17. Juli 2016

Radentscheid in Berlin meistert erste Etappe

Radfahrende wollen den Berliner Senat zwingen, sich mit dem Thema Radfahren wirklich auseinanderzusetzen.  

Die erste Etappe ist geschafft. In Rekordzeit hat die Initiative über hunderttausend Unterschriften gesammelt. Jetzt muss sich der Berliner Senat mit den zehn  Zielen zur Unterstützung des Radverkehr beschäftigen. Die Initiative Radentscheid hat nichts weniger als ein Rad-Gesetz vorgelegt. Der Senat könnte es, wie es ist, übernehmen. Lehnt er es ab, dann geht der Weg Richtung Volksentscheid. Einfach ist das nicht, aber auch nicht aussichtslos. Die politische Wirkung ist jetzt schon groß. Die Radfahrenden anderer Städte schauen mit großen Interesse auf Berlin. 

Auf dieser ersten Etappe wurde bereits deutlich, dass es Radfahrende eine von den Städten und der Stadtpolitik unterschätzte Größe und Masse sind. Es gibt sehr viele, auch in Stuttgart, die für sich, ganz individuell entschieden haben, viele Wege mit dem Fahrrad zurückzulegen. Sie radeln und kämpfen sich alleine durch eine Radinfrastruktur, die alles andere als befriedigend ist (Baustellen auf Radwegen, aggressive Autofahrer, schlechte Ampelschaltungen, verwinkelte Streckenführung etc.).

Es zeigt sich auch, dass eine Initiative sehr schnell sehr viele dieser Einzelnen um sich herum versammeln konnte, die ihre Stadt auffordern in die Zukunft zu planen und endlich zu tun, was überfällig ist. Nämlich Bedingungen für Radfahrende schaffen, die in etwa den Bedingungen gleichen, mit denen Städte den Autoverkehr hofieren: In Grüner Welle bequem befahrbare Radstraßen, die die Sicherheit optimieren. Es zeigt sich, wie unendlich dankbar Radfahrende sind, wenn endlich jemand öffentlich wirksam sagt, was nötig ist. Ohne Wenn und Aber: Eine Politik fürs Radfahren in einem Zeitkorridor bis 2025. 

Die zehn Punkte für Berlin kann man hier nachlesen. Auf Stuttgart gemünzt (Stuttgart ist kleiner) könnten sie etwa so lauten: 

Ziel 1: 50 Kilometer sichere Fahrrastraßen, auf denen auch Kinder radeln können. 
Solche Fahrradstraßen werden in Nebenstraßen ausgewiesen, jedes Jahr rund zehn Kilometer. Dabei fängt man rund um Schulen, Sportplätze und Jugendhäuser an. Sicherheit auf Fahrradstraßen bedeutet auch: Der Autoverkehr dort wird ernsthaft eingeschränkt, Parkplatzsuchverkehr wirklich unterbunden. (So könnte das aussehen: Link)

Ziel 2: Zwei Meter breite Radverkehrsanlagen an jeder Hauptstraße und Ein- und Ausfallstraße der Stadt. Dabei sollen Fußgänger nicht eingeschränkt werden. Die Radstreifen oder Radwege müssen zumindest an vielen Stellen so breit sein, dass Radler einander gut überholen können. Außerdem müssen sie zu geparkten Fahrzeugen einen Abstand von einem Meter haben, damit es nicht zu Dooring-Unfällen kommt. 

Ziel 3:  Drei gefährliche oder komplizierte Kreuzungen im Jahr sicher machen. 
An Kreuzungen - überall dort, wo Autos einbiegen oder abbiegen - erleiden Radfahrende die meisten Unfälle. Es gibt bewährte Kreuzungsregelungen, die Radfahrende für Autofahrende sichtbar machen und ihnen auch das Linksabbiegen erleichtern. Sichere Kreuzungen für Radfahrende sind ein entscheidender Beitrag zur Minderung der Gefahr, vor allem auch für jugendliche Radler. (Zum Beispiel so.)

Foto: Blogleser Sebastian: Kaltentaler
Abfahrt, Radhauptroute 1
Ziel 4: Aufmerksamkeit für die Belange von Radfahrenden und schnelle Mängelbeseitigung.
Radfahrende holpern oft über Hindernisse, die von der Stadtverwaltung als Kleinigkeit betrachtet werden: Zu hohe Bordsteine, Wurzel-Aufwürfe auf Wegen, schadhaftes Pflaster, Schlaglöcher im Asphalt, Gullideckel im Radstreifen, 3-cm-Borsteine, wo Radler schräg kommen etc.. Aber auch temporäre Störungen wie Baustellenschilder im Radstreifen, unvermutete Baustellenunterbrechungen (Foto rechts, hier kommt man mit 40 km/h die Kaltentaler Abfahrt runter und soll plötzlich absteigen. Eine Unverschämtheit ist das auf der Hauptradroute 1!) 
Wir in Stuttgart haben die Gelbe Karte als wirksames Mittel, die Stadt über solche Dinge zu benachrichtigen. Aber mit mehr Aufmerksamkeit für die Belange von Radfahrenden würde vieles gar nicht erst so aussehen oder passieren. 

Vaihingen, Bahnhof
Ziel 5: 10.000 neue Radbügel für Fahrräder. 
Sichere Abstellanlagen braucht man insbesondere an Haltestellen und Bahnhöfen, hier verbunden mit Fahrradstationen. Räder müssen aber auch überall in der Stadt, auch in Wohngebieten so abgestellt werden können, dass sie Gehwege nicht blockieren und nicht auf Schildermasten angewiesen sind. Wer weiß, dass sein/ihr Fahrrad sicher abgestellt werden kann, fährt auch mit dem Fahrrad zum Kino, in den Club oder in die Oper und so weiter. 

Langes Warten auf Verkersinsel am Neckartor
Ziel 6: Grüne Welle und grüner Pfeil fürs Fahrrad
Ampelschaltungen sind meist ein Graus für Radfahrende. Autos rollen kilometerlang auf Grüner Welle durchs Zentrum von Stuttgart, für Radfahrende reicht die grüne Welle nicht. Sie halten dann an jeder Ampel. Oder sie werden über sechs-zügige Fußgängerampeln gelenkt, wenn sie nur links abbiegen wollen. Zudem sehen sie sich drei verschiedenen Ampelanlagen und Ampelkonzepten gegenüber. Der ÖPNV soll weiterhin Vorrang haben, aber danach bekommt der Radverkehr Vorrang im Umlauf um Kreuzungen. (Derzeit ist der Radverkehr überall der letzte im Umlauf, zum Beispiel hier und hier.) Während Autofahrer sitzen, egal, ob das Autos steht oder fährt, sind Radfahrende immer aktiv, auch wenn das Rad steht. Antreten und das Rad starten kostet zudem viel Kraft. Deshalb sollte man Ampelstopps für Radler so gering halten wie möglich und überall dort, wo es geht (und es geht an sehr vielen Stellen) per Grünem Pfeil das Durchfahren bei Autorot erlauben. (Den Grünen Pfeil haben die Grünen im Stuttgarter Gemeinderat (ich) bereits für einen Testlauf beantragt, und es sieht auch gar nicht so schlecht aus, dass das kommt.) 

Ziel 7: 20 Radschnellwege für den Pendelverkehr. 
Sie müssen nicht nur Böblingen, Ludwigsburt, Wabilingen, Esslingen, Leinfelden-Echterdingen (über Degerloch), Korntal und Ditzingen/Gerlingen mit dem Stadtzentrum verbinden. Wegen der besonderen Lage Stuttgarts (Zentrum liegt unten, Vororte oben), braucht es auch Tangenten-Radschnellwege, die etwa Degerloch über Vahingen mit Ditzingen/Münchingen/Kortal verbinden oder Degerloch mit Esslingen oder Waiblingen mit Kornwestheim. Für solche Strecken kann man auch aufgegebene Bahntrassen und Bahntunnel verwenden. Falls sie durch die Wald gehen, müssen sie asphaltiert und beleuchtet werden. (Schließlich haben wir auch viele Autostraßen, die durch den Wald gehen.) 

Be- und Entladestelle Radweg. Das darf nicht sein. 
Ziel 8: Polizei-Fahrradstaffeln und eine Sondereinheit Fahrraddiebstahl.
Unsere Polizeistaffel mit E-Rädern kontrolliert derzeit vor allem Radfahrer im Schlossgarten und auf der Königstraße. Aber eine gute Radinfrastruktur funktioniert nicht, wenn Stadt und Polizei nicht dafür sorgen, dass sie nicht von geparkten Autos, Baustellenschildern  oder sonstigem Gerümpel verstellt sind. Wenn die Polizei mit dem Fahrrad unterwegs ist, stößt sie auf diese Verstöße und kann sofort einschreiten. In Berlin mag das Problem Fahrradiebstahl größer sein als derzeit in Stuttgart, aber mit dem Radverkehr nehmen auch in Stuttgart vermutlich die Fahrradiebstähle zu. 

Ziel 9: Ausreichend Planer/innenstellen für Radverkehr in der Stadtverwaltung. 
Stuttgart hat zwar gerade erst die Stellen (und Budget) im Ordnungs- und Verkehrsamt aufgestockt, die sich mit der Planung von Radanlagen beschäftigen, aber das wird auf Dauer nicht reichen. Wir haben einen Fahrradbeauftragten, und das Thema Mobilität ist auch beim OB angedockt. Da sind wir durchaus bereits gut aufgestellt. Aber es ist noch Luft nach oben. Und der Gemeinderat stimmt leider nicht allen guten Vorschlägen der Verwaltung zu. 

Ziel 10:  Stuttgart für den Radverkehr sensibilisieren
Radfahren macht Spaß und ist für jeden erschwinglich. Es fördert die Gesundheit und trägt zu Belebung und Beruhigung der Stadt bei. Auch bei uns nimmt der Radverkehr stetig zu. Pedelecs boomen und sie nivellieren Stuttgarts Berge. Es wollen auch deutlich mehr Leute Radfahren als es sich momentan zutrauen, weil sie Stuttgart für gefährlich für Radler halten. Abgesehen davon, dass ein solches Image fatal ist, kann man die durch mehr Information auch ermuntern, es zu probieren. Aber man muss auch Autofahrende dafür sensibilisieren, dass der Straßenraum auch Radfahrenden gehört. In Fahrschulen muss der aufmerksame und verständnisvolle Umgang mit Radfahrenden gelehrt werden, FahrlehrerInnen brauchen da vermutlich auch Fortbildungen. Taxifahrer, Stadtbahnfahr und Busfahrer sollten geschult werden, damit sie verstehen, wie Radfahrer ticken. Auch Fußgänger verstehen oft das Verhalten von Radfahrenden nicht und fühlen sich gefährdet, wo sie gar nicht in Gefahr sind. Und schließlich herrscht auch unter Kommunalpolitiker/innen zuweilen immer noch Feinseligkeit oder zumindest Skepsis den Radfahrern gegenüber. Kampagnen und Aufklärungsflyer oder -Apps für alles Verkehrsteilnehmer (Autofahrende, Fußgänger/innen und Radfahrende) müssen das Verständnis füreinander fördern und Aggressionen abbauen.

Details über die Grundlagen einer wirkungsvollen Radverkehrsförderung finden sich auch hier in meiner Präsentation "Radfahren darf keine Mutprobe sein".

Was Ideen und Pläne für eine Ertüchtigung des Radverkehrs betrifft, ist Vieles in Stuttgart bereits angedacht. Stuttgart fehlt es nicht an mutigen Ideen und Würfen für den Radverkehr. Zum Beispiel für ein schönes Hauptradroutennetz auf dem Cityring im Rahmenplan Stuttgart 21 1997 auf Seite 58. Man muss es halt nur auch jetzt so machen, jetzt konkret planen, politisch wollen und schnell umsetzen.  

Kommentare:

  1. Diese tollen Kreuzungen mit den abgesetzten Furten wieder.
    Da bleibe ich lieber bei den Empfehlungen von Radverkehrsanlagen.
    Oder sowas aus Frankfurt: https://img4.picload.org/image/rradiddo/20160707_142731.jpg
    Eine Verflechtung der Rechtsabbieger mit den Radfahrern mit einem bewussten Fahrstreifenwechsel der Rechtsabbieger und getrennt signalisierte Linksabbieger machen Kreuzungen sicherer und nicht abgesetzte Furten aus dem letzten Jahrhundert.

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  2. Die Frankfurter Lösung in dem Bild scheint mir nicht schlecht. Da wird der Geradeausverkehr wenigstens nicht rechts von den Rechtsabbiegespuren geführt. Daran kranken diese ganzen abgesetzten Furten.

    Übrigens stehen im Berliner RadG die 2m nur bei den Radschnellwegen. Sonst ist von "ausreichender Breite" die Rede. Was immer das auch heißen mag. Radwege von "ausreichender Breite" haben wir eigentlich schon genug, bei so einer schwammigen Formulierung wird sich nicht verbessern.

    Selbst die 2m sind zuwenig wenn Radfahrer auch sicher überholen sollen. In der Waiblinger Straße sieht man es schön. Da wurde die verbliebene Kfz-Spur verbreitert, und die Radspur dafür verschmälert. Überholen ist damit nicht möglich. Bloß dem Radverkehr nicht zuviel Raum geben ist die Devise. Das wird sich auch mit den Unzulänglichkeiten des RadG in Berlin nicht ändern. Was die Verantwortlichen, namentlich Stößenreuther, natürlich nicht hören wollen.

    Gelbe Karte hört sich übrigens auch besser an als es ist. Momentan warte ich seit 16.06. wieder auf die Beantwortung einer einfachen Frage. Ob das Zusatzzeichen "Radfahrer frei" absichtlich fehlt oder geklaut wurde. Nicht mal so eine einfache Frage kann innerhalb eines vernünftigen Zeitrahmens beantwortet werden. "Weil das Ordnungsamt überlastet sei". Merkt man täglich auf den Straßen.

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    1. Es ist leider wirklich so, dass das Ordnungsamt überlastet ist. Offene Stellen lassen sich auch nicht so leicht kompetent besetzen. Und bei der Gelben Karte ist eigentlich die Antwort zwar wünschenswert, aber nicht so wichtig. Entscheidend ist, dass der Mangel behoben wird. (Um welches Radfreigabe-Schild geht es?) Ich sehe aber mit wachsender Frustration leider auch, dass es bei unseren Radrouten an so Vielem hapert, dass ich mit berichten nicht hinterher komme und dass die Aufgaben für die Verwaltung immer größer werden, ein funktionierendes Radnetz zu erhalten und aufzubauen.

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    2. Es handelt sich um das seit Wochen fehlende Schild an dem Fußweg am Wilhelmsbau zwischen Urbanstraße und Charlottenplatz. Und natürlich ist das Schild nicht da. Schon das Drehen eines Schild (Vorfahrt achten Ecke Huber-/Börsenstraße) dauert ja Monate.

      Ich kann diese Ausreden mit den überlasteten Ämtern nicht mehr hören. Was machen die denn? Mit drei PKWs am Feiertag durch den Schloßgarten fahren und Fußgänger und Radfahrer behindern und gefährden, mehr nicht.

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    3. Ich bin jeden Tag in verschiedenen Städten unterwegs. Und in allen gibt es eine Radinfrastruktur. Meistens halbherzig ausgebaut bis richtig schlecht. In allen Städten müssen offensichtlich die Ordnungsämter überlastet sein. Anders lassen sich die unzähligen Verstöße nicht erklären. Es wird halt nicht kontrolliert. Die Gefahr, erwischt zu werden, geht gefühlt gegen Null.

      Und was Mindestbreiten angeht: Die sind schon längst rechtsverbindlich definiert. Nur die meisten Amtsschimmel scheren sich nicht um die Verwaltungsvorschriften zur StVO.

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  3. Ich finde es eine gute Idee, die Forderungen aus dem Radentscheid Berlin auf die jeweils eigene Stadt herunterzubrechen und entsprechend neu zu formulieren.
    Persönlich gefällt mir besonders gut die Forderung nach Fahrradstaffeln bei der Polizei, die sich um die Sicherheit der Radler kümmern sollen und nicht um deren Reglementierung. Dazu die Sondereinheit Fahrraddiebstahl.

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  4. In Stuttgart gehts eher rückwärts........
    Nur ein Beispiel von Vielen: Vor dem Milaneo an der Kreuzung Heilbronner Straße/Wolframstraße. Dort bin ich bis jetzt immer zurückkommenden von der Stadtmitte Richtung Pragsattel auf dem linken Radweg und dann vor dem Milaneo(Türlenstraße) über die Straße gefahren, die Ampeln waren so geschaltet das ich wenn ich dort Grün bekam dann auch an der Kreuzung Heilbronner Straße/Wolframstraße an allen vier Ampeln grün bekam. Jetzt wurde das geändert weil die armen armen Autofahrer in der Heilbronner Straße eine Baustelle bekamen (das glaube ich jedenfalls). Jetzt fahre ich über die Heilbronner Straße an der Türlenstraße und habe gleich an der nächsten Ampel (Abbiegespur von der Heilbronner in die Wolframstraße) rot und muss warten. Dann ist diese Grün und ich fahre weiter, muss aber wieder warten denn jetzt bekommen die Linksabbieger aus Richtung Pragsattel von der Heilbronner Straße in die Wolframstraße grün. Wenn ich dann dort grün bekomme, muss ich in der Mitte der Wolframstraße wieder warten denn jetzt bekommen die Fahrzeuge aus der Wolframstraße grün. Dann komme ich endlich rüber denn die einzige Ampel die gemeinsam mit einer anderen Ampel geschaltet ist ist die an der Abbiegespur der Wolframstraße in Richtung Pragsattel. Und zu guter Letzt stehe ich dann noch ewig an der Ampel über die Friedhofstraße, weil naja, es gibt eigentlich keinen Grund dafür.

    Und das nennt sich dann Politik für Fahrradfahrer? Soso. Ich habe den Eindruck das man sich im Tiefbauamt überhaupt kein bisschen für Radfahrende interessiert.

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