Kürzlich radelte ich hinter einem Bioradler her. Er kam zügig einen mäßigen Anstiege hinauf, er streckte den Arm raus, als er nach links abbiegen wollte und schaute sich sogar vorher um. Und er radelte nicht so dicht an geparkten Autos entlang.
Er war offensichtlich nicht nur ein trittstarker, sondern auch ein sehr geübter und erfahrener Radler. Einer der schon Jahrzente durch Stuttgart radelt und vermutlich auch gerne sportlich in seiner Freizeit. Ich fragte mich dann, woran ich routinierte Radler:innen eigentlich erkenne.
- Sie wissen, dass sie nicht alleine auf den Straßen sind und hinter ihnen auch noch andere Radfahrende kommen können Deshalb gucken sie sich vor dem (Links-)Abbiegen nach hinten um und geben Handzeichen.
- Sie gucken sich auch nach hinten um, bevor sie auf einem Weg Fußgänger:innen überholen.
- Sie halten die Fahrlinie, die sie gewählt haben, schlingern nicht, umrunden aber Löcher und Gullideckel in der Fahrbahn. (Die Ideallinie beim Radfahren ist immer die knapp links oder rechts an Fahrbahnunebenheiten (Gullideckeln, Asphaltschäden) vorbei.)
- Sie radeln nicht so dicht an geparkten Autos entlang, dass ich Angst um sie kriege, weil sie offensichtlich nicht ahnen, wie schnell eine Fahrertür aufgeht und wie hoch das Risiko ist, hineinzufahren. Das kann mir nicht egal sein, denn wenn ich Zeugin eines Dooringunfalls werde, muss ich anhalten, mich womöglich um eine:n Schwerstverletzte:n kümmern und bleiben, bis Krankenwagen und Polizei kommen.
- Sie haben eine hohe bis mittelhohe Trittfrequenz, auf dem Normalrad sowieso, aber eben auch auf dem Pedelec.
- Das Fahrrad ist technisch in Ordnung. Es hatLicht am Rad - egal, ob als Tagfahrlicht oder nicht -, die Kette schleift und rasselt nicht, nichts klappert. Das Vorderlicht ist richtig eingestellt und blendet Entgegenkommende nicht.
- Ihr Sitzposition sieht stimmig aus, sie haben den Sattel weder zu hoch noch zu niedrig eingestellt. Sie kommen beim Halten an Ampeln mit dem dem Fuß (der Zehenpartie) auf den Boden.
- Sie radeln vorausschauend, nehmen also Tempo raus, wenn sie sich eine Zebrastreifen oder einer Ampel nähern, sie fahren nirgends schnell rann, bremsen nicht heftig ab, um dann forciert wieder zu starten. Sie können einschätzen, was vor ihnen passiert.
- Sie überholen mich nicht rechts. Und wenn sie mich links überholen, dann in Abstand und vielleicht sogar mit einem kurzen Klingelzeichen oder auch Hüsteln vorher.
- Sie tragen angemessene Kleidung, auf Cityfahrten bequeme Alltagskleidung, auf sportlichen Ausflügen Radsportkleidung.
- Oder sie fahren Lastenrad. Lastenräder fährt man häufig, meist täglich, weil sie für den Kindertransport gekauft wurden, und man fährt sie so, dass die Kinder nicht in Gefahr geraten.
Ich erkenne auch Radfahrende, die durchaus Übung, aber nicht viel Alltagserfahrung haben.
- Sie radeln, als wären sie alleine auf den Straßen. Sie ahnen nicht, dass hinter ihnen ein Fahrrad kommen könnte.
- Sie schlängeln sich überall durch, fahren zu knapp an mir oder Fußgänger:innen vorbei, bremsen ums Verrecken nicht ab und sausen vor den Fußgänger:innen über Zebrastreifen.
- Sie biegen spontan und ohne Handzeichen ab.
- Sie halten an roten Ampeln nicht, umfahren sie über den Gehweg oder fahren auf der Fahrbahn weiter.
- Sie fahren auf dem Gehweg, der nicht freigegeben ist.
- Sie scheinen die Regeln für den Radverkehr nicht zu kennen oder sie sind ihnen immer egal.
Es sind übrigens meistens junge Männer. Sie werden nicht über Jahrzehnte so radeln können. Entweder irgendwann geht ein Manöver fatal schief oder sie lernen mit zunehmendem Alter, dass sie nicht jedes Risiko eingehen, nicht jede Verkehrsregeln verletzen und nicht überall der Schnellste sein müssen.
Ungeübte und unerfahrene Radfahrende erkenne ich auch. Sie sind eher an Wochenenden mit ihren Pedelecs unterwegs, gerne auch als Paar.- Sie radeln unberechenbar und so, als seien sie alleine auf der Straße
- Sie radeln auf Pedelecs in viel zu hohen Gängen und auf höchster elektrischer Kraftzugabestufe, also mit viel zu langsamer Trittfrequenz und zudem langsam. Sie strengen sich nicht an.
- Sie radeln im nicht sonderlich aufmerksamen Freizeitmodus zu Ausflugszielen und sind in Grünanlagen, auf den Neckarradwegen und an den Seen unterwegs. Ansonsten auf Gehwegen.
- Sie halten die Fahrlinie nicht, lenken dorthin, wo sie hingucken, und reagieren zu langsam und unvorhersehbar bei Begegnungen mit andern Radfahrenden.
- Sie halten ohne Vorwarnung mitten auf dem Radweg an und stellen die Räder auch gern mal quer über den Weg.
- Sie fahren mitten auf dem Radweg und das langsam. Überholen unmöglich.
- Sie sie neigen dazu, auf Gehwegen radeln, auch denen, die nicht freigegeben sind. Ihnen sind vermutlich auch die speziellen Regeln für den Radverkehr nicht sonderlich klar, beispielsweise die, dass auf Gehwegen (mit Radfreigabe) immer Schrittgeschwindigkeit gilt.
- Ihr Licht ist zu hoch eingestellt und blendet sogar bei Tag als Tagfahrlicht entgegenkommende Radler:innen und Fußgänger:innen.
- Sie sehen Gefahren nicht voraus, etwa in engen Kurven, an Kreuzungspunkten mit dem Fußverkehr und anderem Radverkehr.
- Ssie zeigen nicht an, wo sie hinwollen.
- Dass sie sehr aufrecht auf den Pedelecs sitzen, würde ich nicht unbedingt der Unerfahrenheit zuordnen, sondern der Verkaufsstrategie in Fahrradläden. Allerdings ist erfahrenen Vielradler:innen diese senkrechte Sitzposition eher unangenehm, weil man so nicht wirklich Kraft aufs Pedal bringen kann.
Es gibt allerdings durchaus viele Pedelec fahrende Ehepaare (die auch gerne mal die gleichen Windjacken tragen und auf den gleichen Rädern fahren), die sehr erfahren sind, weil sie in ihrer Freizeit schon über Jahrzehnte zehntausende von Kilometern geradelt sind. Ihre Räder sind nicht besonders stylisch aber praktisch und stabil, sie sind technisch gut ausgerüstet. Sie haben oft Rückspiegel am Lenker und mindestens eine, meistens zwei Packtaschen am Sattel, sie tragen entweder sportlich bequeme Kleidung oder Alltagskleidung, die zum Radfahren taugt, sie sind für jedes Wetter ausgerüstet und sie fahren, wo es keine Radwege gibt, auch auf Landstraßen. Dass der Mann meist vorausfährt, ist fast ein ungeschriebenes Gesetz. Allerdings erkennt man die gemeinsame Radelroutine daran, dass er sich nach ihr umschaut (sie nicht hinter sich vergisst) und sie ihr Tempo aufeinander abstimmen. Sie radeln keinen Wettkampf gegeneinander, sondern miteinander.
Natürlich fangen alle mal an. Anfänger:innen sind auch die, die mit Mitte 40, Anfang 50 wieder einsteigen und das Rad im Allgag nutzen wollen. Ihnen fehlt die Erfahrung im heutigen Straßenverkehr in einer Stadt. Sie ahnen noch nicht, dass sie von Autofahrenden tatsächlich nicht gesehen werden, obgleich sie vielleicht sogar eine Warnweste tragen. Sie wissen noch nicht, dass sie Verkehrsteilnehmende zweiter Klasse sind, gehasst und angefeindet werden. Sie müssen erst lernen, dass man ein Fahrrad nicht wie ein Auto fahren kann - mit weitgehend abgeschaltetem Gehirn auf gebahnten Wegen von Ampel zu Ampel -, sondern unendlich viel aufmerksamer sein und gleichzeitig den Untergrund vor dem Vorderrad und die nächste Kreuzung im Auge behalten muss, immer bremsbereit. Sie radeln zu schnell. Die meisten Wiedereinsteiger:innen stürzen mindestens einmal im ersten Jahr, weil sie einen Bordstein, ein Schlagloch oder ein Kabeltunnel auf dem Weg übersehen oder falsch eingeschätzt haben, auf nassem Laub ausgerutscht sind oder sich Pflaster bei Regen in der Kurve plötzlich als rutschig erweist.
Ich empfehle Wiedereinsteiger:innen ins Alltagsradeln, zunächst langsam zu fahren und vor allem von der Idee der meisten Autofahrenden, man müsse so schnell wie möglich überall durchkommen, Abschied zu nehmen. Ich empfehle, lieber einmal mehr zu bremsen und lieber anzuhalten, als in die Pedale zu treten, wenn es knapp wird. Ich empfehle dringendst, wirklich Abstand von geparkten Autos zu halten. Mehr als einen Meter! Denn die Erfahrung eines Dooring-Unfalls muss man nicht gemacht haben. Überhaupt sollte man von Anfang an eher mittig auf der Fahrbahn fahren, sich auch nicht an den Bordstein drängen lassen. Denn eine falsche Lenkbewegung und man stürzt am Bordstein. Und ich empfehle höchsten Respekt vor Kreisverkehren. Auf denen wird man von etlichen Autofahrenden beim Ein- und Ausfahren schlichtweg nicht gesehen, auch wenn man selber meint, man sei doch gut sichtbar.



Ich erlebe es leider sehr oft, dass ohne Richtungsanzeigen abgebogen wird, auch ich vergesse es manchmal, zwar selten, aber dennoch.
AntwortenLöschenGenerell liegt das Verhalten meiner Meinung nach auch an der Verkehrsmenge, der Größe der Stadt und der Region. In Italien z.B. wird in den Zentren der Mittelstädte recht viel Fahrrad gefahren, oft jedoch gemächlich, auch auf dem Weg zur Arbeit oder Schule. Pedelecs gibt es wenige, Handzeichen geben fast noch weniger. Scheint jedoch aufgrund der vorherrschenden mäßigen Geschwindigkeit und der geringen Verkehrsdichte unkritisch zu sein. Die meisten Wege erfolgen eben zu Fuß. Am Rande der Zentren gibt es durchaus auch Radwege, meistens in schlechtem Zustand, da ist nicht soviel Betrieb. Wie das Verhalten dort ist, habe ich nicht beobachtet.
Deine Kategorisierung kann ich nachvollziehen, deckt sich mit meinen Beobachtungen.
AntwortenLöschenKarin
Die aufrechte Sitzposition ist nicht nur ungünstig für die Kraftübertragung, sie erschwert auch den Blick nach hinten. Da bedingt also das eine Problem ein weiteres. Fast alle Dashcamvideos, in denen Radfahrende ohne Blick nach hinten auf die Fahrbahn ziehen, zeigen Leute, die zu aufrecht auf ihrem Rad sitzen und deren Sattel zu niedrig eingestellt ist.
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