15. Dezember 2016

Unsinnige Asphaltmalerei im Schlossgarten

Die, die da täglich auf dem Weg von und zur Arbeit radeln, haben vermutlich aufgehört, sich Gedanken über die Zeichen und Linien zu machen, die im Schlossgarten die Wege zieren. 

Bei allen anderen malen sie große Fragezeichen in die Gesichter. Sofern sich Radfahrende (und Fußgänger/innen überhaupt über Zeichen und Schilder Gedanken machen.

Eins vorweg: Der Schlossgarten gehört nicht der Stadt, sondern dem Land. Für ihn ist nicht die städtische Verkehrsplanung zuständig, auch nicht der Fahrradbeauftragte. Glücklich ist man in der Stadt auch nicht über diese verschwenderische Asphaltmalerei, die mit Verkehrsregeln oder einer Gestaltung von Fahrradrouten und Fußgängerrouten nichts zu tun hat.

Grundsätzlich ist der Schlossgarten bis auf  wenige Ausnahmen überall ein Fahrrad-/Fußgängerweg. An allen Eingängen steht das blaue Schild, das ihn als solchen Mischweg ausweist. Solange keine anderen Schilder auftauchen, etwa das blaue Fußgängerschild oder das blaue reine Radwegschild, dürfen beide Fortbewegungsarten alle Wege gleichberechtigt und in Rücksicht aufeinander benutzen. Fahrbahnmalerei ersetzt diese Schilder nicht. Kritisch wird es nur bei der durchgezogenen Linie (siehe unten.)

Dasselbe gilt auch für den Schlossgarten. Ich verstehe das Bedürfnis, die Radfahrenden vor allem am Grillplatz besonders am Wochenende fernzuhalten. Allerdings ist die Durchfahrt da auch an einem tollen Sommertag relativ unproblematisch, weil die Leute an den Grillplätzen stehen, nicht auf dem Weg. Das Land möchte gerne, dass alle Radler die Platanenallee lang fahren. Verstehe ich. Man hat ja extra zum Kirchentag einen neuen Weg diagonal durch den Schlossgarten asphaltiert. Aber die Separierung der Fußgänger und Radleströme geht im Schlossgarten halt nicht, schon gar nicht per Piktogramme.

Denn würde ich mich als Radlerin an den Pfeil und das Zeichen auf dem Steg über der Cannstatter Straße halten (Foto ganz oben) halten, dann wäre ich als Geisterradlerin links unterwegs und würde geradewegs in die hineinrasseln, die von der Platanenallee herauf kommen. Gefährlich.  Mal abgesehen, dass ja auch etliche Fußgänger nach links wollen. Sollte denen das verboten sein? Ein blaues Radwegschild steht hier nicht, denn es würdeFußgängern das Betreten des Wegs verbieten.  Die Gemälde sind nur eine Empfehlung, kein Gebot.

Ähnlich verhält es sich mit der Abfahrt vom Ferdinand-Leitner-Steg runter zur Oper. Die Fahrbahnmalerei legt den Radlern nahe, sich auf der linken Brückenseite zu begegnen. Die Fußänger sollen sich rechts halten. Wenn ich als Radler nach rechts will, stoße ich auf das Schild, das den Bereich als gemeinsamen Geh- und Radweg ausweist. Und ganz viele Fußgänger wollen auf der Fahrradseite runter zur Oper oder von der Oper herauf. Könnte natürlich auch sein, dass die Piktogramme Radlern und Fußgänger hier nur signalisieren sollen, dass sich hier alles mischt. Könnte aber auch nicht sein.

Ähnlichen Unsinn finden wir am Abzweig zum Heinrich-Baumann-Steg, der Teil der offiziell ausgeschilderten Radroute zur und von der Neckarstraße ist. Hier kommen Radler an, weil sie dürfen und sollen, und hier zweigen Radler ab, weil sie es dürfen uns sollen. Wer vom Steg kommt, stößt auf dieses Fußgängerpiktogramm und kann sich jetzt fragen: Bin ich hier noch richtig oder wie? Und wer den Fußgänger wie auf dem Foto auf dem Kopf stehen sieht, könnte sich fragen, ob er in einer Fußgängersackgasse landet oder ob die Brücke inzwischen für Radler geseperrt ist.

Lustig auch, dass dem Radler am Grillplatz jede Menge Fluchtwege zur Platanenalee angeboten werden. Schmale, teils geschotterte Parkwege, die man eigentlich lieber den Fußgängern gönnen würde, zumal sie schmal sind. Im Wald wären sie für Radler verboten, weil sie dieZwei-Meter-Breite nicht erreichen.

Zudem widersprechen sich die Wegweiser (weißes Schild mit grünem Pfeil) für Radfahrende und die Bodenmalereien. Die Stadt führt Radfahrende nämlich den direkten Weg auf der Hauptradroute 1 von der Stadtmitte Richtung Cannstatt, und nicht den Umweg über die Platanenallee. Wir ahnen hier einen Konflikt zwischen Stadt und Land.

Und nun kommt das Seltsamste überhaupt. Die weiße Linie. Eigentlich weiß man ja, dass man eine durchgezogene weiße Linie nicht überfahren darf. Radfahrende die hier Richtung Cannstatt fahrend ankommen, sehen sich einer Querstraße gegenüber und einer weißen Linie, über die sie eigentlich nicht rollen dürften. (Wobei im Straßenverkehr weiße Linien in der Regel auch  von Schildern begleitet werden, sie eigentlich nur bekräftigen, etwa bei Links-Abbiegen-verboten.)
Ja, was nun? Und wohin danach? Rechts hoch? Aber das Radpiktogramm steht für mich da auf dem Kopf.
Ich sehe nur, dass von oben Radler runterkommen sollen, mit einem auf dem Boden gemalten Achtungs-Schild, das sie vor irgendwas warnt, vielleicht vor Fußgängern, vor von rechts kommenden Radfahrern oder vor Ufos.

Manche mögen ja die Route über die Platanenallee, und sie ist für alle sinnvoll, die Richtung Rosenstein und Löwentor wollen.
Stuttgart Maps. Rot: offizielle Radwege der Stadt.
Grün: Route die vom Land bevorzugte über Platanenallee
Für die, die Richtung Leuze unterwegs sind, ist sie ein Umweg mit drei Nachteilen: Es gibt eine 90-Grad-Kurve mit Gegenverkehr. Es gibt Schmuckpflaster-Gehoppel auf der Allee und es gibt eine gefährliche Kreuzung mit Fußgänger- und Radlerströmen, die auf dem Hauptradrouten-1-Weg laufen oder fahren. Grundsätzlich ist der Längsverkehr für alle einfacher und weniger unfallträchtig als ein Kreuzungsverkehr. 

Und, viertens, die Platanenallee ist nachts nicht beleuchtet. Sie ist stockfinster. Und Fußgänger, die dort ja auch noch unterweg sind, sind nachts nicht beleuchtet, oft auch noch schwarz gekleidet. Außerdem radle ich als Frau nachts nicht stockfinstere Wege entlang. Weil hier von sozialer Sicherheit keine Rede sein kann, kann die Platanenallee auch keine Pflicht für Radler sein.

Fazit: Diese Bodenmalerei ist nicht hilfreich. Radfahrende und zu Fuß Gehende sind in solchen Bereichen nicht zu trennen. Der laienhafte Versuch, hier eine Ordnung zu implementieren, schafft nur Unfrieden, weil sich weder Fußgänger noch Radfahrer an diese in sich widersprüchlichen und nicht praktikablen Regelungen halten können. Diese Piktogramme und Linien sollte das Land so schnell wie möglich wieder entfernen. 

Der Scharedspaceblog hat sich ebenfalls intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt und nicht nur den ADFC, sondern auch einen Verkehrsrechtler dazu befragt.

Kommentare:

  1. Von der verkehrstechnischen Bedeutung scheint der Stuttgarter Schlossgarten dem Leipziger Parkareal Clarapark, Johannapark, Palmengarten zu entsprechen. Dort gibt es gar keine blauen Schilder, nur die üblichen "Einfahrt für motorisierten Verkehr verboten". Damit soetwas funktioniert, müssen zwei Dinge stimmen: Es muss genügend Verkehrsfläche vorhanden sein und alle Teilnehmer müssen sich aufmerksam bewegen. Genügend Verkehrsfläche gibt es, teils mit über sechs Meter breiten asphaltierten Straßen längs des Elsterflutbetts, ebenso quer - auch wenn beispielsweise die Sachsenbrücke an warmen Sommerabenden komplett von 300 Twentysomethings belagert wird, die dort reden und Bier trinken (man als Radfahrer also nur in Schrittgeschwindigkeit durchkommt). Würde jemand auf die Idee kommen, einzelne Wege in den Parks für Fußgänger oder Radfahrer zu sperren, wäre der Aufschrei zurecht groß.

    Mir scheint, in Stuttgart fehlt es an beidem: die Wege wirken deutlich schmaler und verschlungener und der Radfahreranteil scheint so gering zu sein, dass der durchschnittliche Fußgänger weder mit Radfahrern rechnet, noch selbst die Radfahrerperspektive in erlebten Verkehrssituationen einschätzen kann.

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    1. Stimmt. Und es ist durchaus so, dass die Fußgänger, die regelmäßig den Schlossgarten benutzen, an Radfahrende bestens gewöhnt sind. Nur wer dort zum ersten Mal spaziert, ist geschockt von den vielen Radlern. In Stuttgart fehlt übrigens, anders als in Leipzig eine Alternativeroute längs durchs Tal. Man kann zwar über Straßen fahren, aber da gibt es dann für Radler sehr sehr viele Ampelstopps und meist keine Radinfrastruktur.

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    2. Auf den gezeigten Wegen sind ziemlich viele Radler unterwegs, das täuscht auf den Bildern.

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    3. Wirklich komfortable Alternativen zu Clarapark und Auwald gibt es in Leipzig auch nicht - jedenfalls, wenn man schnell vorwärtskommen möchte und über möglichst wenig Ampeln drüber möchte. Wenn man es richtig anstellt, kommt man mit nur einer Ampel von Lößnig bis Leutzsch.

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  2. Danke für diese Zusammenfassung!
    Die Platanen-Allee ist auch für mich keine fahrbare Alternative; das liegt zum einen an dem diplomatisch umschriebenen "Schmuckpflaster-Gehoppel" zum anderen an der ziemlich engen 90° Kurve. Beim Runterfahren des Steges verliert man darin jeglichen Schwung (mal ganz abgesehen davon, dass dort auch schon Rollsplit gestreut war!), bei Hochfahren ebenfalls - kurz vorher muss ich fast komplett abbremsen und darf dann aus dem Stand ohne Schwung da hochpedalieren. Der sowas planende Autofahrer muss in dem Fall nur aufs Gas drücken, ich als Radfahrer denke da sehr viel "Energie-sparender", schließlich muss ich jeden (Höhen-) Meter aus eigener Kraft absolvieren.
    Zum Thema "durchgezogene Linie": In der STVO steht überall, dass man die nicht überfahren darf - was ist aber, wenn ich sie mit einem "Bunny Hop" einfach überspringe, wäre das dann legal? ;~)
    Oder müssen wir einfach einen Trampelpfad/"Desire Lane" direkt neben dem Anfang dieser Linie anlegen?

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    1. Ich ergänze noch, dass auf der Platanenallee ein ziemlich rauher Bodenbelag ist der viel Reibung verursacht. Der andere Weg dagegen hat einen recht guten Belag.

      Was auch noch nicht angesprochen wurde: Wenn man diesen neu geschaffenen Weg fährt und zur Platanenallee kommt, muss man auch fast komplett abbremsen, weil man wegen den Alleeplatanen nicht sieht, ob ein Radler kommt. Auch das nimmt den Schwung weg.

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    2. Lieber einen rauhen Belag als einen rutschigen.

      Gefährlich ist das rutschige rote Pflaster, vor allem in der 90-Grad-Kurve.

      Gefährlich sind Längsfugen (auch beim Pflaster, wenn es längs verlegt ist), vor allem weil das in Stuttgart "gerne" mit monatelangem Verzicht auf Reinigung und Winterdienst kombiniert wird, so dass man die Rillen nicht einmal mehr sieht.

      Gefährlich ist rutschiger, glatter Fahrbahnbelag an Steigungen, der dann noch mit Auftragen von Staub/Schlamm, Rollsplitt und Laub/Biomasse verschärft wird. Perfektioniert wird das am Ferdinand-Leitner-Steg.

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  3. Ich pendel zwar nicht durch den Schlosspark aber nutze dann die Platanenallee. Das Geld wäre gut darin investiert gewesen einen schmalen Streifen des Schmuckpflasters zu asphaltieren. Oder bin ich der Einzige der auf diese unfreiwillige Rüttelteststrecke verzichten könnte?

    Viele Grüße
    Michael

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    1. Ich kann das Schmuckpflastergerüttel auch nicht ausstehen. Ich weiß gar nicht, wie man auf die Idee kommen kann, Radlern eine Strecke mit Hopsern anzubieten, während Fußgänger auf glattestem Asphalt laufen. Ich finde übrigens auch die 90-Grad-Kurve inakzeptabel für Viellradler. Die Brücken nehmen einem ja schon genügend Schwung.

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  4. Im Schloßpark schon seit Jahren gilt:
    Radler sind hier nur Freiwild.

    Ob Stadt, ob Land ist einerlei,
    es ist doch eh dieselbe Partei.

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  5. Die Asphaltmalerei ist nicht nur unsinig sondern auch gefährlich. Sie führt dazu, dass Fußgänger meinen, Radfahrer hätten hier nichts verloren. Vor ein paar Wochen, ich kam aus Richtung Leuze, machte ein Fußgänger einen Ausfallschritt in meine Richtung, um mich wie er meinte zu "erziehen" und zu erschrecken. Auf meine Frage warum er das täte zeigte er auf die Asphaltmalerei und begauptete, dieser Teil wäre für Radfahrer verboten. Seitdem ist der Mittlere Schloßgarten für mich tabu. Ich fahre über die Neckarstraße, Heilmannstraße und Neckartor. Die Platanenalle kommt für mich wegen dem Straßenbelag und der fehlenden Beleuchtung (hat die Polizei eigentlich schon den Fahrradhasser der im Kräherwald das Seil zwischen Bäumen gespannt hatte gefunden?)nicht in Frage.

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  6. Dann können wir alle nur hoffen, dass die Asphaltmalerei nicht mich durch Schilder rechtskräftig wird.
    Bei Dunkelheit ist die Platanenallee ein absolutes no-go.

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  7. Die verwirrenden Bemalungen sind insgesamt doch nur Erziehung zum Missachten von Verkehrsregeln. Die Fußgänger interessiert es nicht und mich als Radler mittlerweile auch nicht mehr.

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  8. Ach ja, wie schrecklich mal wieder. Inzwischen habe ich mich damit abgefunden, dass ich mich der KFZ-freundlichen Radwegeideologie beugen muss. Die Autokranken sind so dominant und zunehmend aggressiv geworden, dass ich auf deren Stress keinen Bock mehr habe. Ich meide Straßen. Wer bemerkt die Absurdität? Und im Schlossgarten befinde ich mich im Innenstadtbereich. Dass dort mal Schritttempo angesagt ist, finde ich völlig normal. Für die Leute mit dem Schwungproblem, würde ich einen ökologisch vermeintlich korrekten Motor empfehlen.

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  9. "... einen ökologisch vermeintlich korrekten Motor empfehlen ... " Ich hätte Hilfsmotor sagen sollen. Ich persönlich habe dagegen null Einwände, aber ich finde, Kraftfahrzeuge sollten Kraftfahrstraßen benutzen. Wäre gut, auch für die Entwicklung biologisch betriebener Kraftfahrzeuge. Und im Schlossgarten ist es völlig unproblematisch zu radeln, sofern nicht Sommer und gutes Ausflugswetter ist. Alternative Routen über so genannte Straßen gibt es ja kaum, denn es handelt sich fast ausschließlich um PKW-Parkflächen, die die Fahrbahnen blockieren und einen Gegenrichtungsverkehr verhindern.

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  10. Autos heißen doch Automobile und nicht Autoimmobile, oder irre ich mich? Wenn ich als Radfahrer Fahrbahnen hätte, die keine Parkplätze für die Autokranken wären, könnte ich auch fahren. Die Autofahrer übrigens auch. Ich wünsche mir sehr Straßen für fahrende Autos und Radfahrer und bin relativ stikt gegen Missbrauch von Fahrbahnen zu Parkzwecken. Parkende Autos auf Straßen demobilisieren die Mobilität aller Verkehrsteilnehmer in absurdem Ausmaß. Im Schlossgarten habe ich lediglich bewegliche Hindernisse vor der Nase. Vergleichsweise sehe ich damit kein Problem.

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  11. Eine Trennung, die regelkonform gemacht wird, d.h. gemäß STVO und ERA mit den entsprechenden Mindestbreiten usw. halte ich auf den Hauptwegen (Route 1, Neckartalweg) für besser als das Durcheinander.

    Ich fühle mich jenseits der Stadtbahnhaltestelle grundsätzlich wohler, da wo bei Bad Berg und Leuze die Rad- und Fußverkehr getrennt wird. Leider auch dort: die Breite entspricht nicht den Vorschriften.

    Dazu wird gerade auf Kreuzungen, auf Markierungen verzichtet. Warum kein Zebrastreifen über den Radweg - Fussgänger haben dann eindeutig "Vorfahrt", ihnen ist dann aber auch klar, dass sie diesen Bereich zügig verlassen müssen.

    Ein Hinweis: Laut Aussage von Landesbeamten sind die Brücken im Schlosspark in Zuständigkeit der Stadt, d.h. dann ist für diesen Teil des Markierungs-Unsinns klar die Stadt Stuttgart verantwortlich.

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