23. Mai 2026

Pluralistische Ignoranz und Radfahren

Das Wort pluralistische Ignoranz bedeutet, dass man selber denkt, die Mehrheit der Menschen verhalte sich anders - meist asozialer - als man selbst. Tatsächlich aber ticken in den meisten Fällen die meisten Menschen so wie man selber auch. 

Dieser Fehleinschätzung begegnen wir Radfahrenden sehr oft und wir begehen sie auch oft.  Beispiel: Ein Radler (es hätte auch eine Fußgängerin sein können) erklärt mir, an den Zebrastreifen in der Eberhardstraße halte doch kein Radler an. Gefragt, ob er selbst immer anhält oder zumindest langsam tut, damit Fußgänger:innen rüber können, bekräftigt er absolut glaubwürdig, natürlich bremse er und halte auch. So auch ich. Ich mache immer langsam, sodass alle, die wollen, über den Zebrastreifen gehen können, und halte gegebenenfalls an. Abgesehen von den Fällen, wo eine Verkehrssituation mich den Fußgänger nicht rechtzeitig hat wahrnehmen lassen oder wo ich seine Gehabsicht falsch eingeschätzt habe. Passiert sicher nicht nur mir, sondern auch anderen. 

Tatsächlich beachten die allermeisten Radfahrenden Fußgänger:innen an den Zebrastreifen. Ich habe sehr viel Zeit an den Zebrastreifen in der Eberhardstraße zugebracht und festgestellt, dass die Situation ausgesprochen friedlich ist, Fußgänger:innen und Radfahrende geraten nur höchst selten in Konflikte. (Ich weiß aber auch von einem Fall, wo ein Mann einen Radler vom Rad gerissen hat, der auf dem Zebrastreifen zu eng an ihm vorbei fuhr, kommt also auch vor.) Natürlich sehen wir gelegentlich Radfahrende, die einer Person zu Fuß den Vorrang nehmen und knapp vor ihr über den Zebrastreifen fahren oder darauf setzen, dass sie kurz wartet. Das ist nicht gut. Aber das sind nicht "alle" und es ist nicht einmal die Mehrheit. 

Die meisten Radfahrenden geben durchaus zu, wenn man sie fragt, dass sie nicht immer alle Verkehrsregeln beachten, das geben allerdings auch die meisten Autofahrenden zu. Ich vermute, nur wenige Radfahrende werden von sich sagen, dass sie selbst rücksichtslose Radler:innen seien. Dass die anderen rücksichtslos seien, ist hingegen schnell mal gesagt. Man selbst natürlich nicht. Rücksichtslos sind immer die anderen. In Wahrheit ist es so, dass jede:r einzelne von uns gelegentlich mal rücksichtslos ist und die anderen nicht so oft, wie wir denken. Die Mehrheit - also auch wir - gibt sich Mühe, sich sozialverträglich zu verhalten, wenn es auch nicht immer gelingt. Und manchmal - insbesondere im stark geregelten Straßenverkehr - setzen wir alle uns über die jeweils geltende Regel hinweg, weil wir für uns selbst einen triftigen Grund dafür anführen können. 

Es gibt noch eine Reihe weiterer Verzerrungen, mit denen es wir Radfahrenden zu tun haben. Eine davon ist die selektive Wahrnehmung. Sie führt dazu, dass die meisten von uns Autos sehen, aber Radfahrer:innen (und Stadtbahnen) eher ausblenden. Wir Radfahrenden müssen jedenfalls immer gewärtig sein, dass ein Autofahrer, der rechts abbiegen will, uns nicht sieht, obgleich er uns gerade eben überholt hat. Auch das ist nicht die Mehrheit, die allermeisten passen auf. Ab es reicht halt einer, um uns beim Abbiegen totzufahren. Bei einer linksabbiegenden Person am Steuer eines Autos ist das Risiko, dass sie uns auf dem Fahrrad nicht sieht, noch etwas größer, weil ihre Aufmerksamkeit von mehr Dingen abgelenkt wird, als beim Rechtsabbiegen. 

Außerdem neigen wir dazu, Informationen so zu selektieren, dass sie unsere Auffassung bestätigen. Ebenso valide Gegenargumente werten wir ab. Es gibt Menschen, die suchen nur die Bestätigung, dass Radfahrende alle irgendwie Rüpel sind, und sehen die vielen Radfahrenden nicht, die nicht bei Rot über eine Ampel fahren. Wir nennen das Vorurteil, die Wissenschaft Confirmation Bias. 

Ach ja, und dann gibt es noch die Verlustaversion. Sie bedeutet, dass wir emotional einen Verlust höher gewichten als einen Gewinn in gleicher Höhe. Der Verlust von 100 Euro schmerzt uns mehr als uns der Gewinn von 100 Euro freut. Wir geben ungern her. Unser Festhalten an Autos und autozentrierter Mobilität mag also auch damit zu tun haben, dass es uns schwer fällt, den Gewinn  für wertvoll zu halten,  der ein Verzicht aufs Auto und der Umstieg aufs Fahrrad in vielen Alltagslebenslagen mit sich bringen würde. Was wir bekommen, nämlich Gesundheit, Vergnügen, entspanntere öffentliche Räume, eine sozialere Umgebung, Geldersparnis und Gewinn von Autonomie bewerten wir geringer als den schlichten Besitz eines eigenen Autos und dessen Benutzung. 


1 Kommentar:

  1. Liebe Christine,
    vielen Dank für diesen klugen und fundierten Post.
    Thomas

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