Kann mal jemand den Autofahrenden sagen, dass ihnen nicht die gesamte Stadt einschließlich aller Fußgängerzonen, Radfahrstreifen, Gehwege und Fahrradstraßen gehört und sie uns einfach vertreiben dürfen?
Auf Tausend Metern zwischen Charlottenplatz und Cottastaße hatte ich an einem Freitag im Mai gleich drei Begegnungen der dritten Art, die mir wieder mal deutlich gemacht haben, wo mein Platz in der Stuttgarter Verkehrswelt ist - nicht dort, wo ein Autofahrer gerade lang will - und dass ich die Fresse halten soll.
Nur ein paar Tage davor hatte mich als Fußgängerin der Fahrer eines Kleintransporters in der Eichstraße und Fußgängerzone hinterm Rathaus angehupt, damit ich ihm Platz mache (Foto oben). Er wollte nicht in Schrittgeschwindigkeit hinter mir her fahren. Dabei darf er in der Fußgängerzone überhaupt nicht fahren. Als er den Motor aufjaulen ließ, um rechts an mir vorbei zu preschen, bekam ich Angst, weil der Platz nicht gereicht hätte, drehte mich um und wich aus. Er hatte so viel Zeit dann doch, anzuhalten, das Seitenfester runter zu lassen und mich anzupöbeln, ich hätte Platz zu machen. "Das ist eine Fußgängerzone", sage ich. "Halt die Fresse!", sagte er und gab Gas.
Am Freitagmittag dann fahre ich mit dem Fahrrad von der Ampel am Charlottenplatz über die Planie auf den Radweg Holzstraße. In der Ausfahrt Dorotheenstraße steht ein Taxi quer über dem Radweg, kein Fahrer im Auto. Daneben vier Leute mit abgestellten Fahrrädern. Eine Frau sitzt auf einem Stuhl, offensichtlich am Bein verletzt. Sie reden auf Englisch, ein Mann macht den Übersetzer und sagt ihnen, sie müssten selber entscheiden, ob sie die Polizei holen wollen oder ob sie sich darauf verlassen, dass die Versicherung alles regelt. Ich sage leise zu einer Frau: "Polizei holen!" Der Taxifahrer blafft mich an, das gehe mich nichts an, ich solle verschwinden. (Was da passiert ist, weiß ich nicht, und wir sollten auch nicht spekulieren.)Ich radle weiter nach rechts in die Marktstraße hinein und biege an der Breuningerecke mit der Baustelle in die Eberhardstraße ein. Vor mir fährt sehr langsam ein teures weißes Auto mit Offenburger Kennzeichen, das da überhaupt nicht hätte einbiegen und fahren dürfen. Es fährt so langsam,, dass er mich und den gesamten Radverkehr blockiert, vor zur Kreuzung Nadlerstraße/Dornstraße. Dabei fährt er mittig auf der Fahrbahn. Geradeaus darf der Fahrer nicht fahren, da steht ein Einfahrtverbootschild. Er zögert. Es sieht so aus, als werde er nach links in die Dornstraße abbiegen. Immerhin steht hier ein Verkehrszeichen, dass Links-Abbiegen gebietet. Er hält jedoch das Auto ganz an. Ich halte ebenfalls an seinem rechten Heck an. Ich könnte - wenn das Auto steht - rechts vorbei radeln, tue es aber nicht. Gut so: Denn, ohne den Blinker zu setzen, zieht er unvermittelt nach rechts in die Nadlerstraße. Ich schreie. Der Beifahrer kurbelt das Fenster runter, und ich sage: "Sie haben nicht geblinkt und hätten mich beinahe umgefahren. Und außerdem dürfen sie hier gar nicht fahren, das ist eine Fahrradstraße. Er sagt: "Halt die Fresse!" Der Fahrer biegt dann nach rechts über den Gehweg in die Nadlerstraße ein, die zu diesem Zeitpunkt noch Umleitungsstrecke und Ausfahrt aus der Streistraße war. Ein Autofahrer, der zur Dornstraße rausfahren will, muss sogar auf dem Gehweg zurücksetzen, damit der im weißen Bolide da einbiegen kann.
Und zum Abschluss meiner Radfahrt steht dann auch noch, wie üblich, das Postauto auf dem Aufstellplatz und Radstreifen an der Ampel Cottastraße bergauf, und ich habe keinen Platz dort.


Das ist ganz konkret das alltäglich sich manifestierende, sorgfältig geschaffene gesellschaftliche Klima, in dem der Stärkere immer Recht hat (und demnach der Schwächere die Fresse zu halten), in dem nach und nach sämtliche Regeln und Systeme des gesellschaftlichen Zusammenhalts und Ausgleichs weggemeißelt werden.
AntwortenLöschenUnd die Politiker eines breiten Spektrums von rechtsextrem bis in die Mitte von SPD und Grünen macht dabei aktiv mit.
Ich erlebe fast täglich Konflikte in ähnlicher Form, wenn ich zu Fuß unterwegs bin. Beschimpfungen im Stil von „Halt die Fresse“ durch Radfahrer gehören dabei ebenso zum Alltag wie Radfahrer, die auf dem Gehweg direkt auf mich zufahren und mich zum Zur-Seite-Springen zwingen. Und das auf Gehwegen, die nicht einmal mit „Rad frei“ freigegeben sind.
AntwortenLöschenVielleicht sollten wir uns die Pauschalisierung „die Autofahrenden“ noch einmal überlegen. Oder wir ergänzen: Kann mal jemand den Radfahrenden sagen, dass ihnen nicht alle Gehwege, Fußgängerzonen und Parks gehören?
Vielleicht liegt es an der Region, aber das ist in diesem Mass ("täglich") in meiner Lebenserfahrung nicht nachvollziehbar. Allerdings mit Ausnahme von Urlaubsregionen, und dort sind die Konflikte in der Ausprägung meist mit Personen die ganz offenkundig sonst nicht Rad fahren. Dort und, sollte es dein Alltag sein, verurteile ich das Verhalten selbstverständlich. Generell würde ich auch lieber antisoziales Verhalten flächendeckend abstellen können.
LöschenUnabhängig davon ist das "dich zum zur Seite Springen zwingen" mit dem Rad, dem Auto, dem LKW oder auch nur zu Fuß doch jeweils eine unterschiedliche Bedrohung, oder nicht? Ich würde sogar sagen, dass die Wahrscheinlichkeit von mit Rad bei so einer Gelegenheit bewusst angefahren zu werden geringer ist, als von einem Fußgänger, einfach aus Sicht dessen Verletzungsrisikos bei der Aktion.Einen echten Zwang sehe ich also in beiden Fällen eigentlich nicht. Dieses Verletzungsrisiko ist nun bei Kraftfahrzeugen einfach gar nicht mehr gegeben, wodurch sich hier einfach eine andere Qualität ergibt. Ich würde auch Beschimpfungen anders bewerten, wenn das gegenüber gerade ein tödliches Werkzeug dabei hat und zeigt -- was auch vom Gesetz entsprechend bewertet ist.
Zuletzt: ich weise wesentlich eher Radfahrende zurecht, die am falschen Ortfahren, als Fußgänger (nicht weil es mehr oder weniger Verstöße gibt).
Liebe:r I.K. Das Thema Fußgänger:innen und Radler:innen behandle ich übermorgen. Es geht nicht die ganze Welt in einen Post.
Löschen@Anonym (14. Juni 2026, 12:44)
LöschenDass das Verhalten nicht in Ordnung ist, darüber scheinen wir uns ja einig zu sein. Mir fällt in solchen Diskussionen allerdings häufig auf, dass nach dieser Feststellung sehr schnell die Frage der relativen Gefährlichkeit in den Mittelpunkt rückt. Dadurch gerät die ursprüngliche Frage, ob das konkrete Verhalten gegenüber Fußgängern akzeptabel ist, oft wieder in den Hintergrund.
Egal ob Auto vs. Fahrrad oder Fahrrad vs. Fußverkehr: Letztlich liegt es doch daran, dass die vielen Regeln von der Polizei oder dem Ordnungsamt nicht durchgesetzt werden. Bei mir hier in Tübingen kann ich es nicht mehr hören, wenn die Verantwortlichen sich immer nur herausreden, wieso sie bei Regelverstößen nichts machen können. Aber gleichzeitig überall noch mehr Schilder aufstellen, alles noch komplizierter machen und noch mehr Regularien in die Welt setzen.
AntwortenLöschenKein Wunder, wenn das als Brandbeschleuniger für die Rechten wirkt - die dann am Ende noch dreister gegen die Regeln verstoßen...
Der Sprung von „Regeln werden nicht durchgesetzt“ zu „das fördert die Rechten“ erschließt sich mir nicht. Weshalb sollte das nicht genauso Menschen aus der Mitte oder dem linken Spektrum betreffen?
Löschen(Ich bin nicht Autor von oben) Auf der einen Seite ist das sogenannte "Recht des Stärkeren" ein Kern rechter und auch konservativer Weltanschauung. Auf der anderen Seite unterfüttert die schlechte Durchsetzung von Regeln natürlich die Erzählung vom staatlichen Scheitern die in dieser Spielart von Rechtsaußen zur Begründung für einfache Lösungen) verbreitet wird.
LöschenWarum sollte das „Recht des Stärkeren“ ein spezifisch rechtes oder konservatives Prinzip sein? Politische Gewalt, Einschüchterung und der Versuch, rechtmäßige Veranstaltungen oder politische Gegner mit Druck oder Gewalt zu verhindern, finden sich nicht nur rechts. Das spricht eher für ein allgemeines Problem politischer Radikalisierung als für ein Alleinstellungsmerkmal einer bestimmten politischen Richtung.
LöschenMit der Ausgangsfrage des Artikels (Umgangston, Regelverstöße und Rücksichtnahme im Straßenverkehr) hat das inzwischen allerdings nur noch am Rande zu tun.
"Mit Druck oder Gewalt", klar, mit der Gleichsetzung wird ein Hufeisen draus.
LöschenHufeisentheorie, klar. Aber einfache Frage: Sind Druck und Gewalt zur Durchsetzung eigener Ziele nicht genau das, was man mit „Recht des Stärkeren“ verbindet?
LöschenIch habe nicht von politischer Gewalt usw. gesprochen, sondern hier nur vom "Recht des Stärkeren". Die Vorstellung natürlicher Hierarchien und Ungleichheiten spielt in vielen rechten und konservativen Ideologien eine größere Rolle als anderswo. Das heißt klar nicht, dass jemand die/der das tut politisch irgendwo steht -- das wäre nicht nur logisch falsch, sondern auch eindimensional.
LöschenIch meine, die bewusste Akzeptanz des "Rechts des Stärkeren" als Handlungsgrundlage verweist auf die Annahme "natürlicher Hierarchien" und ist damit eine rechte und/oder konservative Sache.
Wenn es aktuell zum Beispiel ok ist das BAFöG nicht anzupassen, weil es auch ohne die Betroffenen noch genug Studenten gibt, ist das auch ein Ausdruck angenommener natürlicher Hierarchien und würde vermutlich aus anderer Richtung nicht so kommen.
Automobilismus und rechte bzw. faschistische Ideologie sind seit Bestehen/Entstehen des Automobilismus in enger Symbiose verbunden.
LöschenStartpunkt war der italienische Futurismus mit seiner excessiven Autobegeisterung, der nahtlos in den Mussolini Faschismus überging und uns die 'Autobahn' (autostrada) und den Tempo/PS-Wahn bescherte.
Kurz drauf folgte in Deutschland der Hitler-Faschismus mit seiner Autobegeisterung, dem Autobahnbau, den 'Silberpfeilen' nebst arischer Überlegenheitsideologie, etc..
In den USA war es Henry Ford, der heute als Autobaupionier bewundert wird, welcher aber - heute nicht gern gehört - eine breite NAZI-Bewegung mit allem 'zipp und zapp', mit großen Aufmärschen unter dem Hakenkreuz, deren Filmdokumente eher Nürnberg oder Berlin vermuten lassen, und nicht die US-Autostadt, organisierte.
Die Verbindung von rechter/menschenfeindlicher Ideologie und Automobilismus besteht bis heute fort.
Alle rechten Parteien favorisieren den Autoverkehr, alle aggressiven Automobilisten (naja evt. auch nur fast alle?) zeigen rechts-autoritäre Einstellungsmuster. Auch subkulturell lassen sich Unterschiede festmachen, etwa in den politisierten 60/70er Jahren, wo in der links-ökologischen Kultur eher VW-Bulli, Ente und R4 in einer Art von Autoromantik und 'Van-life' dominierten, während die Rechte und die bürgerliche Mitte eher auf PS und Biederkeit setzten, die militante Rechte auf Gefährte mit militärischer Anmutung.
In der Designsprache des Automobilbaus lässt sich diese Tendenz ebenfalls beobachten, der 'böse Blick' der Frontpartie, die Raubtieranmutung übermotorisierter 4-rädriger Geschosse, und/oder die Bulldozer-artige oft als 'Panzer' charakterisierte Gestaltung der beliebten 'SUV' sind nicht nur Spiegel der gesellschaftlichen Befindlichkeiten (Militarisierung, SUV als 'Versicherheitlichung' des Individuums mit gleichzeitiger Drohgebärde gegen das Kollektiv der 'Anderen', evtl. auch Trutzburg der ökonomisch und sozial verunsicherten zunehmend atomisierten/ausgelieferten Einzelnen), sondern zugleich fetischisierter Verstärker ebendieser.
Nicht zufällig lässt sich der faschistoide, dem Rechtsextremismus gegenüber offene Teil des Kleinbürgertums von Aktionen mit explizit automobilistischem 'Hebel' wie > https://de.wikipedia.org/wiki/Fridays_for_Hubraum < aktivieren.
Aus psychoanalytischer Perspektive mögen bei der automobilen Machtausübung und der institutionellen Verfestigung (jay-walking -> Gesetzgebung, etc.) Prozesse von 'projektiver Identifizierung' eine Rolle spielen, wie sie zB aus der Geschichte der Hexenverfolgung bekannt sind.
Auch in den diversen Aufstellungen für alternative Mobilitäten (Umweltverbund, ...) lassen sich rechts/links Unterschiede bzw. unterschiedliche Grade der automobilistischen Infizierung ('Virus Auto') recht deutlich verorten:
der automobilistische Ansatz funktionalisiert den Umweltverbundverkehr eher als pragmatisch notwendige Ergänzung zum weiter wachsenden Autoverkehr, der ja ohne Aufwachsen des effizienten flächensparsamen Umweltverbundverkehrs bei den städtischen Kurzstrecken an sich selbst zu ersticken droht (autogerechte pseudo 'Verkehrswende'), während eher 'linke' und/oder ökologische Ansätze den Autoverkehr möglichst weitgehend durch den Umweltverbundverkehr ersetzen wollen (umweltgerechte/menschengerechte/sozial gerechte /gendergerechte Verkehrswende) und eher Reduktion von MIV-Dichte und Fahrleistung zielsetzen.
Kurzum:
Genese und Ausformung von automobiler Gewalt ist schlüssig in die Analyse von 'Rechtsruck' integrierbar.
(sehr lesenswert dazu auch der aktuelle Ansatz von Eva Redecker über die Begrifflichkeit von 'Phantombesitz', auch wenn dabei nicht explizit auf den Automobilismus verwiesen wird).
Alfons Krückmann
Scheinbar werden hier historische Korrelationen, kulturelle Symboliken und politische Präferenzen miteinander vermischt. Dass Futuristen autobegeistert waren, Hitler Autobahnen bauen ließ oder Henry Ford antisemitische Ansichten vertrat, belegt zunächst, dass das Automobil für bestimmte politische Bewegungen und Personen zumindest teilweise eine besondere Bedeutung hatte. Daraus folgt aber nicht ohne Weiteres, dass Automobilismus als solcher eine rechte oder faschistische Ideologie darstellt.
LöschenAndernfalls müsste man konsequenterweise zahlreiche Alltagspraktiken anhand ihrer historischen Anhänger politisch codieren. Das erscheint methodisch problematisch.
Wenn bereits eine positive Haltung zum Automobilverkehr, Autobahnen oder automobil geprägte Verkehrspolitik als Indiz für eine rechte Grundierung gelten sollen, dann wären große Teile der Bevölkerung, nicht unerhebliche Teile der politischen Linken und vermutlich auch manche Grünen überraschend nah am Faschismus.
Natürlich ist der Automobilismus eine rechte Ideologie. Er steht dem Gemeinwohl diametral gegenüber, und ist somit rechts.
LöschenWenn Automobilismus deshalb rechts sein soll, weil er dem Gemeinwohl entgegensteht, folgt daraus doch zumindest, dass Gemeinwohlschädlichkeit für dich ein hinreichendes Kriterium für „rechts“ ist.
LöschenDas erscheint mir als politische Theorie etwas schlicht. Gemeinwohl und politische Verortung dürften keine deckungsgleichen Kategorien sein. Auch im linken Spektrum findet man Handlungen und Positionen, die sich nur schwer als gemeinwohlförderlich beschreiben lassen.
Ist das so?
LöschenLetztlich handelt es sich um Alltagsdarwinismus. Kommt sicher häufiger im rechten wie im linken Spektrum vor, aber pauschalisieren kann man das nicht. Autofahrer können manchmal schon richtige Spaßbremsen sein. Gerade diejenigen, die selber durchaus ihren Spaß haben möchten.
AntwortenLöschenDanke für eure Kommentare und Gedanken.
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