In den Medien wird über Verkehr tendenziell eher aus Autoperspektive berichtet. Das hat Folgen für die Darstellung des Radverkehrs und für die Einstellung zum Radverkehr.
In Deutschland wird reichlich über den Autoverkehr geschrieben. Dabei geht es mehrheitlich um die Probleme der Autofahrenden mit ihrem Verkehr, um Baustellen, Steckensperrungen, Autostau, schlechte Straßen, marode Brücken oder Radfahrstreifen, also um das berühmte "Verkehrschaos", bei dem immer nur der Autoverkehr gemeint ist. Seltener geht es darum, welche Probleme der Autoverkehr anderen macht, Anwohnenden, Radfahrenden, Fußgänger:innen oder der Natur durch Lärm, Abgase, Raserei oder Falschparken. Autofahrende werden tendenziell eher als unter Problemen leidend dargestellt. Dass der Autoverkehr für andere oder unsere Gesellschaft und Ökonomie problematisch ist, interessiert die Medien nicht sonderlich.
Es wird auch gerne und viel über den Radverkehr geschrieben, doch in diesen Artikeln geht es meistens darum, dass Radfahrende anderen Probleme bereiten, also um "Kampfradler", Fehlverhalten, Regelverstöße oder Platzanspruch (Radwege, die Parkplätze kosten) und die Kosten für Radinfrastruktur als zu hoch. Ein weiteres riesige Themenfeld ist die Sicherheit der Radfahrenden, verbunden mit Risiken und Radunfällen. Die Radfahrenden werden tendenziell eher als gesellschaftliches Problem dargestellt. Dass sie selber Probleme haben, die man ernst nehmen könnte (Hindernisse, Unterbrechungen der Radinfrastruktur, Aggression von Autofahrenden), interessiert nicht sonderlich.
Der Autoverkehr hat Probleme, der Radverkehr macht Probleme. Es gibt zwei Möglichkeiten kritisch über den Verkehr zu berichten. Man beschreibt die Probleme, die eine Verkehrsart selbst hat, oder man beschreibt die Probleme, die eine Verkehrsart bei anderen verursacht. Auf den Autoverkehr trifft tendenziell ersteres, auf den Radverkehr zweiteres zu. Stau wird als Problem für Autofahrende dargestellt, das beseitigt werden muss, fehlende Parkplätze ebenso, während Radfahrende eher als Problem für Autofahrende oder Fußgänger:innnen dargestellt werden. Radwege werden unter dem Gesichtspunkt diskutiert, welche Nachteile sie für Autofahrende haben könnten. Und - von mir schon oft beschrieben - bei Zusammenstößen zwischen Auto und Fahrrad verschwindet der Autofahrer als Akteur ("Auto erfasst Radfahrer"), während Radfahrende oft unterschwellig als schuld (selber schuld) am Unfall dargestellt werden ("Radfahrer kollidiert mit Auto," obgleich der Autofahrer den Fehler gemacht hat, jüngstes Beispiel die Berichterstattung über den vom Autofahrer verursachten Crasch auf der Paracelsusstraße). andersherum scheut sich die Polizei nicht, den Radfahrer als schuldhaft agierende Person zu benennen, obgleich es für das Ereignis nur die Aussage des Geschädigten gibt, weil der Radfahrer Unfallflucht beging (was in jedem Fall verboten ist). Eine seltene Ausnahme stellt der Artikel der Stuttgarter Zeitung über die autogerechte Stadt von 2025 dar (Bezahlschranke), in der ein sehr junger und ein sehr alter Mann zu Wort kommen, der eine ein Fahrbahnradler, der andere ein Kunsthistoriker, der sich über Stadtplanung Gedanken macht. Hier wird das Auto problematisiert, der Radverkehr nicht.
Statistische Daten oder Studien zu dieser verzerrten Perspektive auf die Wirklichkeit, also den Verkehrs-Bias, gibt es nicht. Immerhin hat das Umweltbundesamt herausgefunden, dass in den Medien das Fahren mit dem privaten Pkw als normal und vorherrschend dargestellt wird (obgleich Autofahrende in einer Stadt mit zwischen 30 und 40 Prozent nie die absolute Mehrheit darstellen). Alternativen wie Radfahren kommen zwar häufiger vor als früher, werden aber noch nicht als gleichwertig dargestellt oder ernst genommen. Die aufs Auto ausgerichtete Stadt bleibt das Leitbild der Medien, während die Moblitätswende nur fragmentarisch vorhanden ist. In einer Meldung der Stuttgarter Zeitung über die Sperrung der Heidehofstraße (Uhlandhöhe) wegen Gleisbauarbeiten wird beispielsweise nur der Autoverkehr erwähnt, der Radverkehr aber gar nicht. Ob er noch durchkommt oder nicht, ist irrelevant. Man kann das Verkehrs-Bias nennen oder auch Motornormativity. Es bedeutet, dass die negativen Folgen des Autoverkehrs wie Lärm, Unfälle, Luftverschmutzung, gesundheitliche Schäden als normal und unvermeidlich angesehen werden, während andere Verkehrsarten marginalisiert werden oder aber die Probleme durch andere Verkehrsarten stärker auffallen und kritischer bewertet werden, vor allem, wenn es um den Radverkehr geht.
Erzählperspektive ist die der Autofahrenden. Als Beispiel reicht ein Artikel der Stuttgarter Zeitung. Überschrieben ist er mit "Staugefahr auf der B14 am Charlottenplatz". Darin geht es um die Einfahrt ins neue Breuniger-Parkhaus. Sie wird von der Esslinger Straße auf die Hauptstätter Straße verlegt (einen Seitenstrang der B14). Verglichen wird die Situation (die wir noch nicht haben) mit der Einfahrt auf der gegenüberliegenden Holzstraße ins Parkhaus des Dorotheenquartiers, wo sich vor allem samstags der Parkhausverkehr staut und den Bus so behinderte, dass die Haltestelle verlegt werden musste. Obgleich es nichts mit der künftigen Situation am neuen Parkhaus zu tun hat, denn da geht nach meinem Kenntnisstand kein Radweg entlang, diskutiert die Zeitung in diesem Artikel dann die Probleme, die Autofahrende bei der Zufahrt ins Dorotheen-Parkhaus mit den Radfahrenden auf dem Radweg Holzstraße haben. Sie zitiert Leute, die sich darüber beklagen, dass sie die Fahrräder nicht sehen. Die Situation sei eine absolute Katastrophe. Eine Person sagt, die Radler seien dort halt auch viel zu schnell (auf Radwegen gibt es keine Geschwindigkeitsbeschränkung, und der Radverkehr hat hier Vorrang), weshalb er ein Tempolimit für Radfahrende vorschlägt. Wir sehen, die Gequälten sind die Autofahrenden, die, die sie quälen, sind tendenziell die Radfahrenden, und die werden auch dann thematisiert, wenn sie nicht zum Thema des Artikels gehören.
Radfahren ist gefährlich - Autofahren nicht. Das Wort "gefährlich" hat die Besonderheit, dass es in zwei Richtungen weist: "gefährlich für mich selbst" oder "gefährlich für andere." Wenn "jemand gefährlich ist" ist es klar, er/sie ist es für andere, wenn aber "etwas gefährlich ist", dann bleibt das unklar. Und wenn der Radverkehr gefährlich ist, ist er es in Medien-Artikeln vor allem zunächst für uns selbst. Hinzu kommen reichlich Artikel,
die den Radverkehr als generell gefährlich für Fußgänger:innen darstellen. Beispiel: Bei der Kick-off-Veranstaltung "Lebenswerte Innenstadt" am 26. Juni im Stadtpalais hatte das beauftrage Kommunikationsbüro Themen-Cluster gebildet, darunter den Cluster "Parken" mit Themen wie: Zufahrten, Einzelhandel, Pflege/Handweg, Brezeltaste, Parkhäuser, Ärzte, Parkleitsystem. Der Cluster für "Radfahren" beinhaltete Stichworte wie "Zufahrtsregelungen, Lastenräder, E-Scooter, Shared Spaces/miteinander im Straßenverkehr, Sicherheit auf dem Rad und Sicherheit Fußgänger. Typischerweise haben wir also beide Themen wieder beim Radverkehr: eigene Sicherheit und Sicherheit der Fußgänger:innen, während vom Autofahren (das sich hinter "Parken" versteckt), keinerlei Gefahren für den Fußverkehr auszugehen scheinen. Ohnehin stehen (parken) die Autos ja nur, sie fahren nicht. Tatsächlich aber ist der Parkplatzsuchverkehr und die Zufahrt zu Parkgaragen über Radwege und Gehwege hinweg (Dorotheenparkhaus) durchaus gefährlich für andere. Und selbst von abgestellten, also geparkten Autos geht eine Gefahr aus, etwa durch Dooring beim Aussteigen oder weil sich die Sicht von Kindern behindern, die über die Straße wollen. Und dass der Radverkehr gut für den Einzelhandel sein könnte, konnte man sich auch nicht vorstellen.
Der Autoverkehr wird eher selten (
so wie hier oder
hier) als umfassend gefährlich für Fußgänger:innen dargestellt. Und noch seltener als gefährlich für die Autofahrenden selbst. Der Titel "Autofahren ist gefährlich" hätte aber durchaus seine Berechtigung. Auf Landstraßen sterben tatsächlich
jedes Jahr über 1.500 Menschen, zumeist übrigens in ihren Autos, teils als Unfallversursachende, teils als Unbeteiligte. Darüber schreibt die Presse nicht, sie müsste sonst die Fahrgeschwindigkeiten (samt Alkohol, Ablenkung und Selbstüberschätzung) thematisieren und Abhilfe fordern. Das müsste sie auch, wenn es um die getöteten Wildtiere geht. Nur
die taz war bereit, zu thematisieren, wieviele Wildtiere auf unseren Straßen durch den Autoverkehr getötet werden, es sind 19 Millionen.
Artikel über die "Gefahren des Radfahrens" gibt es unzählige, die vor allem zu "Saisonbeginn" aufploppen. Darin geht es immer um Helme, Schutzwesten, Beleuchtung, Reflektoren, mit denen sich der/die Radfahrende schützen soll, und zwar vor Autofahrenden und vor Stürzen. Hinzu kommen die Artikel, in denen es darum geht, dass Radfahrende falsch fahren, Ampeln missachten oder generell Fußgänger:innen gefährden.
Bezogen auf den Autoverkehr ist das kaum je Thema. Der
Spiegel-Artikel von 2020 ist eine Ausnahme, weil der die Gefahren für Autofahrende beschreibt (Ablenkung durch Handy, Gefahr durch Bäume, Alkohol). Er unterscheidet dabei allerdings nicht zwischen "Unfallopfern" außerhalb des Autos (Fußgänger:innen, Radfahrende) und solchen innerhalb des Autos und kann deshalb nicht benennen, welche Gefahr Autofahren für andere darstellt. Stattdessen thematisiert er ausführlichst die Gefahr von Bäumen für Autofahrende, die dagegen rasen, und lässt bemängeln, dass neue Bäume in Straßennähe gepflanzt werden. Es gibt zwar Internet-Artikel (von Fahrschulen, Versicherungen), die aufzählen, welche Fehler Autofahrende nicht machen sollten, aber kaum Medien-Artikel. Wenn wir die Überschrift lesen "Auf der Straße fahren, ist extrem gefährlich", denken wir selbstverständlich nicht ans Autofahren, sondern ans Radfahren, und so ist es auch gemeint. Der
entsprechende Zeit-Artikel beschäftigt sich dann aber ger nicht so sehr mit irgendwelchen Gefahren, sondern referiert eine Anrufaktion, bei der die meisten sagen, Radfahren mache Spaß, und dazu auffordert, nun zu den Gefahren anzurufen.
Man könnte den Eindruck gewinnen, als wollten die Medien uns allen suggerieren, dass Radfahren eine hochriskante Spinnerei oder egoistische Lifestyle-Mode sei. Zweischneidig ist dabei auch, dass sie sich
jedes Jahr intensiv mit im Straßenverkehr getöteten Radfahrenden beschäftigen und gewissermaßen alle alarmieren, uns und die Politik, Abhilfe zu schaffen. Dabei wird meist die Forderung nach einer vom Autoverkehr getrennter Radinfrastruktur, Abbiegeassistenten für Autos referiert, aber auch die Diskussion über eine
Helmpflicht für Radfahrende stets neu belebt. Sie thematisieren aber nie, wie viele Autofahrende in und mit ihren Autos ums Leben kommen, und ob es mehr oder weniger werden. Nicht einmal das tödlichste Verkehrsmittel für ihre Fahrer:innen, das Motorrad, bekommt eine derartige Würdigung wie die Gefahr des Radfahrens für ihre Fahrer:innen. Und nirgendwo wird das höhere Alter der Verkehrsteilnehmerinnen so intensiv problematisiert, wie beim Radfahren.
Rücksichtslose Radler und brave Autofahrer. Beispielhaft für dieses Framing ist ein Spiegel-Artikel mit
dem Titel "Rote Ampel? Mir egal" (Bezahlschranke) und dem URL-Titel "Deutschlands rücksichtslose Radfahrer". Eingangs werden Radfahrer (keine Radfahrerinnen) beschrieben, die "über rote Ampeln kacheln" vor abbiegende Autos "rasen" und sich "blind darauf verlassen, dass Autofahrer aufpassen." Ein verärgerter radfahrender Fotograf, der sich an den Spiegel wandte, sieht darin die den Grund, warum so viele Radfahrende verunglücken. Der Spiegel fragt, ob das so ist und sucht nach Belegen. Er
wertet eine Studie aus, entdeckt, dass es "selbstverschuldete" Unfälle (drunter Alleinunfälle) gibt, und behauptet unter Berufung
auf eine internationale Umfrage, dass jeder vierte mit dem Rad nach eigenen Angaben schon mal bei roter Ampel gefahren ist. Mit diesen 25 Prozent liegen wir in Deutschland im weltweiten Vergleich der Umfrage zufolge auf einem guten hintern Platz. In Finnland beispielsweise radeln 34 Prozent auch mal bei Rot. Schlussfolgerung im Text: "Der viel beklagte Rüpelradler ist nicht nur ein Klischee." Aufs Handy gucken während des Radelns der zitierten Umfrage zufolge in Deutschland 18 Prozent, und auch da werden wir geschlagen von Schweden mit 31 Prozent. Nichts in diesem Artikel bestätigt oder belegt, dass Radfahrende besonders rücksichtslos seien. Ins Verhältnis mit dem Verhalten von Autofahrenden gesetzt werden die die Radfahrenden problematisierenden Zahlen nicht. Immerhin 4
3 Prozent der Autofahrenden geben zu, dass sie Verkehrsregeln verletzen, wenn sie sie unnötig finden, und mit dem Handy hantieren dieser
repräsentativen Umfrage zufolge während des Fahrens
56 Prozent. Und der Spiegel hätte sich besser auf diese Umfrage berufen, denn da gaben 62 Prozent der Radelnden eine Handynutzung zu.) "Wahrscheinlich sind Radfahrer keine besseren Verkehrsteilnehmer", so lautet das Fazit des Artikels. Dabei hat nur der Spiegel behauptet, Radfahrenden sähen sich als bessere (im Sinne von Regeltreue) Verkehrsteilnehmer.
Spritztouren und Radtouren. In den Oldtimer steigen, auf die Schwäbische Alb fahren, in Zwiefalten Kaffee trinken und dann heim kurven, solche Spritztouren mit dem Auto an den Wochenenden in schöne Gegenden, werden von den Medien nicht als problematisch dargestellt. Weder Lärm, Automassen in Bergen und Dörfern, noch Abgase oder Spritverschwendung werden thematisiert. Auch der Ärger von Anwohner:innen oder ihre Angst um die Kinder angesichts des massiven Autoverkehrs durchs Dorf oder die Stadt, ist kein Thema. Zu Pfingsten staunten wir Deutschen nicht schlecht, als
Protestierende die Brenner-Autobahn sperrten, weil der immense Autotourismus sie unerträglich belastet. So was geht? Bayern befand sogleich, die Sperrung sei eine zu "hohe Belastung für den Verkehr" (gemeint ist der Autoverkehr). Anlass, unseren Auto-Tourismus als
problematisch zu thematisieren, sahen die Medien jedoch nicht. Als problematisch werden höchstens mal Motorradfahrten an den Wochenenden in Naherholungsgbieten thematisiert, vor allem wegen ihres Lärms. 2023 fragte die FAZ immerhin mal,
"Ist eine Spritztour im Auto noch vertretbar?" Bezahlschranke). Die Antwort kenne ich nicht. Der Schaden, den der Autoverkehr an Natur und Tierbestand anrichtet, (Straßenbau, Wildunfälle, Eroberung von Rückzugsgebieten für Tiere durchs Auto) findet in den Medien kaum keine Erwähnung. Dabei sind
ziellose Autofahrten, Spaßfahrten oder auch Rundfahrten sogar verboten (was eigentlich nur bei der Poser-Szene ein Hebel darstellt).
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| Hasenbergsteige, illegale Downhillstrecike, Gehwegparken |
Radtouren und zielloses Herumfahren mit dem Fahrrad ist hingegen immer erlaubt (nur nicht überall). Es ist eine Freizeitaktivität. Aber genau das löst reichlich medienwirksamen Ärger aus. Vor allem im Wald tobt der Krieg Wanderer gegen Mountainbiker. Da werden sogar lebensgefährliche Fallen gegen Radfahrende
aufgestellt, die stets "brettern". D
er Radweg in Oberhachting war im vergangenen Jahr ein Aufreger
und ist es noch immer, weil Radfahrer:innen die Strecke tatsächlich nutzen, mit Pedelecs und mit Rennrädern, und Menschen zu Fuß "Angst machen", Anwohner:inenn "ärgern" und keine "Rücksicht auf Kinder" nehmen. Der
Radfahrer-Boom in den Bergen, bringt Probleme für Landwirte, meldet das Landwirte-Wochenblatt. In den Wäldern begegnen sich
Mountain-Biker und Fußgänger:innen und der Ärger ist allenthalben groß. Sie
bedrohen sogar Pflanzen und Tiere. Über den Autoverkehr in den Bergen, asphaltierte Wanderparkplätze in Wäldern und Naturschutzgebieten, über Probleme durch Straßen, auf denen tatsächlich mehr Autos fahren, weil sie verbreitert wurden, schreibt die Presse eher selten. Und wenn doch,
so wie hier, geht es um Problemlösungen für die Autofahrenden selbst (Stauvermeidung, Parkplätze, (Auto-)Verkehrslenkung, Shuttle-Busse). Natur und Tiere spielen kaum eine Rolle.
Beschränkung der Motorisierung fürs Pedelec, aber nicht fürs Auto. In Deutschland wird in den Mediengar gar nicht über eine Beschränkung der Motorisierung für Autos diskutiert (in der EU auch nicht). Ab 18 darf man Autos fahren, die binnen 10 bis 15 Sekunden auf 200 km(h beschleunigen, auch in der Stadt oder in Wohnstraßen. Zwar gelten Tempolimits, auf Autobahnen allerdings nur situationsbezogen. Durch Raserei mit hochmotorisieten Autos sterben jedes Jahr Hunderte in ihren Autos, aber auch völlig Unbeteiligte. Man könnte also durchaus auf die Idee kommen, dass diese schnellen und schweren Autos erst ab einem gewissen Alter (30 J.) gefahren werden dürften oder aber gar nicht gebaut werden dürften. Bei Pedelecs aber wird die Geschwindigkeit und Watt-Zahl der Tretunterstützung tendenziell zunehmend infrage gestellt und auf Begrenzungen gedrungen, was die Hersteller kritisieren. Auch Autohersteller würden eine gesetzliche Begrenzung der Motorenleistung vehement kritisieren. Ohne Zweifel ist Beschleunigung und Geschwindigkeit auch für Pedelec-Fahrende durchaus gefährlich, und es geht um Sicherheit, aber Beschleunigung und Geschwindigkeit ist halt auch für die Autofahrenden und deren Umgebung hochgefährlich, auch da sollte es um Sicherheit gehen.
Mehr Freiheit im Auto oder auf dem Fahrrad? Geht es ums Alter und einen eventuellen Verzicht aufs Autofahren, taucht schnell der Begriff "Freiheit " auf. In unserem Reden und Schreiben übers Auto ist der Freiheitsbegriff tief verankert und taucht sehr viel häufiger auf als in Artikeln übers Radfahren. Es klingt so, als garantiere allein das Auto die "individuelle Freiheit" von Bürgerin und Bürger. Geht es um Tempolimits, Parkraumverknappung oder Dieselfahrverbote oder Verbrenner-Aus, dann wird das in der Presse gern als Einschränkung der persönlichen Freiheit kommentiert. Bei Beschränkungen des Verkehrsraums fürs Fahrrad fällt dieser Begriff so gut wie nie. Die Sperrung einer Straße fürs Fahrrad oder die Führung des Radverkehrs über Gehwege mit Radfreigabe, auf denen Schrittgeschwindigkeit gilt, wird nicht als Einschränkung der persönlichen Freiheit bewertet. Positiv erscheint der Begriff "Freiheit" beim Radfahren gelegentlich im Zusammenhang von Unabhängigkeit von Parkplatzsuche und Stau. Bei Artikeln übers Rad- und Pedelec-Fahren im Alter fällt der Begriff "Freiheit" auch eher nicht, da geht es höchstens um "mobil bleiben".
Problematisch ist der Radverkehr, der Autoverkehr ist es anscheinend nicht. Dem haben wir ja auch feste Straßen gebaut und ein lückenloses Netz aus Schnellverbindungen und Wegen bis in den letzten Weiher gebraut und zudem per Gesetz dafür gesorgt, dass Fußgänger:innen diese Straßen nicht betreten dürfen, außer an bestimmten Stellen. Wir haben für den Autoverkehr Bäume gefällt, Landschaften durchschnitten, die wir mit Wildbrücken wieder verbinden müssen, und riesige Abstellflächen in Städten und an Ausflugszielen versiegelt. Klar, dass der Radverkehr stört, wenn er auch mitfahren will, wo man ihn nicht eingeplant hat und auch nicht haben will, weder auf "Autostraßen" noch dort, wo Menschen zu Fuß unterwegs sind. Und für ihn bauen und Boden versiegeln, das geht natürlich auch nicht. Die Natur fällt beispielsweise der Schwäbischen Zeitung sofort ein, wenn es um einen Radweg neben einer Landstraße geht. (Darüber, dass asphaltierte Radwege der Natur und dem Wasserhaushalt nicht schaden, habe ich vor zwei Tagen berichtet.)
Also, liebe Leute von Presse und Fernsehen, lasst doch einfach mal uns Radfahrenden in Ruhe, stellt uns nicht ständig als Problem dar. Radfahren ist auch okay.
Immer dran denken : Journalisten, die die Berichte erstellen, sind selbst berufsbedingt meistens überdurchschnittliche Autobenutzer und nur Auchradfahrer(die "dem richtigen Verkehr" nicht im Weg sein wollen ).
AntwortenLöschenIn einer von Ungleichheiten, Hierarchien, Machtgefällen dominierten Welt wollen die weitaus meisten, bewusst oder unbewusst, zu den Gewinnern, den Starken gehören, zumindest in ihrer eigenen Vorstellung. Und in keinem anderen Bereich ist die Macht so klar und eindeutig verteilt wie im Straßenverkehr...
AntwortenLöschenIch glaube nicht, dass Sozialpsychologie bei der Ausbildung von Journalisten eine große Rolle spielt.