29. November 2019

Die Amstetter Straße in Hedelfingen

Wer aus Hedelfingen rausradelt Richtung Esslingen, nimmt die Amstetter Straße. Sie beginnt im Ortskern, und sie ist schmal. 

Ich bin selten hier. Auffällig ist, dass in der schmalen Straße, die links und rechts zugeparkt ist, Autofahrende uns Radfahrenden nicht mögen. Sie weichen nicht aus, auch wenn sie müssten. Sie riskieren Außenspiegelkontakt. Natürlich nicht alle, aber erstaunlich viele. Hier fahren nicht die Mengen Radler, die man in der Innenstadt sieht, aber es fahren so viele, dass man immer welche sieht. Es ist, wie übrigens die Näther- und Höhbergstraße auch, die an vielen Stellen ebenfalls zugeparkt und eng sind, keine wirklich angenehme Strecke zur Hauptverkehrszeit. Am Ortsausgang (oder Ortseingang) ist ein Teilabschnitt für Autofahrende gesperrt. Das allerdings interessiert - wie so oft in Stuttgart - etliche Lenker/innen nicht.

Sie fahren ungeniert durch, in die eine, wie in die andere Richtung. Um dieses Foto und das ganz oben zu machen, musste ich keine zwei Minuten warten. Das ist also auch so eine Strecke, wo zumindest zur Hauptverkehrszeit minütlich Autos durchfahren, obwohl sie es nicht dürfen. Und da sage noch einer, Radfahrer halten sich an keine Regeln.

Auch Hedelfingen selbst mag Radfahrende nicht so gern. Die wenigen Ladeninhaber/innen setzen auf die wenigen Kund/innen, die aus geparkten Autos austeigen. Am Rathaus etwa gibt es keine Radabstellanlagen. Auf dem möglichen Platz beim Behindertenparkpatz wurde ein weiterer Parkplatz eingerichtet. Gegenüber gibt es auch Parkplätze. Wer sein Rad abstellen will, kann es in dieser eher abgelegenen Ecke auf der gegenüberliegenden Straßenseite tun.
Grundsätzlich merke ich, wenn ich an der Peripherie herumradle, dass Autofahrende weniger an Radfahrende gewöhnt sind als in den Innenstadtbezirken. Das Verhalten ist feindseliger. Was daran liegen mag, dass in den Innenstadtbezirken doch inzwischen sehr viele Radfahrende unterwegs sind, in den Außenbezirken aber nicht.

Kommentare:

  1. Das feindselige Verhalten hinter der Grenze des dicht besiedelten Raumes ist nicht nur in Stuttgart, sondern in fast allen Ballungsräumen ab der Schnittstelle zu Suburb zu beobachten.
    Ist auch logisch, da bei 'Behinderungen' das Reisezeitbudget überschritten zu werden droht.
    Vermutlich wird das als eine Art von Notwehr empfunden, da ja die Aggression gefühlt vom Radfahrenden ausgeht, welchem für die nicht tolerablen Reisezeitüberschreitungen ursächlich Verantwortung begemessen wird.
    Das trifft aber nicht NUR Radfahrende, sondern generell Behinderungen, nur dass auf Behinderungen ohne stinkend lärmenden Motor quasi eine Verkehrsmittel-Xenophobie dazukommen mag.
    Motor, laut, stinkt = Ingroup
    Rad oder Fußgänger auf Fahrbahn = fremdes Element, das da nicht hingehört.

    Eine Ausnahme stellen vielleicht die "zu langsam fahrenden" Autofahrer*innen dar, da wird ist oft noch mehr Aggression aufgebaut, ähnlich wie bei den "nicht sofort bei Grün Losfahrern".

    Insgesamt hat die Aggression und die kollektive Revierverteidigung durchaus einen sehr rationalen Kern, da das gründliche Vertreiben der Radfahrenden von den Fahrbahnen die Leistungsfähigkeit für den MIV deutlich erhöht bzw. sichert, und so die habituierten Verkehrsgewohnheiten (Auto fahren) beigehalten werden können, ohne aus den 70-90 Min. des 'konstanten Reisezeitbudgets' herauszufallen.

    Es geht also im Kern um 'Pfründe', die gesichert werden sollen.
    Aggression hat sich dabei als sehr wirkungsvoll herausgestellt. Sanktionen sind nicht zu befürchten (Autojustiz), die Radfahrenden werden auf Radwege, Gehwege, Parks Waldwege vertrieben, fordern am Ende sogar selbst Infrastruktur im "Vertriebenenraum", und der Autoverkehr wächst, wächst, wächst.
    Siehe Niederlande, siehe Dänemark, siehe Deutschland, siehe USA, etc.

    Alfons Krückmann

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  2. Das mit den gesperrten Straßen ist insgesamt ein Problem.
    Aus mir nicht ersichtlichen Gründen übersehen viele Autofahrer Schilder. Und ich meine jetzt nicht die Schilder, die wirklich so doof stehen, dass sie außerhalb des Blickfeldes installiert sind, sondern ganz normale Schilder, an denen man geradeaus vorbeifährt.
    Bei uns gibt es mehrere solcher Strecken. Sie sind für Busse und Radfahrer und Anlieger freigegeben. Es herrscht aber reger Durchgangsverkehr. Auf einer Strecke, Fahrtzeit mit dem Rad max. 1 min habe ich schon 10 Fahrzeuge gezählt, von denen nur einer wirklich Anlieger war, der Rest ist durchgefahren. Trotz mehrfachen Anmahnens bei der Stadt ist nichts passiert. Selbst ein neues Schild (besser lesbar) hat nichts gebracht.
    Ich glaube die Mehrheit der da draußen Herumfahrenden (egal welches Gefährt) ist geistig überhaupt nicht in der Lage die Schilder zu erfassen und umzusetzen oder es ist ihnen schlichtweg egal (ich will da hin, also fahr ich da). In einer Fernsehsendung war unser damaliger Bundesverkehrsminister nicht in der Lage, das vom Moderator hochgehaltene Verkehrsschild zu identifizieren, geschweige denn zu sagen, wozu es dient. Es war übrigens das, im öffentlichen Verkehr nur äußerst selten anzufindende, Vofahrtsstraßenschild (Raute mit gelbem Rand).
    Gruß
    Karin

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    1. Das finde ich auch ein Phänomen. Warum nehmen Autofahrende die Verkehrszeichen nicht ernst? Sie sehen sie nämlich durchaus, etwa Vorfahrt- und Vorfahrt-Achten-Schilder, weil es sonst städnig zu Unfällen kommen würde. Aber sie sehen keine Anlieger- oder Einfahrt-Verboten-Schilder an einer Fahrbahn. Gestern gab es Autostau in der Eberhardstraße (die ja jetzt autofrei sein soll), weil die Polizei da stand und allen erklärt hat, dass sie da nicht reinfahren dürfen. Manche saßen ganz unbefangen in ihren Fahrzeugen, so als hätten sie nichts zu befürchten. Es war offensichtlich, dass sie sich keines Fehlverhaltens bewusst waren. Vermutlich stehen zu viele Schilder an den Straßenecken, die zu viel zu erklären versuchen, und Autofahrende achten nur auf die essenziellen, die ihnen helfen, Unfälle zu vermeiden, an denen sie dann Schuld hätten. Sie filtern.

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    2. Die Ursache ist eine Mischung aus niedriger Kontrolldichte und geringen Strafen.

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    3. Liebe Christine, ich glaube in Fällen wie Hedelfingen nicht das die Schilder "übersehen" werden. Denn dort ist es verdammt offensichtlich. In der Eberhardstraße mag das anders sein, denn (a) hat sich die Lage geändert, vermutlich liest man aber nicht jedes mal jedes Schild druch nachdem man die Lage kennt. Und (b) ist die Abfahrt von der B14 in die Eberhardstraße alles andere als übersichtlich - genau wie die Kreuzung am anderen Ende. Ich kann mir vorstellen, dass hier Fahrer tatsächlich an inre Kapazitätsgrenze kommen und wirklich nicht wissen das sie falsch abgebogen sind. Dazu kommt (c) dass die Tübinger Straße für Autos freigegeben ist und Fahrer irrigerweise annehmen dies sie auf Fahrradstraßen immer so - schließlich gab es die Fahrradstraße erst seit 2013 in der StVO, Nachschulungen für die Inhaber von Führerscheinen finden jedoch generell nicht statt.

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    4. Nachtrag: der 2013 Termin war leider für Österreich. Jedenfalls gab es in der Praxis in Stuttgart außer der Tübinger Straße wenige Gelegenheiten sie zu erlernen. Weiß jemand seit wann die in Deutschland in der STvO ist?

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  3. Ich glaube, Radfahrende "übersehen" genauso oft Schilder wenn sie dadurch einen spürbaren Zeitvorteil erlangen können, ohne dass sie dafür den Unmut anderer Verkehrsteilnehmer zu spüren bekommen oder eine Strafe zu erwarten haben. So mache ich das zumindest, wenn ich einen Autostau trotz durchgezogener Linie über die leere Gegenfahrspur überhole. Oder wenn ich wegen einer roten Radampel kurz auf die Fahrbahn wechsle, wo die Ampel grün ist. Oder wenn ich aus einer Einfahrt bei leerer Fahrbahn links über die durchgezogene Mittellinie abbiege, anstatt rechts auszufahren und bei Gelegenheit zu wenden. Sowas ist einfach menschlich und hat wenig mit dem eigenen Fortbewegungsmittel zu tun.

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  4. den hier beschriebenen Zustand und die Straße kenne ich genau. Radle hier seit vielen Jahren zum Teil mehrfach wöchentlich, weil die Amstetter Straße und die Engstelle auf meiner Trainingsstrecke liegt. Und der Zustand ist ärgerlich.
    Dass aber hier immer viele Autos verbotswidrig fahren liegt einfach an fehlender Kontrolle und zu geringen Strafen. Sollte man erwischt werden, ist die Strafe gering. Die Wahrscheinlichkeit, dass man erwischt wird, geht gegen 0.
    Also warum in den Verkehrsstau auf der B10 stehen, wenn man parallel dazu prima voran kommt? Damit der Zeitvorteil bleibt, dürfen natürlich keine Radfahrer stören.
    Aber dieses Verhalten ist nicht festzumachen am Fortbewegungsmittel. Radel ich durch die Stadt oder egal wo sehe ich auch Radfahrende, die auf die Radinfrastrutur nur Rücksicht nehmen, solange sie keinen Nachteil bringt. Gibt es einen schnelleren Weg, auch bei Übertreten eines Verbots, wird dort geradelt. Gehwege, rote Ampeln, Schilder? Egal. Bestes Beispiel: die Radampel auf der König-Karls-Brücke. Ist sie rot, wird sie "übersehen" oder parallel auf den Gehweg ausgewichen.
    Wir sollten als Radfahrende also aufpassen, nicht im Glashaus mit Steinen zu werfen. Wozu brauchen wir eine eigene Infrastruktur, wenn wir nicht mal die beachten, die wir schon haben ...

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