15. April 2021

Hurtig über die Straße - Senior:innen bitte üben!

Es ist nämlich so, dass alte Menschen, allemal mit Rollator, nicht so schnell bei Grün über einen Fußgängerüberweg kommen wie junge Menschen. Da wird es meist schon Rot. 

Die sogenannten Räumzeiten rechnen das mit ein, das heißt, es wird für den Autoverkehr erst dann wieder Grün, wenn nach menschlichem Ermessen auch derjenige vom Überweg runter ist, der ihn betreten hat, kurz bevor die Fußgängerampel auf Rot springt. Man muss aber schon mit 4,32 km/h (1,2 m/s) gehen (Quelle), was nicht gerade langsam ist. Das mag für einen alten Menschen dann eben nicht ausreichen. 

In seinem Bericht über die Verkehrstoten stellt der Bundeserkehrsminister fest, oder lässt feststellen: "Für ältere Fußgänger/innen werden Maßnahmen angeraten, die vor allem die physischen Voraussetzungen für sicheres Queren trainieren bzw. aufrechterhalten und zudem die Einschätzung der eigenen Leistungsfähigkeit verbessern." (S. 74, zitiert nach Welt.) Oder anders gesagt: Die Senior:innen sollen gefälligst üben, damit sie schneller über die Straße kommen. Wir denken nämlich gar nicht daran, Fußgängerampeln etwas länger grün zu lassen.

Das ist frech und zynisch und zudem völlig realitätsfern.  Oder hat der Verkehrsminister schon die Trainingscenter für Senior:innen organisiert? Und zahlt das die Krankenkasse? Und wie schnell müssen alte Menschen sein, bevor sie eine Straße überqueren dürfen? Und wie ist das mit jungen Leuten an Krücken oder in Rollstühlen. Brauchen die auch so was?

Längere Grünphasen bei Fußgängerampeln nützen nicht nur den Alten oder jenen, die gerade nicht so gut zu Fuß sind, sondern auch den Eltern und ihren Kindern. Regelmäßig erzeugt die Fußgängerampel an der Römerstraße über die Hautstätter Straße für Panik unter den Schüler:innen und ihren Eltern, weil die Ampel auf Rot springt, wenn die Kinder noch auf der Fahrbahn sind. Von einbiegenden Autofahrern werden Kinder und alte Menschen dann auch gern mal angehupt, wenn sie bei rotem Ampelmännchen nicht schon von der Straße sind. Wer im Rollstuhl unterwegs ist, muss dann aber auch erst noch die Bordsteinkante übewinden, und das geht nicht mit Schwung.

Und davon abgesehen, müssen alte Menschen mit ihren Rollatoren auch mal eine Fahrbahn in einer 30er-Zone überqueren, wo es weder Zebrastreifen noch Ampelanlage gibt. Und nicht immer schätzen sie alles richtig ein. Und dann ist es an uns, ihnen Raum und Zeit zu geben, damit sie über die Straße kommen. Denn auch wir werden nicht jünger und brauchen, je älter, um so mehr Rücksicht.

Kommentare:

  1. Diesen Zustand kenne ich solange ich denken kann. Es ändert sich nichts.

    Als Fußgänger bewege ich mich genauso wie als Radfahrer. Ich nehme mir meinen Raum. An Ampeln wie von dir beschrieben nehme ich schon mal das Handy in die Hand und tue so, als würde ich filmen.

    Funktioniert ganz gut. Genauso wie die Kamera am Rad. Es ist schon erstaunlich, wie oft die von Autofahrern entdeckt wird. Aber damit ist sichergestellt, dass ich weniger übersehen werde.

    Dass sich an der autozentrierten Denke in Politik und Exekutive und in der Gesellschaft irgendetwas ändert, glaube ich nicht mehr.

    Als Nicht-Autofahrer werde ich auf viele Jahrzehnte die zweite Geige spielen. Rechte habe ich nur, wenn ich hinter einem Steuer sitze.

    Wie im Mittelalter: Wenn die Herren in ihren Kutschen vorfuhren, haben vorne dran die Paladine den Pöbel von der Straße vertrieben.

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  2. Das Problem gibt es ja nicht erst seit gestern. wir haben hier auch so eine kurze Ampelphase. Mit meiner Oma bin ich das meist nur bis zur Mitte der Fahrbahn gekommne und die Oma ist dann ziemlich nervös geworden. Aber erstens dauert es dann noch bin KFZ grün bekommen und selbst dann kann man noch die Fahrbahn räumen und die KFZ müssen solange warten. Beim Linksabbiegen gibt es auch so Situationenen, da stehen die Linksabbieger noch auf der Kreuzung wenn der Querverkehr schon grün hat.
    Also einfach weitergehen als Fußgänger und Geduld haben als KFZler.
    Am Zebrastreifen haben Fußgänger Vorrang und KFZler müssen dann dort auch Geduld haben. Ich habe demletzt auch mit dem Fahrrad auf der Gegenspur gehalten, gewartet, dass die Oma mit Rollator drüberkommt und dabei noch einen kurzen Plausch gehabt, weil die Oma meinte ich solle doch fahren, "damit ich nicht überfahren werde". War nett gemeint, ich hab aber trotzdem gewartet, bis sie wieder auf den Gehweg war und ich bin auch nicht überfahren worden.
    Ich finde es eine Frechheit, wenn Politiker fordern, man solle "sicheres queren trainieren". Man sollte die Verkehrssituation so gestalten, dass auch langsamere damit klar kommen. In Heidelberg gibt es so Drücker mit Gehstock drauf, da kann man eine längere Grünphase für Langsamgeher anfordern. Das finde ich gut.
    Zudem sollte man mal Programme auflegen, die KFZlern beibringen, dass sie nicht der Nabel der Welt sind und sie sich an Verkehrsregeln halten müssen.
    Karin

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  3. Ich erlaube mir mal aus dem Blog "Radfahren in Stuttgart" zu zitieren, in dem auf das Rechtsgutachten zum Verbot des Radentscheids seitens des Ordnungsamts der Stadt Stuttgart Bezug genommen wird. ;-)
    "In Ziel 5 geht es um Ampelanlagen, die den Radverkehr flüssig halten sollen. Dies ist nach Einschätzung der Kanzlei nicht zulässig, denn Ampeln dienen bei uns in Deutschland vor allem dazu, den Autoverkehr flüssig zu halten, ihn zu erleichtern und für ihn Gefahren zu verringern. Es sei eben gerade nicht im Ermessen der Straßenverkehrsbehörde, Ampelschaltungen jeweils zugunsten von Fußgängern und Radfahrern zu verändern."
    In Stuttgart ist illegal Fuß- und Fahrradfreundliche Räumzeiten zu verlangen. Ausser vielleicht, wenn man gleichzeitig Merkeldiktatur schreit und Masken verweigert.
    https://dasfahrradblog.blogspot.com/2019/01/das-rechtsgutachten-zum-radentscheid.html?m=1

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    1. Damit sich das verändert, schreibe ich unermüdlich über solche und andere Themen.

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    2. Jörg
      Schönes Zitat aus dem Rechtsgutachten. Es hält sich ja noch nicht mal an die geltenenden Verwaltungsrichtlinien wie HBS und RAST.In diesen Vorschriften werden die Belange von Fußgängern und Radfahrern erwähnt. Immer wieder schön welche Rechtsgutachten in Stuttgart heran gezogen werden.

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    3. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, dass die Stadt für ihr Rechtsgutachten eine Kanzlei beauftragt hat, deren Spezialgebiet die Energiewirtschaft ist und nicht das Verkehrswesen. Die mangelnde Sachkenntnis äußert sich darin, z.B. dass mit "Verkehr" eben nicht nur KFZ-Verkehr sondern auch "Radverkehr" und "Fußverkehr" adressiert ist und z.B. darin, dass die Kanzlei sich nicht vorstellen konnte, wie massiv die Verwaltung den Stand der Technik und die Vorschriften missachtet. Kein Wunder also, dass das Gutachten eine Latte von Fehlern und Ungereimtheiten enthält (ca. 11).

      Die unterschiedlichen Räumzeiten sind ein gewichtiges Argument dafür, dass Rad- und Fußverkehr eine getrennte und jeweils optimierte Steuerung der Signalisierung erhalten sollte, um die Kapazität der Kreuzungen zu maximieren (im Sinne ALLER Verkehrsteilnehmer). An Strecken mit starkem Radverkehr müssen daher getrennte Radampeln Standard werden.

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  4. ja genau die Ampel am Marienplatz (Foto 1) ist entsetzlich und für die Autos viel
    zu lang grün - fussgänger und radler warten häufig an einer leeren strasse!
    Dafür stehen an beiden Strassenseiten oftmals die Fussgänger und Radler auf 10 Meter
    aufgefächert. Schreckliche Ampelschaltung die zur Missachtung geradezu auffordert.

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  5. SCNR..s'passt so schön! :-)
    https://newsthump.com/2020/08/13/cyclist-repeatedly-fails-captcha-test-after-failing-to-identify-images-with-traffic-lights/

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