2. Dezember 2018

Hier würde ich nie Rad fahren!

Eine Freundin von mir hatte im Sommer Besuch aus Bremen. Man hat die Fahrräder genommen, um dem Besuch Stuttgart zu zeigen. 

Der Besuch aus Bremen war einigermaßen verblüfft. Ein ratloser Blick auf der Suche nach dem Radweg: "Was da lang? Ihr müsst ja hier ständig Bordsteine rauf und runter." Umsichtig leitete meine Freundin sich durch die Fährnisse der Stadt, immerhin kennt sie sich blendend aus und weiß wie es weitergeht. Das Entsetzen der Bremerin wurde dabei immer größer.


Nachdem man eine Reihe von Ampeln passiert hatte und wieder mal an so einem Fußgängerüberweg mit irgendwas, das nach Radstreifen aussieht, aber ohne Radzeichen auf der Fußgängerampel gegenüber, stand: "Hilfe, wo muss ich denn jetzt hingucken?" In Bremen gibt es nämlich überall kleine Radlerampeln. Da weiß man, wo man hingucken muss. 

Und dann schwenkte man wieder einmal von einem Gehweg über eine Fußgänger-/Radampel auf die Fahrbahn ein. "Die Autofahrer, die wissen doch jetzt gar nicht, wo ich hin will."
"Ja, das ist halt bei uns so", antwortete meine Freundin.

Die Freundin aus Bremen war fassungslos. "Was für ein Chaos! Hier würde ich nie Rad fahren." 

Bremen ist ein armer Stadtstaat. Das mag ein Vorteil für den Radverkehr sein, weil nämlich Investitionen in den Radverkehr viel billiger sind als in den Autoverkehr. Zudem gewinnt die Stadt mit jedem gefahrenen Radkilometer Geld dazu, weil Radfahrende gesünder sind und weniger Platz brauchen. Wobei die Bremer/innen auch gehörig über miese Radwege schimpfen. Sie haben allerdings viel mehr durchgehende Radinfrstruktur als wir.  Stuttgart dagegen ist eine reiche Stadt. Wir könnten richtig Radinfrastruktur bauen. Wobei es weniger am Geld hängt, als am politischen Willen, dass das nicht geschieht.

So übrigens organisiert man in Tübingen den Übergang von einem Linksseitigen Radweg über eine Fußgängerampel auf die Fahrbahn.

Und Karlsruhe hat vorgemacht, wie man mit wenig Geld den Radverkehr fördern kann. Hier wurden in den letzten Jahren Fahrspuren an Radler gegeben und Parkplätze reduziert. Das kostet nicht viel, wie die Zeit festgestellt hat. Für 50.000 Euro kann man zehn Kilometer Radfahrstreifen ziehen, 100 bis 500 Meter Radweg bauen oder zehn Straßen in Fahrradstraßen umwidmen. Auch wenn sich Radler eigentlich immer nur Radwege wünschen, fern vom Autoverkehr, helfen sogar Fahrradstraßen, in denen Autos fahren, den Radverkehr zu steigern. Wichtig ist, dass Radfahrwillige auf den Straßen, die sie im Auto abfahren, Radfahrzeichen, Radstreifen und Radschilder sehen. Nur dann haben sie das Gefühl, man könne in dieser Stadt auch Rad fahren und tun es auch. Ansonsten bleibt der Radverkehr was für hartgesottene, meist Männer, und es fahren immer nur die, die unbedingt Rad fahren wollen und es überall tun.

Kommentare:

  1. Als Radfahrer aus der Reinsburgstraße kommend und weiterfahrend in die Marienstrasse zum Gerber, ist wirklich nur was hartgesottene Alltags-Stadt-Stuttgart-Radfahrer. Die meisten Gelegenheits-Radfahrer bekommen dort Panik und flüchten sofort auf den Bürgersteig. Für mich einer der gefährlichsten Ecken in Stuttgart.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Oder sie fahren als Geisterradler auf dem Radstreifen, der vom Gerber in die Reinsburgstaße führt. Da kommen mir oft welche entgegen.

      Löschen
  2. Ja, der Kulturschock kann schon gewaltig sein, weil jede Stadt irgendwie ihr eigenes Ding zusammenstümpert. Wobei ich das grade bei einer Bremerin nicht wirklich verstehe, die ist den prinzipiellen Wegelchen-Wahnsinn doch gewöhnt?

    Als ich hingegen damals aus einer radwegfreien Stadt das erste Mal mit dem Rad nach Karlsruhe fuhr, war das wirklich eine andere Welt. Und mir gefiel das schon auf Anhieb überhaupt nicht, weil ich durch diese Wege an allen Ecken und Enden benachteiligt und eingebremst wurde.

    Seit ich mir die ganzen Blogs und Berichte aus größeren Städten verfolge, steht für mich auch definitiv fest, niemals in eine größere Stadt oder eine verradwegte Gegend zu ziehen. Ich weiß nämlich noch, was Freiheit (gleichberechtigte Benutzung der Fahrbahnen) bedeutet. In Hamburg, Bremen, Stuttgart oder Karlsruhe würde ich es mit Sicherheit keine Woche lang aushalten. Oder bekäme mindestens 1 mal in der Woche ein Bußgeld wegen Missachtung von Radwegbenutzungspflichten.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Vieles ist Gewöhnung, und in Stuttgart kann man sogar ganz gut Rad fahren, wenn man sich auskennt. Gerade in Stuttgart gibt es ja nicht so viele Radwege (nur 8 km) und auch nicht viele Radfahrstreifen. Du kannst hier nach Herzenslust auf Fahrbahnen radeln. :-)

      Löschen
    2. Ja, aber man muss sich auskennen. Ich stoße immer wieder auf das Verkehrszeichen "Verbot für Radfahrer", das es woanders praktisch nicht gibt.

      Man muss die meisten Strecken mehrmals fahren, um herauszubekommen, wie man fahren muss. Ich weiß bisher noch nicht, ob es einen legalen Weg aus der Innenstadt zum Bahnhof gibt.

      Löschen
    3. So ist das leider. Auch ich muss manche Strecken mehrfach fahren, bis ich den für Radler optimalen Weg herausgefunden habe. Eine Schwäche des Stuttgarter Radverkehrs! Das stimmt.

      Löschen