busfahrern, den Motorradfahrern und den Autofahrern, warum aber werden nur die Radfahrenden zum Aufregerthema? Vielleicht liegt es daran, dass ihr Radfahrer nur dann seht, wenn sie einen Regelverstoß begehen, sonst seht ihr sie gar nicht.

Wenn jemand von seiner Cabrio-Fahrt erzählt, diskutieren wir jedenfalls nicht eine halbe Stunde aufgeregt über Autofahrer, die bei Rot über die Ampel gefahren sind, auf dem Gehweg vor dem Kindergarten oder im Halteverbot parken oder durch Fußgängerzonen fahren. Und wenn es heißt, im Schwanenplatztunnel sei ein Autofahrer mit 200 km/h geblitzt worden, dann huscht ein fast anerkennendes Lächeln über die Gesichter. Niemand erklärt dann aufgeregt, wie gefährlich Auto fahren für andere und für einen selbst ist. Doch sobald ich sage, "Ich fahre Fahrrad", bekomme ich von allen Seiten Beispiele von unartigen Radfahrern erzählt, und zwar ziemlich aufgeregt. Wenn ich sage, "Klar, doch, auch Radfahrer müssen sich an Regeln ..." und anfüge, "und Autofahrer erst, wegen der viel höheren Betriebsgefahr, die von den tonnenschweren Gefährten ausgeht", dann geht es richtig los.

Die Radler glauben doch, weil sie die Umwelt retten, dürften sie sich alles erlauben. Und im übrigen sind die Radfahrer ja auch selbst schuld, so wie die fahren. Kürzlich ist einer rechts an der Autoschlange vorbei nach vorn gefahren. Da muss er sich doch nicht wundern, wenn er ...  Und dann sind wir auch gleich bei den Fahrradkennzeichen wie in der Schweiz ... (Nein, die Schweiz hat sie wegen Sinnlosigkeit schon wider abgeschafft.) Und bei der  Helmpflicht. Und beim Fahrradführerschein. Und überhaupt bauen ältere Menschen auf ihren Pedelecs ja massenhaft Unfälle. Sie fallen gewissermaßen um wie Dominosteine.  Nachschulungen müssen her! Überhaupt gehört das Fahrradfahren verboten, das ist doch gefährlich für alle.

Nein, das spricht dann doch keiner aus, denn die meisten, die so aufgeregt mit mir diskutieren, fahren selber Fahrrad, nur vielleicht eher freizeitmäßig und nicht täglich im Berufsverkehr als Pendler/innen. "Das ist doch lebensgefährlich, so wie die Autofahrer ... " (Ah!). Und am Sonntag entdecken sie, dass sie sich selber gar nicht zurechtfinden, weil die Radinfrastruktur lückenhaft und kompliziert ist, und dass sie gerade auf einem Gehweg einem Fußgänger über die Zehen gerollt sind. In Stuttgart kann man ja auch gar nicht Radfahren! Es gibt nicht mal gescheite Radwege. Und dann diese Kampfradler, da hat mich doch am Sonntag einer so knapp ...

Ich könnte locker jedes Mal hundert Euro darauf wetten, dass immer dann, wenn wenn drei zusammenstehen und ich sage, "Ich bin mit dem Fahrrad gekommen", einer oder eine entrüstet anfängt: "Ich habe ja nichts gegen Radfahrer, aber da ist doch kürzlich so eine unverschämte Radfahrerin glatt ... (mir auf dem Gehweg dumm gekommen, in die Stadtbahn gerammelt, bei Rot geradelt, rechts am Auto vorbei gedrängelt, hat mir Vorfahrt genommen ...) Die halten sich doch an keine Regeln (vier Ausrufungzeichen)." Auch Radfahrer müssen sich ... Jaja.

Manchmal habe ich den Eindruck, allzu gern würde man den Radlern jetzt was verbieten, zumindest strenge Regeln setzen, streng kontrollieren, streng bestrafen. Sonst fühlen die sich zu wohl auf ihren Rädern und werden noch mehr und noch frecher. Also her mit der Helmpflicht! Westenpflicht! Pedelecführerschein! Jährlichen Nachschulungen! Und wenn wir gerade dabei sind, wie wär's mit Absteigepflicht an roten Ampeln. Sandalen- und Stöckelschuheverbot auf dem Fahrrad,  Handschuhpflicht! Hauptsache Radfahren wird so schwierig wie ein Mondspaziergang, den man nur im aufgepumpten Schutzanzug absolvieren kann, weil man sonst stirbt.

Schon seltsam, diese Aufgeregtheit. Warum haben so viele Menschen keine Probleme mit dem sehr viel gefährlicheren und massiveren Autoverkehr, aber so ein großes Problem mit dem leichten und luftigen Radverkehr? Das emotionalisierte Diskutieren über Radfahrende ähnelt den emotionalisierten Debatten über Minderheiten, von denen die dominierende Mehrheit ihren Lebensstil bedroht, zumindest aber infrage gestellt sieht. Probe aufs Exempel: Wenn du zu einer Gruppe gehörst, die von der bestimmenden gesellschaftlichen Gruppe gefürchtet wird, merkst du das daran, dass
Gerade die lustvoll laut geforderte öffentliche Markierung einer Person als Radfahrer, ist die raffinierteste Strategie von allen, weil sie humanitär daher kommt. Der Helm dient nur deinem Schutz, jetzt sei halt vernünftig (fünf Ausrufungszeichen). Dass in den Niederlanden Helme unnötig sind, weil die Radinfrastuktur gut ist, wollen wir gar nicht hören. Viel besser gefällt es uns offenbar, das Radfahren als lebensgefährlich hinzustellen. In Deutschland stülpt man selbst Kleinkindern einen Helm über, sobald sie einen Fuß auf einen Tretroller stellen oder auf einem Laufrädchen sitzen. Sinn hat das keinen. Aber sie lernen früh, dass jede Fortbewegung außerhalb des Autos ein Mondspaziergang ist, für den man sich einrüsten muss. Und wenn dir das später nicht gefällt, dann fahr eben nicht Rad. Und im übrigen: Mopedfahrer müssen doch auch einen Helm ... die waren auch dagegen ... das ist wie bei der Anschnallpflicht ... Als ob wir Radler/innen uns mit hundert Sachen in die Kurve legten und um Alleebäume wickelten.

Und damit nicht genug, eine schrillgelbe Warnweste sollte es schon auch noch sein, damit man dich besser sieht. Oder überhaupt mal sieht (als regelgetreuen Radler). Dass das die Schutzwirkung in Großbritannien bereits widerlegt wurde, egal, ich glaube sowieso nur meiner eigenen Perspektive.

Und ein bisschen Strafe muss schon auch sein, gell? Sonst fühlen diese Radler sich zu wohl, zu frei, sonst überwiegen die Vorteile des Radfahrens gegenüber dem Autofahren noch. Also verkleide dich, schwitze unter Plastikhäuten, schleppe dein nach Schweiß stinkendes Zeug überall hin mit! Damit jeder erkennt: Ach, da kommt so eine arme Radlerin mit ihrem Raumanzug im Gepäck! Zum Autofahren muss ich so Zeug nicht anziehen, Gott sei Dank, haha. Als braver Radler zeigst du allen, dass du Rad fährst (ich bin umweltbewusst) und dass du weißt, dass du täglich dein Leben riskierst, wenn du deinen Helm und deine Warnweste in jede Konferenz oder Kneipe mitnimmst und auf den Tisch legst. Außerdem hast du gute Chancen, dass andere dir Geschichten von Unarten deiner Radlergenoss/innen erzählen.

Gefahr und Gesetz rufen taugt jedenfalls wunderbar in unserer Angstgesellschaft immer dann, wenn es darum geht, bestimmte Minderheiten klein zu halten. Wobei der Schutz der Einzelperson zugeschoben wird, nicht etwa denen, die die Gefahr verursachen. Gern redet man die Gefahren groß, die den Radfahrenden drohen oder von ihnen ausgehen, und die klein, die Autofahrer/innen drohen oder von ihnen ausgehen, ganz zu schweigen von denen, die Menschen drohen, die im Haushalt arbeiten, Treppen steigen oder Kirschen vom Baum pflücken. Ja, doch: Wir brauchen den Kirschpflückführerschein und Haushalts-Nachschulungen. Sechs Ausrufungszeichen).

Nachbemerkung: Ja, jetzt habe ich mal zugespitzt und  ausnahmsweise hier die Form der journalistischen Glosse gewählt.


Unfallstatistik 2017 - Und ein paar Märchen
Radkennzeichen bringen nichts, Schweiz schafft sie wieder ab
Nicht der Kampfradler ist wahnsinnig, sondern das Verkehrssystem
Die uneingeschränkte Macht der Straße - Warum Autofahrer Radfahrer nicht sehen
Wie gut schützt ein Fahrradhelm?
Fahrradhelm - Blame the Victim
Helmpflicht - vor allem Autofahrer sprechen sich dafür aus
Immer diese Radfahrer!

Kommentare:

  1. liebe Christine, ich erlebe es auch genau so!!!!
    LG Uschi

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  2. Vielen Dank, für diesen tollen Artikel.
    Dieses moralisierende Verhalten gegenüber Radfahrern zum Thema Helm hat inzwischen so extrem zugenommen, dass ich regelmäßig von wildfremden Menschen angesprochen werde. Ich denke sogar darüber nach mir einen Helm anzuschaffen nur um Ruhe zu haben.
    Das kann doch nicht die Lösung sein.

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    1. Einfach ganz unschuldig zurückfragen, warum sie selbst keinen Helm tragen. In Deutschland gibt es wesentlich mehr Fußgänger und Autofahrer, die mit Kopfverletzungen im Krankenhaus landen, als Radfahrer.

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  3. Für diese "Diskussionen" habe ich mir ein paar Argumente zurecht gelegt. Und dann lade ich meinen Gesprächspartner auf ne gemeinsame Tour ein. Dann kann er/sie sich ja ein eigenes Bild aus Radlerperspektive machen.

    Seltsamerweise ist noch nie jemand der Einladung gefolgt. Vielleicht deshalb, weil sie das eigene Weltbild in Gefahr sehen?

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    1. Auf Facebook haben als erste zweie kommentiert, die sich "distanzieren", aber nicht von diesen Leuten, sondern von meiner Behauptung, als Radfahrender bekomme man oft solche Dinge zu hören. Das Opponieren gegen das, was ich als Radlerin sage, sitzt sehr, sehr tief.

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  4. Das ist das schlechte Gewissen, welches sich da ertappt fühlt. Du hältst allein aufgrund der Tatsache, dass du Rad fährst und damit im wahrsten Sinne "gut fährst" den anderen einen Spiegel vor. Du zeigst, dass es auch anders ginge. Die Leute wissen ja im tiefsten Innern, dass sie selber ständig Regeln brechen, immer wieder durch Unachtsamkeit andere Verkehrsteilnehmer gefährden oder behindern. Und sie verdrecken und verpesten vollkommen unnötig die Umwelt. Fahren ein tonnenschweres und damit sehr gefährliches Vehikel durch die Gegend. Gibt es dann etwas Einfacheres, als diese kognitiven Dissonanzen dadurch aufzulösen, indem man das eigene Fehlverhalten auf andere projiziert?

    Meines Erachtens sind diese pawlow'schen Verweise auf regelbrechende Radfahrer ein verzweifelter Versuch, seinen körperlichen Zustand, seine Abhängigkeit vom Auto, seine ständigen Regelverstöße, sein rücksichtsloses Verhalten vor sich selbst zu rechtfertigen.

    Sicher, auch ich finde nicht alles toll, was Radfahrer so treiben; man sollte das grundsätzlich nicht verharmlosen. Ich finde es aber albern, wenn Autofahrer in ihren Schutzkäfigen sich von Radfahrern "bedroht" fühlen, weil jene die Regeln nicht einhielten.

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  5. Ich bin gerade dabei mir anzugewöhnen, genau das Gleiche zu sagen, wenn ich wieder einen Falschparker sehe oder sonstwie behindert/gefährdet werde von Autofahrern. "Könnt Ihr Autofahrer euch auch mal an die Regeln halten." "Ihr Autofahrer habt doch einen Führerschein." etc. Die sind meist so überrascht dass sie gar nicht auf die Idee kommen alle Radfahrer als Gesetzesbrecher hinzustellen.

    Martin

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  6. Vor allem die Ausführungen zu den Mechanismen von Mehrheiten gegenüber Minderheiten treffen (leider) zu. Danke für die Glosse!

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  7. Genau so sieht das auch in meinem Bekanntenkreis (eingefleischte Autofahrer) aus... Autofahren ist als Religion unantastbar

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  8. Himbeerkoenigin25. Juni 2018 um 14:25

    Großartiger Artikel, danke!

    Schon an der Zahl der Kommentare wenige Stunden, nachdem Du den Text gepostet hast, zeigt, wie sehr Du den Nerv der Radler*innen getroffen hast. Wie sehr hängen uns allen diese "pawlow'schen Verweise" (toller Begriff von DS-pektiven) zum Hals heraus! Am liebsten würde ich den Artikel ausdrucken und ihn anstatt einer Antwort den jeweiligen Kritiküssen in die Hand drücken: "Bitte lesen!" Aber ich fürchte, die Bereitschaft, sich ein paar Minuten damit auseinanderzusetzen, ist nicht sehr gross.

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  9. First they ignore you, then they laugh at you, then they fight you, then you win. Mahatma Gandhi
    Ich würde sagen, wir haben bald gewonnen.

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  10. Herzlichen Dank für diesen tollen Artikel. Überspitzungen und Übertreibungen kann ich allerdings nicht erkennen ;-)Viele Grüße

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  11. Frau Lehmann schrieb:
    "Das emotionalisierte Diskutieren über Radfahrende ähnelt den emotionalisierten Debatten über Minderheiten, von denen die dominierende Mehrheit ihren Lebensstil bedroht, zumindest aber infrage gestellt sieht."

    Die Mehrheit gewinnt in der Regel und das ist auch gut so! Aktuell stehen die KfZ-Benutzer an erster Stelle, danach folgen die Fußgänger und erst an dritter Stelle tauchen die Radfahrenden auf. Wenn man jetzt einer Minderheit grössere Rechte und noch mehr Raum einräumt als der Mehrheit, dann dürfte man z.B. auch eine extra Fahrspur für Segways, Mofas, Mopeds und so weiter fordern. Woher nur soll der Platz hierfür herkommen?

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    1. Lieber Felix, mir scheint, du verwechselst parlamentarische Mehrheiten und Minderheiten mit gesellschaftlichen Mehrheiten und Minderheiten. Unsere Verfassung garantiert allen gleiche Rechte, gemäß ihren Bedürfnissen. Wir sind ein Staat, der großen Wert darauf legt, dass sich Minderheiten nicht an den Rand gedrängt und benachteiligt fühlen. Dein Argument zielt auf eine gewisse Brutalisierung der Mehrheit gegen Minderheiten ab. Sozusage auf übergeordnete Rechte der Autofahrenden, denen sich alle anderen unterzuordnen haben. Das wäre gegen die Verfassung. Es geht vielmehr im gesellschaftlichen Miteinander darum, dass alle sicher und bequem vorankommen können. Eine Fahrradinfrstruktur, die sicher ist, bringt zudem allen etwas, auch den Autofahrenden. Das kannst du hier im Blog nachlesen. Der Autoverkehr kostet die Gesamtheit der Gesellschaft enorm viel Geld. Für den Autoverkehr zahlen auch die, die gar kein Auto haben. Selbstverständlich haben in einer Stadtgesellschaft alle das gleiche Recht auf Sicherheit und die Verkehrswege, die sie brauchen.

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    2. Liebe Frau Lehmann,
      wenn das (in der Praxis) so wäre wie sie schreiben, dann müsste man zwingend, da von unserer Verfassung so gewollt, auch Wege für Segways & Co. schaffen. Wo sind die? Ich kenne keinen. Fehlt es nur an Forderungen danach oder ist die Praxis doch ganz anders als sie es wahrhaben wollen? Oder hat es doch "nur" (mein Favorit) damit zu tun, dass es Minderheiten sind und die Mehrheit nicht allen deren Forderungen nachkommen kann und will?

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    3. @Felix
      "Wenn man jetzt einer Minderheit grössere Rechte und noch mehr Raum einräumt als der Mehrheit,...". An den meisten Straßen gibt es keine Radspuren o.ä.; Für Autos gibt es zum Teil mehrspurige Fahrbahnen, für Fußgänger gibt es exklusiv Gehwege.

      Es gibt grundsätzlich zwei Möglichkeiten: Entweder separate Radspuren und Radwege. Oder konsequente Anwendung des Paragrafen 2 der StVO. "Fahrzeuge müssen die Fahrbahn benutzen". In diesem Zusammenhang: Sind Segways etc. Fahrzeuge im Sinne der StVO?

      Von "mehr Raum für Radler als für Autos" redet keiner. Oder etwa doch?

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    4. Mit einer Finanzierung und Zuteilung des Verkehrsraumes entsprechend unserem Anteil am Verkehr sind wir schon zufrieden. Aber alleine der Rosensteintunnel kostet soviel wie 100 Jahre Fahrradetat in Stuttgart, obwohl der Autoverkehr weniger als 50% Anteil in Stuttgart hat während der Radverkehr schon bald 10% Anteil erreicht. Also: Her mit unseren Fahrspuren die uns zustehen anstatt nur gelinsel auf Autostraßen. Gleiches Recht für alle, wir wollen Radwege für unsere Steuern.

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    5. Frau Lehmann schrieb:
      "Das emotionalisierte Diskutieren über Radfahrende ähnelt den emotionalisierten Debatten über Minderheiten, von denen die dominierende Mehrheit ihren Lebensstil bedroht, zumindest aber infrage gestellt sieht."
      Stimmt ja auch, die Autofahrer stehen in der Diskussion wegen Feinstaub und Nox Emissionen, Fahrverbote wurden gerichtlich abgesegnet und in Hamburg schon umgesetzt. Früher war das Auto Freiheit und Statussymbol, heute wird es eher von älteren auf dem Land benutzt während das Fahrrad urbaner und jünger ist. Autofahren trägt zu Bewegungsmangel, einer immer dicker werdenden Gesellschaft, vermehren Auftreten von Krankheiten dadurch bedingt wie Diabetes bei. Radfahrer bewegen sich mehr und sind fitter. Der Lebensstil und die Ideale der Gesellschaft verändern sich tatsächlich, junge Erwachsene verzichten auf ein Auto zugunsten von Unterhaltungselektronik und Erlebnissen. Wer lacht sich heutzutage nicht schlapp, wenn in der Autowerbung von "sportlich" die Rede ist?

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    6. Das mit den Steuern wird gerne unterschlagen. Und richtig ist auch, dass ein Kilometer Radweg deutlich günstiger ist als ein Kilometer Autofahrbahn. Die Abnutzung durch KFZ ist viel stärker als durch Fahrräder. Somit sind die Unterhaltskosten von Radwegen auch wesentlich günstiger. Rein ökonomisch betrachtet ist also die Förderung des Radverkehrs sinnvoll und ein Gewinn für unsere Gesellschaft.

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    7. Felix, das ist ein klassischer Denkfehler. Es gibt nicht unendlich Verkehrsfläche in der Stadt. Es kann also gar nicht um die Wünsche einer Mehrheit gehen. Es muss darum gehen, eine effiziente Verteilung zu erreichen, die den Verkehr in der Stadt insgesamt flüssiger macht. Städte mit einem hohen Radverkehrsanteil haben zwar niedrigere Spitzengeschwindigkeiten im Kfz-Verkehr, aber insgesamt weniger Stau und damit höhere Durchschnittsgeschwindigkeiten.

      In Städten wie Stuttgart kommen noch Stickoxid- und Feinstaubbelastungen hinzu. Stickoxidbelastungen lassen sich natürlich durch Elektroautos senken, aber schon beim Feinstaub stehen E-Autos (Reifen- und Straßenabrieb) nicht soviel besser da.

      Gelingt es in Stuttgart nicht, den freiwilligen Radverkehrsanteil nach oben zu bekommen, drohen Fahrverbote für den MIV.

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    8. Herr Otte schrieb:
      "Früher war das Auto Freiheit und Statussymbol, heute wird es eher von älteren auf dem Land benutzt während das Fahrrad urbaner und jünger ist."

      Also in meinem Bekanntenkreis, alle zwischen 28 und 42 Jahre alt, hat jeder ein (manche 2) KfZ. Hauptsächlich zum Pendeln und zum Einkaufen. Gehören wir nun zu den "eher Älteren"? Fit fühle ich mich auch ohne Radfahren, ich treibe regelmäßig Sport. Übrigens ist meines Erachtens das Fahrrad älter als das Auto.

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    9. Hallo Herr Schlenker, da war wohl nicht ich gemeint? Ich persönlich halte nichts von E-Autos! Allein die Herstellung der heutigen Akkus verschmutzt die Umwelt mehr als ein E-Auto in seinem Leben wieder einsparen kann.

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    10. @Felix Diese Stichprobe aus dem privaten Umfeld kann, muss aber nicht repräsentativ sein.

      Das mittlere Alter der Neuwagenkäufer liegt bei ca. 52 Jahren (Medianwert). Und dann sind wir schon bei den älteren Semestern.

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    11. @Felix Es ist auch immer wieder interessant, dass bei alternativen Ideen eine "Ökobilanz" zitiert wird. Meist werden nur wenige Aspekte berücksichtigt.

      Bei der Bilanz von Verbrennungsmotoren wird auch nicht gefragt, wie die Bilanz für die Produktion für 1 Liter Benzin ausfällt.

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    12. Herr Felix schrieb:
      "Also in meinem Bekanntenkreis, alle zwischen 28 und 42 Jahre alt, hat jeder ein (manche 2) KfZ. Hauptsächlich zum Pendeln und zum Einkaufen. Gehören wir nun zu den "eher Älteren"?"

      Laut Statistik sind ihre Bekannten nicht repräsentativ:
      https://de.statista.com/statistik/daten/studie/215576/umfrage/durchschnittsalter-von-neuwagenkaeufern
      Berichterstattung zu dem Gründen: https://www.handelsblatt.com/auto/nachrichten/kaeufer-werden-immer-aelter-autobauer-leiden-unter-dem-methusalem-effekt/19850818.html

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    13. @Felix: Hinsichtlich der Umweltbilanz über den gesamten Lebenszyklus eines PKW sind Sie nicht auf dem Stand aktueller Studien. Derzeit wird angenommen, dass ab ca. 80.000km Nutzung das Elektro-Auto "grüner" dasteht. Die Studien gehen aber von relativ großen Akkus aus (Nissan Leaf, Tesla S). Wahrscheinlich ist bei Fahrzeugen mit kleineren Akkus (Streetscooter im urbanen Einsatz teils nur mit 30kWh Akkus) der Punkt der besseren Ökobilanz früher erreicht.

      Zu betrachten ist auch, dass große Euro 6d Diesel aufgrund der Kaskaden an Katalysatoren mehr und Akkus aufgrund besserer Fertigungsverfahren weniger Edelmetalle als bisher benötigen. Wir sind an dem Punkt, an dem die neuen Sechszylinder Diesel von Daimler mehr Edelmetalle enthalten als Teslas S.

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    14. @ Mattias Schlenker

      Ich kenne ein paar wenige dieser Studien und halte das E-Auto nach wie vor für einen Flop, selbst unter Verwendung von 100%igem "sauberem" Strom, wenn es diesen jemals geben wird/kann. Beim Laden entsteht ein nicht unerheblicher Anteil an Verlust (bis zu 10%!!), je nach dem wie stark (weniger stark) man lädt. Dieser Fakt wird sehr gerne unterschlagen. Das wäre so als wenn ich beim Tanken immer 5 Liter Kraftstoff auf den Boden laufen lassen würde!

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    15. @Felix: Die Ladeverluste können bei einigen Ladeformen sogar über 20% ausmachen. Das ist aber an sich kein Problem, wenn es gelingt, ein Großteil der Ladevorgänge in Zeiten eines Überangebotes von Strom zu legen. In diesem Sinne kann ein hoher Anteil von E-Autos auch viel zur Netzstabilität beitragen.

      Wo tatsächlich blauäugig an das Thema E-Mobilität herangegangen wird, ist der PKW-Verkehr. Ob eine Stadt von Elektroautos verstopft ist oder von Verbrennern, macht die Verkehrssituation nicht besser.

      Und wenn es um Luftreinhaltung geht, sollte man bei der Förderung dort beginnen, wo absolut hohe Kraftstoffverbräuche anfallen, beispielsweise beim Dispatching-Verkehr in der Stadt oder bei Omnibussen. In Städten wie Stuttgart haben Gelenkbusse bis zu 50l/100km Verbrauch. Bei 200km Umlauf sind das stolze Summen - hier sind Elektrobusse (zumindest, wenn man Strom OTC kauft) nicht mehr weit von der Wirtschaftlichkeit entfernt und tun viel dafür, Feinstaub- und Stickoxidemissionen zu senken.

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    16. @ Mattias Schlenker

      "Wo tatsächlich blauäugig an das Thema E-Mobilität herangegangen wird, ist der PKW-Verkehr. Ob eine Stadt von Elektroautos verstopft ist oder von Verbrennern, macht die Verkehrssituation nicht besser."

      Absolute Zustimmung! Auch das mit den Bussen halte ich für eine gute Idee. Alles weiter jedoch kann man sich schenken. Strom verbraten nur oder auch wegen der Netzstabilität? Und ein Überangebot besteht aktuell noch Nachts. Dies jedoch würde sich nach und nach, so denn viele E-Autos verkauft werden, drastisch ändern. Alle wollen und werden dann Abends und Nachts laden um am nächsten Tag fahren zu können.

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  12. Dazu passend:
    https://rp-online.de/nrw/staedte/duesseldorf/radfahrer-in-duesseldorf-werdet-endlich-erwachsen_aid-23562813

    von_rAd_nach_B

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  13. Christine, bitte öfter mal zuspitzen - Kritik muss provokant sein, damit sie überhaupt gehört wird. Wenn sie argumentativ klug ausgeführt ist, kann auch niemand dagegen wettern ohne sich damit lächerlich zu machen.

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    1. Mach ich, FS. Aber nicht jeder Beitrag kann so sein. Und ich bemühe mich, nicht übers Ziel hinaus zu schießen, weil wir damit unsere Sache angreifbar machen würden. Aber ich glaube, du verstehst mich da schon ganz richtig.

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    2. Spitzen wir doch noch in wenig mehr zu.
      Annahme: in 10 Jahren wird es Elektroautos (KfZ und LKW) geben, welche hoffentlich mit 100% regenerativem Strom geladen werden können. Bremsstaub und Reifenabrieb wird es keinen oder kaum noch geben, vergleichbar mit dem von Fahrrädern, Pedelecs etc. Nur, in den nächsten 10 Jahren werden die Straßen nach und nach zurück gebaut und Radfahrenden und Fußgängern zur Verfügung gestellt. Wo fährt dann das "saubere" KfZ der Zukunft? Und wo fahren die Elektrobusse, die Elektrotaxen? Brauchen wir die dann nicht mehr? Falls ja, wie sollen die Leute dann in die Stadt kommen? Falls nun ÖPNV eine der Antworten ist: wie soll der VVS die Massen an Personen aufnehmen, welche zur Zeit noch mit dem KfZ unterwegs sind? Oder sollen gar nicht mehr derart viele Personen in die Innenstadt gelangen wie es akutell der Fall ist?

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    3. Es gibt Konzepte, die schon richtig weit sind und die klassischen Denkweisen (Individual, ÖPNV, ..) hinter sich lassen. Siehe auch

      https://www.capital.de/wirtschaft-politik/carsharing-ridesharing-deutsche-bahn-autokonzerne-kampf-um-den-nahverkehr

      Interessant: ausgerechnet die Automobil-Industrie spielt hier mit. Sie sagt es nur nicht laut.

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  14. Sicher ist es oft nur Unwissenheit. Ich wurde gestern von einem Autofahrer angepöbelt, weil ich auf der linken Straßenseite auf dem Gehweg fuhr (Bundesstraße innerorts, gut ausgebaute Radwege auf beiden Seiten) - und mir dann noch herausnahm, den Rechtsabbieger nicht durchzulassen.

    Warum mache ich das? Nun, links die 50m auf dem Gehweg zu fahren ist die kürzeste Verbindung zwischen zwei Waldstücken. "Korrekt" gefahren wären es etwa 200m. Die Stadtverwaltung hat erkannt, dass es daher sinnvoll ist, den ausreichend breiten Gehweg freizugeben. Alles korrekt.

    Nur wissen viele Autofahrer nicht, dass auch auf dem linksseitigen, freigegebenen Gehweg fahrende Radler Vorfahrt genießen. Sie denken, da es ein Fußweg ist, hat PKW-Verkehr Vorrang.

    Derzeit wird über eine Neuauflage von "Der 7. Sinn" diskutiert, auch mit dem Ziel, Novellen in der Straßenverkehrsordnung Menschen nahe zu bringen, die ihren Führerschein schon lange haben und sich nicht aktiv über Änderungen informieren (das machen nur Radfahrer, Fuhrparkleiter und Berufskraftfahrer).

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  15. Herr Felix schrieb: "Ich kenne ein paar wenige dieser Studien und halte das E-Auto nach wie vor für einen Flop, selbst unter Verwendung von 100%igem "sauberem" Strom, wenn es diesen jemals geben wird/kann."

    Stimmt genau, deshalb standen Ende 2017 über 1.6 Millionen Pedelec in deutschen Garagen, aber nur mickerige 55.000 batterieelektrische Fahrzeuge und PHEV. Und das obwohl Pedelec nicht steuerlich gefördert werden, die Bundesregierung andererseits ihre Förderung für Autos mangels Interesse nicht los wird. Die E-Mobilität findet auf zwei Rädern statt, und genau deshalb fordern wir mehr Verkehrsraum und Ausgaben für Fahrradinfrastruktur.

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    1. @ Carsten Otte
      Das dürfte mehrheitlich richtig sein, nur wie schafft man es im Winter oder bei schlechtem Wetter auf 2 Rädern wohlbehalten in die Firma zu kommen, wenn der einfache Weg wie bei mir, 32km beträgt? Und wie und vor allem in welcher Zeit komme ich auf 2 Rädern wieder retour? Und wie transportiere ich meinen wöchentlichen (Groß)Einkauf, welchen ich bisher via Kfz erledige immer Mittwochs Abends auf dem Weg Nachhause, auf diesen 2 Rädern? Fragen über Fragen. Zur Zeit benötige ich mit dem Kfz jeweils 35-40 Minuten einfach. Ist das auf diesen 2 Pedelecrädern zu stemmen, Mittwochs mit Transport der Einkäufe?

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    2. Ich bin jetzt seit den 90ern aktiv in elektronischen Foren, Chats, whatever. Und immer wieder findet sich jemand, der seinen Spezialfall für allgemeingültig hält, dabei völlig übersehend dass es hunderte, wenn nicht tausende Mitmenschen gibt, die keinen solchen Spezialfall haben und problemlos umsteigen könnten. Aus Btx-Zeiten erinnere ich mich noch an (Röhren-)Fernseher und Kühlschränke, die wohl wöchentlich gekauft wurden.

      Im Beispiel von Felix halte ich nur die 32km für speziell, obwohl die auch machbar sind. Der Rest sowieso. Selbst der Großeinkauf, denn Lastenräder gibt es als Pedelec.

      Martin

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    3. Die Fragen von Felix sind vor allem von rhetorischer Art. Es schwingt ja geradezu mit "Wie soll das funktionieren? Das geht nicht, weil..."

      Felix muss sich schon selber fragen. Keiner kennt seine Situation besser als er.

      Es geht auch nicht um den 32-km-Pendler. Es geht darum, einen besseren Mix zu erreichen. Eben kurze Strecken nicht unbedingt mit dem Auto zu bestreiten.

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    4. Herr Felix schrieb: "Ist das auf diesen 2 Pedelecrädern zu stemmen, Mittwochs mit Transport der Einkäufe?"
      Ja, geht ganz gut. Dauert etwas länger, aber dafür muss man nicht mehr raus zum Sport. Ich pendele selbst mit dem Pedelec, im Winter mit Spikes. Ich liebe es, nach einem Tag im Bürostuhl mich in die Pedale zu hängen und abzuschalten, morgens ist Bewegung viel besser als Kaffee. Regenkleidung ist meine Sache nicht, da werde ich lieber nass als unter "Atmungsaktiver" Funktionskleidung zu schwitzen. Viele Kollegen nutzen aber regenkleidung, und halten sich dann sportlich etwas zurück. Manchmal, vor allem bei Schneeregen und Schneematsch um den Gefrierpunkt, nehme ich wetterbedingt aber auch eines meiner Autos. Meistmeis mache ich den Wocheneinkauf auch mit einem Auto, obwohl es mit dem Fahrradanhänger auch sehr gut funktioniert.

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  16. Mal davon abgesehen, dass das Konzept des woechentlichen Grosseinkaufs aus der Autodenke stammt und oft mit den Einkaufscentern auf der gruenen Wiese verbunden ist, habe ich bei mir festgestellt,
    - dass in meine zwei Gepaecktaschen fast so viel reinpasst wie in die Kiste im Auto. Die kann man uebrigens gut an einen Einkaufswagen clippen und hinter der Kasse beladen, alles sehr bequem.
    - dass es viel schneller ist, mit dem Rad eben mal vorzufahren und in den Laden zu springen, als das Auto in der Tiefgarage zu parken. Geht auch eben schnell mal auf dem Heimweg von der Arbeit.
    - dass einzig Bier- und Mineralwasserkisten noch mit dem Auto gefahren werden, weil ich keine Lust habe, immer nur 1-2 Kisten zu holen.
    Faktisch stellen wir immer wieder fest, dass das Auto ueber eine Woche rumsteht und nicht gebraucht wird, weil es mit dem Rad schneller und bequemer geht.
    Das uebrigens auch im Winter, denn es ist nur selten richtig kalt und heftig regnen tut es auch viel seltener, als man gemeinhin so denkt.

    Gruss - Matthias

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