2. Oktober 2019

Warum seid ihr nur so?

Das war der Ausruf eines Autofahrers, der rückwärts die Neckarstraße befuhr und dabei fast einen Radfahrer über den Haufen gefahren hätte. 

Die Geschichte ist mir so erzählt worden: Blogleser Hans fuhr die Neckarstraße entlang. Sie ist einspurig. Die Fahrbahn liegt zwischen geparkten Autos und der Gleisanlage. Hinter ihm kamen - noch mit einigem Abstand - zwei weitere Radler und ein Auto. 

Kurz vor der Ampel Werderstraße (wo es zum SWR geht) hören die rechtsseitigen Parkplätze auf. Dahinter ist eine Einfahrt. Hans sah im Heranradeln ein Auto in dieser Einfahrt stehen. Er bemerkte dann, dass der Fahrer den Rückwärtsgang eingelegt hatte, die Rückleuchten leuchteten weiß. Im selben Moment startete das Auto (ein Renault Zoe) auch schon und fuhr rückwärts auf die Fahrbahn hinaus. Hans bremste. Der Zoe bremste nicht, sondern fuhr rückwärts weiter, ihm entgegen. (Ungefähr so wie auf der Fotomontage ganz oben).

Was tun? Als Autofahrer kann man in so einem Fall selber den Rückwärtsgang reinwerfen und zurücksetzen. Ein Fahrrad hat aber keinen Rückwärtsgang. Und es hat auch keine Knautschone für den Aufprall. Junge gelenkige Radler mögen rasch vom Fahrrad springen und es opfern können. Aber Hans ist nicht so ein Radler. Er befürchtete: Auch wenn er selbst steht, wird das Auto auf ihn drauf fahren.

Er wich rasch nach links aus, in der Hoffnung, es gebe zwichen dem ihm rückwärts entgegen kommenden Auto und dem Bordstein der Gleisanlage genügend Platz. So sah es aber nicht aus. Das Auto fuhr weiter auf ihn zu, nicht schnell, aber unaufhaltsam. Als der Zusammenstoß unmittelbar bevorstand, schlug Hans mit der flachen Hand aufs Hautodach. Das brachte das Auto schlagartig zum Stehen.

Der Fahrer sprang aufgeregt heraus und ging brüllend auf Hans los. Zum Glück waren noch die beiden anderen Radler (im Bild unden 2 und 3) unterwegs. Sie hielten netterweise an und sprangen Hans bei. Auch das zweite Auto hielt (es wäre ja nicht durchgekommen) und der Fahrer stieg aus und kam ebenfalls zu Hilfe. Zu dritt versuchten sie, dem Fahrer des Renault Zoe zu erklären, dass er auf einer einspurigen Fahrbahn nicht einfach zurückstoßen könne, ohne auf den Verkehr zu achten, auch wenn der Verkehr hier zunächst nur ein Radfahrer gewesen war. Es schien, als habe der Zoe-Fahrer den Radler durchaus wahrgenommen, aber erwartet, dass er sich irgenwie auflöst. Er fühlte sich vollständig im Recht: "Meine Frau sitzt im Auto, sie ist Zeugin."


Warum hat sich der Fahrer so verhalten? Er befand sich in Parkplatznot. Das Ziel des Zoe-Fahrers war eine Parklücke gewesen (siehe Karte mit der Symbolskizze). An der war er wohl zunächst vorbei gefahren und hatte sein Auto in die Einfahrt gelenkt, um dann wieder zurückzustoßen. Um ein bereits geparktes Auto herum, wollte er rückwärts in die Parklücke fahren. Er fand seine Aktion völlig in Ordnung.

"Warum seid ihr nur so?", schrie er die drei Radler an. "Ich fahre doch ein Elektroauto."

Man ging auseinander, ohne dass der Zoe-Fahrer das Problem bei seinem Verhalten tatsächlich begriffen hätte. Wäre das  andere Auto direkt hinter ihm gewesen, hätte er vermutlich abgewartet, bis es vorbei war. Denn Heck an Kühler hätten die beiden Autos weder vorwärts noch rückwärts fahren können. Allein die Masse hätte ihm klar gemacht, dass sein Manöver nicht geht. Aber ein schmaler Radler? Der hätte doch irgendwohin ausweichen können. Hätte er auch, aber dazu hätte der Radler auch wissen müssen, wohin der Rückwärtsfahrer sein Auto lenken wird, eher nach links oder eher nach rechts.

Auf den beiden Fotomontagen habe ich versucht, die Situation ungefähr zu verbildlichen. Ob die Abstände und genauen Bewegungen der Beteiligten exakt den Geschehnissen entsprechen, weiß ich natürlich nicht. Es ist nur eine Skizze der ungefähren Verhältnisse.





Kommentare:

  1. Vielleicht kennt der E-Mobilist die StVO nicht. In der ist sogar da Rückwärtsfahren geregelt. Aber vielleicht kennt er auch den Passus und macht aus der verpflichtenden Vorschrift “keine Gefährdung anderer“ einfach eine unverbindliche Empfehlung. Schliesslich fährt er ja ein E-Auto.

    Ggf. hätte er sich auch einweisen lassen können. Seine Frau war ja dabei.

    Herr, lass Hirn vom Himmel regnen.

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  2. ich habe gerade einen Vater im Elternbringverkehr,Sharanfahrer angesprochen, der so im Kreuzungsbereich direkt vor der Schule stand, daß die Schulkinder nur mit größter Gefährdung um sein Auto herum über die Straße zur Schule gelangen konnten. Der sah mein Problem gar nicht. Er meinte, hätte der vor ihm zwei Meter weiter hinten geparkt, hätte er besser stehen können und was solle man denn machen, hier gebe es so wenig Parkplätze. Auf meinen Hinweis, er könne doch 200 Meter weiter hinten parken, schüttelte er nur ungläubig den Kopf.
    Will sagen: der 100 jährige Focus auf das Auto hat den Blick auf Andere völlig ausgelöscht.Oder anders, es gibt sie einfach gar nicht.....

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  3. Ich hatte eine ähnliche Situation vor etwa einem Jahr in der Eberhardstraße mit einem Taxifahrer. Der war auch rückwärts unterwegs, und ich habe mich sehr unwohl gefühlt obwohl genug Platz zum Ausweichen vorhanden war - denn ich wußte nicht wohin er fahren würde.

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  4. Ich wartete heute morgen um 10:35 Uhr an der Haltestelle Hallschlag auf den Bus als ein Auto gegenüber auf der Fahrradspur anhielt, die Fahrerin stieg aus und tummelte was aus dem Kofferraum. Währenddessen kam ein männlicher Fahrradfahrer und hat sie in sehr lautem und auch harschen Ton angesprochen. Diskussion..... Fahrradfahrer fährt weiter und zeigt ihr den Mittelfinger. Frau tummelt dann einen Rollator aus dem Kofferraum und eine alte Frau vom Beifahrersitz.

    Letzte Woche komm ich aus dem griechischen Laden in der Überkingerstrasse, da fährt eine junge Frau mit 2 Kindern vorne im Lastenfahrrad auf dem Fussweg vorbei und macht auch für eine Alteheimbewohnerin mit Rollator keinen Platz. Die Frau muss ihren Rollator zwischen zwei Autos vom Gehsteig runter parken damit das Lastenfahrrad vorbei kommt.

    Will sagen, es gibt überall doofe und uneinsichtig Menschen. Aber die Mehrheit ist eigentlich ganz nett und sich dann über jeden Einzelfall aufzuregen ist doch Verschwendung.

    Grüßle Maria

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    1. Was hat das eigentlich mit dieser singulären Geschichte zu tun? Ist mir echt ein Rätsel.

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  5. Dann stell ich die Frage genau so allgemein an alle Radfahrer:

    Warum seid Ihr so?

    ...... wie in den oben beschriebenen singulären Situationen?

    Ich finde halt einfach dieses "wir" (die Guten) gegen "die" (die Bösen) zu schwarz/weiß gedacht

    Grüßle Maria

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    1. Es geht weniger um die Guten und die Bösen, um sondern die Starken und die Schwachen. Also vor allem, wie die Stärkeren mit den Schwächeren umgehen.

      Vom Schwächeren wird häufig Rücksichtnahme eingefordert, damit weiterhin auf Deutschlands Straßen das Recht des Stärkeren gilt.

      Und nicht die Stärke des Rechts.

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    2. Der Autofahrer hat die allgemeine Frage gestellt, in der das "ihr" vorkommt. Er war erbittert, dass er Kritik bekam wegen Rückwärtsfahrens, ohne auf den Vekehr zu achten, weil er sich doch für den Guten hielt, weil er ein Elektroauto fährt. Manchmal halten sich auch Radfahrer/innen für die Guten, weil sei Rad fahren. Und es gibt auch Fehlverhalten bei Radfahrenden. Wenn du mein Blog gut kennst, weißt du, dass ich auch darüber schreibe. Aber diesmal ging es um diese Geschichte. Und ich handle nicht bei jedem Thema die Frage ab, ob Radfahrende zu Unrecht auf Gehwegen radeln. Warum sollte ich denn. Wenn ich darüber schreibe, dass Radfahrende die Ängste von Fußgänger/innen ernst nehmen sollen, dann schreibe ich ja nicht gleich auch noch darüber, dass Fußgänger/innen mit Handy vor der Nase über Straßen schusseln oder bei Rot über Fußgängerampeln gehen, denn das ist dann ja nicht das Thema. Ich bin übrigens auch überhaupt nicht verantwortlich für das, was andere Menschen tun, also beispielsweise andere Radfahrer/innen. Und du wirst mir ja nicht unterstellen, dass ich es gut fände, wenn Radfahrende sich daneben benehmen.

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