6. Dezember 2017

Eine für Zweiradfahrer lebensgefährliche Straße in Degerloch

Eine Radfahrerin ist am 7. November beim Überqueren der Jahnstraße in Degerloch schwer verunglückt. 

Der Unfall geschah an einer ohnehin schwierigen Stelle dort, wo das Königsträßle die Jahnstraße kreuzt. Ein unfallträchtige Kreuzung, auch weil die Ampelanlage ungewöhnlich funktioniert.

Die Stuttgarter Zeitung hat über den Unfall unter dem Titel "E-Bike-Fahrerin bei Unfall schwer verletzt" berichtet, so als ob das Pedelc der entscheidende Faktor für den Unfall gewesen wäre. Wie der Unfall passiert ist, ermittelt die Polizei.
Die Darstellung der Zeitung, die sie vermutlich von der Polizei hat, ist mit einem "offenbar" versehen. "Die Fahrerin eines Elektrofahrrads wollte am Dienstag gegen 18.45 Uhr die Jahnstraße überqueren und übersah dabei offenbar den VW Lupo eines 73-Jährigen."

Die Situation dort ist nicht einfach, den Ampeln stehen nur auf der Jahnstraße, nicht aber auch an den Einmündungen des Königssträßles. Wenn Radler über den Drücker die Überfahrt anfordern, werden Autoampeln links und rechts auf der Jahnstraße rot. Wer im Königssträßle an der Haltelinie steht, kann das nur sehen, wenn die Autos anhalten. Dann treppelt man los. Zuweilen geschieht es aber,  dass ein Autofahrer, der vom Fernsehturm her kommt, die Gelegenheit nutzt, wenn der Gegenverkehr auf der Jahnstraße aus Richtung Degerloch Epplestaße steht, um nach links ins Königsträßle auf die Waldau abzubiegen. Das tun er unter Missachtung des Rotlichts für ihn.

Wie man an den Vorfahrt-Achten-Schildern sieht, muss natürlich auch jeder Radfahrer hier warten, bis keine Autos von links oder rechts mehr kommen, ganz egal, ob die Autos nun Rot haben oder nicht. Der Querverkehr hat hier immer Vorfahrt. Allerdings ist diese Kreuzung eben wirklich nicht so ganz einfach zu verstehen. Wie alle Kreuzungen übrigens, wo nicht an allen Straßen Ampeln stehen, die auf sie zu führen. Sie bergen eine zusätzliche Gefahr: Es fehlt der kleine Puffer zwischen Rot für den Querverkehr und Grün für den kreuzenden Verkehr. Manche Radler starten, sobald die Autos langsamer werden und anhalten. Tritt aber auf der anderen Seite noch einer aufs Gaspedal, um es noch bei Dunkelgelb zu schaffen, dann trifft man sich mitten auf der Kreuzung.

Aus Richtung Waldau, also da, wo die verunglückte Radlerin herkam, steht der Drücker im Königsträßle gut zwanzig Meter vor der Kreuzung. Wenn man das weiß, hält man da an, drückt den Drücker und fährt dann vor. (Zwei mal anhalten mutet man auch nur Radfahrern zu, die man für so eine Art Fußgänger hält.) Falls man zum ersten Mal an diese Stelle kommt, übersieht man vermutlich den Drücker und steht dann vorne, ohne irgendeine Chance, Rot für den Querverkehr anzufordern. Falls man dennoch schon bei der ersten Fahrt kapiert hat, dass man den Drücker zwanzig Meter vor der Querstraße drücken muss, weiß man immer noch nicht, woran man jetzt erkennt, dass man fahren darf. Man merkt es, wenn die Autos - wie zum gemeinsam-nett-sein entschlossen - plötzlich alle anhalten. Oder man erkennt es daran, dass die Fußgängerampel links grün wird. Sie ist allerdings ein Stückle weg.

Autofahrer die aus dem Königsträßle rauswollen, freuen sich  regelmäßig, wenn ein Radler kommt, und am Drücker Rot für die Jahnstraße anfordert, weil sie dann selbst herausfahren und links oder rechts abbiegen können. Sie selbst müssten aussteigen, um an den Drücker zu kommen. Radfahrer sollten sich dann aber tunlichst vor das Auto stellen, damit sie bei der Abbieghast der Autofahrer nicht umgenietet werden.

Vor gut einem Jahr ist an dieser Kreuzung schon eine Motorrollerfahrerin tödlich verunglückt. Sie fuhr auf der Jahnstraße auswärts Richtung Fernsehturm. Ein Autofahrer, der ihr entgegen kam, wollte nach links ins Königsträßele abbiegen und fuhr sie dabei tot.
Und erst am Sonntag den 19. November wurde ein Radfahrer schwer verletzt, der auf der Jahnstraße Richtung Mittlere Filderstraße (also Richtung Sillenbuch) unterwegs war. Dabei kam es zu einem Zusammenstoß mit einem Auto. Der Hergang war zu dem Zeitpunkt, als der Zeitungsartikel erschien, noch ungeklärt. Die Vormulierung "Der 40-Jährige verletzte sich bei dem  Unfall schwer" zeigt einmal  mehr, wie schwer es Zeitungsjournalisten und Polizei (also unserer Gesellschaft) fällt, anzuerkennen, dass Radfahrer durch Autos verletzt werden und sich nicht irgendwie rätselhafterweise selbst verletzen bei Kontakt mit Autoblech.

Kommentare:

  1. Das ist mein täglicher Weg zur Arbeit. Und die einzige Kreuzung an der ich im Geiste die Rotlichtverstöße mitzähle. In einem von vier Fällen gibt ein Autofahrer/ eine Fahrerin Gas statt zu bremsen. Oder rollt ganz ohne Hektik mit großer Selbstverständlichkeit weiter als wäre nichts. Dort hilft uns Radlern momentan nur maximale Vorsicht.

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    1. Das ist auch meine Beobachtung, ich bin dort allerdings nicht so oft wie du, deshalb habe ich es vorsichtiger formuliert. Danke für den Hinweis.

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  2. Ähnliche Situation ohne richtige Ampel gibt es auf dem Langen Feld zwischen Münchingen und Ludwigsburg/Stammheim: https://www.google.de/maps/place/48%C2%B052'03.9%22N+9%C2%B008'20.2%22E/@48.8677439,9.1383832,194m/data=!3m2!1e3!4b1!4m6!3m5!1s0x0:0x0!7e2!8m2!3d48.867743!4d9.1389461

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    1. Ich kenne die Ecke. Dort erkennt zumindest die Fussgängerampel. Von daher würde ich sagen: nicht optimal,aber noch grenzwertig vertretbar.

      Gruß Michael

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  3. Wer lässt sich denn diesen Bettelknopf einfallen? Wie weltfremd kann ein Mensch eigentlich sein?

    Ich drücke also ein Knöpfchen und warte, dass es "grün" wird. Nur die Ampel fehlt.

    Die Bürokraten, die diesen Unfug verbrochen haben, sollten einfach einige Tage mehrfach diese Kreuzung passieren. Auf Fahrrädern. Und mit ihren Familien im Schlepptau.

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    1. Wieso soll das Unfug und weltfremd sein? Um nicht einen festen Takt mit grün/rot einzurichten (was für den Verkehrsfluss kontraproduktiv sein kann, auch für andere Radler), sorgt man für eine Holampel. Wenn man die Ampel nun noch über der Kreuzung aufhinge, so dass sie alle Richtungen erkennbar anzeigt, wäre es gut! Ein Drücker direkt vor der Kreuzung wäre zwar für einen Fremden besser, weil auffindbar, aber die einheimischen Alltagspendler hätten es schlechter, denn die verlieren ja die Zeitspanne für das Stück bis zur Kreuzung. Das fände ICH dämlich. M. Pfaff

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    2. @ M. Pfaff

      Es ist Unfug, weil ich ein Signal anfordere, dass ich nie sehen werde.

      Es ist Unfug, weil ich als Radler mitten auf der Straße anhalten muss, um diesen Bettelknopf zu drücken.

      Es ist Unfug, weil ein Auto- oder LKW-Fahrer (zumal ortsunkundige) nicht mit dieser kreativen Lösung rechnen und nicht mit einem plötzlich stehen bleibenden Radler rechnen.

      Es ist Unfug, weil ganz offensichtlich der Verkehr hier nicht für alle Verkehrsteilnehmer sicher und eindeutig geregelt ist. 2 schwere Unfälle in 2 Wochen sprechen eine deutliche Sprache.

      Die allermeisten Drückerampeln funktionieren bekanntermaßen anders. Und sie sind deutlich sicherer.

      Aber vielleicht sollten wir in Deutschland einfach einen Großversuch starten und alle Drückerampeln (auch die für Fußgänger) umbauen und den "Standard Königsträßle/Jahnstraße" einführen. Ich sehe die verzweifelten Eltern vor meinem geistigen Auge, wie sie ihren Kindern erklären: "hier musst du drücken, dann 20 Meter laufen und dann musst du warten, bis die Ampel, die hier nicht hängt, grün zeigt. Dann kannst du über die Straße... also wenn keine Autos mehr fahren... klar?"

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  4. Der Drücker ist schon ganz gut dort. Denn zu Stoßzeiten haben wir dort eine ununterbrochene Schlange von Autos. Und wenn kein Fußgänger für sich Grün anfordert (und das ist kein frequentierter Überwerg), dann warten Radler dort sehr lange, ohne irgendetwas beeinflussen zu können. Ohne Drücker würde es hier vermutlich noch kritischer.

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  5. "dass Radfahrer durch Autos verletzt werden"
    Fast richtig. Radfahrer werden durch Autofahrer verletzt.

    Martin

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    1. Durch Autofahrer mittels eines Autos .... ?

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    2. Oder so. Mir kommt es halt darauf an klar zu sagen, daß hier Menschen durch andere Menschen verletzt werden. Nicht durch Dinge ohne menschlichen Einfluß. Und, wie du richtigerweise schreibst, sich gar selbst verletzen.

      Martin

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  6. Kleine Anmerkung dazu: "Falls man dennoch schon bei der ersten Fahrt kapiert hat, dass man den Drücker zwanzig Meter vor der Querstraße drücken muss, weiß man immer noch nicht, woran man jetzt erkennt, dass man fahren darf."

    Man darf natürlich auch fahren, ohne dass die Ampeln rot zeigen. Für die Zeiten, in denen viel Querverkehr auftritt ist so ein Drücker dann natürlich doch nützlich.

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  7. Eine ähnliche Ampel gibt es auch auf der HRR 1 an der Kreuzung mit der Böheimstraße, dort wo die Route von der Burgstallstraße in die Möhringer Straße übergeht. Man muss schon ziemlich genau schauen, um die Farbe der Fußgängerampeln erkennen zu können. Einer "Hauptradroute" etwas unwürdig.

    Jan

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