25. Februar 2026

Kleine Radfahrgeschichte

Vorurteile gegen Pedelec-Radelnde gehen immer. Vor allem, wenn man auf einem alten mechanischen Göppel sitzt. 

Am vergangenen Sonntag radelte ich vom Rudern (meinem Sport) heim und überholte im Akademiegarten hoch zum Übergang über die Planie einen älteren Herrn auf einem Normalrad. Er musste aus dem Sattel, um den Anstieg hoch zu kommen. Wir warteten dann beide auf Grün an dem Einbieger auf die Planie und fuhren schließlich rüber auf die große Mittelinsel, wo man ja noch mal warten muss. Er fuhr nach links und ich konnte mich rechts am Mast an dem Haltegriff festhalten. (Das Foto ist ein Symbolbild.) 

Er schaute mich an und sagte: "Den habe ich extra für Sie freigehalten." Ich antwortete: "Das ist aber nett von Ihnen." Er sagte: "Nein, das habe ich nicht so gemeint. Sie strengen ja ihre Muskulatur gar nicht an." Die Logik dahinter blieb mir dunkel, aber ich antwortete: "Ich bin gerade 20 Kilometer gerudert und fahre insgesamt 23 km mit dem Fahrrad." Er musste grinsen und meinte: "Okay. Na dann." Genehmigt. 

Das Schöne am Radfahren ist, dass man solche lustigen Dialoge führen kann, wenn man an Ampeln wartet. Und um das Vorurteil "faule Pedelec-Radler:innen" etwas abzumildern: Es gibt inzwischen genügend Untersuchungen, die zeigen, dass der allgemeine Fitnesseffekt mit E-Rädern genauso hoch ist wie mit Normalrädern im Alltagsgebrauch. Zum einen weil man damit unerschrockener steile Steigungen hochfährt (was ich auf dem Heimweg machen muss) und weil die meisten Menschen, die gerne Rad fahren, mit Pedelecs öfter fahren und weitere Strecken radeln. Gerade im Alter ist das Pedelec eine gute Möglichkeit, vom Auto unabhängig und dennoch mobil zu sein. Also kein Grund, Pedelec-Radelnde über die Maßen zu verachten. Dass es Pedelec-Wochenendradelnde im Schneckentempo gibt, sei unbestritten. Und selbstverständlich hat der alte Herr meine Bewunderung, dass er mit dem Normalrad unterwegs ist und seine Muskulatur in Gang hält. Ob er allerdings damit die Alte Weinsteige hochradelt, wage ich zu bezweifeln. 

10 Kommentare:

  1. Ein schöner Beleg für die ‚E-Bike-Diplomatie‘ an der Ampel – auch wenn der Herr mit seiner Skepsis den Finger in die Wunde legt. Seien wir ehrlich: Das Narrativ der Lobby, Pedelec-Fahren sei gesundheitlich eins zu eins mit dem Bio-Bike vergleichbar, ist ein geschicktes Marketing-Märchen. Wer die Belastungsspitzen einfach per Knopfdruck wegbügelt, darf sich über das Etikett ‚Mofafahren mit Alibi-Pedalieren‘ nicht wundern. Physik lässt sich nicht wegdiskutieren.
    Dass die Fitness-Studien oft nur die pure Zeit im Sattel gegenrechnen, verzerrt das Bild massiv. Ein ‚echter‘ Radler erarbeitet sich jeden Höhenmeter mit Schweiß und Laktat, während der Akku-Ritter entspannt an der Flora vorbeizieht.
    In deinem Fall rettet dich nur dein sportliches Vorstrafenregister: Wer 20 km rudert, hat sich den ‚elektrischen Besenwagen‘ für den Heimweg redlich verdient. Das Pedelec ist hier ein Werkzeug der Vernunft, kein Sportgerät. Der Respekt gebührt dennoch dem alten Herrn – denn wahre Muskulatur entsteht dort, wo der Motor aufhört zu helfen.

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    1. Beim sportlichen Radeln schlägt das Biobike das E-Rad natürlich, was den Fitness- und Trainingseffekt betrifft. Beim Alltagsradeln (oft in der Stadt bei Besorgungen) nicht mehr so klar.

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    2. Die Studien, die ich kenne nehmen die Herzfrequenzbereiche um die Intensität zu bewerten. Und da kommt eben raus, dass auf Alltagsrouten nur wenig Unterschied besteht.
      Das ist also eher so als wenn man Steigungen meidet, aber das machen viele die nicht gerade Trainieren wollen.
      Und Respekt für sportliche Leistungen ist das eine, was ich aber (als Bioradler) nicht ab kann ist, wenn solche Menschen meinen die eigenen Maßstäbe wären universell. Selbst am Mt Vetoux trifft man viele Pedelec Fahrer die aus guten Gründen dort mit dem Pedelec fahren, die meisten sind Begleitpersonen und deren Partner würde sonst alleine fahren, d.h zu behaupten die würden mogeln stimmt nicht, denn die sehen sich nicht in der gleichen "Wertung" und machen mit Pedelec intensiveres Training als ohne, denn ohne wären sie wohl eher am Hotelpool oder am Marktplatz im Kafee
      Und im normalen Straßenraum tifft man eben Menschen auf Alltagswegen und das ist gut so. Ich mag nicht von Biergartenradlern belehrt werden, dass langsam fahren richtig ist um der Hektik des Alltags zu entkommen und die Raserei einfach doof ist, ich mag nicht von Menschen belehrt werden, dass E Unterstützung mogeln ist, besonders wenn die keine Ahnung haben welche Fahrleistung man so hat.
      Ich kenne genug Kollegen die nur mit dem Rad pendeln weil es unterstützt
      Auf dem Weg in die Arbeit um nicht zu sehr zu schwitzen und auf dem Heimweg um die 15km auch bei Föhnsturm noch zu schaffen.
      Und dann kommt einer und meint das bewerten zu können weil er ein paar hundert Meter die gleiche Strecke fährt. Ich finde es ziemlich überheblich wenn jemand meint auf Basis eines solchen Minieindrucks andere beurteilen oder auch noch belehren zu können.

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  2. Vorurteile gegen Normalradler gehen immer: Der fährt bestimmt nicht die Alte Weinsteige hoch.
    Die Alte Weinsteige sind etwas mehr als 1 km mit 10% Steigung. Also nicht die Welt.

    Aber wer mit 60 plus warum auch immer aufs Pedelec steigt, soll dies tun. (Auch wenn das längst nicht alle tun müssten. Gerade ist ein Fahrradkamerad mit beinahe 90 gestorben, mit dem ich noch letztes Jahr solche Steigungen gefahren bin, langsam aber sicher.) Und auch wenn der tâgliche Arbeitsweg wirklich 15 km+ beträgt. Mehr stören mich da schon die Leute im Wald, die mir auf Dingern begegenen, die, wenn vielleicht auch nominell dem Pedelec-Standard entsprechen, in Wahrheit nichts anderes sind als E-Motoräder. Und dito Lieferradfahrer, die noch nicht mal mehr so tun, als würden sie treten...
    Und solange all das nicht dazu führt, dass wir Normalradler uns mit Helm- und Westenpflichten wiederfinden!

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  3. Es ist vielleicht auch viel eine Frage des Alters. Wenn ich Leute mit dem Normalrad die Alte Weinsteige hochradeln sehe, dann sind sie jünger. Und nebenbei bemerkt, ich persönlich finde das Radeln im Wald nicht so glücklich, man stört eine Menge Menschen zu Fuß. Aber das mag auch daran liegen, dass für mich persönlich das Fahrrad (Pedelec) ein reines Alltagsfahrzeug ist, mit dem ich mich durch die Stadt bewege.

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    1. E MTB betrachte ich auch sehr kritisch, denn damit werden Regionen mit Massen an Freizeitsportlern belastet die vor wenigen Jahren noch ruhige Rückzugszonen für viele Tiere waren.
      Die wenigen Wanderer und Radfahrer die sich ohne Unterstützung dorthin verirrt hatten, waren größtenteils leise. Das hintere Karwendeltal zum Isarursprung ist so eine Gegend.
      Beim Skisport ist das e MTB die Gondel zum mitnehmen, und damit kann deren Einsatz nicht auf bestimmte Gebiete eingeschränkt werden.

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    2. Ich sehe hier eher das (private) Auto, durch das auch abgelegene Gebiete für die breite Masse, ob zu Fuß oder nicht, erschlossen wurden (also einerseits im Sinne der Zugänglichkeit für weite Bevölkerungsgruppen und andererseits im Sinne der Aufgabe der dieser Gebiete als Ruhezonen).

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  4. Irgendwie erinnern mich die Diskussionen Bio vs. Elektro an die Puristen, die den Klang von Schallplatten eifersüchtig gegen die CD verteidigt haben.
    Heute reden nur noch wenige davon, und so wird irgendwann auch die Elektrodebatte auslaufen.
    Wenn man das unter dem Begriff "Mobilität für alle" betrachtet, haben die Pedelecs speziell im Stuttgarter Raum Leute aufs "Rad" gebracht, die sonst immer noch in ihrem Heilix Blechle im Stau verhocken würden.

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    1. Schlechte Analogie, denn CDs sind noch viel schneller als Vinyl von Streaming-Diensten ersetzt worden. Und was das für tolle Auswirkungen auf die Musikbranche, von der Qualität der Musik bis hin zur Entlohnung der Künstler hatte, braucht man hoffentlich nicht zu erklären.

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  5. Ich bin über das S-Pedelec überhaupt erst in das "richtige" Fahren reingekommen. Als ich anfing hätte mich kein Rennrad getragen da musste erst Gewicht runter.

    Mittlerweile mache ich die meisten Kilometer mit dem ("Bio-") Rennrad und auch mein Alltagsrad und Reisefalter sind "Biobikes". Aber für den Urlaub (und Gelände) habe ich auch ein "E-Gravelbike" (nicht "S"). Das nutze ich an Recovery Days zwischen 160km+ Rennradtagesetappen. Der Motor nimmt gerade die Leistungsspitzen von denen ich am Vortag viele hatte. So kann ich fast jeden Tag im Urlaub dreistellige Kilometerzahlen einfahren, die Alternative zum Recovery-Tag auf dem Pedelec wäre ein "Rest Day", also gar nicht zu fahren.

    Neuere (seit ca. 2020/21) Pedelec Motortechnologie ist auch viel weiter als in den 2010ern. Gute Motoren (mittlerweile selbst Bosch) "schleppen" nicht mehr wahrnehmbar wenn aus oder jenseits der Unterstüzungsgeschwindigkeit. Und gute (sicher, mit guten Bremsen etc., sogar mit Vollausstattung) Pedelecs unter 20kg Gesamtgewicht findet man jetzt auch häufiger, das leichteste "Qualitäts-Pedelec" auf dem Markt wiegt 9kg (Canyon E-Rennrad).

    Gerade der TQ Motor auf meinen E-Gravel ist so natürlich in der Abregelung, ich merke die Grenze nicht. Im Flachen wurde mir beim Überholen von Rennradfahrern schon vorgeworfen auf einem S-Pedelec unterwegs zu sein, denn mehr als 35-40km/h (dann natürlich alles Eigenleistung weil weit jenseits der Abregelung) sind da genauso wie mit einem unmotorisierten Gravelbike möglich. Und das E-Gravel mit TQ HPR50 wiegt nur ca. 2-3kg mehr als ein Mittelklasse "Biogravel". Das gab es so in den 2010ern nicht auf dem Markt.

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