5. August 2026

Der paradoxe Widerstand gegen Vorteile für alle - Tempo 30

Tempo 30 flächendeckend in der Stadt, also auch auf Hauptverkehrsstraßen, bringt auch Vorteile für Autofahrende. Für alle anderen sowieso. 

Das hat ein Modellprojekt in niedersächsischen Kommunen ergeben. Den Modellversuch hätte man eigentlich gar nicht machen müssen, denn man weiß seit langem, dass der Autoverkehr in Städten sich weniger staut und besser fließt, wenn nicht schneller als 30 km/h gefahren wird. Das ist ohnehin die Durchschnittsgeschwindigkeit eines Autos in einer Stadt, alle Ampelhalts und Hindernisse mit eingerechnet. Deshalb ist man mit dem Fahrrad in der Regel schneller am Ziel. Außerdem bessert sich die Luftqualität und die Anwohner:innen müssen weniger Lärm erdulden. Die Zusammenstöße von Autofahrenden mit Fußgänger:innen oder Radfahrenden wurden zwar auf den Versuchsstrecken nicht weniger, aber die Verletzungen waren nicht so schwer. 

In Wangen in Allgäu hat man auf etlichen Haupt-Straßen zum Lärmschutz Tempo 30 angeordnet, teils nur nachts. Der Gemeinderat hat es beschlossen, die Bürgerschaft wurde ausführlich informiert. Aber als die Schilder dann Anfang des Jahres standen, regte sich - angefacht von der lokalen CDU - Widerstand. Es wurden sogar Unterschriften gesammelt. Es handelt sich jedoch wieder einmal um eine sehr laute Minderheit, wie die Schwäbische Zeitung berichtet. Die hatte sogar ausführlich mit diversen Fahrten getestet, ob es einen nennenswerten Zeitverlust für Autofahrende gibt und festgestellt, dass es den nicht gibt, und auch sogenannte Ausweichstrecken durch Wohngebiete Vorteile bringen, die sich aber nicht ergaben. 

Währenddessen Pforzheim: Da hatte man Tempo 30 eingeführt und hebt es nun tagsüber wieder auf. Auf Hauptverkehrsstraßen darf dann wieder 50 km/h gefahren werden. Die Begründung dafür ist, dass man "Staus vermeiden" wolle. Das ist sicherlich kein haltbarer Grund, sondern eher eine Ausrede, um den konservativen Autofahrenden das vertraute Gaspedal-Gefühl zurückzugeben. Rational ist es nicht. Denn je höher die Geschwindigkeit, desto größer die Gefahr von Staus, die aus den Verzögerungen des Abbremsens und wieder Anfahrens entstehen.

Und je höher die Geschwindigkeit, desto mehr Platz brauchen Autos auf einer Fahrbahn vor sich als Bremsweg, es gehen also weniger Autos in einen Straßenabschnitt hinein. Der Rest staut sich dann an der Ampel davor. Bei Tempo 30 kann ein Straßenabschnitt mehr Autos aufnehmen. Tatsächlich rollen - egal, ob man 30 oder 50 fährt - etwa 2000 Fahrzeuge pro Stunde auf einer ordentlichen Fahrspur. Entscheidend sind die Ampelschaltungen. Auf 100 Metern verliert man als Autofahrer bei 30 km/h knapp 5 Sekunden gegenüber 50 km/h. Sehr viel mehr verliert man an Ampeln, durch das in zweiter Reihe Parken oder bei Abbiegevorgängen. Wo Tempo 50 infolge der Ampeln ein Stop and Go erzeugt, rollt man bei Tempo 30 gleichmäßiger, was Autofahrende eigentlich als angenehmer empfinden. 

Weiß man alles und schon lange. Muss man offenbar immer wieder testen, und leugnet es dann aus ideologischen Gründen, auch wenn die Tests ergeben, dass es so ist. Wir sind schon arg irrational in Deutschland. In Pforzheim ist das Thema auch noch nicht ganz durch, denn es gelten Lärmschutzregeln der EU für alle Städte (kommt auch auf Stuttgart zu), und die müssen eingehalten werden. Ob es ein Flüsterasphalt - der viel Geld kostet, das man wieder mal nur für den Autoverkehr ausgibt, nicht für den Radverkehr - richtet, ist nicht sicher. 

8 Kommentare:

  1. Studien und Untersuchungen macht mal halt gerne. Eigentlich muss man sich nur bei anderen umschauen die es schon gemacht haben. Wenn dann die e-Bikes statt 25 noch mit 30 freigegeben würden, würde villeicht auch der Überholzwang der Autofahrer entfallen.

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    1. Der Fakt, dass ein Rad mit 30 (oder mehr) in einem auf 30 beschränkten Straßenstück gefahren wird, hilft bisher eher nicht gegen den Überholzwang.

      Was etwas helfen könnte, wäre die Erkenntnis, dass Pedelecs durchaus 30 fahren. Das wäre aber nur der Fall, wenn sich Kraftfahrer an Begrenzungen halten würden.

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    2. Ich fahre ohne Unterstützung und aktuell mal wieder mit Reisegeschwindigkeiten zwischen 30 und 35 km/h.
      Wenn ich in der Zone 30 nur 33 oder auch 35 fahre werde ich von allen KFZ außer Fahrschulen überholt. Sogar Linienbusse haben einen Überholvorgang gestartet, der natürlich komplett sinnlos war weil die der niemals bis zur nächsten Haltestelle abgeschlossen war
      einmal ist der brav wieder hinter mich gefahren weil er wegen der Haltestelle anfangen musste zu verzögern als gerade erst der Fahrer neben mir war
      das andere mal ist er aggresiv nach rechts gezogen und ich musste eine Vollbremsung machen um nicht mit dem Bus zu kollidieren.
      von daher ist es egal wie schnell Pedelecs fahren dürfen. Radfahrer schleichen und müssen überholt werden wenn man im Auto sitzt und rasen und gefährden alle wenn man zu Fuß unterwegs ist. Und zwar die Radler die auf der Fahrbahn schneller fahren als auf dem Radweg neben dem Fußweg auf dem sich die Fußgänger bewegen die sich gefährdet vorkommen

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  2. ABER... *schaumvormmund* https://www.morgenpost.de/bezirke/steglitz-zehlendorf/article412761825/berlin-steglitzer-anwohner-rechnet-mit-neuem-tempo-30-urteil-in-der-albrechtstrasse-ab.html

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  3. Ich glaube der Grund ist ganz einfach und im Wesentlichen psychologischer Natur. Im Auto kommt einem eine Geschwindigkeit von 30km/h schlicht vor als würde man schleichen. Moderne Auto koppeln die Insassen von der Umwelt so gründlich ab, dass sie das Gefühl haben bei Tempo 30 sich kaum fortzubewegen. Tempo 30 auf dem Fahrrad ist u.U.ein Grund zu bremsen,Tempo 30 im Auto ein Grund Gas zu geben.

    Gegen dieses Gefühl kommt man mit sachlichen Argumenten schlecht an.

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    1. Ja beim Rad zahlt man außerdem den Preis von mehr Anstrengung, es ist leichter sich mit 30 zufrieden zu geben.

      Ich denke es gibt auch einen "persönlichen Exzeptionalismus", also den Gedanken vom sachlich bekannten Durchschnitt nicht erfasst zu sein und deshalb keine persönlichen Beschränkungen zu akzeptieren (Hier: man wäre mit der Beschränkung durchschnittlich genauso lang unterwegs wie bisher ohne) oder diese halt individuell zu ignorieren (es wäre schon ok hier und da ein paar Regeln individuell auszulegen, da man selbst sicher fahren könne).

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    2. "Ich glaube der Grund ist ganz einfach und im Wesentlichen psychologischer Natur. Im Auto kommt einem eine Geschwindigkeit von 30km/h schlicht vor als würde man schleichen."
      Ich glaube hinter einem Fahrrad ist jede Geschwindigkeit zu langsam. Ich trage in Mittschwimmgeschwindigkeit häufig positiv zur Beschleunigung des Verkehrs bei, denn auch mit 35km/h in 30er-Abschnitten bin ich Einigen viel zu langsam. Umgekehrt trage ich aktiv zur Verkehrsberuhigung bei, denn mit 35km/h auf den oder die Vorausauffahrende(n) auffahrend wird häufig auf 25-28km/h abgebremst und dann sorgsam darauf geachtet, dass ja niemand zu schnell wird. Eine Win-Win-Situation sozusagen. Hajö.

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  4. Wenn man mal eine Weile 30 gefahren ist, kommt es einem nicht mehr wie schleichen vor. Das ist wirklich nur ein Gefühl. Wird man auf der Autobahn von 130 auf 80 (Baustelle) runtergebremst, hat man das Gefühl, man steht, obwohl man da noch schneller fährt als in der Stadt mit 50. Das ist also eher so ein Effekt, der durch die vrorherig gefahrene Geschwindigkeit kommt. Wohnt man in einer 30er Strasse und fährt morgens los, ist 30 nicht weiter "schlimm" und es fühlt sich auch nicht langsam an.
    Auf kurzen Strecken macht es eh keinen Unterschied, ob man schnell oder langsam fährt. Die Bremse sind die Ampeln. Es geht quasi nur schneller, wenn man die Ampeln gut erwischt und mit denen kann man auch die Geschwindigkeit steuern. Das sollte dann einfach nur noch der kapieren, der die Ampelrechner programmiert. Da scheint aber das größere Problem zu sein.
    Ich bin übrigens auch für Tempo 30 in der Stadt. Das reicht vollkommen, auch auf Durchgangsstrecken.
    Karin

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