27. Januar 2025

Kann ein Radfahrer als Mensch wahrgenommen werden?

Diese Frage stellt man sich in Großbritannien öfter als bei uns in Deutschland. Sie geht auch anders herum: Warum sieht die Gesellschaft in Radfahrenden lästige Gegenstände? 

Discerning Cylists hat darüber Anfang vergangenen Jahres mal wieder nachgedacht und sich dabei die Situation in anderen europäischen Ländern rosiger gedacht, als ich sie zum Beispiel in Deutschland empfinde. Aus Großbritannien stammt immerhin eine ältere Studie, wonach aufrecht sitzende, am besten noch blonde Frauen von Autofahrenden seltener knapp und aggressiv überholt werden als Rennradler in Radkleidung. Eine neuere australische Studie zeigt: Radfahrende in Radkleidung werden als "less human" wahrgenommen. Das verführt zu der Annahme, dass man entweder aufrecht sitzende Radfahrende eher als Menschen wahrnimmt und vorsichtiger oder respektvoller behandelt (eine Erfahrung, die ich auch gemacht habe, als ich mal ein Fahrrad fuhr, auf dem ich aufrecht sitzen musste, oder die Liegeradfahrende machen, weil sie ganz anders aussehen.) oder dass die typische Fahrradkleidung mit Helm und womöglich noch Signalwesten Autofahrende glauben macht, der Radler sei besonders sicher und fahre spurtreu, weshalb man ihn enger überholen kann. Liegt es einfach nur an den Klamotten? 

Dem Autor des Artikels zufolge denken Leute in Großbritannien, wenn man sie fragt, wie Radfahrende aussehen, meist an einen Mann mittleren Alters in Radsportkleidung. In den Niederlanden, Dänemark oder Deutschland sei das anders. Für Deutschland würde ich allerdings sagen, dass zumindest sehr viele eher den Kampfradler vor sich sehen. In Großbritannien fehlt es offenbar drastisch an Radinfrastruktur. Das führe dazu, dass Radfahren nicht als Norm, sondern als alternatives Verkehrsmittel angesehen werde und notgedrungen auf der Fahrbahn geradelt werden müsse. Als Vehicular Cyclist, so die These, versucht der vorwiegend männliche Radfahrer mit dem Autoverkehr mitzuhalten und sich zu behaupten, was schweißtreibend ist, weshalb sie sich viele für ein Rennrad und sportliche Kleidung entscheiden und sich im Büro umziehen. In Europa - auch Deutschland - würden die meisten hingegen auf Cityrädern (er lässt die Pedelecs unerwähnt) in normaler Kleidung pendeln. 

Autofahrer gegen Radfahrer, das sei der zentrale Punkt und der Konfliktpunkt sei, dass Radfahrende gezwungen seien, im Mischverkehr mit Autos zu fahren, was für beide Seiten nicht gut sei. Radfahrende befänden sich in unmittelbarer Nähe zu potenziellen Todesfallen und müssten gleichzeitig mit vielen Ampeln zurechtkommen, die nicht fürs Radfahren optimiert sind. Autofahrende müssten wiederum auf oft engen Straßen um Radler:innen herumnavigieren. Das stresst und schafft Feindschaft. Die Infrastruktur sei das Problem. Weil aber nur eine Minderheit der Briten Investitionen in Infrastruktur fordert, sei es unwahrscheinlich, dass Regierungen und Stadtverwaltungen ernsthaft fürs Fahrrad bauen. Der Radverkehr sei selten Wahlkampfthema. Ist er übrigens diesmal auch bei uns nicht, wenngleich die Grünen und Linken sich im Wahlprogramm mit dem Thema beschäftigen, alle andern nicht. 

Wenn der Radler, der dem Autofahrer das Leben schwer macht, dann auch noch "alberne Kleidung" trägt, erscheint er entmenschlicht. Das könne sich ändern, wenn der Autofahrer statt eines Rennradlers im Trikot einen Mann in normaler Kleidung (keine Sportkleidung!) sieht, denn er sieht dann aus wie alle anderen auch. In Deutschland neigen wir dazu, im Alltag Outdoorjacken zu tragen, überhaupt eine Sportkleidung, die zum geringen Niveau der Aktivitäten oft gar nicht passt: Den radelnden Mann im Anzug mit Tuchmantel sieht man bei uns noch seltener als Frauen in normaler Straßen- oder Bürokleidung. Dass Leuchtwesten den Respekt der Autofahrenden nicht erhöhen, ist das Ergebnis einer US-Studie aus dem Jahr 2013. Ganz im Gegenteil: Sie brandmarken Radfahrende als Radfahrende, die sich einrüsten, wie es Autofahrende oder Fußgänger:innen niemals tun müssen. Die Leuchtwestenradler:innen erscheinen dann als Sonderfall des Straßenverkehrs und zuweilen sogar als Kampfansage an die Autofahrenden.  

Vieles deutet darauf hin, dass aufrecht radelnde Menschen in Bürokleidung oder Alltagskleidung von Autofahrenden eher als Menschen, wie sie selbst es sind, wahrgenommen werden. Die meisten Autofahrenden haben außerdem einen Sensor für Fußgänger:innen, sie erkennen sie an der aufrechten Haltung und haben Reaktionsmechanismen eingeübt (z.B. anhalten), nicht aber für Radfahrende. Die übersehen sie gern, also sie sehen sie nicht, auch weil sie sie nicht sehen wollen

Was schließen wir daraus? Im Zweifelsfall nichts, weil wir uns nun mal so anziehen wollen, wie wir uns anziehen. Die Kleidungsfrage ist bei den meisten Menschen grundsätzlich eine Wohlfühlfrage, und wenn sich Leute mit Leuchtweste wohler und geschützter fühlen als ohne, dann sei das so. Ich will auch nicht dafür plädieren, wie die Niederländer:innen ohne Helm zu radeln (wobei die folgenschweren Stürze älterer Radler:innen die Unfallstatistik in den Niederlanden erheblich belasten). Andererseits sollten wir uns klarmachen, dass wir um so mehr dem Image des lästigen Kampfradlers (der immer auf dem Gehweg radelt und bei Rot fährt und offenbar auch nie eine Frau ist) Vorschub leisten, je weniger wir nach Fußgänger:innen, also nach Alltagsmenschen  aussehen.

Klar, manche pendeln mit dem Rad so weite Strecken, dass sie Sportkleidung bequemer finden, das sei allen unbenommen. Darum geht es auch gar nicht. Der Gedanke ist aber immerhin nicht abwegig, dass wir, je mehr wir uns fremd machen (anders anziehen, verkleiden) und je mehr wir den sportlichen Charakter des Radfahrens demonstrieren, desto mehr den Fußgänger:innen und Autofahrenden als fremdes Element im Mobilitätsalltag erscheinen. Und das Fremde mag der Mensch ja nicht so gern. 

13 Kommentare:

  1. Die, Situation in Großbritannien scheint schon eine besondere zu sein.

    Nur dort, in London habe ich Radfahrer gesehen, die von Kopf bis Fuß in "high-viz- gekleidet waren, jeweils zwei Lichter vorn und hinten, davon jeweils eines blinkend, und auf dem Helm deutlich sichtbar eine Kamera. Ganz offensichtlich auf dem Weg zur Arbeit.

    Selbst war ich nicht mit dem Rad unterwegs, und würde es mir bei den dortigen Straßenverhältnissen auch sehr überlegen, ob nun in der Stadt oder auf dem Land.

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  2. Liebe Christine,
    heute kann ich dir in einigen Punkten nicht folgen.
    Thomas

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    1. Ich würde empfehlen, sich erstmal auf einen Punkt zu konzentrieren.
      Tim

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    2. In aller Kürze: Warnweste = Kampfansage; Sportkleidung -> Fremdsein oder Entmenschlichung; Radfahrer macht dem Autofahrer das Leben schwer; aufrecht fahren eher menschlich; Autofahrer wollen Radfahrer nicht sehen.
      Zumindest diese Punkte sehe ich anders.
      Thomas

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    3. @Thomas Es handelt sich bicht um persönliche Meinungen sondern um Studienergebnisse.

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    4. Ich verstehe die ersten beiden Zuweisungen symbolisch und würde vermutlich andere Worte wählen, da ich nicht aus eigener Sicht weiß was in den Gehirnen der Kraftfahrer an der Stelle vorgeht. Ich kann es mir aber aus deren Bemerkungen durchaus herleiten. Da ist zum Beispiel bei Sportkleidung schnell mal die Rede "Möchte-gern Rennfahrern" (meistens weniger freundlich) weil einer nicht soweit denkt, dass eine schmale Silhouette die Effizienz entscheidend verbessert und das Rad damit auch alltagstauglicher für längere Wege macht.
      Es ist auch untersucht, dass es einen Zusammenhang gibt, dass Radfahrer in Funktionskleidung und damit vermutlich auch Warnwesten, stärker von Kraftfahrern gefährdet werden. Die dafür vermuteten Ursachen decken sich weitgehend mit den Punkten im Text.

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  3. Der These, dass Radfahrer die nicht in Alltagskleidung fahren, von manchem eher als Feindbild wahrgenommen werden, kann ich etwas abgewinnen. Allerdings betrifft das wahrscheinlich eher das Verhalten im Längsverkehr, also Überholabstände. Es gibt einfach zu viele Autofahrer die meinen Radfahren wäre Sport und Sport hat nichts auf den tollen Straßen zu suchen. Je mehr man also aussieht als wäre man nur unterwegs um zu trainieren, desto mehr Fahrer gibt es die einem zeigen wollen dass man da nichts zu suchen hat.
    Allerdings muss man auch sagen, dass auf jeden, der meint mit einer Handbreit Abstand überholen zu müssen um zu kommunizieren, dass man auf der Straße nichts verloren hat, wahrscheinlich der 3 kommen die einen früher sehen und das nutzen um den Überholvorgang so zu timen, dass viel Abstand möglich ist ohne maßgeblich verzögern zu müssen.


    Was aber statistisch kaum haltbar sein dürfte, ist dass Autofahrer mehr auf Fußgänger achten als auf Radfahrer.
    Die Statistiken ich ich kenne, zeigen dass oft Fußgänger häufiger Opfer von Abbiegeunfällen sind als Radfahrer. Und das ist so ziemlich die einzige Situation bei der sich die Verkehrswege kreuzen und das KFZ nicht Vorrang hat.
    Wenn man berücksichtigt, dass eine Kollision zwischen Fußgänger und KFZ nur möglich ist, wenn der Fußgänger bereits am Kollisionsort ist, also auf der Fahrbahn. dann ist schwer nachzuvollziehen wieso so etwas überhaupt passiert, geschweige denn öfter als eine Kollision mit Radfahrer die ja auch unvermeidbar ist, wenn der Radfahrer zwar noch nicht in der Kreuzung ist, aber der Weg zum anhalten einfach zu gering ist.



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    1. Der letzte Abschnitt von dir, lieber Anonymus, liebe Anonyma, scheint mir bedenkenswert. Allerdings sind mehr Fußgänger:innen auf diesen Gehwegen und auf den Übergängen unterwegs, über die Autofahrende abbiegen können. Fußgänger:innen sind ja die Mehrheit, die zu einem Zeitpunkt unterwegs ist, in Städten, nicht die Radfahrenden, auch nicht die Autofahrenden.

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    2. Ich teile die implizite Aufforderung an uns Radler uns "normal" zu kleiden explizit nicht. In den angenehmen Jahreszeiten mit guten Lichtverhältnissen trage ich zwar oft "normal" aussehende Kleidung beim Pendeln und bei Einkaufs- etc. Fahrten, aber die meisten Kilometer und Stunden fahre ich wirklich als "Sport und Freizeitbeschäftigung" in entsprechender Kleidung und Haltung auf dem Rennrad.

      Ich akzeptiere keineswegs dass dieser Art der Strassennutzung auch nur implizit die Legitimität abgesprochen wird. Im Gegenteil, jeder Kilometer den ich "abstrampele" nutzt der Gesellschaft weil statistisch (bei meinem Beispiel auch sehr real) an Gesundheitskosten gespart wird.

      Da gibt es sehr viele "frivole" Autofahrtanlässe die der Gesellschaft direkt und indirekt Schaden zufügen und dabei die "legitimen" Autofahrer stärker behindern sowie andere Verkehrsteilnehmer belästigen und gefährden.

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    3. ich spreche ihr ja nicht die Legitimität ab, es scheint aber so zu sein dass manche Autofahrende Rennradler geringer schätzen als aufrecht radelnde Frauen mit einem Kind im Kindersitz. Wenn du sportlich radelst, empfiehlt sich für dich ja Sportbekleidung.

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  4. https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1369847823001018

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  5. Die Warnweste macht aus dem Radfahrer ein Opfer, das um seine Rechte bettelt. Ich selbst kann darüber nur den Kopf schütteln, denn es ist hinlänglich bekannt, dass man dadurch nicht besser gesehen, aber schlechter von Autofahrenden behandelt wird. Warum Menschen sich das freiwillig antun und sich wie Clowns im Straßenverkehr bewegen- ich kann es nur vermuten. Fakt ist: Diese Spezies wirft auch ein schlechtes Bild auf alle Normal-Radler, die sich immer öfter anhören dürfen: "Ohne Warnweste gefährdest du dich selber". Selbiges kann man auch über den Helm berichten, wobei hier die Befürworter schon fast sektenartig das Stück Plastik verteidigen.

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