8. Januar 2026

Schlecht geräumte Radwege in Stuttgart

Radfahren im Winter? Nö, das mag Stuttgart nicht so gern. Alle wichtigen Fahrbahnen sind frei von Schnee und Eis, die wichtigen Radwege nur sehr sporadisch. 

Ich musste gestern gegen elf Uhr durch die Stadt nach Cannstatt. Da war ein Räumfahrzeug schon durch meine steile Nebenstraße gefahren und ich durfte annehmen, dass die ebenfalls nicht so prioritären Radstrecken bearbeitet sind. Allemal die Hauptradroute 1. 

Das war aber nicht so, auch wenn die Fahrradstraße Tübinger Straße durch die Innenstadt Hoffnung gemacht hat. Doch aus der Marktstraße musste ich auf den Radweg zum Charlottenplatz einbiegen. Wie muss der ausgesehen haben, als morgens die Radpendler:innen unterwegs waren, wenn er gegen elf noch so aussah? 

Wer auch immer das Räumungskonzept für die die Radfahrenden in Stuttgart entwickelt hat, er oder sie mag weder Radfahrende noch hat eine Ahnung, wo es für sie wirklich gefährlich wird, wenn es glatt ist: bei Abfahrten, in Kurven und dort, wo sie bremsen müssen, also an Ampeln und auf Verkehrsinseln.  

Die Spur auf dem Radweg der Hauptradroute 1 ist nur ein Fahrrad breit, Begegnungsverkehr im Rutschbereich. Eine Stunde später sah es nicht viel besser aus. Auch die Radfahrflächen rund um den Charlottenplatz waren überall dort von Schnee bedeckt, wo kein Auto fährt. Und damit überall im Bremsbereich von Radfahrenden. (Beschleunigen, also Starten geht bei Glätte besser als bremsen.) 

Die Radwege durch den Akademiegarten (Viererbild) waren dann gleich Rutschbahnen. Und für diese Wege gibt es keine Alternative, auf die Radfahrende schnell ausweichen könnten. Falls dort Splitt gestreut wurde, dann so sparsam, dass ich es nicht erkennen konnte. An der Oper vorbei war eine Bahn mit Split gestreut (der Autoparkplatz natürlich schneefrei). Den Ferdinand-Leitner-Steg kam ich gerade so hoch, runter  habe ich über den Fußgängerteil geschoben. Und selbst da wäre mir das Rad fast weggerutscht. An den Reifenspuren (Dreibild weiter unten) sieht man, dass hier geradelt wurde. Ich habe auch Radfahrende gesehen, die diese Rampen runter fuhren, aber bremsen müssen darf man da halt dann nicht. Und mir als älterer Radlerin war das zu riskant. Bisher konnten wir uns wenigstens darauf verlassen, dass auf dem Steg dick Split lag. 

Der Hauptweg im Schlossgarten war dagegen zwar weiß, aber gestreut und recht sorgenfrei zu befahren. Die engen Kurven am Flora&Fauna waren abgetaut, das Radwegsystem dahinter zur König-Karls-Brücke und auf der Brücke selbst war vorbildlich schwarz. 

Und der Ausblick auf die Eissschollen auf dem Neckar ist ein Bonbon auf so einer Radfahrt. Sogar die Rampe runter zum Wasen war von Schnee und Eis befreit, was in manchen Jahren so nicht war. 


Allerdings unten dann, die scharfe Kurve zur Hall of Fame war wiederum nicht gestreut, genauso wenig wie der Neckardam, abgesehen von ein paar Abschnitten, bei denen man sich fragt, wieso die und andere nicht. Und weil der Damm weiß war, wollte ich auf der anderen Neckarseite den Radweg Richtung Münster benutzen und fuhr über den untergehängten Steg rüber. Der Radweg dort ist nagelneu und breit, aber offensichtlich noch nicht ins Streuprogramm der Stadt aufgenommen. Und weil es da bergab geht, habe ich darauf verzichtet, dort zu fahren. 

Das sieht für alles so aus, als ob es für die Räumung der Radwege und die Sicherheit der Radfahrenden im Winter in Stuttgart kein Konzept gibt. Es scheint sich niemand mit Radfahrerfahrung zu überlegen, wie man Radstrecken streuen muss, damit Radfahrende nicht urplötzlich in einer Kurve rutschen und stürzen. Da kann man so langsam sein wie man will, muss man bremsen, rutscht das Hinterrad weg und das Vorderrad hält nicht gegen. Und wenn man auf Verkehrsinseln bremsen muss, weil die nächste Ampel rot ist, sollten die nicht glatt sein. 

In Cannstatt war zwar einschmaler Pfad zum Zebrastreifen schneefrei, nicht aber die Überfahrt zum Radfahrstreifen. Und selbstverständlich waren am Neckartor alle Fahrbahnen schwarz und nass und gestreut, was auch den Schutz- und Radfahrstreifen zu Gute kommt, nicht aber die Verkehrsinseln, über die die Radfahrenden müssen und auch nicht die Einfahrt in den Schlossgarten. Man fährt auf eine Schneefläche, die nur etwas angefressen ist von dem Salz, das die Radreifen hineingetragen haben. Die Kurven um Weg hinter dem Innenministerium waren glatt, der Weg jedoch rätselhafterweise winterdienstliche bearbeitet und gut befahrbar.  

Es wirkt alles ziemlich zufällig. Sind Radwege schon nicht durchgängig durch die Stadt gelegt, so sind sie bei Schnee und Eis selbst nicht mehr durchgängig befahrbar. 

Glücklich übrigens die Radfahrenden, die dort radeln, wo Busse fahren, etwa auf Radfahrstreifen mit Bus frei oder auf der Fahrradstraße am Cannstatter Bahnhof. Da ist bis zur Bordsteinkante alles schnee- und eisfrei. 

Ihr habt die letzten Tage in Stuttgart sicher eure eigenen ärgerlichen Erfahrungen gemacht, wenn ihr mit dem Fahrrad unterwegs wart. Die Stadt hatte eigentlich über den Feiertag hinweg genügend Zeit, sich darauf vorzubereiten, dass am Mittwoch Menschen zur Arbeit wollen und dies mit dem Fahrrad und nicht mit dem Auto. Gut, im Winter radeln weniger, aber es radeln immer noch recht viele und es könnten viel, viel mehr sein, wenn sie sich darauf verlassen könnten, dass ihre Wege nicht plötzlich immer mal wieder Rutschbahnen sind. 





11 Kommentare:

  1. Wenn man halt wenigstens in solchen Zeiten von den Autofahrern auf den Fahrbahnen in Ruhe gelassen würde...

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    1. ja, besonders Berufskraftfahrer sind da besonders schulungsbedürftig, dass selbst Fußgänger die Fahrbahnen nutzen dürfen...

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  2. Es ist jedes Jahr ein Ärgernis und es tut sich einfach genau gar nichts. Nicht zu vergessen: wenn man im dunkeln unterwegs ist (was im Winter ja durchaus auch beim Pendeln der Fall ist), sieht man die Gefahrenstellen noch schlechter. Wenn dann noch die erzieherischen Maßnahmen einiger (weniger) Autofahrer dazukommen, die sich daran stören, dass man auf der geräumten Straße fährt, hat man richtig Spaß.

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  3. Da geht man einfach davon aus, dass bei Schnee nicht Rad gefahren wird. Dann muss man auch nicht räumen.
    Karin

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  4. Wie mittlerweile bei Allem: Deutschland wird täglich asozialer. Nicht mal die Gehwege für Fußgänger werden von den zuständigen Anwohnern geräumt. Interessiert absolut Niemanden. Radwege räumen? Wird als purer Luxus in diesem Land angesehen.

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    1. Aus Sicht des Räumpflichtigen: Es ist den ganzen Tag keiner Zuhause. Wer soll dann räumen? Nachbar? Wie sieht es aus, wenn der Nachbar beim Schneeräumen für den Nachbarn sich verletzt? Also wird abgelehnt. Hausmeisterservice? Komm, wenn er Zeit hat, halt irgendwann, und schon gar nicht mehrfach am Tag. Also muss ich Urlaub nehmen, wenns schneit? Das wäre ja wohl übertrieben. Wenn ich zuhause bin, dann räum ich, wenn nicht, dann nicht.
      Es ist nicht immer mit "einfach assozial" abzutun. Es ist halt heute nicht mehr überall den ganzen Tag jemand zuhause, der das leisten könnte. Da sollte man mal vor der doch recht üblen Kritik erst mal nachdenken. Es ist nicht immer so einfach, wie man es sich selber denkt.
      Karin

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    2. Zur obigen Sicht des Räumpflichtigen: könnte riskant sein...

      Ein promovierter Jurist rutscht auf einem glatten Gehweg aus – und verklagt das angrenzende Hotel. Der Mann macht 37 Millionen Euro Schaden geltend.

      https://www.spiegel.de/spiegel/glatteisunfall-in-berlin-37-millionen-euro-schaden-a-1185457.html

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    3. Haftpflichtversicherung

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  5. Mein Highlight heute morgen auf dem Weg in die Arbeit (Münchner Umland und Stadt München): Rampe die zu einer Unterführung führt, von oben kommend der erste Teil mit Salz gestreut und geräumt (schwarz geräumt) dann in der Mitte: 4cm Schneedecke und nichts mehr. Das ganze ist natürlich eine Kurve und man erkennt den Wechsel erst spät.
    Selbst wenn genau dort eine Grenze von zwei Zuständigkeitsbereichen ist: was soll das?
    Auf dem Rest der Strecke war das Spannenste nicht aus versehen an der Kante zwischen Rad und Fußweg entlang zu schrammen und dadruch zu Fall zu kommen.
    Ich hab es geschafft, eine Radfahrerin in München nicht. Die fällt die nächsten Wochen aus, denn das Handgelenk sah gar nicht gut aus.

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  6. Und zu "guter" Letzt bleibt der inzwischen festgetrampelte Schnee auf den ungeräumten Wegen bei der Schmelze besonders lange als Eis und Matsch mit Dreckpfützen liegen...

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  7. Naja, jedes Jahr das selbe: Es schneit und es wird nicht geräumt. Obwohl seit einigen Jahren immer wieder versprochen wird, dass die Hauptrouten für Fahrradfarhende prioritär geräumt würden. Gibt es da Personen in der Verwaltung, die man zur Verantwortung ziehen könnte? Schon ein bisschen ein Beschiss alles.
    Also ich kann nur empfehlen mit dicken Reifen bei Schnee zu fahren, den Sattel abzusenken, so dass man mit beiden Füssen auf den Boden kommt und äusserst langsam fahren, super dosiert bremsen und beschleunigen. So bin ich bis jetzt immer heil durchgekommen, man muss halt 1.5x mehr Zeit einplanen für die Fahrten, dan man nur sehr langsam voran kommt in dem Fahrstyl.

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