26. März 2020

Niemand schafft jetzt Platz für Fußgänger und Radfahrer

Die Corona-Krise wäre eine Chance, die Straßen in unseren Städten, auch in Stuttgart, neu aufzuteilen. Aber genau jetzt hat niemand Zeit und Kraft dafür.

Menschen zu Fuß und auf den Fahrrädern brauchen mehr Platz, weil sie anderthalb Meter Abstand voneinander einhalten sollen. Das geht auf unseren schmalen Gehwegen teils nicht. Man weicht also auf die Fahrbahn aus und stellt dann schnell fest, dass Autofahrer/innen ungebremst an einem vorbeidieseln.

In Zeiten, wo die Fahrbahnen leerer sind, weil weniger Menschen mit dem Auto zur Arbeit fahren und mehr Menschen mit dem Fahrrad oder zu Fuß unterwegs sind, sollte man eigentlich sofort Maßnahmen ergreifen, die dem Radfahren und zu Fuß Gehen mehr Platz einräumen: 
  • Im Stuttgarter Kessel auf allen mehrspurigen Fahrbahnen eine Fahrbahn als temporären Radstreifen ausweisen und durch Pylonen schützen. 
  • Keine Durchfahrten durch Wohngebiete mehr (hier fahren nur Anwohner/innen, Lieferdienste und Sozialdiesnte noch rein), 
  • Schrittgeschwindigkeit in Tempo-30-Zonen, Vorrang für Fußgänger/innen und Radfahrende auf den Fahrbahnen, 
  • Tempo 30 auf allen Straßen, wo es nur schmale Gehwege gibt, am besten überall.  
  • Autofreie Zonen massiv ausweiten. 
Doch dafür ist derzeit keine politische Kraft mehr übrig. 

Auch wenn es wichtig wäre, denn Spaziergänge sind wichtig fürs Immunsystem und für die Stimmung. Genau jetzt bräuchten wir den Platz dafür dringen.

Wir sehen jedoch überall, auch in Stuttgart, dass die Verwaltung am Limit arbeitet und andere Prioritäten setzen muss. Ein Teil ist krank, ein Teil in Quarantäne, es wird in rollierenden Systemen gearbeitet, die Hälfte ist zu Hause, die andere im Amt, wieder andere sind vollauf mit der Bewältigung der Corona-Krise beschäftigt. Auch wenn es sinnvoll wäre, das öffentliche Leben und seinen Platzbedarf genau jetzt neu zu organisieren, scheint es genau jetzt aus nachvollziehbaren Gründen dafür keine Kapazitäten zu geben.

Auch wenn wir alle erleben, dass wir mehr Platz brauchen und
wie schwierig es ist, auf den Wegen zum Einakufen Abstand zu entgegenkommeden Fußgänger/innen zu halten, auch wenn jetzt viele das Fahrrad nehmen, die bisher mit Öffentlichen gefahren sind, auch wenn die Notwendigkeit evident ist, den Verkehrsraum neu zu ordnen, so haben doch unsere Köpfe gerade mit anderen Sorgen zu tun. Die Tragödien und persönlichen Katastrophen, die sich gerade ereignen, die Schwierigkeiten und der Stress, mit denen wir kämpfen, schmälern dieÜberzeugungskraft unserer Argumente für eine Verkehrswende genau jetzt, die gesund wäre und unsere Gesundheit erhalten helfen würde. Das kann ich auch vestehen.

Ich fürchte, die gute und sinnvolle Idee hat derzeit keine Chance, auch wenn dies eine Chance wäre. Es sind außerordentliche Zeiten. Und traurige auch.

Bleibt gesund!

Nachtrag: Berlin schafft das übrigens. Wie man hier lesen und sehen kann, entstehen gerade, zumindest an einigen Stellen, provisorische Radstreifen.  Ich werde mich weiterhin darum bemühen, dass auch in Stuttgart was geschieht.




Kommentare:

  1. Bleib' auch gesund! 😘
    Liebe Grüße ...

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  2. Man sieht es besonders in Krisenzeiten: wie alle unsere Systeme ist auch unser Verkehrssytem nicht resilient. Es ist monoman nur auf den Autoverkehr aufgebaut. Schon in normalen Zeiten ist kaum Platz da für Fußgänger, Radfahrer oder gar inn ihrer Mobiltät eingeschränkte Menschen. Und in Krisenzeiten zeigt sich diese Inadäquatheit dann besonders deutlich.
    Wird sich das nach der Krise ändern, werden wir sehen, dass wir unsere Systeme (das Gensundheitssytem natürlich, aber auch den Verkehr, die Ernährung...) fehlertolerant, mit multiplen Standbeinen und nachhaltig aufbauen müssen, damit im Krisenfall nicht durch das Wegbrechen eines Standbeins das ganze Kartenhaus zusammenfällt? Ich bin nicht sicher, dass wir in der Lage sind aus diesen Lektionen zu lernen.

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  3. Merkwürdiger Artikel. Soll es vom Himmel fallen? Vielleicht wendest Du Dich vertrauensvoll an Deine Partei- den GRÜNEN.

    Die Coronakrise deckt jetzt noch deutlicher die Versäumnisse von MP Kretschmann, VM Hermann & OB Kuhn auf. Und Viele fragen sich: Was zum Teufel haben diese eigentlich für den Radverkehr die letzten Jahre gemacht, als das viele geld da war.? Warum sind wir nicht schon wesentlich weiter?

    Nun ist die Party vorbei...der Staat maßlos überschuldet und auf Jahre hinaus wird der Radverkehr nur noch Randthema sein.

    Für die GRÜNEN wirds jetzt richtig ungemütlich: Viele werden sich von ihnen enttäuscht abwenden. Und das ist gut so! Sie hatten ihre Chance. Dann doch lieber das Original: Die CDU...Klaus

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    1. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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    2. Ja, es ist schon enttäuschend, wie wenig die Grünen insgesamt für den Wandel getan haben, seit sie in BW an der Macht sind.

      Kein Druck auf Frankreich, Fessenheim zu schließen, keine wegweisende Klimapolitik, kein beherztes Angehen der Autoindustrie (wo, wenn nicht in BW?)...

      Und in der grün regierten Landeshauptstadt eines grün regierten Bundeslandes braucht es einen Radentscheid, damit sich was bewegt???

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    3. Lieber Klaus, stimmt, Kuhn war für den Radverkehr nicht hilfreich und ich freue mich, dass es einen Wechsel geben wird. Dass der Ausbau des Radverkehrs aber wegen einer steigenden Verschuldung der Stadt deshalb stocken soll sehe ich nicht. Erstmal vielen Dank an die Grünen und Kuhn, dass sie während seiner Amstzeit den von der CDU aufgetürmten Schuldenberg der Stadt abgebaut haben. Stuttgart steht nach seiner Amtszeit finanziell so gut da wie nie zuvor. Nun zum Ausbau der Verkehrsinfrastruktur. Schaun sie sich mal an, wie teuer der Straßenbau für den KFZ Verkehr in Stuttgart ist. Rosensteinstunnel, Arbeiten am Leuze. Haben wir da in Summe schon die 1.000.000.000 Euro erreicht? Viel fehlt da sicher nicht mehr und das nur für ein paar läppische Kilometer. Kilometer, die man eigentlich auch nicht mehr braucht wie die Zahlen hergeben. Radinfrastruktur ist da weitaus günstiger zu haben. Wenn Sie also Schulden fürchten, sollten Sie sich gerade für den Ausbau der Radinfra stark machen. Günstiger bekomen Sie Mobilität nicht! Ein Wort zu den Qualitäten seines, von Ihnen offensichtlich gewünschten CDU Nachfolgers Nopper. Ich arbeite in Backnang. Glauben Sie mir, schlimmer als Kuhn geht immer. Ein Bsp, im Dezember 2018 wurde ein Radfahrer in der Aspacherstr. gedoort und stirbt. Er fuhr auf einem Radstreifen der nicht der ERA entsprach. Bis heute hat Noppers Stadtverwaltung keine Konsequenzen daraus gezogen. Ein toter Radfahrer scheint die CDU geführte Backnager Verwaltung da nicht sonderlich zu stören. Ich bin mir sicher, auch dank des von den Grünen (und vor allem Christine) mitherbeigeführten GR-Beschlußes nach dem Verbot des Radentscheids, wäre das in Stuttgart nicht möglich. Ein zurück, zu Verhältnissen wie sie vor diesem Beschluß waren möchte ich nicht. Sie sicherlich auch nicht, deshalb besser nicht CDU wählen. Gibt ja ausser den Grünen auch noch andere fahrradfreundliche Parteien in Stuttgart. Also, CDU Nopper verhindern, Radinfra ausbauen. Beste Grüße....

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  4. Auch ich finde es schade, dass anscheinend alle Verwaltungen vollständig damit blockiert zu sein scheinen, was auch immer in dieser Situation zu bewältigen. Wobei ich schon anzweifle, dass wirklich alle MitarbeiterInnen in den Ämtern mit Corona und seinen Folgen beschäftigt sind ...

    Was wir aber ganz deutlich sehen: Die Reduzierung des motorisierten Individualverkehrs führt zu massiven Verbesserungen der Luftwerte. Die Reduzierung des Flugverkehrs führt zu einer gewaltigen Verbesserung für die Menschen in den Ein- und Abflugschneisen der Flughäfen.

    Ganz bestimmt werden auch die Unfallzahlen im Straßenverkehr in diesen Wochen sehr deutlich zurückgehen - die Statistiken werden es zeigen.

    Wenn wir uns das im Nachhinein ansehen werden hoffentlich doch einige Betonköpfe ins Grübeln kommen und so manche Verantwortliche werden sich fragen, ob wir auch in dieser Beziehung etwas von der Krise lernen können. Naja, vielleicht nicht in manchen Parteien aus der eher konservativen bis rechten Ecke. Die andern aber schon.

    Daher bin ich einigermaßen zuversichtlich, dass viele von uns etwas lernen, etwas reflektieren und auch ihre Reflexe neu trainieren. Selbst die Verwaltungen im Straßenbau.

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    1. Vielen Dank für eure Kommentare. Ihr seht das nicht alle so, aber ich persönlich glaube, dass wir gerade jetzt unseren Kommunikationsmodus ändern und einander mit mehr Vertrauen begegnen müssen. Das brauchen wir nämlich, um durch die Krise zu kommen und vor alle, um danach die Weichen richtig zu stellen: In Richtung höherer Wetschätzung für alle, die in systemrelevanten Berufen arbeiten, in Richtung einer Mobilität, die sehr schnell deutlich klimafreundlicher wird, in Richtung eines unbedingten demokratischen Zusammenhalts gegen Extremisten, die die Krise und die enormen wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die sie auslöst, für sich und ihre Ziele nutzen werden. Derzeit ist es für niemanden einfach, und niemand weiß jederzeit ganz genau, was das Richtige ist. Lasst uns diskutieren, aber nicht gegeneinander hetzen!

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    2. @ Christine Lehmann Ist die Meinung äußern und die Dinge benennen bei Dir hetzen?

      Schwingt da eine unterschwellige Form von Manipulation bzw. Zensur mit?

      Mir ist schon klar das Du als GRÜNEN-Mitglied von den massiven politischen Versäumnissen von Kretschmann & Co. ablenken möchtest- aber so? Mutet sehr fragwürdig an...Klaus

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  5. Vor einigen Jahren traf ich auf einer Podiumsdiskussion einen Landespolitiker, der sich beschwerte, dass die (damals grün-rote) Landesregierung langsam mexikanische Zustände in Ba-Wü schaffen würde.
    Als ich ihn im Nachgespräch über lateinamerikanische Verhältnisse aufklärte, d.h. innerstädtische Gondelbahnen, kennzeichenabhängige Fahrverbote, autofreie Wochenenden, usw. usf. und deren Wirtschaftkraft der Deutschen gegenüberstellte, erklärte er mir wortreich, warum das nicht miteinander vergleichbar wäre.

    Hochmut kommt vor dem Fall.
    (Bogota hat gerade großräumig Fahrspuren für den Radverkehr isoliert)

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