10. Februar 2019

Dreierlei Geschichten von der Straße

Wer viel mit dem Rad unterwegs ist, hat viele persönliche Begegnungen mit anderen Menschen, die zu Fuß unterweg sind oder im Auto sitzen. 

Alle Radfahrenden können ähnliche Geschichte erzählen, nette und weniger nette.

Geschichte 1 - eine kluge Erkenntnis.
Ich radle am Samstag morgen Richtung Ruderclub und komme den Radweg von der Stadtbahnhaltestelle Richtung Leuze am Sprudler an. Erwachsene stehen auf der Gehwegseite herum, alle mit dem Rücken zum Radweg. Ein kleiner Junger, vielleicht fünf Jahre alt, springt vergnügt herum. Finde ich okay, er ist ein Kind. Er rennt über den Radweg und rennt wieder zurück. Ich bremse. Er dreht sich an der Linie um und springt mit frechem Lächeln noch einmal auf den Radweg vor und gleich wieder zurück. Ich habe längst zum Stillstand abgebremst.
Als klar ist, dass der Junge jetzt stehen bleibt, fahre ich weiter. Dabei höre ich eine Frau unter den Erwachsenen erschrocken sagen: "Wenn das jetzt ein Auto gewesen wäre ..."
Dann rufen sie den Jungen zurück.
Stimmt, als Radlerin sehe ich auch kleine Kinder unmittelbar vor mir und stehe sofort.

Gechichte 2 - der Angriff
Auf dem Rückweg radle ich vom Ruderclub auf der Fahrbahn der Hofener Straße. Der Gehweg ist dort ja nur freigegeben und es sind viele Spaziergänger/innen unterwegs. Samstagmittags fahren aber auch recht viele mit dem Auto in die Stadt. Sie müssen mich überholen. Weil auch viele von der Stadt raus fahren, geht es nicht immer sofort. Ein Autofahrer überholt mich hastig recht knapp vor dem Gegenverkehr. Der Fahrer im Gegenverkehr muss wohl bremsen. Ich bremse auch. Da lenkt der Fahrer aus dem Gegenverkehr sein Auto auf seine linke Spur also auf meine Fahrbahn, hält genau auf mich zu und hupt mich an und droht mit der Faust.
Ich bremse. Glücklicherweise hat er wegen der Autos hinter ihm nicht die Nerven, ganz anzuhalten, und gibt wieder Gas.
(Als ich eine Woche später wieder so radle, hupen mich zwei Autofahrende an, die überholen mussten.)

Geschichte 3 - die Fehleinschätzung
Ich stehe an der Ampel Kolbstraße bergauf Richtung Heusteig. Da ich erst losfahre, wenn die Autoampel Grün bekommt, nicht schon wenn die parallelen Fußgänger Grün haben, starte ich nur eine Sekunde vor dem Autofahrer links neben mir. Ich bin aber trotzdem schneller und bereits drüben in der Kolbstraße, als der Autofahrer endlich auf Touren kommt.
Er gibt Gas und hupt mich an. Ich bedeute ihm mit der Hand, mich hier nicht zu überholen. Er überholt mich knapp, schneidet mir in der leichten Rechtskurve den Weg ab und röhrt vor zum Stoppschild an der Filderstraße.
Dort habe ich ihn natürlich wieder eingeholt. Ich wollte gar nichts sagen, aber er ruft mir an seiner Beifahrerin vorbei durchs offene Seitenfenster "He!" zu.
Ich frage also: "Warum überholen Sie mich so knapp?"
Er schreit: "Sie dürfen nicht so schnell fahren, Sie haben ein getuntes Pedelecs, Sie sind schneller als 30 km/h gefahren, das dürfen Sie nicht."
Ich sage: "Nein! Wollen Sie ich mal auf mein Fahrrad setzen und es ausprobieren?"
Er: "Nein. Sie dürfen so ein Fahrrad nicht fahren." (Er hat wohl sein Überholtempo mit meinem Tempo verwechselt.)
Ich fahre über die Filderstraße hinüber, er startet hinterher, überholt mich, drängt mich an der Einfahrt in die Lehenstraße gegen die geparkten Autos ab, schreit mir noch was zu und fährt dann weiter. Ich merke mir mal sein Kennzeichen. Vielleicht zieht er ja an der nächsten Ecke eine Pistole, wer weiß?

Kommentare:

  1. Hallo Christine,
    Das nächstemal einfach mal nachfolgende Frage von einem Autofahrer beantworten lassen:

    Gilt "Tempo 50" innerorts auch für unmotorisierte Zweiräder?

    Innerhalb von geschlossenen Ortschaften gilt normalerweise 50 km/h als Höchstgeschwindigkeit - aber nur für Kraftfahrzeuge. Trittstarke Radfahrer dürfen schneller fahren - so lange ihre Geschwindigkeit an die Verkehrsbedingungen "angepasst" ist.

    Ich habe auf dem Blog http://pedalkultur.blog/ ein
    Verkehrs-Bullshit-Bingo gefunden!!!
    https://pedalkultur.blog/wp-content/uploads/2019/01/Verkehrsbullshitbingo.pdf

    viel Spass
    Reiner

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    1. Lieber Reiner, mir ist natürlich klar, dass ich auch mit einem Pedelec schneller als 30 km/h fahren darf (ich habe dann halt nur keine Kraftunterstützung mehr), aber ein aufgeregter Autofahrer auf dem Sprung, beim zweiten Mal auf jeden Fall schneller zu starten, lässt sich schwer in eine feinsinnigere Diskussion verwickeln. Zumal ich mit dem auch gar nicht reden wollte.

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  2. Ja, so ist radeln in Stuttgart manchmal. Und du hast mehrfach keine Chance: bei einem Zusammenprall hast Du keine Knautschzone, vor Gericht keinen Zeugen, und bei der Aufnahme der Anzeige machen dir die Ordnungshüter klar dass sie nichts unternehmen werden. In Stuttgart gilt das Recht des stärkeren.

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    1. Carsten, eine Satz hast du vergessen : IHR Radfahrer seid ja auch keine Waisenknaben. Der Spruch kam als ich Blutverschmiert auf die Polizeiwache kam nach dem mich ein netter BMW-Fahrer abgeräumt hat und abgehauen ist. Ich war quasi selber Schuld dass ich da einfach auf der Straße gefahren bin und darf dafür büsen was andere verbockt haben. Tolle Auslegung der Verkehresregeln. Wäre mein Rechtanwalt nicht hartnäckig an der Sache dran geblieben wäre dem BMW Fahrer sicherlich nichts pasiert ......

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    2. Ja, bei tatsächlichen Personenschäden sieht es anders aus. Wenn jedoch wie in Christine's Fall "nur" Nötigung und Bedrohung von Leib und Leben durch gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr vorliegt, passiert gar nichts.

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    3. Zumal ja auch Aussage gegen Aussage steht. Und die Zeit, solche Leute anzuzeigen, nimmt man sich (also nehme ich mir) ja auch nicht.

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  3. Geschichte zwei und drei machen mich sehr traurig.

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  4. Eigentlich sollte man immer eine Kamera auf dem Kopf haben, die jederzeit mit 360° alles aufzeichnet. Und ein Blinklicht, das die anderen auf die Kamera (Beweis) aufmerksam macht.

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    1. Ich kann die Sache mit der Kamera nicht empfehlen. Einerseits sind die Aufnahmen bei dauerhaft eingeschalteter Kamera nicht vor Gericht verwendbar. Andererseits stellt eine Kamera am Helm ein hohes Sicherheitsrisiko dar, wie der Unfall von M. Schumacher zeigt bei dem die GoPro den Helm gespalten hat. Dann lieber ohne Helm als mit Kamera.

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  5. Es gibt ein klares Leitmotiv in dieser Erzählung, dass von den Verantwortlichen für bundesdeutsche Verkehrspolitik vermutlich (nicht) als "Herrschaft des Unrechts" bezeichnet würde:

    Wohin wollen wir als Gesellschaft hin?
    Mikrophallischesn PS-Junkies Ihre kriminelle Freiheit sichern und nachhaltig eigenmobilen Menschen, die alles richtig machen ihren Lebensstil abstreiten (ja, das nennt man landläufig "Terrorismus") - oder umgekehrt?

    It's up to you.
    Meine Stimme hättet Ihr.

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    1. Die überwiegende Mehrheit der Autofahrer kann sich im Verkehr sinnvoll verhalten, und ich glaube auch viele von ihnen würden der Aussage zustimmen, dass eine kleinere Gruppe zu aggressiv im Verkehr unterwegs ist. Auch bei Radfahrern kann sich eine kleinere Gruppe nicht benehmen im Verkehr, mit dem Unterschied dass sie primär sich selbst und nicht andere gefährden. Für mich ist die Frage, ob wir als Gesellschaft rüpelhaftes Verhalten im Straßenverkehr tolerieren oder sanktionieren daher keine Frage des Verkehrsmittels oder gar des Lebensstils.

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  6. Wahrscheinlich kann jeder, der diese Geschichten liest, sie uneingeschränkt teilen, ich erlebe sie seit Jahren. Und ich muss leider sagen, dass meine Geduld zu Ende geht und ich wirklich der Meinung bin, dass die Zivilgesellschaft auf die Straße muss, dass diese Wut auf die Strasse muss. Einfach deshalb, weil die Politik sich nicht bewegt, vielleicht nicht bewegen kann, weil die Autolobby alles blockiert, das ist mir auch egal. Ich möchte nur alle an Stadtentwicklung Interessierten darum bitten, aktiv zu werden. Diese Stadt wird nicht fahrradgerecht werden, weil der Gemeinderat einen Zielbeschluss fasst, und die "Sachzwänge" werden noch 20 Jahre lang die autofreie Innenstadt blockieren. Wir müssen raus, demonstrieren, Krach machen, Masse zeigen. Sonst rührt sich nüscht hier, im Gegenteil. Die Extremisten biegen mit den Fake News um die Ecke und framen sich die Welt zurecht, so widerwärtig wie die Strategien der Besitzstandwahrer ist keines Radlers Denke auch nur und die Wirklichkeit interessiert die einen Dreck (s. Story 3)

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    1. Es gibt den Radentscheid und jeden Monat die critical mass. Wir sind auf der Straße present, aber im Gegensatz zu anderen kleineren Demos, wie den angeblichen Gelbwesten, kaum in den Medien present. Das liegt nicht daran, das wir leise sind, sondern an unseren Medien und deren selektiver Berichterstattung.

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  7. Fußgänger-Geschichte

    Ich laufe jeden Morgen und jeden Abend vom Feuerbacher Siegelberg (Schraderweg) zum Zuffenhauser Bahnhof und zurück. Auf dem Fußgängerweg (Fahrrad frei) entlang der Wernerstr. überholen mich sowohl Morgens als auch Abends Radfahrende mit zum Teil hoher Geschwindigkeit, zum Teil schneller als die Autos auf der Straße fahren! Und knapp an mir vorbei rasen ist ebenfalls Usus.
    Vorfälle bisher: beschädigte Winterjacke meinerseits samt Prellung, 2x Rucksack von der Schulter gerissen. Einen Radfahrenden hat es nachdem er mich touchiert hatte gegen den Zaun gebügelt. Dem habe ich dann auch erwischen können, ich denke der fährt diese Strecke nicht noch einmal!

    Tja, so unterschiedlich können Geschichten sein ...

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    1. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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    2. Für mich hören sich die Geschichten ähnlich an. Rüpel gibt es auch auf zwei Rädern, vorausgesetzt es handelt sich dort um einen Geh-und Radweg. Denn da gilt gegenseitige Rücksichtnahme. Ein Unterschied ist, das die Radfahrer dich und sich selbst gefährden, Autofahrer beim Zusammentreffen mit Radfahrern aber nur andere.

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  8. @ Carsten Otte,

    ja, es ist ein Gehweg mit "Fahrrad frei", d.h. die Radfahrenden müssten Schrittgeschwindigkeit fahren. Noch nie, und ich laufe diese Strecke nun seit immerhin 3 Jahren 5x die Woche, war einer dieser Radfahrenden mit Schrittgeschwindigkeit unterwegs, alle (wirklich alle) waren deutlich schneller.

    Sie schrieben u.a.:
    "Ein Unterschied ist, das die Radfahrer dich und sich selbst gefährden, Autofahrer beim Zusammentreffen mit Radfahrern aber nur andere."

    Nun, ein Autofahrer welcher einem Fußgänger oder einem Radfahrenden ausweichen muss weil diese eine Regel nicht beachtet haben, bringt sich schon auch selbst in Gefahr.

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    1. Auf einem Gehweg geht das Verhalten gar nicht. Ob dort Schrittgeschwindigkeit erforderlich ist, darüber steht im Gesetz nichts und die Gerichtsentscheidungen divergieren. Klar ist aber, dass dort keinesfalls Fußgänger gefährdet werden dürfen.
      Anders sieht es aus, wenn Fahrrad und Fußgänger auf dem blauen Lolli sind. Dann gilt gegenseitige Rücksichtnahme - während auf dem Gehweg der Fußgänger keine Rücksicht auf den Radverkehr nehmen muss.

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