8. Oktober 2026

Teurer Radweg zu teuer?

Der Kreistag Böblingen wollte das Alltagsradeln unterstützen und hat beschlossen, zwischen Aidlingen und Dagersheim die krasse Steigung des Radwegs zu entschärfen. 

Ein Foto vom neuen Radweg gibt es hier in dem Artikel der Stuttgarter Zeitung. Mein Foto rechts stammt aus dem Insta-Video des ADFC. 

Jetzt beschweren sich etliche Leute öffentlichkeitswirksam, darunter auch Radfahrende, darüber, dass der Radweg zu viel gekostet habe und unnötig gewesen sei. Auch weil der neue Radwegabschnitt von 370 Metern Länge in eine Böschung gelegt wurde. Damit der Hang darüber hält, waren teure Stützbauten notwendig. Deswegen kostete der Abschnitt des Radwegs so viel, wie einen Autostraßenabschnitt (ohne Komplikationen) normalerweise kostet. Allerdings hat diese Autostraße ja auch mal was gekostet. 
Für diese Kreisstraße wurde ein massiver Einschnitt in den Berg vorgenommen. Man sprengte und grub die Trasse in den 60er/70er Jahren tief in den felsigen Bergrücken hinein, damit man eine Steigung von nicht mehr als 7,5 Prozent für die Autos einhalten konnte (die jetzt auch der parallele neue Radweg hat). Den durchgehenden Bergrücken gibt es seitdem nicht mehr. An die Kosten und die Umweltzerstörung erinnert sich heute niemand mehr. Für den Autoverkehr ist - war zumindest über Jahrzehnte hinweg - nichts zu teuer. Für den Radverkehr aber scheint uns schnell etwas zu teuer.   

Der Bund der Steuerzahler findet prompt, der Radweg sei Geldverschwendung. Der findet aber gerne mal, dass Radwegbauten Geldverschwendung sind. Mit dem Autoverkehr geht er nicht so kritisch um. Rund eine Million Euro hat der Radweg an der Aidlinger Kehle gekostet, 90 Prozent davon wurden vom Land übernommen. Das ist Radverkehrsförderung, mit der das Land die Gemeinden überzeugt, auch mal was zu bauen, was teuer ist. 

War es sinnlos oder nicht? 

Ich sage ja immer spöttisch: Den Radfahrenden die Steilstrecken, dem Autoverkehr die mäßigen Anstiege. Der Rad fahrende Mensch soll sich anstrengen, der Automotor nicht.  In Stuttgart ist das auch so. Den Autos gehört die Neue Weinsteige mit ihrer mäßigen Steigung, die Radfahrenden haben die sausteile Alte Weinsteige, und nicht mal die haben sie für sich. Der Autoverkehr macht die Bergabfahrten riskant und die Bergauffahrten stressig. Über die Kosten für die Stützmauer und neuen breiten Gehweg entlang der Neuen Weinsteige, den man mal mit dem Rad befahren darf, murrte man auch und verwechselte dabei gleich mal schnell Radweg (den es nicht geben wird) mit Gehweg (mit Radfreigabe). Darüber dass die Parkplatzbuchten für 16 Stellplätze vermutlich letztlich eine halbe Million Euro kosten werden, hat sich der Bund der Steuerzahler nicht aufgeregt. 

Immer wieder sehe ich auf Überlandstrecken Radwege sich von der Straße Richtung Wald und Bergkuppe entfernen (und man weiß gar nicht, ob der Radweg letztlich in die Richtung führt, die man radeln will), während die Landstraße durch den Berg geschlagen wurde und nahezu steigungsfrei verläuft. Genauso war das hier an der Aidlinger Kehle. Den Radfahrenden die Steilstrecke, den Autofahrenden der Durchschuss durch den Berg. Man berichtet mir, dass die Anstiege zur Bergkuppe mit dem Rad für Kinder, Jugendliche, Lastenradfahrende und Radler:innen mit Anhänger überhaupt nicht leicht zu bewältigen waren. Nicht so sportliche Radler:innen sind vom Normalrad auch abgestiegen und haben geschoben. Der neue, flache Verlauf, öffnet die Strecke für mehr Radfahrende. 

Auf den beiden Bildern (rechts) von Apple Karten erscheint die ursprüngliche Streckenführung mit ihrem längeren Anstieg und dann der knackigen Steigung über die Kuppe vielleicht nicht so steil, aber das täuscht. Es sind teils über 17 Prozent. Dem Freizeitradelverkehr mag das als willkommene Herausforderung dienen. Und mit modernen Pedelecs geht das auch. Aber der Alltagsradverkehr sucht keine sportlichen Herausforderungen, sondern sichere und leichtgängige Wege. Wem das für den Alltag zu steil war, radelte hier gar nicht. Das könnte sich nun ändern. 

Der Radweg ist jetzt bequemer, inklusiver und sicherer befahrbar.  Und Bequemlichkeit, Inklusion und Sicherheit sind ja durchaus wichtige Kriterien für eine Förderung des Radverkehrs. Auch die soziale Sicherheit hat zugenommen. Der Weg führt jetzt nicht mehr weg von der Straße hoch in den Wald, der bei Dunkelheit finster und einsam ist. Das löst vor allem bei Frauen Angst aus. Aber man muss gar nicht Angst haben, um es sinnvoll zu finden, wenn Radstrecken dort geführt werden, wo andere Menschen (und sei es in Autos) vorbeikommen. Dann wird man eher gefunden, wenn man gestürzt und auf fremde Hilfe angewiesen ist. Und gerade auf Steilstrecken wie dieser ist das Sturzrisiko für Radfahrende größer. Vor allem im Winter, wenn da auch nur an irgendeiner Stelle Eis liegt oder Schneeglätte herrscht. Auch deshalb hat der Landkreis Böblingen den neuen Weg angelegt. Die neue Strecke ist für alle Tageszeiten und unterschiedliche Radfahrtypen tauglich, die andere war es nicht. Und es mag nun etlichen leichter fallen, das Fahrrad statt des Autos zu nehmen, für weitere Pendlerstrecken, aber auch für die nur drei bis fünf Kilometer lange Fahrt zwischen Aidlingen und Dagersheim. 

Der neue Radweg ist sinnvoll. Radfahrende müssen uns auch solche Investitionen wert sein. Der Bund der Steuerzahler hat Unrecht. 



5 Kommentare:

  1. Der Bund der Steuerzahler ist eine Lobbyorganisation, die nicht das Gemeinwohl im Sinn hat. Deren Aussagen werden leider viel zu oft zitiert und Ernst genommen.

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  2. Gut gebrüllt, Löwin!

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  3. Der BdS fällt leider immer wieder dadurch auf, dass er den Nutzen von öffentlichen Ausgaben sehr einseitig bewertet.

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  4. Volle Zustimmung! Die Empörungsmaschine gegen diesen Radweg läuft seit Monaten. Vermutlich soll damit erreicht werden, dass politische Entscheidungsträger künftig möglichst wenig für Radverkehr ausgeben. Ein Stückchen Wahrheit steckt aber auch in der ganzen Empörung. Tatsächlich hätte es im Kreis BB und auch in der Nähe von Aidlingen Wege gegeben bei denen das Geld vielleicht sinnvoller angelegt worden wäre. zB. der Würmtal/ Museumsradweg der von Aidlingen an der Würm entlang nach Ehningen und dann weiter Richtung Holzgerlingen führt. Auf Ehninger Gemerkung führt er oft über groben Schotter und taugt nicht als Ganzjahresradweg. Allerdings will der Ehninger Gemeinderat nicht dass der Kreis hier etwas verbessert. Also bleibt es wie es ist und das Geld fließt nach Aidlingen wo der Gemeinderat keine Einwände hat. Wenn jeder Dorfgemeinderat ein Radwegnetz sabotieren kann, dann wird es noch 100Jahre dauern bis wir ein vernünftiges Radwegenetz haben.

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    1. Danke für die Informationen. Ich kenne mich leider gar nicht aus in dieser Gegend. Meine Überlegungen konzentrieren sich ja auch mehr auf Alltagsradwege, nicht so sehr auf die für den Freizeitradverkehr. Der findet ja statt, aber der Alltagsradverkehr entwickelt sich nur zögerliche, weil einfache und sichere Wege fehlen.

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