23. August 2026

Mich angeschaut und trotzem übersehen?

In der Presse ist gern von "übersehen" eines Radfahrers oder einer Radfahrerin die Rede. Es gibt Hinweise darauf, dass viele Autofahrende uns nicht sehen, weil sie uns nicht auf dem Schirm haben. Aber selbst, wenn sie uns anschauen, haben sie uns manchmal nicht gesehen. 

Alle Autofahrenden haben gelernt, andere Autos zu sehen, auch im Augenwinkel und im Rückspiegel. Denn wenn es kracht, haben sie mindestens einen Blechschaden und viel Ärger. Autofahrende respektieren andere Autofahrende sehr. Aber schon bei Stadtbahnen versagt dieser selektive Respekt bei nicht wenigen völlig. Sonst könnte es nicht im Schnitt jede Woche passieren, dass ein Autofahrer oder eine Fahrerin beim verbotenen Abbiegen über Stadtbahngleise die riesige gelbe Stadtbahn "übersieht", also nicht sieht und reinkracht. 

Mir fällt aber auch auf, dass manche Autofahrende mich manchmal durchaus sehen - sie haben das Gesicht mir zugewandt -, und sich trotzdem so verhalten, als hätten sie mich nicht gesehen. Es kommt zu einer eigenartigen paradoxen Reaktion: Sie sehen mich und nehmen mir die Vorfahrt. (Das Foto oben zeigt eine gefahrlose Situation.) 

Zwei solcher Situationen hatte ich zufällig an einem Tag auf einer Radfahrt. 

Ich radle stadteinwärts die Reitzensteinstraße lang, die zwischen der Cannstatter Straße und der Neckarstraße verläuft und sogar als Radstrecke ausgewiesen ist, aber extrem selten von Rädern befahren wird. An einer Stelle hat das Rote Kreuz aus meiner Sicht rechtsseitig senkrechte Stellplätze für seine Fahrzeuge. Ich sehe, dass jemand mit so einem Rotkreuzauto sich quer zur Fahrbahn stellt, um rückwärts auf den Stellplatz zu fahren. Eigentlich hätte ich genügend Raum, zwischen dem Parkplatz und dem Heck des Autos auf der Fahrbahn durchzuradeln. Die Fahrerin schaut auch zu mir her, doch statt kurz abzuwarten, bis ich durch bin, setzt sie plötzlich zurück und schließt die Lücke. Ich muss bremsen und anhalten. Ich mache eine fragende Geste. Sie lässt das Seitenfenster runter und sagt: "Ich habe Sie gesehen." Ich bin verblüfft und sage: "Dann hätten Sie doch warten müssen, ich habe auf der Fahrbahn Vorrang vor ein- oder ausparkendem Verkehr." Sie wiederholt: "Ich habe sie aber doch kommen sehen." Und ich wiederhole meinen Part und setze hinzu: "So sind die Verkehrsregeln." Sie wünschte mir bissig einen schönen Tag. 

Ich frage mich, was in ihrem Kopf vorging, als sie mich mit dem Rad kommen sah. Dachte sie, ich sei noch lange nicht da? Auch wenn sonst die Geschwindigkeit von Radfahrenden drastisch überschätzt wird, unterschätzen Autofahrende sie oft im Querverkehr. Oder dachte sie, wenn sie mich gesehen hat, dann hätte auch ich sie gesehen und würde anhalten, weil sie ein Manöver mit dem Auto vorhat? Mir kam es wie eine Art Blackout, eine Fehlschaltung im Gehirn vor. 

Als ich dann eine Viertelstunde später an den Kreisverkehr Olgastraße komme (bedrängt von Fahrern sehr teurer Autos, die mich unbedingt überholen wollen) und in den Kreisverkehr einfahre, sehe ich von rechts, die Wilhelmstraße herauf, ein Auto kommen, ziemlich schnell. Ich bin misstrauisch und bremse etwas ab, falls er - ohne mich zu sehen - in den Kreisverkehr reinfährt. Er sieht mich aber. Ich schaue im in die Augen. Er reduziert auch seine Geschwindigkeit, ich denke, er hält jetzt an, und trete wieder in die Pedale. Doch da beschleunigt er plötzlich und fährt knapp vor mir in den Kreisverkehr. Diesmal muss ich ziemlich heftig bremsen (in Sorge, dass der eilige Porschefahrer hinter mir, in mich reinfährt). Der Fahrer bemerkt seinen Fehler, hebt entschuldigend die Hand und fährt weiter. Ich kann weiter radeln (muss im Kreisverkehr aus dem Stand anfahren) und frage mich, was da gerade passiert ist. 

Der Autofahrer hat mich gesehen, sogar abgebremst, dann aber fand der mich wohl zu langsam. Bremsen, anhalten und kurz abwarten, war keine Option. Er fand wohl, dass er so schnell wie möglich in den Kreisverkehr einfahren müsse (obgleich hinter ihm keiner war). Vielleicht meinte er auch, er müsse in jedem Fall vor der Fahrfahrerin sein, damit er nicht hinter ihr hängt. Auch ein Fahrfehler, der für mich hätte schlimm ausgehen können (für den Autofahrer nicht). Solche Einfahr-Kollisionen zwischen Autofahrer:in und Radfahrer:in im Kreisverkehr sind tatsächlich nicht selten

Ich bremse ja auch auf dem Radweg Holzstraße beim Dorotheenparkhaus leicht ab, wenn von beiden Seiten sich die Kühler vorschieben. Ich, weiß, wie es sich anfühlt, auf einem Radstreifen umgenietet zu werden. Ich vergewissere mich, dass die Leute hinterm Lenker mich gesehen haben. Währenddessen überholen mich dann gerne ungeduldige Radfahrende, die offenbar mehr Vertrauen in Autofahrende haben und nicht abbremsen wollen, und ich denke mir dabei, das kann schief gehen für sie, und es ist zumindest schmerzhaft, wenn man von einem Autokühler vom Rad geholt wird. Dass ich abbremse, mag die Autofahrenden sogar ermuntern, selber Gas zu geben und über den Radweg zu preschen, ist also auch riskant, aber ich sehe keine andere Möglichkeit,  als hier sehr wachsam, nicht zu schnell und bremsbereit zu radeln. 


5 Kommentare:

  1. Ich kenne solche Situationen auch. Im Laufe der Zeit hat sich bei mir so eine Art 6. Sinn entwickelt, was seltsames Verhalten von Autofahrern angeht und ich reagiere entsprechend.

    Auch das defensive Verhalten habe ich mir angewöhnt. Auch zu Fuß. Wenn ein Autofahrer mich sieht und mich anscheinend z.B. die Straße überqueren lassen will, tue ich das nicht so lange das Auto nicht steht. Dieses langsam rollen und gleichzeitig Vorlassen, ist mir zu widersprüchlich.

    Am Ende des Tages bleibt einem im Straßenverkehr als der schwächere Teilnehmer ja nicht viel übrig als defensiv zu agieren. Es nützt ja nix wenn am Ende "Sie hatte Vorfahrt" auf dem Grabstein steht.

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  2. Zitat von Ulrich Wickert: Wenn man nicht hinschaut, dann denken die Autofahrer: sie müssen aufpassen. Wenn man hinschaut denken die Autofahrer: der kann ja aufpassen", siehe
    https://www.youtube.com/watch?v=p0CkupZZkwA

    Das ist die Erlärung und sie funktioniert immer!

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    1. Inzwischen ist bekannt geworden, dass sie diese berühmte Szene in Paris vielfach filmen mussten, bis sie tatsächlich so im Kasten war.
      Wenn ich zu Fuß unterwegs bin, tue ich aber gerne so, als würde ich !nichts sehen", während ich den Verkehr aus den Augenwinkeln aber haargenau beobachte. Zu Fuß geht das, weil ich da sofort innerhalb eines Schritts anhalten kann. Beim Radfahren funktioniert das nicht, da versuche ich eher, Autofahrende mit superstrengem Blick anzustarren, damit sie anhalten. Nun ja, ich versuch's. *nervöses Lachen*

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  3. In Frankreich und Spanien vielleicht, aber nicht unbedingt in Stuttgart

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  4. Ganz typische regelmäßige Situation in Winnenden von Berglen her kommend Richtung alte B14 - so um's Rathaus rum. Da gibt es von rechts einige kleine Ausfahrten in die Einbahnstraße - der Autofahrer biegt nach rechts ab in meine Fahrtrichtung. Ich fahre rechts auf einem rot markierten Radweg, der Autofahrende kommt also von rechts, schaut nach links ob ein AUTO kommt und entsprechend fährt er raus. Fahrräder nimmt er nicht wahr, egal wie weit oder nah, langsam oder schnell sie sind - für ihn sind sie nicht vorhanden. Ist mir schon zwei Mal so passiert und wenn man weiß was kommt muss man eben vorher langsam tun. Ich persönlich nehme jetzt nicht mehr den Radweg sondern die Straße in der Hoffnung, gesehen zu werden oder wenigstens ausweichen zu können.

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