1. Dezember 2019

Jeder hat das Recht, nach Hause zu kommen

Das heißt: Der Straßenverkehr muss so sicher sein, dass jeder und jede gesund nach Hause kommt.

Er stammt aus niederländischen Leitlinien einer nachhaltigen Sicherheit. Sie wurden 1992 aufgestellt und entsprechen dem, was wir heute als "Vision Zero" bezeichnen, das Ziel jeglicher Straßenverkehrsgestaltung, dass es keine Unfälle mit Verletzten oder gar Toten gibt. Was das bedeutet, kann man erfühlen, wenn man von woanders in die Niederlande zieht, meint zumindest Melissa Bruntlett. Sie lebte mit ihren Kindern in Kandada und dachte, dort könne sie gut Rad fahren. Aber als sie in die Niederlande zog, hatte sie ein Aha-Erlebnis: So geht Radfarhen wirklich.

Dort müssen Straßen so gestaltet sein, dass es nahezu ausgeschlossen ist, dass es zu einem Unfall mit Toten oder Verletzten kommt. Und zwar von vorn herein, nicht erst, nachdem es Tote oder Verletzte gegeben hat. Dem liegen fünf Prinzipien zugrunde:
  • Funktionalität: Straßen sind auf die Geschwindigkeit und die Benutzung nur eines Zwecks ausgelegt. Hohe Geschwindigkeit mit viel Verkehr sind mit einem Wohngebiet nicht kompatibel.
  • Homogenität: Große Unterschiede in Geschwindigkeiten und relativer Masse der Verkehrsarten darf es nicht im selben Straßenraum geben. Deshalb hat man in den Niederlanden die Vekehre getrennt nach Rad, Auto, Haupverkehrsader etc. Nur in Tempo-30-Zonen dürfen sich Verkehrsarten mischen.
  • Verhersehbarkeit: Straßen sind konsequent so gestaltet, dass man immer vorhersehen kann, wie die Nutzer/innen fahren oder sie benutzen. Ein Autofahrender sieht also immer, welchen Weg ein Radfahrer nehmen wird, und Fußgänger/innen und Radler/innen wissen, wo die Autos fahren und wo nicht.
  • Fehlertoleranz: Menschen machen Fehler. Deshalb müssen die Straßen so gestaltet sein, dass aus einem kleinen Fehler kein großer Unfall entsteht. Beispielweise darf eine Unachtsamkeit eines Lkw-Fahrers nicht dazu führen, dass er beim Abbiegen einen Radfahrer tötet. Er kann nur so abbiegen, dass er Radfahrende sieht.
  • Selbstkenntnis: Die Verkehrsteilnehmer/innen müssen ihre Fähigkeiten kennen, sie müssen im Straßenverkehr angemessen handeln wollen und andere Mobilitätsarten abschätzen und berücksichtigen können.

Diese fünf Prinzipien hätten einen großen Einfluss auf die Sicherheit in den Niederlanden gehabt, so Bruntlett. Ihre Kinder sind bereits in Kanada mit dem Fahrrad aufgewachsen, wo bereits ernsthafte Bemühungen spürbar waren, den Radverkehr zu stärken. Aber Sorgen gemacht hat man sich halt schon, wenn die Kinder alleine unterwegs waren. Nach dem Umzug nach Delft hat sie sie plötzlich verstanden, was es bedeutet, ein Recht darauf zu haben, nach Hause zu kommen. Innerhalbt weniger Wochen änderte sich das Mobilitätsverhalten der Kinder und schwanden die Sorgen der Eltern.


Der Zehnjährige wollte einen Freund besuchen, der 6 km entfernt wohnte. Die Eltern brachten ihn hin und sagten ihm, worauf er an Abzweigungen achten musste. Und was vorher in Kanada nie passiert war, er radelte alleine nach Hause und fand den Weg. Die 13-jährige Schwester erforschte die neue Stadt mit dem Fahrrad, verirrte sich natürlich, fand aber eben auch auf den Heimweg zurück. Die Eltern wussten, die Kinder sind gut aufgehoben im Straßenverkehr und hörten auf, sich Sorgen zu machen. Und das nur, weil die Infrastruktur eine andere ist. Radfahrende werden auf breiten Wegen getrennt von Autos geführt, haben an Kreuzungen Vorrang vor dem Autoverkehr und und auf gemischten Straßen fahren Autofahrende langsam und vorsichtig an ihnen vorbei.


Offenbar muss man es erlebt haben, um es zu kapieren. Und wir in Stuttgart sind nun wirklich Äonen entfernt von dieser Sorgfalt, mit der das Radfahren auch Kindern so leicht gemacht wird, dass Eltern keine Angst um sie haben müssen. Was würden die Niederländer/innen den Kopf schütteln über eine so erbarmungslose Radinfrastruktur wie die aus der Wilhelmstraße zum Wilhelmsplatz.

Kommentare:

  1. Recht auf körperliche Unversehrtheit als Radfahrer. Da stellt sich natürlich die Frage, wie sieht die bisherige Bilanz von MP Kretschmann, VM Hermann und OB Kuhn aus?

    Antwort: 3 Mal eine Schulnote 5. Versetzungsgefährdet.

    MP Kretschmann fällt in letzter Zeit mit immer verstörenden Statements auf. Seine bei Amtsbeginn versprochene Bürgerentscheide, sind bis dato nicht umgesetzt und er hält diese für nicht mehr gut. Das sagt sehr viel über diesen MP aus und seinem Demokratieverständnis.

    VM Hermann lässt keinen Tag aus, indem er etwas fordert oder will. Aber geliefert hat er bis dato erschreckend wenig. Alle Verkehrsträger kollabieren.

    OB Kuhn hat sein Tiefbauamt und seine Straßenverkehrsbehörde null im Griff. Letzte wüten überwiegend sinnfrei in der Stadt herum, das einem Angst und Bange wird. Was macht eigentlich der ADFC und VCD so den ganzen Tag?

    Die bisherige Bilanz gerade der GRÜNEN Politiker in BW ist verheerend schlecht. Werde ich nicht mehr wählen. Fühle mich verraten und verkauft...Gruß Klaus Köhler

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  2. Oha, der anonyme oben hat offenbar einen schlechten Tag. Mein Beileid. Aber mal zum Thema des Artikels:
    - Funktionalität und Homogenität haben wir auch, es gibt viele Autobahnen und Kraftfahrtstraßen. Leider berücksichtigt sie nicht Fußgänger und Radfahrer, Oma mit Rollator steht an Bettelampel um queren zu dürfen bzw. auf dem "Schutzstreifen" fährt Papa mit Kinderanhänger mit dem 40 Tonner im Nacken.
    - Vorhersehbarkeit ist uns egal, sonst würden wir wenigstens den Blinker betätigen. Die vielen Unfälle an Kreuzungen zeigen, dass dies wichtig wäre.
    - Fehlertoleranz ist uns auch egal, sieht man zum Beispiel an den irre kurzen Sicherheitsabständen. Die vielen Auffahrunfälle zeigen, das dies sehr wichtig wäre.
    - Selbstkenntnis ist besonders schwierig. Aufgrund vom Dunning-Kruger Effekt ( https://de.wikipedia.org/wiki/Dunning-Kruger-Effekt ) halten sich alle für den besten Fahrer der Welt - unabhängig davon ob sie tatsächlich auf Jahrzehnte mit vielen Kilometern unfallfreier Fahrt zurückblicken können oder immer nur bis Schadenfreiheitsklasse 5 in der Versicherung kommen.
    Ich fände es gut wenn wir von unseren Nachbarn in den Niederlanden und Dänemark lernen würden.

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    1. @ Carsten Bleib sachlich und werde nicht persönlich! Ich habe gerade als Radfahrer die GRÜNEN gewählt. Das sich etwas grundlegend ändert. Hat es nicht. Nach 8 Jahren muss ich feststellen, die GRÜNEN haben mich als Radfahrer schwer enttäuscht. Klaus Köhler

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    2. Hallo Klaus,
      inhaltlich hast du nicht unrecht, aber dann bring es doch bitte nicht in diesem Trollformat rueber.
      Meiner Meinung nach wird sich substantiell erst etwas aendern, wenn die Macht der Autolobby gebrochen ist. Da koennen ein paar Gruene, auch wenn sie hierzulande an den vermeintlichen Schaltstellen sitzen, wenig bewirken. Zumal wenn eine grosse Koalition der Freie Fahrt fuer heilix Blechle und Parkplatzverteidiger sich die Baelle zuspielt.
      Das sind ziemlich dicke Bretter, die gebohrt werden muessen.
      Gruss - Matthias

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    3. Wollen wir nicht lieber über den Artikel diskutieren? Hier geht es um Radverkehrsanlagen in NL, und nicht um Politiker und Parteien in D.

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    4. Lieber Carsten,

      der "Anonyme" hat einen Namen, den er deutlich nennt: Er heißt Klaus.

      Und beim besten Willen sehe ich hier nichts getrolltes. Ich lese nur klare sachliche Feststellungen. Und wenn ein "Grüner" Ministerpräsident einen 761 PS-Porsche als "Öko" bezeichnet, der die Umwelt nicht schädigt, ja ihn sogar als "Mobilitätsrevolution" bejubelt, dann darf man das als verstörend bezeichnen.

      Und ja, die Straßenverkehrsbehörde setzt ihre Tradition fort, aus ideologischen Gründen gegen Verkehrsrecht zu verstoßen und Nicht-Autofahrer zu schikanieren. Wenn der OB dies nicht abestellt, dann kann ich nur zustimmen, dass er die Behörde nicht im Griff hat.

      Viele Grüße
      Ralph

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  3. Geht es nur mir so? Ich bin müde, erschöpft, resigniert. Täglich strampeln wir uns alle wegen jedem kleinem Schild und jeden Zentimeter Radweg, einen ab. Es ist alles zigmal zutode diskutiert, analysiert. Ob mit Verweis auf die NL, Dänemark oder nicht. Die Lösungen gibt es seit Jahren- sie liegen auf dem Tisch. Es wird nur nicht GELIEFERT.

    Selbst die BW-Presse lässt uns im Großraum Stuttgart auch komplett im Stich. Allen voran die STZ/STN und der SWR. Diese pflegen eine zu grosse Nähe zur Politik. Immer getreu dem Motto: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht naß dabei.

    Geht es nur mir so, das ich 1 Milliarde Euro (am Ende sind es dann 2 Milliarden Euro) für die geplante Opersanierung als maßlos, unanständig und völlig kaputt empfinde? Ich denke mir dabei: Wieviele KM RSV's das wohl wären? Und dann muss ich mir vom MP Kretschmann auch noch anhören, das eine Volksabstimmung darüber nicht angebracht ist. Die Politik weiß es besser. Ist das wirklich so? Das bezweifle ich mittlerweile massiv!

    Ich weiß als Radfahrer nicht mehr wen ich wählen soll, wen ich von der Presse noch anschreiben soll. Der ADFC und VCD sind nur mit sich selber beschäftigt. Und jeden Tag mich mit OB Kuhn's Tiefbauamt und Straßenverkehrsbehörde wegen jedem Schild rumzuschlagen, fehlt mir die Kraft mittlerweile.

    Also, was soll ich tun?

    Gruß Klaus Köhler

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    1. Lieber Klaus, ich verstehe deine Müdigkeit im Kampf um bessere Radinfrastruktur bestens. Geht mir auch manchmal so. Politik ist was unendlich Langsames, wenn man, wie wir das in Deutschland tun, alles sehr demokratisch organisieren. Wenn die in deinem ersten Kommentar genannten Personen kleine Diktatoren wären, wäre es einfacher. Aber es kann weder der Ministerpräsident, noch der Verkehrsminister, noch ein Oberbürgermeister bestimmen, was gechieht. Die Grünen haben nirgendwo die absolute Mehrheit, auch in Baden-Württemberg nicht. Im Land reagieren sie in einer Koalition mit der CDU, die nicht für eine Mobilitätswende ist, im Gemeinderat haben die Grünen nur 16 von 60 Stimmen. Alles muss in demokratischen Prozessen ausgehandelt und für alles müssen Mehrheiten gefunden werden. Der Verkehrsminister stellt ein Instrumentarium bereit, damit Städte und Landkreise beispielsweise Radschnellwege planen können, aber es müssen sich eben immer die Kommunen finden, die das auch machen, die planen, die die Landesgelder abrufen und selbst noch Geld hinzutun, damit Radwege gebaut werden. Ein Landesverkehrsminister kann nicht in die Kommunen hineinregieren, bei uns gilt das Subsidiaritätsprinzip (https://de.wikipedia.org/wiki/Subsidiarit%C3%A4t), das allen möglichst viel Eigenständigkeit garantiert (den Ländern dem Bund gegenüber, den Gemeinden dem Land gegenüber). In Stuttgart sind sogar die Bürgermeister relativ unabhängig vom OB. Ich persönlich erlebe aber, dass der OB den Radverkehr vorantreibt (wenn alles gut geht, wird der Gemeinderat 12 Millionen Euro pro Jahr für den Radverkehr beschließen, vorausgesetz, die Mehrheit steht, die die Grünen zu schmieden versuchen). Damit es Oberbürgermeister/innen und Bürgermeister/innen gelingt, den Radverkehr voranzubringen, braucht es aber eben immer auch eine Mehrheit im Gemeinderat. Ja, das ist mühselig, aber eine Diktatur der Guten ist eben auch eine Diktatur, mit der ich mich nicht anfreunden könnte. Ich sehe nur den Weg, den gesellschaftlichen Diskurs so zu befeuern, dass der poltisiche Wille, das Auto zurückzudrängen und das Fahrrad zu fördern entseht. Noch ist es nicht ganz so weit, aber es beginnt. Deshalb bleibe ich unermüdlich dran. Veilleicht kannst du das auch verstehen. Ich bin die, die das Thema immer und überall am Laufen hält, auch senn die Zeitungen nur zögerlich drauf einsteigen, aber auch das ist schon etwas besser geworden.

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    2. Liebe Christine,

      ich empfinde dein wiederholtes Gerede von "Diktatur" als wirkich unsachlich und du diffamierst damit die Kommentarschreiber.

      Als Chef der Verwaltungsspitze ist es Aufgabe des Oberbürgermeisters, bestehende (demokratisch verabschiedete!) Gesetze umzusetzen. Dazu muss er keinen Gemeinderat fragen, er darf es nicht einmal. Dein Hinweis auf die Subsidiarität ist übrigens falsch, denn der Verkehrsminister ist die oberste Landesbehörde und darf selbstverständlich den unteren Straßenverkehrsbehörden (also OB Kuhn) fachliche Weisungen erteilen, wenn dieser das Recht nicht einhält.

      Und auch bei Dingen, die politisch entschieden werden, könnte man zumindest Forderungen aufstellen oder Meinungen vertreten. In der Presse lese ich aber derzeit nur, dass grünen Poilitiker das Auto derzeit bejubeln, wie noch nie in der Geschichte der Partei.

      Ich kann verstehen, dass viele hier enttäuscht sind. Ich bin es jedenfalls.

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  4. Wow. 12 Millionen! Und um die, müssen wir noch kämpfen! Und andererseits 1 Milliarde Euro für ein Opernhaus ausgeben wollen? Merkst Du selber, wie erbärmlich und aussichtslos das aussieht? Klaus Köhler

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  5. So ganz kann ich die Diskussion nicht nachvollziehen. was hat die Sanierung einer Oper mit der Verkehrswende zu tun? Und sind 12 Millionen nicht ein netter Betrag, mit dem man 120 km neue Radwege bauen kann? es ist ja auch nicht primär ein finanzielles, sondern eher ein gesellschaftliches Problem. Noch ist vor allem in Stuttgart die Akzeptanz des MIV sehr hoch, und die Minderheit muss halt schwerer Löcher bohren, als die Mehrheit, die auch noch seit 40 Jahren Mehrheit ist.
    Aber der Anfang ist doch getan und ein Mehr an gesellschaftlicher Akzeptanz mit einhergehender Regeländerung pro Radverkehr ist doch eher mit einem OB Kuhn, als mit einem OB Kaufmann zu erreichen.

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    1. "Kein Geld" ist ein Totschlag-Argument, wenn es darum geht, nichts zu tun. "Kein Personal" folgt gleich danach- als Symptom zu 1.

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  6. Wenn ich Besuch aus Freiburg habe, bekommen ich immer die Rückmeldung: Dass man auf den Straßen von Stuttgart den Eindruck hat, dass in Stuttgart Fahrradfahrer unerwünscht sind, ja eher sogar lästig, dass diese den Autoverkehr noch behindern.
    Mein Eindruck ist, wenn man dem Autoverkehr nicht Fahrbahnen weg nimmt, wird es in Stuttgart keine wahrnehmbare Verbesserung geben. Ich sehe nur die Möglichkeit, möglichst viele kleinere Straßen zu Einbahnstraßen umwandeln und den freiwerdenden Fahrstreifen den Fahrradfahrern zur Verfügung stellen. Das kostet kaum was und der Erfolg wäre in kurzer Zeit wahrnehmbar. Warum nicht einmal einen Versuch z. B. in Stgt. West starten? In der oberen Gutenbergstr. z. B. Parken die Autos abends ab 18:00 regelmäßig in zweiter Reihe. Da sind dann drei Fahrstreifen mit Autos zugeparkt und zusätzlich noch Gegenverkehr mit Autos. Wo bitte soll da noch – sicher!!!Fahrradverkehr statt finden??? Das Verlangt doch einiges an Risiko für die eigene Gesundheit.
    Im Zweifelsfall ist doch immer zu fragen: Würden Sie ihre Kinder hier alleine mit dem Fahrrad
    z. B. zur Schule fahren lassen?

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