14. Dezember 2018

Die absolut untaugliche Radinfrstruktur

Es gibt einige Stellen in Stuttgart, wo die Fahrbahnmalerei für Radler nicht befahrbar ist.  Die Abbiegespur für Radlfahrende auf der Herzogstraße gehört dazu. 

Wer hier so radelt, wie vom Ordnungsamt vorgesehen, läuft Gefahr, von einem aus der Rotebühlstraße einbiegenden Auto auf den Kühler genommen zu werden.

Ich habe schon mal darüber geschrieben, hatte aber die Situation bei weitem noch nicht erfasst. Und es gab eine Gelbe Karte an die Stadt. (Die Antwort ging nicht an mich, deshalb zitiere ich sie hier auch nicht.) Ich habe mich also mal wieder hingestellt, diesmal nur 9 Minuten, und Fotos gemacht. Und das sieht gar nicht gut aus.


Alle Autos, ausnahmslos alle (ich habe jeweils zwei Fotos von jedem Auto gemacht), überfuhren beim Einbiegen aus der Rotebühlstraße die schraffierte Fläche und die Abbiegespur für Radler, die ihnen hier entgegenkommen, oder nur die Abbiegespur für Radler. Mag sein, dass sie noch bremsen können, wenn sie dort einen Radfahrer stehen sehen würden. Mag auch sein, dass es nicht mehr reicht.

Radfahrende, die hier täglich radeln, benutzen tunlichst nicht diese Abbiegespur, wenn sie von der Silberburgstraße her kommend nach links auf den Gehweg vor dem Finanzamt abbiegen wollen. Sie fahren schon viel früher (siehe Collage Reihe 5) nach links auf den Gehweg oder sie müssen auf der Fahrbahn bleiben, so wie in dieser Collage ganz unten (und auf dem Foto ganz oben) der Pizza-Radler.
Radfahrende, die zum ersten Mal hier lang kommen, könnten in Versuchung geraten, tatsächlich auf die Abspiegespur zu fahren, um von dort aus links abzubiegen. Dann haben die das zweifelhafte Vergnügen, den Schrecken ihres Lebens zu bekommen, wenn ein Kühler auf sie zu springt und ein Autofahrer den Lenker herumreißt und eine Notbremsung macht. Wenn man mit schlotternden Knien und dem Gefühl, gerade noch mal mit dem Leben davongekommen zu sein, weiterradelt, weiß man wieder mal, warum Radfahren so wunderbar die Lebensgeister wecken kann.

Stellt sich da dann noch ein Auto an den Straßenrand in die Kurve so wie dieser oder sogar noch weiter vorne an den abgesenkten Bordstein, was relativ häufig passiert ("nur mal schnell jemanden aussteigen lassen"), dann ziehen die einbiegenden Fahrer automatisch nach links über die Radspur.

Auch wenn hier keine schweren Unfälle bekannt sein mögen und das Ordnungsamt die Lage als nicht gefährlich einschätzen mag, so ist allein die Angst und die Schrecksekunden, die so eine Radinfrastruktur auslöst, Grund genug, diese Führung für Radfahrende vollständig zu verändern. Und zwar sofort. 


Das Hinweisschild "Vorsicht Radfahrer", das sehr hoch am Schildermasten kurz vor der Ecke steht, reicht jedenfalls nicht, die Autofahrenden dazu zu bewegen, Tempo und Schwung aus der Kurve zu nehmen. Vermutlich sehen sie das Schild gar nicht.

Die, die hier abbiegen, dürften übrigens Autofahrer sein, die die Lage ganz genau kennen, weil sie hier täglich durchfahren. Offenbar wissen sie auch, dass die Radfahrenden ihre Fehler ausgleichen und die Abbiegespur meiden. Sonst würden sie nicht so fahren.


Was könnte man also tun? 

  • Man könnte die Abbiegespur für Radler durch eine Verkehrsinsel schützen, die sich auf der schraffierten Fläche befände. (Da wären dann regelmäßig Poller und Richtungspfeilschilder zertrümmert.) 
  • Man könnte diese gefährliche und erscheckende Abbiegespur für Radler ganz weg nehmen und sie per Wegweiser darauf hinweisen, dass sie hier links auf den Gehweg abbiegen dürfen. Diese winzigen grünen Richtungspfeile für Radler sieht man zwar auch nur, wenn man danach Ausschau hält, aber wir Radler sind ja eh Pfadfinder.
  • Man könnte den Abbiegepfeil für Radler auf die rechte Spur der Fahrbahn malen, denn so fährt ein Radfahrer (wie man oben an dem Pizza-Radler sieht) ja eh, wenn er wegen des Gegenverkehrs bis ganz vor radeln muss. (Der Autoverkehr aus der Herzogstraße heraus auf die Rotebühlstraße ist marginal, da fährt praktisch keiner.) 
  • Man könnte die Herzogstraße deshalb auch zur Einbahnstraße Richtung Silberburgstraße machen, für Radfahrende freigeben und für sie die Fahrbahn Richtung Rotebühlstraße als breiten Radfahrweg anlegen, mit einer entsprechend weit rechts liegenden Abbiegespur Richtung Gehweg, zumindest zur Einmündung hin. 
  • Man könnte die Herzogstraße zur Einbahnstraße Richtung Rotebühlstraße machen. Dann kann kein Auto mehr von der Rotebühstraße aus einbiegen. Für Radler bleibt sie in Gegenrichtung frei. (Was dann noch fehlt: Ein Radstreifen, der per Ampel direkt über die Rotebühlstraße auf die andere Seite führt und parallel mit den Fußgänger/innen Grün bekommt.) 

Was nicht geht, ist hier den Gehweg sozusagen zu verlängern und rüber zu führen (eine so genannte Gehwegüberfahrt anzulegen mit Bordsteinen für die Autofahrer), weil die Gehwege zu beiden Seiten der Einmündung nicht bündig sind, sondern verschoben.

Was aber auch nicht geht: diese Situation aussitzen. Wir können es uns nicht mehr leisten, eine Radinfrastruktur auf die Straßen zu malen, die nicht befahrbar ist und die, wenn sie befahren wird, Angst und Schrecken auslöst. Das ist abschreckend, statt radfördernd. Radfrastruktur muss nicht nur sicher sein, sie muss sich auch sicher anfühlen, und beides ist hier nicht der Fall. 

Und es könnte ja auch sein, dass hier wirklich mal ein Radler von einem Auto auf den Kühler genommen wird. Da Autofahrer regulär die Kurve zu weit ausfahren, ist das nicht ausgeschlossen. Der Radler wäre in diesem Fall völlig schuldlos, wenn er auf der Abbiegespur angefahren wird. Denn dort stellt ihn die Stadt ja hin, wenn er abbiegen will. Und da es eine Gelbe Karte gibt, die auf die Gefahr hinweist, kann auch niemand in der Stadt sagen, er oder sie hätte nichts von dieser brisanten Stelle gewusst, wenn es hier zu einem Unfall kommt.

Und es ist auch schon was passiert. 
Das zeigt dieser Kommentar: :
"Also mich hat an der Stelle schon mal einer umgefahren. Die Büttel meinten noch, dass ich sehr großes Glück gehabt hätte, da nur das Fahrrad kaputt war.  DIE STADT WEISS VON DER GEFAHR. ICH HABE DAFÜR, DASS ICH UMGEFAHREN WURDE, EINEN STRAFZETTEL BEKOMMEN." Vielleicht erzählt uns der anonyme Kommentator noch, was genau passiert ist.

Kommentare:

  1. Ich hätte noch einen Vorschlag. (ein bisschen polemisch)
    Man sollte Autofahrern beibringen, dass das Runde vor ihrer Nase ein Lenkrad ist, das man sehr gut und sehr weit drehen kann. Dann kämen sie auch an der Sperrfläche vorbei. Ich beobachte es so häufig, dass Autofahrer beim Kurvenfahren/Abbiegen auf die Gegenfahrbahn kommen oder die Kurve schneiden. Kaum jemand weiß, wei man korrekt, fahrerisch, abbiegt. Wenn ich nicht so schnell reagieren würden, hätte ich schon manch ein Auto mit Frontschaden und manchen Radunfall gehabt.
    Das fahrerische Können, das vorausschauende Fahren und Rücksichtnahme haben in den letzten Jahren massiv abgenommen.
    Diese Tatsachen lösen leider noch nicht das Problem. Ich frage mich nur, muss die Behörde immer weiter auf die Unzulänglichkeiten der Fahrer reagieren, wenn die Markierungen etwas anderes vorschreiben? Ich kann es schon verstehen, wenn eine Behörde dann sagt, wieso, eine Sperrfläche darf nicht überfahren werden, warum dann noch etwas (Pfosten) oder etwas anderes machen. Besser wäre es die Verstöße zu ahnden und die Verkehrsteilnehmer zur Disziplin anzuhalten.
    Gruß Karin

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    1. Dein Vorschlag ist natürlich gut. Leider haben wir es nicht in der Hand, die Autofahrenden zu belehren oder zu trainieren. Und um an solchen Stellen richtiges Fahrerverhalten zu kontrollieren (und an vielen anderen Stellen auch), bräuchte man irrsinnig viele Polizisten. Natürlich gäbe es andere Methoden, etwa eine Kameraüberwachung, aber so was (nämlich das polizeiliche Kameraauge überall), lehnen wir in unserer Gesellschaft eher ab. Ist schon sehr kompliziert, wie man schwächere Verkehrsteilnehmer/innen vor den bulligen Autos und ihren Fahrern, die die Regeln großzügig auslegen, schützt.

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  2. Mindestens genauso schlimm ist die Situation dort übrigens für Fußgänger, die einfach die Rotebühlstraße hoch laufen wollen und damit in jedem Fall Vorrang vor allen Autos und Radlern hätten. Ich komme dort jeden Tag als Radler vorbei (mehr dazu unten) und sehe, dass sich Fußgänger entweder gar nicht erst richtig auf die Straße trauen, oder von heranrauschenden Autos fast umgenietet werden.
    Genauso bescheiden ist die Situation dort für mich als Radler, der dort auf dem freigegebenen Gehweg vom Finanzamt hoch kommt und nach rechts in die Herzogstraße abbiegen will. Wer hat in dieser Situation eigentlich Vorfahrt? Ich, das Auto, das in gleicher Richtung unterwegs ist und meinen straßenbegleitenden Weg kreuzt (so wie bei den Fußgängern) oder das Auto, da ich dem straßenbegleitenden Weg nicht weiter folge sondern ebenfalls in die Herzogstraße abbiege?

    Wie dem auch sei sehe ich hier eigentlich nur die letzte von dir genannte Lösung als praktikabel: Herzogstraße als Einbahnstraße in Richtung Rotebühlstraße, für Radfarhrer freigegeben und gut ist. Wer mit dem Auto Richtung Silberburgstraße will kann auch einfach an der nächsten Kreuzung (Rotebühl-/Silberburgstraße) rechts abbiegen. Man könnte ja sogar die Herzogstraße zwischen Weimar- und Rotebühlstraße einfach ganz für Autos schließen, aber wir sind ja in Stuttgart...

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    1. Theoretisch könntest du vom Gehweg kommend, geradeaus weiter radeln wollen, dann hättest du auf jeden fall Vorrang vor den Autos, die einbigen. Folglich hast du es, wenn du selbst nach rechts auf die Fahrbahn fährst, auch. Würde ich jetzt mal logisch herleiten. Aber das ist auch wieder so eine wundervolle ungeklärte Situation, bei der man erst nachdenken muss, bevor man eine Regel ableiten kann, und dafür hat im Straßenverkehr niemand Zeit.

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    2. Ja so hatte ich das auch immer interpretiert und fahre entsprechend selbstbewusst auf die Straße. Das hat dann gerne mal Gehupe zur Folge... Ich warte noch darauf, dort mal Polizei oder Ordnungsamt zu begegnen, dann könnte man das mal offiziell klären lassen ;-)

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  3. Ich könnte eine riesig lange Liste an bescheidener "Radinfrastruktur" verfassen,
    die würde vermutlich bis zum Mond reichen! Und dabei bin ich zu 90% "nur" in den
    oberen Neckarvororten unterwegs. Unsinnige Streckenführungen, Schutzstreifen aus
    der Hölle und/oder fehlende Beschilderung, und ich könnte ewig weitermachen.
    Was hab ich schon gelbe Karten geschrieben. Allein mein Hinweis auf ein fehlendes "Radfahrer frei" um eine freigegebene Einbahnstraße korrekt auszuschildern, wartet mittlerweile seit über drei Monaten auf seine Umsetzung! Und dabei hab ich bereits nach 6! Wochen eine Rückmeldung erhalten, dass man sich rasch kümmert. Denn schließlich hat der Radverkehr Prio 1, wie ich aus der Antwortmail entnehmen konnte. Ich schwanke hin und her zwischen Wut und Resignation. Und nicht nur das die Infrastruktur schlecht ist, hinzu kommen Auto-, Bus- und LKW-Fahrer, die mir jeden Tag aufs neue zeigen, welchen Stellenwert ich im Straßenverkehr habe.
    Ups, so grantelich wollte ich jetzt gar nicht klingen, aber das musste jetzt mal einfach raus!
    Grüße Sandy

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    1. Liebe Sandy, ja, es geht einfach gar nichts wirklich schnell. Ich kann verstehen, dass du frustriert und wütend bist, bin ich auch manchmal, aber gerade solche Leute wie wir, die unermüdlich aufmerksam machen, gelbe Karten schreiben und nachfragen, sind halt wichtig, damit es schneller geht. Jede gelbe Karte wirkt, auch wenn die Antwort vielleicht nicht befriedigend ausfällt, aber alles, was wir Bürger/innen machen hinterlässt Spuren in den Köpfen der Verkehrsplaner/innen. Also, lass dich nicht unterkriegen, bitte!

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  4. "Und es könnte ja auch sein, dass hier wirklich mal ein Radler von einem Auto auf den Kühler genommen wird."

    Also mich hat an der Stelle schon mal einer umgefahren. Die Büttel meinten noch, dass ich sehr großes Glück gehabt hätte, da nur das Fahrrad kaputt war.

    DIE STADT WEISS VON DER GEFAHR.
    ICH HABE DAFÜR, DASS ICH UMGEFAHREN WURDE EINEN STRAFZETTEL BEKOMMEN.
    DIE ZUSTÄNDIGEN PERSONEN HEISSEN "WENIG" UND "SCHERZ" UND HABEN LEIDER KEINE ZEIT SICH MIT SO WAS ZU BESCHÄFTIGEN.

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    1. Lieber Anonymus, warum hast du den Strafzettel bekommen? Wir war die Situation genau?

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  5. VZ 138 "Achtung Radfahrende" bzw "Gefahr durch Radfahrende" gehört aus dem Stadtbild gänzlich verbannt. Wer noch immer überrascht ist, dass ihm ein Zweirad über den Weg rollt, der sollte häufiger sein KFZ stehen lassen.
    Ebenso unsinnig: "Achtung Kinder" im Wohngebiet, "Achtung Wildwechsel" im Wald oder mal wieder aktuell "Achtung Glätte" im Winter. Das geförderte Verblöden des MIV.

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    1. Wenn die autofahrenden Menschen doch ganz andere Menschen wären ... immer aufmerksam, aller Gefahren bewusst, stets vorausschauend und rücksichtsvoll ... Ich meine damit: Andere Autofahrende können wir uns nicht backen, darauf haben wir überhaupt keinen Einfluss, und zuweilen erscheint wohl, zum Schutz von Kindern oder Radlern, ein extra Hinweis angebracht, etwa, wenn Radwege eine Fahrbahn kreuzen. :-)

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