8. Dezember 2017

Unsere Radinfrastrukur dient vor allem Autofahrern

Das Land der Scheinradwege, so betitelt die Märkische Allgemeine ein Interview mit dem Hamburger verkehrspolitischen Sprecher des ADFC, Stefan Warda.

Unsere Radwege und Radstreifen sind zu schmal und zu unsicher. Die Radinfrastruktur müsse endlich an die Radfahrenden angepasst werden. Sonst nützt sie nur den Autofahrern, weil man Radler von den Fahrbahnen verbannt.

Warda fährt übrigens auch in den Städten nicht entspannt Fahrrad, die bei uns als Fahrradstädte gelten, also Münster oder Freiburg. Denn auch dort, so seine Einschätzung, ist Radfahren stressig. Radwege, sind zu schmal und befinden sich im Türbereich parkender Autos. An Ampeln steht man zu lange, auf den Radstreifen parken Autos.

Hamburg
In Hamburg (und München) gibt es viel mehr Radwege als bei uns (Foto oben: Stresemannstraße), die an der rechten Türseite geparkter Autos entlang führen. Selten werden sie so gesichert wie hier auf dem Foto zu sehen. Beifahrer/innen, die da aussteigen wollen, sind noch viel weniger als Autofahrer/innen darauf trainiert, erst nach hinten zu gucken, bevor sie die Tür aufstoßen. Radler weichen auf solchen Radwegen dann oft auf den Gehweg aus, was Fußgänger stresst. Werda bemängelt natürlich auch das weitere Manko von Radwegen: Abbiegende Autofahrer sehen die Radler nicht, die geradeaus fahren wollen.

Natürlich sind an Kreuzungen die Ampeln nicht für die Geschwindigkeit von Radfahrenden ausgelegt. Grüne Welle für Radler gibt es nicht. Radfahrer müssen immer wieder anhalten und warten, oft zu lange, und fahren dann bei Rot.

Warda: "Wenn wir von Rüpelradlern sprechen, dann müssen wir auch die Rüpelplaner erwähnen. Die meisten Fahrradwege in deutschen Städten sind nur Scheinradwege. Sie dienen nicht dem Radfahrer, sondern dem Autoverkehr. Ihr Ziel ist es schlicht, das Fahrrad von der Fahrbahn zu verdrängen. Deswegen werden sie auch nicht richtig genutzt."

Stammheim - wohin mit den Radfahrern?
Ich stimme ihm zu und meine: Wenn eine Stadt ernsthaft will, dass mehr Menschen Rad fahren - und Stuttgart muss sich das dringend wünschen, denn sonst drohen Autofahrern Fahrverbote - dann muss sie endlich für Radfahrer planen: Breite Radwege, für die man eine Autofahrspur verwendet, etwa auf der Cannstatter Straße, auf dem Cityring, auf der Kaltentaler Abfahrt rauf und runter, auf der Neuen Weinsteige rauf und runter, auf der Heilbronner Straße, auf der Leonberger Straße, auf der Stresemannstraße oder Siemensstraße und so weiter.

Und dafür muss man auch oberirdische Parkplätze hergeben (etwa auf der Theodor-Heuss-Straße), denn Parkhäuser haben wir wahrlich genug im Kessel. 



Kommentare:

  1. Ich kann dir nur zustimmen. Auch bei uns (Mannheim) sind die wenigsten Radwege sicher. Die Infrastruktur gehört entweder grundlegende überarbeitet oder die unsicheren Radwege gehören gesperrt. Zudem ist es nötig, den Führerscheinbesitzern mal die Verkehrsregeln nahezubringen. Vor allem, dass nicht alles an dem ein Fahrradsymbol hängt ein Radweg ist und dass man Radfahrer nicht durch zu dichtes Überholen "maßregelt". Das ist 1. eine Ordnungswidrigkeit mit einer Straftat (Gefährdung) "geahndet" und 2. Selbstjustiz (Straftat). Radfahrer sind nach der STVO Verkehrsteilnehmer, dem Kraftfahrzeugverkehr gleichgestellt. Das ist wohl der Mehrzahl der Kraftfahrzeugführer vollkommen unbekannt.
    Aber statt gleichberechtigte Spuren zu bekommen, muss man sich mit Resten begnügen.
    Bei uns hat man an einer Hauptverkehrsstraße dem motor. Verkehr jeweils eine von drei Spuren weggenommen. Das ist für den dortigen Verkehrsfluss nicht besonders tragisch. Aber die Radspur wird, besonders, von den PKW konsequent zum Fahren mitbenutzt. Da sind PKW-Fahrer sogar so dreist, Radfahrer anzuhupen, auf der Radspur. Die Polizei hat schon kontrolliert, mit erheblichen Ahndungen. Es ist nur noch keiner auf die Idee gekommen, die Spur mal mechanisch abzusperren, dann hätte sich das Problem erledigt.
    Karin

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    1. Zitat:
      "Es ist nur noch keiner auf die Idee gekommen,
      die Spur mal mechanisch abzusperren, dann hätte
      sich das Problem erledigt."

      Schlechte Idee. Diese Spur ermöglicht u.a. in
      Notfällen schnell an die Stellen zu kommen, an
      welchen Hilfe benötigt wird. Hier "mechanisch
      abzusperren" könnte im schlimmsten Fall Leben
      kosten !

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    2. Weiterer Nachteil von Absperrungen: Stürzt ein Radfahrer, sind diese Absperrungen mögliche Hindernisse, gegen die er/sie knallt. Mit der Gefahr schwerer Verletzungen.

      Es hilft nichts: Die KFZler (ich bin selber einer) müssen es halt lernen und die Freunde in Uniform dürfen ruhig ihren Job machen. Bei Radler-Kontrollen (Licht, Radfahrer, ...) geht's ja auch.

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    3. Das Problem ist doch, Wildparker und kreative Stauvermeider von der Fahrradspur fernzuhalten, nicht aber Notarztwagen.

      Die in Frankreich und UK weit verbreiteten Plastikpoller sind eine Loesung dafuer.
      Oder aber man trennt Auto- und Fahrradspur mit Hochbord-Randsteinen wie in Kopenhagen. Autofahrer respektieren die allein schon aus Sorge um ihre Designfelgen.

      Gruss - Matthias

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  2. Über den Punkt von Matthias grübel ich auch, seit ich die Tatort-Folge "Stau" gesehen habe. Ja, es ist Fiktion. Nein, mir ist bisher kein solcher Fall bekannt bzw. aufgefallen in den Medien. Aber so fiktiv erschien mir das nicht.

    Zur Info: in dem Tatort wurde ein Mädchen angefahren, und gegen einen Poller geschleudert. Genickbruch durch den Aufprall auf den Poller.

    Die Frage, die sich mir stellt: wie real ist dieses Szenario? Ist das so möglich? Aus meiner Laiensicht erscheint es mir möglich, aber ich stütze mich nun mal gerne auf Fakten statt auf Glauben.

    Martin

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    1. Von verunglückten Radlern weiß ich auch nicht. Aber von verunglückten Bikern. Eine große Falle für die sind zum Beispiel die Pfosten von Leitplanken. Wenn es gut geht, rutschen Biker im Falle eines Falles unter der Leitplanke durch. Wenn es dumm läuft, ist ein Pfosten im Weg. Mit oft tödlichen Folgen.

      Und was die Fakten angeht, einfach googlen. "Motorrad/Fahrrad Unfall Pfosten. So oder so ähnlich.

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    2. Ja, von Motoradunfällen weiß ich auch. Deswegen werden auf Autobahnen jetzt mehr Betonleitplanken verbaut. Sind auch andere Geschwindigkeiten.

      Aber bei Radfahrern/Fußgängern ist mir nichts bekannt. Was das Szenario eventuell ausschließt, eventuell auch nicht.

      Martin

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    3. Martin, möglich ist alles, auch das Unwahrscheinlichste. Aber dass uns ein Poller das Genick bricht, ist viel unwahrscheinlicher, als dass uns ein Auto auf den Kühler nimmt oder gegen ein geparktes Fahrzeug drängt, dass wir mit einem Straßenschild auf dem Radweg kollidieren oder dass wir die Treppe runter fallen. Es steht doch sehr viel Festes auf Straßen und Radwegen herum, und das meiste davon ist größer, nämlich Autos und Autotüren, die plötzlich aufgehen.

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    4. Nichts für ungut,aber deine Einschätzung beruht auch nicht auf Fakten und beruhigt mich daher in keinster Weise.

      Martin

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  3. Wenn man sich vor Augen hält, dass der Normalfall ist, dass man als Radfahrer wie alle Fahrzeugführer auf der Fahrbahn fährt, verschwinden ganz viele der in diesem Blog beschriebenen Probleme.

    Ein Radweg ist ein Angebot, dass ich nutze, wenn die Verwendung Vorteile bringt. Zum Beispiel, wenn er schneller oder verkehrsärmer ist. Sicherer ist ein Radweg nie.

    Auch ein benutzungspflichtiger Radwegen muss nur benutzt werden, wenn er benutzbar und zumutbar ist. Ein Radweg entlang von Autotüren ist es nicht. Ein zu schmaler Radweg oder ein Radweg über eine rutschige Holzbrücke ist es auch nicht.

    Boris

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  4. Vielen Dank an Christine, dass du über Stefan Warda berichtest, denn bislang war mir dieser Name nicht bekannt. Ich schließe mich vollumfänglich den Auffassungen des Kollegen an. Mein Vokabular ist nun erweitert um den Begriff "Schein-Radwege". Ich finde diese Bezeichnung sehr zutreffend. Viele Grüße an alle Radfahrenden.

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  5. Warda ist nicht der verkehrspolitische Sprecher des ADFC Hamburg. Er hat zwar früher für den ADFC gearbeitet, ist jetzt aber auf eigene Faust mit dem Blog hamburgize.com unterwegs.

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