Stuttgart baut seit 15 Jahren die Radinfrastruktur aus mit dem erklärten Ziel, den Radverkehr bis 2030 auf 25 Prozent beim Modal Split zu steigern.
Schließlich hat es 2019 auch einen Zielbeschluss des Gemeinderats dazu gegeben. Anfang März veröffentlichte die die Stadt einen langen Bericht. Demzufolge konnte der Radverkehr zwischen 2017 und 2023 stadtweit trotz aller Bemühungen nur von 8 auf 9 Prozent gesteigert werden. Das ist das Ergebnis einer Befragung, bei der die teilnehmenden Haushalte für einen bestimmten Stichtag danach gefragt werden, welche Wege sie wie zurückgelegt haben. In der Woche radeln demnach deutlich mehr Menschen als am Wochenende, was dafür spricht, dass Fahrräder für Alltagswege genutzt werden, für Fahrten zur Arbeit, zur Schule, zum Kindergarten, zum Einkaufen. 2017 war der Freizeitradelverkehr noch höher. Das Deutschlandticket hat es den Leuten wohl erleichtert, ihre Wochendausflüge mit dem Zug zu machen. Außerdem wurden in Stuttgart vor allem Alltagsradrouten ausgebaut. Allerdings ist 2023 ja nun auch schon wieder drei Jahre her. Die Zahlen sind also nicht aktuell.
Wie wir alle, die wir seit Jahren in Stuttgart Rad fahren, vermutlich bemerkt haben, hat der Radverkehr durchaus deutlich zugenommen. Dies aber wohl vor allem in der Innenstadt, im Stuttgarter Westen und Süden bis Degerloch und Vaihingen. Nach meiner ganz subjektiven Einschätzung stagniert er dagegen eher in Stadtteilen wie Zuffenhausen, Feuerbach, Wangen, Hedelfingen und Ober- und Untertürkheim. Das verwundert nicht, wenn man sich die dortige Radinfrastruktur oder die Anbindungsrouten an den Kessel anschaut. Auch hier wird und wurde zwar spürbar ausgebaut, aber vielleicht nicht so, dass die Radinfrastruktur Vertrauen schafft und das Gefühl von Sicherheit unterstützt. Ein Beispiel dafür ist die Hauptradroute 2 Wangen-Hedelfingen (die 2023 noch nicht fertig war). Auch von Osten nach Degerloch hoch kam man nicht halbwegs stressfrei, der erste Radstreifenabschnitt, der die Hochfahrt auf der Pischekstraße deutlich erleichtert, wurde auch erst 2025 fertiggestellt (Foto oben( und die Zufahrt zum Radstreifen ist immer noch nur was für Hartgesottene. Auch mögen die Radfahrten von Zuffenhausen oder gar Stammheim oder Obertürkheim in die Stadtmitte vielen, die noch nicht viel Rad fahren, zu weit erscheinen, vor allem, wenn sie sich zwischen durch unter die Autos mischen müssen. Da fehlen halt schöne, direkte und durchgängige Radstrecken, auf denen man schnell und ruhig vorwärtskommt. Und auch wenn die Stadt hier und dort herumbosselt, so richtig Sprünge macht der Ausbau der Radinfrastruktur eben auch nicht. Der Bericht führt auf, dass in den Jahren 2023 bis 2025 das Radverkehrsnetz von 359,8 km auf 365,9 km gewachsen ist (also um 5 km). Davon sind laut diesen Angeben 148 km freigegebene Gehwege (Schrittgeschwindigkeitsgebot), die ich nicht zur Radinfrastruktur rechne und die eigentlich nicht zum Radverkehrsnetz gezählt werden dürfen, obgleich sie für viele Radelnde entscheidend wichtig sind. 5,3 km sind reine Radwege, 15 km getrennter Rad- und Gehweg und 121 km gemeinsamer Geh- und Radweg (viel davon im Schlossgarten und auf Strecken entlang des Neckars), was insgesamt 218 km Radrouten mit blauen Schildern ausmacht.Radfahrstreifen auf der Fahrbahn haben wir inzwischen 42 km (3 km mehr als 2023), Schutzstreifen immer noch 24 km (800 m weniger als 2023) und die Länge der Fahrradstraßen hat sich auf 4,4 km verdoppelt. Dass auf ihnen regulär Autos fahren dürfen, entwertet vor allem die Fahrradstraße in Feuerbach, denn da bringen sie Radfahrende in Bedrängnis. Hinzu kommen noch ein paar Kilometer Busspur mit Rad frei oder Radweg mit Bus frei und 3,5 km Piktogrammspuren. Hinzu kommen viele kleinere Baumaßnahmen zur Verbesserung der Situation auf vorhandener Infrastruktur.
Geld wurde auch ausgegeben. Knapp 12 Millionen Euro für investive Maßnahmen betrug das Budget für diese beiden Jahre, die samt Haushaltsübertragungen aus den Vorjahren komplett ausgegeben wurden (Bericht s. 53). Dafür gab es Fördermittel in Höhe von 17 Millionen Euro für den Radverkehr, von denen 7 Millionen bereits vereinnahmt und an die Stadtkasse überwiesen wurden.
Wir wissen aber auch, wie schwierig es ist, in Stuttgart eine radgerechte Infrastruktur hinzukriegen, wenn dafür Fahrspuren oder gar öffentliche Autoabstellstreifen verschwinden müssen. Ich habe oft erlebt, dass gute Vorschläge von der Stadtverwaltung erst vor Ort, dann von den Bezirksbeiräten und in der Folge auch im Gemeinderat abgelehnt wurden, weil der teils irrational laute Protest derer, die Autoabstellplätze in Wohnungsnähe behalten wollten, den Eindruck erweckte, dies sei ein Mehrheitswille. Daran ist beispielsweise ein Radfahrstreifen die Waldburgstraße bergauf Richtung Radschnellweg nach Böblingen (Foto) gescheitert. Die Hauptradroute 2 Wangen-Hedelfingen zeigt, dass ein Kompromiss zwischen Protest und Radkultur zu einer praktisch unbefahrbaren - oder eben nur von Unerschrockenen befahrbaren - Radinfrastruktur führt. Wenn aber Radstreifen und Radwege lückenhaft sind, immer wieder aufhören, vor schwierigen Kreuzungen enden oder die sicheren und bequemen Zufahrten zu Radstraßen oder Radwegen fehlen, dann animiert das die die Zögerlichen nicht, das Fahrrad anstelle des Autos zu nehmen.Radinfrastruktur muss aber zum Radfahren verführen, und zwar diejenigen, die aus dem Auto heraus im Stau auf vorbeisausende vergnügte Radfahrende blicken können. Sie muss sichtbar sein. Und sie muss immer und überall durchgängig sein, sich sicher anfühlen und sicher sein. Nur dann steigen auch die Ängstlicheren aufs Fahrrad. Das Potenzial liegt bei mindestens 50 Prozent einer Stadtbevölkerung.




Manchmal frage ich mich, woher du (angesichts solcher Zahlen) die Kraft nimmst für deine unermüdliche Arbeit hier.
AntwortenLöschenDer Blogpost von C. Lehmann ist ein Fixpunkt bei mir, und motiviert mich immer wieder, auch weiter an eine Veränderung zu glauben.
Viele Radverkehrsblogs in mehreren Ländern, denen ich gefolgt bin, haben aufgehört, wegen des zu großen Arbeitsaufwands für keine oder kaum Resultate. Einige davon machen irgendwie auf sozialen Medien weiter, wo ich nicht bin. Die veränderte Medienlandschaft ist sicher mitverantwortlich dafür, aber für mich ersetzt nichts das längere Format, wie du es hier pflegst.
Ich kann dir, mir und uns allen nur wünschen, dass du weiter so unermüdlich bleiben kannst !
Danke liebe:r werauchimmerdubist. Das tut gut! 💜
LöschenIch schließe mich da einfach mal an. Ein sehr wichtiges Sprachrohr für alle auf dem Fahrrad! Danke!!
LöschenDanke schön.
LöschenSchön, dass sich wenigstens etwas in die richtige Richtung tut. Wenn auch nur wenig. Gerade mal ein paar mickrige Kilometer in 2 Jahren ...
AntwortenLöschenEin Horror für mich sind die sogenannten "Schutzstreifen". Eigentlich eher "Todesstreifen": die animieren die KFZ-LenkerInnen zum knapp überholen. Es gibt ja eine Trennungslinie und jeder hat seine Breite. Nur der Abstand fehlt halt.
Am schlimmsten der in Luginsland, der einfach zwischen parkende Autos und Fahrbahn "gequetscht" wurde. Genauso wird man dann dort überholt.
Fahrradstreifen Luginsland, das kann eigentlich nur die Kappelberg-/ Fellbacher Str. sein! Da gibt es Fahrtrichtung Fellbach hoch einen Sftreifen. Der ist wirklich sehr schlecht und gefährlich!
LöschenAlktuell wird in der Kappelbergstaße gebaut. Aber obwohl von vielen Anwohnern schon lange gefordert wird weder Tempo 30 kommen, noch wird es eine Verbesserung für den Radverkehr geben! Ich empfinde das als sehr entäuschend und auch ärgerlich! Die Straße war lange mein täglicher Weg zur Arbeit, viele Schüler radeln da und auch sonst sind da viele Radfahrer unterwegs.
Sandy
Danke
LöschenIch habe das gesehen, dass die Stuttgarter Zeitung schon berichtet hat, sinngemäß: "Radverkehr nicht gestiegen, obwohl Unsummen investiert wurden." Das ist doch Bullshit! Wenn man sich z.B. die Zählstelle Böblinger Straße anschaut, - die zählt seit 2014 (!) - dann hat sich der Alltagsverkehr (wenn man sich z.B. November anschaut, der, wie ich vermute, für Alltagsverkehr aussagekräftiger ist als die Sommermonate) nahezu verdoppelt seit 2017!
AntwortenLöschen(Übrigens, die Zählstelle zählt anscheinend seit September 2025 die "In"-Richtung nicht mehr richtig - ist das der Verwaltung bekannt?)
VG, Philipp
Bei der StZ published man gefühlt eh nur noch eigene Artikel wenn sie versprechen irgendwelche negativen Reaktionen (Empörung, Wut) zu generieren. Da wird ja teilweise auf inhaltlicher Ebene alles so krumm gebogen, das man auch gleich BILD lesen kann.
LöschenDie restlichen Artikel kommen aus dem DPA-Feed und dann wundert man sich dass alle paar Monate im Redaktionsteam die Stellen zusammengekürzt werden.
Philip, welche Straße in Luginsland meinst du genau?
LöschenWarum?
AntwortenLöschenErschreckend, dass das 'Grün' regierte BW immer noch am falschen Meßwert 'Radverkehrsanteil' festgepappt ist.
Warum?
Welche Interessen, welche Lobbyisten verhindern, dass die korrekten Zielwerte 'Verminderung der MIV-Dichte' und 'Verringerung der MIV-Fahrleistung' gewählt werden?
Und ja:
die aus umwelt- und klimapolitischer Perspektive korrekten Zielerreichungsgrößen würden Konsequenzen haben müssen auf die Gestaltung der sogenannten 'Radinfra' bzw. - sachlich korrekt ausgedrückt - der Verkehrsinfrastruktur. Es bräuchte längst und endlich eine Abkehr von der autogerechten Radverkehrsförderung a la NL, und die konsequente Entwicklung hin zu einer umwelt- und klimagerechten Förderung des Radverkehrs im Rahmen einer integrierten Förderung des Umweltverbundes.
Der bisherige 'Grüne' Pfad von Antriebswende statt Verkehrswende und mehr Radverkehr im Einwohner-Wege-Modalsplit statt Reduktion des MIV ist definitiv nicht zukunftsgerecht.
Die Klima- und Umweltbewegten sollten das Irrlicht des 'Radverkehrsanteils' nicht länger als benchmarking akzeptieren!
Alfons Krückmann
Kleine Ergänzung um Mißverständnisse zu vermeiden:
Löschenes macht durchaus Sinn AUCH den Einwohner-Wege-Modalsplit weiter zu erheben und zu beobachten, aber halt NICHT als Zielerreichungsgröße für Umwelt- und klimagerechte Entwicklung von Mobilität/Verkehr.
Zu beachten ist dabei übrigens auch das Fehlen der Fehlerabschätzung. Realistisch wären wohl oft die Fehlerbalken der Befragungsauswertung größer als die Schwankungen. Nicht selten gibt es in den Zeitreihen erhebliche 'Ausreißer', die nicht vom realen Verkehrsgeschehen gedeckt sind.
Zählstellendaten an relevanten Orten müssen ergänzend herangezogen werden.
Augsburg kann anscheinend mehr als Stuttgart (leider Bezahlschranke) https://www.augsburger-allgemeine.de/augsburg/bekommt-die-stadt-augsburg-20-kilometer-neue-fahrradstrassen-113731868
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