6. November 2018

Ich fahre doch nur Fahrrad

Ich bin keine Radfahrerin, ich fahre nur Fahrrad. Das Rad ist für mich ein Verkehrsmittel, mit dem ich besser in die Stadt und durch die Stadt komme. Nicht mehr und nicht weniger.

Meine Entscheidung fürs Fahrrad fiel vor zwölf Jahren, als es Pedelecs gab, mit denen ich meinen Berg hochkomme. Schnell habe ich gemerkt, dass Radfahren mehr ist als nur eine Bewegung von A nach B. Es ist eine Lebensart, eine Freiheit und, leider für viele, hauptsächlich Nicht-Radler, auch noch ein politisches Statement. Und das macht es schwierig.

Radfahren scheint bei vielen behaftet mit dem Nimbus des "ich tue was für die Umwelt". Das ist ja an sich nicht verwerflich, aber damit radelt es sich schlecht. Der Nimbus erzeugt bei anderen ein schlechtes Gewissen, das setzt unter Verteidigungsdruck, der sich in Aggressionen niederschlägt. Für die meisten Menschen sind Heiligenscheine ärgerlich bis unerträglich.

Und ich selber möchte auch gar nicht als leuchtendes Beispiel durch die Gegend radeln. Ich möchte nur Fahrrad fahren. Aus rein egoistischen Gründen. Weil es einfacher ist als mit dem Auto, weil es mehr Spaß macht, in die Stadt und durch die Stadt zu fahren. Weil es mir die Freiheit gibt, anzuhalten, wo ich will, oder schnell noch einen Abstecher zu einem Geschäft zu machen, wo ein Autofahrer niemals einen Parkplatz kriegen würde.

Vielleicht sind die Autofahrer, die mich schneiden und anhupen nicht nur verärgert über meinen Heiligenschein (den allerdings nur sie sehen, ich nicht), sondern sie neiden mir meine Freiheit, abzubiegen und anzuhalten, wie ich gerade Lust habe, meine Schnelligkeit und Wendigkeit, meine Stressfreiheit. Ich muss morgens die Scheibe nicht freikratzen, ich muss keine Münzen in Parkplatzautomaten werfen, ich muss nie auf Parkplatzsuche herumkurven, ich fahre am Stau vorbei nach vorn und bin dann weg.

Wer sich aus einer allgemeinen Umständlichkeit des Lebens ausklinkt, die sich die Mehrheit auferlegt hat, muss damit rechnen, Ärger auf sich zu ziehen und als Außenseiterin abgestraft zu werden. Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich's völlig ungeniert. Keine Fahrt ohne Abkürzung durch eine Grünanlage, bei roter Ampel über den Gehweg, schnell vorbei, rum und weg. Vielleicht geht es vielen so. Mir geht es inzwischen nicht mehr so. Ich bin zu alt für Pfadfinderabenteuer. Ich möchte auf ordentlichen Bahnen zum Ziel geleitet werden, so wie alle anderen Verkehrsteilnehmer auch, unterstützt von Schildern, die mir sagen, was ich tun darf und wo es gefährlich wird, ohne Grübeleien über Wegeführung oder die Bedeutung von Signalanlagen. Ich will so radeln, als ob ich eine gleichberechtigte und wohl gelittene Verkehrsteilnehmerin wäre.

Wie jeder normale Mensch, möchte ich dazugehören: zur Stadtgesellschaft, die sich den Verkehrraum teilt, zu denen, die ans Ziel kommen möchten und sich dabei darauf verlassen, dass sich vor ihenen keine Hindernisse auftun oder Wege aufhören. Keine Abenteuer! Aber so einfach ist das nicht. Noch hat mich die Gemeinschaft der Nachbarn, die morgens in ihr Auto steigen, nicht aufgenommen. Man guckt mir halb bewundernd, halb ablehnend entgegen und hinterher. Ich bleibe die "Oh, bei dem Wetter fahren Sie mit dem Rad? Das habe ich als Studentin auch getan."

Aber es gibt auch eine andere Gemeinschaft, die der Radfahrenden. Zu der gehöre ich definitiv, obgleich ich keine Radfahrerin bin, sondern nur mit dem Fahrrad fahre, wenn ich in die Stadt oder durch die Stadt muss oder will. Die Gemeinschaft der Radfahrenden ist übrigens auch viel schöner und netter als die der Autofahrenden, denn die Gemeinschaft der Autofahrenden gibt es eigentlich gar nicht. Und gerade in Stuttgart ist die Radlergemeinschaft groß, sehr lebendig und gut vernetzt und ein bisschen auch eingeschworen auf sich selbst. Das ist schön.




Kommentare:

  1. Liebe Christine,
    ein toller Artikel.
    Auch ich fahre Rad, ohne politisches Statement, auch aus rein egoistischen Motiven, auch mich nerven die "Belehrer", die mir abstruse Verkehrsregeln vorhalten, die es nochnichteinmal "zu Adolfs Zeiten" gab. Und trotzdem fahre ich weiter Rad. Für mich gibt es allerdings zwei Dinge, bei denen ich das Radfahren sein lassen werde, wenn mich mal so ein Vol.... anfährt, bzw. wenn eine Helmpflicht kommen sollte. Wer mit Helm fahren will, o.k., aber ich nicht. Ich steige aufs Rad, spontan, schnell, im Altag, so wie ich gerade angezogen bin, da brauche ich kein wie auch geartete Zusatzausrüstung. Rad ist Alltag, einfach, unkompliziert, keine Parkplatzsuche, einfach abstellen und stehen lassen, Einkäufe einladen.
    Vielen Dank für Deine regelmäßigen Artikel zum Rad. Vor allem die, die einen doch immer wieder an die Vorteile und den Spaß am Rad erinnern.
    Vielen Dank
    Karin

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  2. Vor Jahren hat ein Hundebesitzer über eine Katze geschimpft, dass sie seinen Hund provoziert. Sie saß auf dem Fensterbrett und schaute nach draußen. Das reichte, um den Hund aufzuregen. So ähnlich ist es mit Radfahrenden und Autofahrern (Autofahrerinnen weniger, die haben zu wenig Testosteron)

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  3. Und gerade in Stuttgart ist die Radlergemeinschaft groß, sehr lebendig und gut vernetzt und ein bisschen auch eingeschworen auf sich selbst. Das ist schön.
    Kann ich leider nicht nachvollziehen. Da ist noch sehr viel Luft nach oben. Schön wäre es z. B. sich im unter Radfahrern auch mal ein Handzeichen zu geben. Ich biege ab, nach dir. Nein, ganz im Gegenteil, da kommen an der roten Ampel Radfahrende und drängeln vor. Das ist mein Eindruck der Gemeinschaft Radfahrender.
    Dennoch liebe Grüße

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    1. Vielleicht verstehst du unter Gemeinschaft was anderes. Ich verstehe darunter, die Radverbände, die CM, den Zweirat, den Radentscheid und den ADFC, die zusammen arbeiten, zusammen Aktionen machen und zusammen über sich selbst nachdenken und politisch handeln. Komisch, dieses Bedürfnis, immer, wenn ich mich (oder andere) positiv über Radfahrende äußere, darauf hinzuweisen, welche Regeln sie wann und wo verletzen. (Das tut man nicht, beispielsweise auf und rund um eine Automesse: Immer darauf hinweisen, dass Autofahrer nicht blinken, an roten Ampeln weiter fahren und Menschen töten.)

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    2. Super Geschrieben,liebe Christine ��Danke hierfür. Werde mich noch dazu äußern, ist gerade schwierig am Handy. ��

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  4. Genau das was Du sagst. Alles. Applaus!

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  5. Liebe Christine, mit vielem hast Du absolut recht. Aber eines nehme ich Dir nicht ab: Du möchtest nur Radfahren aus Spaß und weil es bequem ist? Ehrlich? Kein bisschen politische Aussage dabei, nicht ein klitzekleines bisschen?

    Gut, die innere Einstellung und Motivation sieht kein Autofahrer.

    Die sehen so etwas: ein grünes Wesen auf einem quietschgrünen Fahrrad auf der Straße. Ein Alien, Invasion.

    Was ist die Reaktion? Je nach Charakter:

    a) Schockstarre, kein klarer Gedanke mehr möglich, angefangene Handlung im Autopilot-Modus beenden (also geradeaus weiterfahren, nicht ausweichen, ohne Sicherheitsabstand überholen, bzw. den geplanten Rechtsabbiege-Vorgang durchziehen). Ein paar Minuten später ist alles vorbei. Hirn geblitzdingst, keine Erinnerung mehr an das Erlebte, beim nächsten Radfahrer alles wieder von vorne.

    b) der Rambo-Typ, voller Adrenalin und Testosteron. Angriff ist die beste Verteidigung. Immer bereit, die Welt zu retten. Held der Straße sein. Für den perplexen Radfahrer ist Schluß mit lustig. Der wird beschimpft, angehupt abgedrängt, und wenn der Radler nicht flüchtet, eskaliert die Situation.

    c) Die Mutti im SUV auf dem Weg zur Schule mit dem Nachwuchs im Kindersitz. Voll auf die eigene Sicherheit bedacht und selbstlos bereit zu allem bereit, die Brut zu beschützen. Je nach Naturell wechselt das Verhalten nach einer kurzen Phase vom Typ (a) zum Typ (b). Als Radfahrer bist Du mal wieder zur falschen Zeit am falschen Ort.

    d) Der irgendwie sympathische, verpeilte Zeitgenosse. Je nach Alter unter illegalen oder verschreibungspflichtigen Drogen. Ein Rausch an Farben und Formen zieht da vor der Windschutzscheibe vorbei, alles flimmert durcheinander, bunte Verkehrsschilder und Wegweiser, flackernde Werbung, Reflexe von Scheinwerfern. Zu viele Eindrücke auf einmal, peace Bruder! Ach, fast hätter er das Abbiegen verpasst, schnell noch die Kurve kratzen. Er daddelt gerade am Handy oder studiert die Knöpfe und modernen Bedienkonzepte seines funktionsgeladenen Fahrzeugs und sucht, wie er die nervenden Assistenzfunktionen stummgeschaltet bekommt. Für dich als Radfahrer läuft es eigentlich auf das gleiche wie Typ (a) heraus.

    Mach' Dir das klar, und Du findest Dich als Radfaher super im Straßenverkehr zurecht und kannst das präzise vorhersagen, was die Autofahrer so treiben werden.

    Diese Typologie erklärt auch alles, oder? Da sucht keiner nach Deinem Heiligenschein.

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