18. Februar 2018

Ist die Fahrradstraße in Gefahr?

Ab Sommer gibt Sanierungsmaßnahmen am Österreichischen Platz. Da rostet der Stahl. Autos können dann nicht mehr von der Paulinenbrücke nach rechts über den Österreichischen Platz abbiegen.  

Sie sollen jeweils in den Sommerferien 2018/19/20 über die Tübinger Straße geleitet werden, und zwar zur Cottastraße und von der Fangelsbach in die Feinstraße. In der Bezirksbeiratssitzung am Dienstag vor zwei Wochen stellte die Stadt das Konzept für die Umleitungen vor. Ich war nicht nicht dort, denn ich war beim Radforum, das gleichzeitig stattfand. Die Stuttgarter Zeitung berichtet, der Verkehr solle auf der Paulinenbrücke nach rechts in die Marienstraße abgeleitet werden. Dann sollen die Autos die Silberburgstraße runter fahren und über die Tübinger Straße zur Cottastraße geleitet werden und dort auf die Hauptstätterstraße Richtung Heslacher Tunnel fahren. Außerdem wird die Sperre an der Feinstraße abgebaut.

Derzeitiger Planungsstand für Auto-Umleitungen,
so wie ich ihn verstanden habe
In der Stuttgarter Zeitung heißt es: "Die Poller in der Feinstraße, die mit der Fahrradpriorisierung auf der Tübinger Straße gesetzt wurden, kommen während der Bauzeit weg." Wer ins WGV-Parkhaus in der Feinstraße fahren wolle, werde von der Hauptstätter Straße in die Fangelsbachstaße und in die Tübinger Straße geführt und muss bis zur Feinstraße fahren. Dort steht aber nun die Sperre mit den Radschleusen. Die wird dann abgebaut, und die Autos biegen in die Feinstraße ab. In Gegenrichtung (vom Gerber Richtung Marienplatz) bleibe die Sperre bestehen.


Tübingerstr/Feinstr 2014
Das bringt, scheint mir, jede Menge Autoverkehr auf die Fahrradstraße zwischen Cottastraße und Feinstraße. 

Denn zu den Autofahrern, die zur WGV-Garage wollen, kommen noch alle hinzu, die derzeit über die Feinstraße zum Gerber fahren - darunter LkW -, zu den dortigen Parkplätzen zur Gerber-Garage oder die einfach nur auf Parkplatzsuche durch die Tübinger Straße vor zur Eberhardstraße fahren. All die fahren dann auf der Fahrradstraße durch den eben erst verkehrsberuhigten und fußgängefreundlich gestalteten Bereich.

Und jetzt schon ist der Abschnitt bis zur Cottastraße immer wieder von Autos verstopft, die die Silberburgstraße als Schleichweg benutzen, obgleich man dort nicht durchfahren darf. Autofahrer, die auf Ampelgrün warten, stehen quer vor der Ausfahrt der Radler aus der Tübinger Straße bei Dinkelacker. Radler schlingern um die Autos herum, die sich dort aufreihen. Das wird sicher nicht besser, wenn die Autos von der Paulinenbrücke über die Silberurgstraße auf die Fahrradstraße geleitet werden. 

Allerdings wird das jeweils nur in den Sommerferien stattfinden, wo insgesamt sowohl weniger Autos als auch Räder in Stuttgart unterwegs sind. Und entschieden ist noch gar nichts. Der Bezikrsbeirat Süd wird sich noch mal mit den Plänen befassen und dann erst entscheiden. Wenn das Ganze aber jeweils eine Sommerferienaktion ist, dann kann man sich auch fragen, ob man den Autoverkehr nicht anders leiten kann, als über die Fahrradstraße.


Ich hätte da zwei Vorschläge. 

Die Leute, die von Finanzamt her, also von der Paulinenbrücke zum Heslacher Tunnel wollen, könnte man auch  über die Marienstaße, Hohenstaufenstraße und den Marienplatz zum Tunnel leiten. Die Silberburgstraße müsste während der Phase eindeutig gesperrt werden für alle Autos, sonst wird sie als Schleichweg benutzt. Man könnte die Autos sogar noch weiter, nämlich über die Mörike-, Hohenzollernstraße und Schickardstraße bis zur Karl-Kloß-Staße lotsen, wo sie in den Heslacher Tunnel einfahren können (siehe Plan). Da das Ganze sich auf die Sommerferien beschränkt, werden hier Schulen am Weg auch nicht beeinträchtigt. Der Autoverkehr, der vom Bahnhof her kommt (und sonst über Theo und Paulinenbrücke fährt), könnte bereits durch den Planie-Tunnel auf die Hauptstätter Straße geleitet werden.

Und wie kommen die Leute zur WGV-Garageneinfahrt in der Feinstraße? Sie müssen, wenn sie von der Paulinenbrücke kommen, nach links auf die Hauptstätter Straße fahren und am Wilhelmsplatz einen U-Turn machen (den müssen Leute, die vom Heslacher Tunnel kommen, bei der jetzigen städtischen Lösung auch machen) und werden über die Christopfstraße oder über die Sophienstraße in die Gerberstraße geleitet und fahren über die Paulinenstraße zur Tübinger Straße, von wo sie in die Feinstraße abbiegen können (siehe Plan). Dieser kurze Abschnitt der Fahrradstraße zwischen Paulinenbrücke und Feinstraße ist ja jetzt schon für den Autoverkehr uneingeschränkt freigegeben. Auf der Gerberstraße und in der Paulinenstraße könnte man die Parkplätze während der Bauzeit einziehen. Das geht, das gab es schon mal. Und es ist ja nur für die Sommerferien.

Es würde der Fahrradstraße helfen. Sie wurde  erst 2016 eingereichtet und erst 2017 vom Probe- auf den Dauerbetrieb umgestellt. Der Radverkehr hat hier noch mal zugenommen. Immer schon waren hier Tausende Radler unterwegs. Der Bereich an der Kirche beim Karlsgymnasium wurde verkehrsberuhigt und fängt gerade an aufzublühen.

Und wir erinnern uns: Auch für die Autosperre an der Feinstraße haben wir lange gekämpft. Dann stand sie 2015, aber mit einem Stoppschild für Radfahrer, damit Autos freie Fahrt hatten. Wir haben demonstriert, das Stoppen geübt und eine Stoppschildparty gefeiert, bis eine Verkehrszählung ergab, dass so viele Radler auf der Tübinger Straße unterwegs sind, und so wenige Autos auf der Feinstraße, dass die Radler Vorrang bekommen müssen. Welch ein Jubel! Und dann endlich, nach zehn Jahren argumentieren und radfahren, wurde die Tübinger Straße zur Fahrradstraße. Noch nicht perfekt, aber besser als vorher. Noch fahren zu viele Autofahrer, die sie als Schleichweg benutzen. Zaghaft dachten wir sogar über Verbesserungen für Radfahrende nach.

Ich finde: Eine Baustelle darf nicht zerstören, was uns so viel Zeit und Kraft gekostet hat, damit wir des bekommen: die Fahrradstraße Tübinger Straße. Wir wollen sie behalten. Eine Fahrradstraße haben wir bereits verloren, nämlich die Münzstraße. Wir wollen den Status der Tübinger Straße nicht auf 2014 zurückdrehen, nur weil man Autofahrenden keine Umwege zumuten will. Auch nicht nur mal kurz für sechs Wochen.

Und noch eine Nachbemerkung: Kommentare sind wie immer erwünscht, aber bitte bleiben wir maßvoll und konstruktiv. Das schöne ist ja, dass wir alle gerade erst anfangen zu diskutieren und abzuwägen. Noch ist nichts entschieden. Die Pläne sollen am 20. März noch mal im Bezirksbeirat Süd vorgestellt werden (18:30 Uhr, Gebrüder-Schmid-Haus, Heslach, Saal im zweiten Stock).


Kommentare:

  1. Ich denke, so eine Ferienaktion können wir aushalten. Wir sollten uns darauf fokussieren einen Ersatz für die Münzstraße zu bekommen - denn da ist permanent ein Loch in der Radroute das sie unattraktiv macht.

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    1. Carsten, ich denke, wir können das aushalten, wir, die wir viel mit dem Fahrrad fahren. Für Sommerferien ist es aber auch wieder schade, wenn eine Straße, die eigentlich für den Aufenthalt von Menschen draußen umgestaltet wurde, wieder von Autos beherrscht wird. Und für Eltern, die mit Kindern radeln, gerade im Sommer, wird sie wieder gefährlich. Ich selber schwanke, was ich denken soll. Das ist ja das Tückische an der Angelegenheit. Wir opfern ein bisschen was - ist ja nur für kurze Zweit - zugleich wird aber deutlich, dass Fahrradstraßen (Fahrradinfrastruktur) Verfügungsmasse sind. Sobald der Autoverkehr was braucht, nimmt man sie weg. Und das ist eben auch nicht gut.

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  2. Christine, es ist definitiv ein Fall bei dem Autos dem Fahrradverkehr gegenüber Vorfahrt eingeräumt werden soll. Die von dir vorgeschlagenen Umleitungen bin ich schon geradelt, da sind ne Menge Anwohner die belastet werden. Irgendwer muss hier die Kröte schlucken, und immerhin müssen wir nicht unsere Kinder im Berufsverkehr hier her schicken denn es sind ja Ferien.
    Das Ärgernis Münzstraße ist dagegen permanent defekt, und wir haben nicht mal eine Idee wie wir mit dem Rad da sauber durch kommen sollen. Und das nur wegen noch einem weiteren Einkaufstempel, wo Stuttgart doch mehr als genug Filialen der Einzelhandelsketten bietet und der Einzelhandel mit dem Weihnachtsgeschäft ohnehin unzufrieden war. Mehr Flächen bedeutet auch weniger Umsatz für bestehende Geschäfte, besonders für die kleinen Läden mit guter Beratung die Stuttgart für mich attraktiv machen gegenüber Amazon & Co.

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    1. Andererseits radeln vielleicht gerade in den Sommerferien die Eltern mehr mit Kindern in die Stadt, und dann treffen sie auf der Fahrradstraße auf viel Autoverkehr. Es fahren ja nicht alle in Urlaub.

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  3. Christine, ich kann Dein Dilemma nachvollziehen! Es ist nicht einfach, sich zwischen "Wehret den Anfängen" und "Irgendwie müssen die Autos ja auch fahren" zu entscheiden. Vielleicht lässt sich ja ein Deal aushandeln. So in der Art - ja, wir Radler opfern für 6 Wochen eine Fahrradstrasse, aber dafür muss die Stadt "irgendwas" tun (mehr Winterdienst, Münzstrasse verbessern, oder sonst was). Einfach so ohne "Gegenleistung" hart erkämpfte Ziele zu opfern (wenn auch nur zeitweise), nur weil wir alle nett und lieb sind, fällt mir auch schwer. So was kann dann schnell zur Gewohnheit werden!

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  4. Es wird auf jeden Fall von Radlern verschiedener Verbände und Initiativen zu dem Thema noch was geben, so wie dich die Erregung einschätze. Gerade weil wir eine Fahrradstraße verloren haben und die Holzstraße nicht funktioniert. Könnte sein, dass sehr viele Radfahrenden jetzt keine Lust mehr haben auf Vernichtung von Radfahrraum, egal wie geringfügig und kurz es tatsächlich ist.

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  5. Jörg
    Wir sind natürlich wie häufig viel zu spät. Hat mal jemand den Weg entlang der Hauptstätter Straße auf der Ostseite (Pualinenbrücken-Seite) als Radfahrer Fußgänger gemacht? Das ist nicht schön! Und unwürdig für eine Stadt. Hier sind dringend Verbesserungen nötig.
    Also sei es wie es ist: Das häßliche Zeug wird renoviert. Die schraffierte Fläche aus Bild 2 wird gesperrt.
    Vorschlag meinerseits Rechtsabbiegende Autos von der Paulinenbrücke sollen nach links zum Österreichschen Platz fahren und dort einen U-Turn machen. Autos sollen möglichst auf Hauptstraßen geführt werden. Wenn nötig die Silberburgstraße als Einbahnstraße in Richtung bergan führen. So müssten alle den U-Turn nutzen.

    Bei der Erreichbarkeit der Feinstraße fällt mir nichts Gutes ein. Da muss wohl die Sperre um eine Straßenbreite in Richtung Stadt geschoben werden. Aufheben sollte man die Sperre nicht.
    Grundsätzlich wäre es besser die Baustellen für den Autoverkehr in der Feinstaubsaison durch zu führen.

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  6. interessant finde ich, wie auf andere Verkehrsbeschränkungen reagiert wird.
    "Neue Express-Busspur in Stuttgart - Das Netz reagiert mit Wut und Unverständnis".
    https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.neue-express-busspur-in-stuttgart-das-netz-reagiert-mit-wut-und-unverstaendnis.8599039f-d8d0-4e75-9d6d-32d734e9ea13.html

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  7. Ja, da wird mit zweierlei Maß gemessen. Für uns wird gelegentlich ohne Umleitung eine wichtige Route komplett gesperrt ohne wichtigen Grund, gerade zum Beispiel die Landstraße von S-Vaihingen nach S-Möhringen. Und hier fällt nur eine Fahrspur weg - die andere Fahrspur bleibt aber voll erhalten.

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  8. Es gibt keinen Grund hier auf Fahrrad-Infrastruktur zurückzugreifen oder Verkehr durch Wohngebiete umzulenken. Wie Christine schon geschrieben hat, können Fahrzeuge Richtung Böblingen den U-Turn nutzen. Sonst kann auch vom City-Ring eine Umleitung Richtung Böblingen auch über Rotebühlstrasse nach Böblingen bzw. dann über Schwabstrasse Richtung Autobahn ausgeschildert werden. Überregionaler Verkehr hat in einer Fahrradstrasse ja sowas von nix verloren.

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