Das Wort pluralistische Ignoranz bedeutet, dass man selber denkt, die Mehrheit der Menschen verhalte sich anders - meist asozialer - als man selbst. Tatsächlich aber ticken in den meisten Fällen die meisten Menschen so wie man selber auch.
Tatsächlich beachten die allermeisten Radfahrenden Fußgänger:innen an den Zebrastreifen. Ich habe sehr viel Zeit an den Zebrastreifen in der Eberhardstraße zugebracht und festgestellt, dass die Situation ausgesprochen friedlich ist, Fußgänger:innen und Radfahrende geraten nur höchst selten in Konflikte. (Ich weiß aber auch von einem Fall, wo ein Mann einen Radler vom Rad gerissen hat, der auf dem Zebrastreifen zu eng an ihm vorbei fuhr, kommt also auch vor.) Natürlich sehen wir gelegentlich Radfahrende, die einer Person zu Fuß den Vorrang nehmen und knapp vor ihr über den Zebrastreifen fahren oder darauf setzen, dass sie kurz wartet. Das ist nicht gut. Aber das sind nicht "alle" und es ist nicht einmal die Mehrheit.
Die meisten Radfahrenden geben durchaus zu, wenn man sie fragt, dass sie nicht immer alle Verkehrsregeln beachten, das geben allerdings auch die meisten Autofahrenden zu. Ich vermute, nur wenige Radfahrende werden von sich sagen, dass sie selbst rücksichtslose Radler:innen seien. Dass die anderen rücksichtslos seien, ist hingegen schnell mal gesagt. Man selbst natürlich nicht. Rücksichtslos sind immer die anderen. In Wahrheit ist es so, dass jede:r einzelne von uns gelegentlich mal rücksichtslos ist und die anderen nicht so oft, wie wir denken. Die Mehrheit - also auch wir - gibt sich Mühe, sich sozialverträglich zu verhalten, wenn es auch nicht immer gelingt. Und manchmal - insbesondere im stark geregelten Straßenverkehr - setzen wir alle uns über die jeweils geltende Regel hinweg, weil wir für uns selbst einen triftigen Grund dafür anführen können.
Es gibt noch eine Reihe weiterer Verzerrungen, mit denen es wir Radfahrenden zu tun haben. Eine davon ist die selektive Wahrnehmung. Sie führt dazu, dass die meisten von uns Autos sehen, aber Radfahrer:innen (und Stadtbahnen) eher ausblenden. Wir Radfahrenden müssen jedenfalls immer gewärtig sein, dass ein Autofahrer, der rechts abbiegen will, uns nicht sieht, obgleich er uns gerade eben überholt hat. Auch das ist nicht die Mehrheit, die allermeisten passen auf. Ab es reicht halt einer, um uns beim Abbiegen totzufahren. Bei einer linksabbiegenden Person am Steuer eines Autos ist das Risiko, dass sie uns auf dem Fahrrad nicht sieht, noch etwas größer, weil ihre Aufmerksamkeit von mehr Dingen abgelenkt wird, als beim Rechtsabbiegen.


Liebe Christine,
AntwortenLöschenvielen Dank für diesen klugen und fundierten Post.
Thomas