1. September 2016

Zieh dich cool an, wenn du Rad fährst

Auf schwarzen Rädern, über den Lenker gebeugt, mit Helm, Schutzweste und Rucksack, so kommen viele Radfahrer daher. Meist Männer zwischen 35 und 65. Sie zeigen uns: Zum Radfahren muss man sich einkleiden und panzern.

In den Augen von Fußgänger/innen und vielen Autofahrenden verkörpern diese Gestalten den Kampfradler, den gesichtslosen Radler, der sich an keine Regeln hält und überall fährt.

In den Niederlanden oder in Dänemark fahren alle Fahrrad, vom Kind bis zur alten Dame, alle in ihren Alltagsklamotten, im Kleid, im Rock, im Nadelstreifenanzug, im Wintermantel, mit Highheels. Und vor allem ohne Helm!
Gäste aus diesen Ländern wundern sich über unsere Helm- und Sport-Funktionskleidunswut beim Radeln. Diese Art, uns auszurüsten zeigt, dass für uns Radfahren keine Selbstverständlichkeit ist, sondern ein Akt. Vielleicht manchmal eine Demonstration. Aber auch ein Signal an Autofahrer oder Fußgänger: Radfahren ist eine Mutprobe, wir werden gejagt. Auf dem Kongress Cities for Mobility in Stuttgart mit Vertreterinnen aus 40 Partnerstädten Stuttgarts am 20./21. Juni habe ich gelernt, dass das Bild vom Radfahrer entscheidend davon geprägt wird, wer radelt und wie wir uns dabei anziehen. 

Sind wir auf Ausnahme eingestellt und für den Straßendschungel mit mentaler Machete und Sturzhelm ausgerüstet, dann erleben uns alle anderen als Kampfradler und Feinde. Fahren wir herum wie andere Menschen zu Fuß gehen, in normalen Klamotten, Frauen im Minirok, im Businesskostum, Herren im Anzug mit Krawatte, Eltern mit Kindern in Alltagskleidern, dann sind wir Teil der Gesellschaft (übrigens einer großen Mehrheit!), die sich nicht in Autos, sondern selbst an der frischen Luft durch die Stadt bewegt.

Sind die Augen nicht unter Helmen und Schutzbrillen verborgen, können wir einander in die Augen schauen, anlächeln, mit Blicken verständigen, und das Radfahren entfacht den Charme, den es für alle eigentlich hat: als leise und sozial sehr interaktive Mobilität, die den Straßenraum bunt macht und belebt.

Das ist übrigens auch ein Argument gegen das Helmtragen bei Alltagsfahrten im Nicht-Rennradler-Modus, oder anders herum, gegen eine Helmpflicht für Radfahrende. In den Niederlanden oder in Dänemark sieht man, dass Radfahren als normale und alltäglich Fortbewegung im Straßenraum gesehen wird. Fußgänger tragen ja auch keine Helme (Autofahrer auch nicht), dabei ist ihr Risiko, auf einer Treppe schwer oder sogar tödlich zu verunglücken sogar höher. Trotzdem setzen wir keinen Helm auf, wenn wir eine Treppe hinunter gehen. Auch nicht beim Fensterputzen oder beim Aufenthalt im Badezimmer. Auch hier ist die Verletzungsgefahr höher als beim Radeln. Das höchste Risiko für eine schwere Kopfverletzung trägt man übrigens im Auto selbst. Trotzdem kommen wir nicht auf die Idee, Autofahrer müssten einen Helm aufsetzen. Also machen wir uns bei dem Thema etwas lockerer und überlassen wir es dem Einzelnen, ob er oder sie mit oder ohne Helm radelt.

Der Radverkehr in Stuttgart hat sichtbar zugenommen. Und in der Innenstadt sind die meisten im Alltagsmodus unterwegs, normal gekleidet und in normalem Tempo. Die Radpendler, die auf den Hauptradrouten weite Strecken zurücklegen, sehen dagegen mehrheitlich eher anders aus. Wochenendradler erkennt man oft an der Tour-de-France-Montur. Sie zeigen damit, dass sie Radfahren als Freizeitsport sehen. Das ist auch eine Stellungnahme. (Es wäre gut, sie würden dann aber auch sportlich auf der Fahrbahn fahren, nicht auf Gehwegen.)

Kommentare:

  1. Hallo
    Also für mich macht der "Fahrradlook" auch Sinn. Zum einen ist es viel bequemer und der Name Funktionskleidung erfüllt ja auch schon mal seinen Zweck.
    In Kopenhagen war ich auch überrascht, dass hier fast niemand einen Helm trägt und die meißten in Alltagskleidung fahren.
    Die Alltagskleidung lässt sich vielleicht auf die Topographie zurückführen. Es ist ja alles eben. Ich wollte nicht in Stuttgart im Anzug die Hasenbergsteige oder sonstige ähnliche Strecken hochfahren.

    AntwortenLöschen
  2. Ich finde die Darstellung etwas einseitig, und stimme ihr insgesamt nicht zu. Mir ist ehrlich gesagt nicht wichtig, was andere denken wenn sie mich auf dem Fahrrad sehen. Mein Fokus liegt darauf, eine Bekleidung zu wählen die für mich am Praktischsten ist.
    Wenn ich in Alltagsklamotten mit dem Mountainbike durch den Wald fahren würde, müßte ich mich dennoch danach umziehen. Denn mit Schlamm mag ich nicht ins Büro. Warum also nicht etwas tragen, das sich zum zügigen Fahrradfahren besser eignet, eben Funktionskleidung? Und die Wechselklamotten gehören in den schlammdichten Kurierrucksack. Da im Wald dieses Jahr viele Mücken unterwegs sind, ist eine Fahrradbrille ebenfalls unverzichtbar - schon allein weil ich ohnehin Brillenträger bin und ohne Brille nur schlecht sehen kann. Bei diesem Einsatz ist die von Christine bemängelte Kleidung kein Statement, sondern schlicht praktisch.
    Für kurze Wege im Ort, etwa um ein Paket in der nahe gelegenen Packstation abzuholen, wäre Umziehen zuviel des Guten. Dann fahre ich lieber in Alltagsklamotten. Das ist allerdings auch kein Statement, sondern ebenfalls schlicht praktisch.
    Ein Helm gehört für mich immer dazu, schon allein wegen der Vorbildfunktion für meine Kinder die wesentlich unsicherer im Verkehr unterwegs sind als ich.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Fährst du auf deinem Weg zur Arbeit wirklich irgendwo off-road durch den Schlamm im Wald? Ist es dort so schlammig, dass du ein MTB brauchst? Dann ist dein Weg wohl eher die Ausnahme. Oder würden breite und tief herunterreichende Schutzbleche schon reichen, dass du nicht dreckig wirst?

      Löschen
    2. Ich fahre durch den Glemswald, und Dirtboards sind immer dran wenn es schlammig ist. Mit einem Treckingrad würde es wohl auch gehen, auf den holprigen Passagen muß ich bei dem Hardtail eh aus dem Sattel und mit den Knien federn. Ich fahre 16km je Richtung, davon etwa 3km auf Asphalt. Viele Wege sind allerdings geschottert damit der Förster durch kommt, aber nicht alle.

      Löschen
  3. Ein Helm kann einen Radfahrer vor schweren Kopfverletzungen schützen. Diese Aufgabe übernimmt im Auto der Gurt. Wer mit Tempo 20 im Auto nicht angeschnallt gegen ein Hindernis rauscht, riskiert schwere Verletzungen. Sind deswegen angeschnallte Autofahrer Kampf-Fahrer?

    Eine Radbrille schützt den Radfahrer vor allerlei Getier, Fahrtwind und grellem Licht. Beim Auto macht das die Windschutzscheibe. Kein Mensch fordert die Abschaffung der Windschutzscheibe oder von verspiegelten Sonnenbrillen, nur um diesen Zeitgenossen in die Augen zu schauen. Sonnenbebrillte Radfahrer sind ebenso wenig Kampfradler wie sonnenbebrillte Fußgänger Kampf-Läufer  und Autofahrer Kampfpiloten sind.

    Wenn ich in Funktionsklamotten auf meinem Rennrad sitze, dann ist das keine mentale Machete, sondern adäquate Kleidung. Anzug, weißes Hemd und Krawatte wären hier fehl am Platz. Wer mir hier aufgrund meiner Kleidung Aggressivität unterstellt, dem ist nicht zu helfen.

    Zu den Helmen noch folgendes: Ich habe zwei Menschen kennengelernt,  die schwere Unfälle mit ihrem Rad hatten. Einer davon ohne fremde Beteiligung. In beiden Fällen folgte ein mehrwöchiger Krankenhaus-Aufenthalt.

    Bei einem weiteren Unfall war ich Augenzeuge. Bei einem Jedermann-Rennen ist direkt vor mir eine Fahrerin gestürzt.  Auf regennasser Straße ist ihr das Vorderrad in einer leichten Kurve weg gerutscht und sie ist mit dem Helm aufgeschlagen. Ich habe später erfahren, dass die Sports-Freundin ihr Rennen beenden konnte. Ohne Helm wäre wahrscheinlich der Notarzt gekommen.

    Unfälle dieser Art passieren genauso mit niedrigen Geschwindigkeiten mit dem gleichen Verletzungsrisiko. Hier ist nämlich die vertikale Geschwindigkeit (abhängig von der Fallhöhe) relevant und nicht horizontale Geschwindigkeit. Und die Fallhöhe bleibt gleich,  egal, ob ich mit 15km/h oder mit 35km/h unterwegs bin.

    Allzeit gute und unfallfreie Fahrt.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Schade, dass immer Gurt, Airbag, Knautschzone etc. herhalten müssen um zu erklären, dass man beim Autofahren keinen Helm bräuchte. Dabei sind Kopfverletzungen die größte Todesursache unter verunfallten Autofahrern, trotz all dieser Vorkehrungen. Kein Autofahrer denkt daran einen Helm aufzusetzen, wenn man mit 100 auf der Landstraße oder noch schneller auf der Autobahn unterwegs ist. Dabei würde ein Autohelm gegen Kopfverletzungen helfen.

      Bei Autorennen tragen doch auch alle Fahrer einen Helm. Genau so wie in dem von Matthias geschilderten Fall bei einem Radrennen. Bei Rennveranstaltungen werden eben naturgemäß höhere Geschwindigkeiten gefahren und es werden höhere Risiken eingegangen um schneller voran zu kommen. Daraus resultiert auch ein höheres Unfallrisiko. Aber daraus muss man nicht ableiten, dass man im Alltag Helm tragen muss, weil dies ja bei Rennveranstaltungen so üblich ist. Im Alltag fahre ich auf regennasser Straße eher langsam, in einem Rennen gehe ich an die Grenze und riskiere es wegzurutschen.

      Löschen
    2. Liebe/r Anonyma/us,

      keine Ahnung, ob Du Rennen fährst oder nicht. Bei den erwähnten Jedermann-Rennen gibt es nur einen ganz kleinen Teil, die vorne um den Sieg fahren. Der Rest fährt aus ganz unterschiedlichen Motiven, zum Beispiel auf abgesperrten Stecken mit Gleichgesinnten zu radeln oder eben auch die Strecke in einer bestimmten Zeit zu bewältigen. Da ist ein Sturz eher kontraproduktiv. Ein erhöhtes Risiko gehen solche Radler eher nicht ein.

      In der zitierten Situation sind wir wie auf einer Perlenschnur aufgereiht durch die Kurve gefahren. Der Fahrer vor der Gestürzten ist dieselbe Linie mit der gleichen Geschwindigkeit gefahren und ist nicht gestürzt. Ich war direkt hinten dran und bin nach innen ausgewichen. Geringeret Radius mit gleicher Geschwindigkeit bei nasser Straße heißt höheres Risiko. Ich bin aber auch nicht gestürzt. Die Kollegin hatte vielleicht einfach nur Pech.

      Wir sind keine Sekunden-geile Halbidioten, sondern üben unseren Sport (leidenschaftlich) aus. Und zwar auf abgesicherten Stecken.

      Löschen
    3. Ach so, da fällt mir noch ein Motiv ein, um an Jedermann-Rennen teilzunehmen. Das Motiv heißt Wohltätigkeit oder auf Neu-Deutsch Charity. Wenn Du Dir ein Bild machen willst, schaue am 02.10.16 in Ditzingen vorbei. Dort findet die 10. Auflage des Lila Logistik Charity Bike Cup statt. In den letzten 3 Jahren war ich dabei, habe viel Spaß gehabt und habe meinen Teil dazu beigetragen, dass jeweils über €40.000,-- Reinerlös eingespielt wurden.

      Also vorbeischauen und ein bisschen was Essen und Trinken. Ist für nen guten Zweck. Oder noch besser: Rad einpacken und mitradeln. Es gibt zwei Events: Ein Rennen und eine Ausfahrt ohne Zeitnahme und ohne vorgeschriebene Mindestgeschwindigkeit. Wenn ich es recht weiß, sind bei der Ausfahrt sogar E-Bikes erlaubt.

      Löschen
  4. Momentan fahre ich in Funktionskleidung, also Trikot und meist Outdoorhose. Liegt einfach an den Temperaturen, die so besse4r auszuhalten sind.

    Aber: Schutzweste? Meinst du nicht eher Warnweste? Schutzwesten tragen eigentlich nur Downhiller, und da auch eher auf der Strecke als bei der Fahrt zurück. Warnweste dagegen sehe ich öfter. Der Müllmann-Look :-)

    Ich selbst trage nie Helm, auch als Vorbild für meine Kinder. Rad fahren sollte einfach sein und bleiben. Ein Helm verkompliziert es, und hilft maximal gegen Schürfwunden. Und gerade bei Kindern nimmt durch den Helm der Kopfumfang immens zu, was eher zu mehr Bodenkontakt führt als zu weniger. Gegen Kfz nutzt das Ding eh nix.

    AntwortenLöschen
  5. Wahrscheinlich neigen wir Männer eher dazu, das Radfahren auch unter sportlichen Aspekten zu sehen. Wenn ich jedenfalls mehr als bloss Kurzstrecken fahre, komme ich gerne ins Schwitzen und das möchte ich nicht in den Klamotten, die ich dann den ganzen Tag anhaben werde. Somit macht Funktionskleidung für mich Sinn.
    Übrigens scheint das oberste Foto aus dem Winter zu sein, da laufen auch die Fussgänger in dunklen dicken Mänteln herum ;-)

    AntwortenLöschen
  6. Wenn ich Rad fahre, dann halt meist gleich mindestens 20km, und dies von Uptown in den Kessel - und zurück. Da kann man natürlich auch mit Baumwollhemd und Jeans fahren. Aber wenn man schon etwas auf sein Erscheinungsbild gibt, dann wäre folgender Vergleich angebracht:
    Wie sieht ein verschwitzer Radler in nasser 0815-Alltagskleidung aus VS. wie sieht ein zweckmäßig gekleideter Radler aus. Schwitzflecken am Arsch brauche ich nicht.
    Ich trage meist eine Kombination aus beidem.

    Auch kann ich nicht im Schnarchtempo herumfahren, das geht nur, wenn ich mit meiner Mutter unterwegs bin oder auf andere Mitradelnde Rücksicht nehmen muss.

    Trotzdem fahre ich meiner Wahrnehmg. nach regelkonform und umsichtig, das geht auch wenn man zügig unterwegs ist. Damit haben jedoch v a andere Verkehrsteilnehmer ein Problem, etwa wenn Autofahrer meint er könne noch schnell aus der Ausfahrt oder in den Kreisverkehr reinfahren, denn der Radler da kann ja eigentlich gar nicht so schnell (in deren Wahrnehmg. vmtl. >20km/H) ankommen.
    Ich bremse natürlich gerne für meine teilweise minderbemittelten Mitmenschen. Aber irgendwann geht das mal schief. Egal welche Kleidung. Und egal für wen.

    AntwortenLöschen
  7. "Sind die Augen nicht unter Helmen und Schutzbrillen verborgen, können wir einander in die Augen schauen, anlächeln, mit Blicken verständigen, und das Radfahren entfacht den Charme, den es für alle eigentlich hat: als leise und sozial sehr interaktive Mobilität, die den Straßenraum bunt macht und belebt."
    ...und fahrenderweise ein Apfelbäumchen pflanzen nebst Lichterkette. Und wenn alle Autoscheiben entspiegelt sind und die gepflanzten Bäume blühen, der Radler ohne Brille fährt und allerlei Getier in seinen Augen sammelt, die mitsamt der Pupille von der lustigen UV-Strahlung gleich wieder herausgefräst werden, dann rollen wir wie auf Wolken durch die Fahrradstraße und freuen uns auf den Autofahrer, der uns lächelnd und aufs Härteste sozial interagierend mitteilt, dass er es "eilig" hat.

    "(Es wäre gut, sie würden dann aber auch sportlich auf der Fahrbahn fahren, nicht auf Gehwegen.)"
    Ja, weil sich Gehwege besonders gut eigenen zum sportlich Fahren?! Eben nicht, daher fährt der, der sportlich fahren will, NICHT auf dem Gehweg. Gibt zwar ein paar Idioten, aber die sind in erster Linie nicht "sportlich", sondern rücksichtslos.

    Und zu dem "Bild", das angeblich "geprägt wird":
    Das sagt vlt. auch was über diejenigen aus, die meinen hier ein gewisses Bild erhalten zu wollen und meinen, demnach ihre Handlungen anzupassen zu müssen (=>"Oh schwarzes Rad + Helm + Sonnenbrille - ein Kampfradler! Da lasse ich meine 4 Golf-Zylinder aber mal kräftig aufheulen und kämpfe mit!"). Kleidung ist Privatsache. Und Regeln sind Regeln. Der Rest soll zum Arzt gehen.

    Anonymer Kapfradler

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Lieber Anonymer Kampfradler,

      die Tage ab ich einen Golf an der Ampel gesehen. Mit nem Aufkleber aufm Heck

      "Waffenschmiede Wolfsburg"

      Kein Witz. Welches Bild der Fahrer wohl in seiner Umgebung erzeugen will?

      Löschen
    2. Es geht vmtl. um eine Form der Ich-Erweiterung wie bei Leuten in Jogginghosen, die mit Kampfhunden unterwegs sind. Nur dass der "Kampfhund" eben tatsächlich ein solcher ist, der Golf jedoch, "naja irgendwie so": "Ich bin zwar erst in der 9ten Klasse, komme aber schon mit dem Auto zur Schule (...) und habe auch schon die erste MPU hinter mir."

      Synonymer Krampftadler

      Löschen
  8. Als ich vor zwei Jahren nach Stuttgart umzog, wunderte ich mich auch sehr über die überwiegend sehr sportlich gekleideten Radfahrer. Inzwischen trage ich auch gern Funktionskleidung, wenn ich die Möglichkeit habe mich umzuziehen. Und die Sonnenbrille ist gut bei der Fahrt in die Morgensonne.
    Übrigens habe ich das sehr subjektive Gefühl, dass ich von Autofahrern eher beschimpft werde, wenn ich mich erdreiste in Alltagskleidung (insb. Rock) die Straße zu befahren...

    AntwortenLöschen
  9. Vielen Dank für eure vielen vielen Kommentare. Für ich es manchmal überhaupt nicht abzuschätzen, welche Posts welche Reaktionen hervorrufen. Keineswegs wollte ich die Radler kritisieren, die aus guten Gründen weite Strecken in geeigneter Kleidung fahren. Mich hatte eigentlich das Image interessiert, dass Radfahrende verbreiten, vor allem die Frage, warum sie von so vielen Fußgängern und Autofahrern als Feinde, als Biester, als gesichtlose Wesen, die man mit dem Auto auch mal jagen oder schneiden kann, als säßen keine Menschen auf den Rädern, gesehen werden. Bei der Tagung Cities for Mobility haben Referentinnen aus Kopenhagen und den Niederlanden bereichtet, dass der Charme des Radelns gegenüber dem Autoverkehr auch darin besteht, dass Fußgänger Gesichter sehen und Menschen auf gleicher Augenhöhe begegnen. Dort allerdings fahren die Radler weniger gerüstet für alle Unbillen der Natur, sondern eben so angezogen wie die Fußgänger auch. Das wird von allen Seiten, so schien es, als partnerschaftlicher erhoben. Es beunruhigt mich auch ein bisschen, dass wir dazu neigen, Radler in Montur zu stecken (zum eigenen Schutz), also mit Helm und Warnwesten auszustatten, was sie wiederum zu Sonderfällen im Straßenverkehr macht und den Autofahrern entfremden aber vor allem auch den Fußgängern. Also überlegte ich, ob wir uns immer für jede Fahrt so extra anziehen müssen. Auf Facebook erzeugte dieser Post übrigens eine wüste Diskussion von Radhassern und Radlern darüber, ob man Helm tragen müsse, wie Radler für ihre Vergehen zur Verantwortung gezogen werden müssen (Autofahrer dürfen Radler sanktionieren), ob es Nummernschilder für Räder geben muss, ob Radfahrer eine eigene Versicherung zahlen müssten und ob man sie nicht zu einer Führerscheinprüfung schicken müsse. Sie produzierte also mehr Hass und Hassreden gegen Radler als andere Posts. Offenbar ist das ein sehr heikles Thema, was auf Facebook meine üblichien Verdächtigen dazu ermuntert hat, mal wieder so echt gegen Radler vom Leder zu ziehen. Hätte ich nie gedacht, dass Kleidung ein so brisantes Thema sein könnte. War jetzt sehr lehrreich für mich.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Christine, ich habe jetzt aus purer Neugier mal die Beiträge in Facebook gelesen, weil Du darauf verwiesen hast. Ich finde, „Hass“ ist ein viel zu starkes Wort, um die Äußerungen in den Kommentaren zu charakterisieren. Ich habe in der verbalen Auseinandersetzung lediglich Unverständnis, Missbilligung, etwas Empörung und schlimmstenfalls einige Provokationen feststellen können. Na und? Diese Art der emotionalen Rhetorik ist im kontroversen Austausch von Meinungen und Standpunkten jedoch noch meilenweit entfernt von „Hass“ oder gar „Hassreden“ … glaube ich, hoffe ich und denke ich. Viele Grüße. Keep on rolling!

      Löschen
  10. Vielleicht liegt das auch daran, dass man die Bestätigung eines Vorurteils stärker wahrnimmt als den Widerspruch. Dazu gibt es wissenschaftliche Untersuchungen - es reicht einer, um ein Vorurteil zu bestätigen, aber es braucht viele, ein Vorurteil zum Wackeln zu bringen.

    Mir geht es genauso. Ich könnte schwören, dass mich mehr Radler in Sportmontur zu Vollbremsungen zwingen als RadlerInnen in Freizeitkleidung. Ob das stimmt? Keine Ahnung - ich werde es beobachten :-)

    Ich selbst fahre eher zum Vergnügen, das dann vorzugsweise im Wald wo mir weniger andere Radler begegnen, diese aber oft in Freizeitkleidung. Wenn ich aber von a nach b durch die Stadt muss, und das womöglich durch den Schlossgarten, dann begegnen mir eben die, die dort täglich unterwegs sind - und das empfinde ich als sehr anstrengend. Bei schönem Wetter ist sehr viel los, das Tempo der Berufspendler ist hoch - und ich sehe den Fußgängern an, dass sie das unangenehm finden.

    Natürlich verstehe ich, dass diese ganze Verkehrsführung dort unglücklich ist, vor allem die Ecke am Leuze. Aber Fußgänger zu bedrängen und entgegenkommende RadlerInnen zu Schreckbremsungen zu nötigen, löst das Problem nicht, es hebt nur den Stresslevel für alle.

    Und, jetzt wo ich das schreibe: Bei der Frau im geblümten Sommerkleid denkt man vielleicht, sie hat halt einen Fehler gemacht und ist nachsichtig. Dem Sportler unterstellt man mehr fahrerisches Können - und damit natürlich auch Absicht. Ob das immer stimmt? Ich habe meine Zweifel.

    AntwortenLöschen
  11. Für mich kommt es sehr darauf an, wohin, womit, und wie lange ich mit dem Rad fahre. Bei längeren Ausfahrten mit dem Rennrad muss es zwangsläufig die bequeme Funktionskleidung sein, etliche Stunden im Sattel wäre mit Alltagskleidung sehr unbequem, vor allem der Hintern hat was dagegen :) Für kurze Wege in die Stadt allerdings ist Funktionskleidung quasi "over-dressed" und unpraktisch. Da ziehe ich jetzt nichts Spezielles an, hauptsache locker und nicht einengend.

    Einen Helm trage ich nie, selbst auf dem Rennrad nicht. Das bisschen Freiheit möchte ich mir nicht nehmen lassen, ein Restrisiko bleibt zudem immer und das nehme ich in Kauf. Ich meine, solange man selbst vorausschauend und nicht zu schnell fährt, und vor allem immer mit den Fehlern der Anderen rechnet, ist die Gefahr auch nicht mehr so groß. Von der oft betonten Vorbildfunktion halte ich nicht sehr viel. Viel besser finde ich, wenn man Kinder richtig über die Gefahren aufklärt und eine umsichtige, rücksichtsvolle Fahrweise vorlebt anstatt ihnen das Gefühl zu vermitteln, nur mit Helmpanzer kann man sicher unterwegs sein.

    AntwortenLöschen
  12. Diese ganze Diskussion, welches Bild wer mit welchem Outfit erzeugt, läßt sich auch zusammenfassen mit

    Versuche, es allen recht zu tun und du wirst scheitern.

    Auf einem gemischten Rad-/Fußweg bin ich für einen Fußgänger mit Tempo 20 ein Raser. Mutiert dieser Fußgänger zum Automobilisten, bin ich mit Tempo 35 für ihn ein Hindernis.

    Der fehlenden Akzeptanz kann ich nicht mit angepasstem Äußeren entgegentreten. Der Bewusstseinswandel wird schon in den Köpfen stattfinden müssen.

    AntwortenLöschen
  13. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

    AntwortenLöschen
  14. Habe auch die persönliche Erfahrung gemacht, dass meine Kleidung für die Außenwahrnehmung ein sehr großer Unterschied macht. In Alltagskleidung ohne Helm oder werde ich als weniger bedrohlich empfunden als in Sportkleidung mit dunkler Sportbrille und Helm. Besonders interessant war als ich sportlich unterwegs eine Nachbarin auf einem schmalen Pfad begegnet bin, sie hat mich zuerst nicht erkannt und war deutlich besorgt. Erst als ich sie begrüßt habe war sie wieder beruhigt. Noch wichtiger ist jedoch das Verhalten. Ein vorsehbares und rücksichtsvollen Fahren, insbesondere bei Begegnungen mit FussgängerInnen, trägt viel dazu bei das Image der Radfahrenden zu verbessern.

    Andrzej Felczak

    AntwortenLöschen
  15. ich muss auch immer schmunzeln über die Menschen, die sich selbst und, im amüsantesten Fall, auch ihre Kinder in Funktionskleidung pressen. Irgendwie typisch schwäbisch alles bis ins Detail perfektionieren zu müssen. Dass diese Radler eher den Eindruck erwecken, dass mit dem Radfahren nicht zu spaßen und dies ein sehr ernste Angelegenheit sei, fällt denen eher weniger auf. Stock aus dem Hintern!

    AntwortenLöschen