22. Juni 2017

Das muten wir Müttern mit Kindern zu, wenn sie nicht Auto fahren?

Manchmal frage ich mich, ob wir eigentlich noch richtig ticken. Haben wir denn komplett vergessen, worum es in unserer Gesellschaft geht? Um Menschen. 

Da drängeln Autos durch eine schmale Straße. Eine Mutter ist mit ihren beiden Kindern unterwegs. Sie fährt Fahrrad mit einem Kinderanhänger. Ihre etwas ältere Tochter sitzt auf einem Kinderfahrrad.

Schön, dass die Mutter sich diese Reise so zumutet, statt mit dem SUV hier durch zu rammeln. Aber sie kommt kaum vorwärts, weil ihr ständig Autos den Raum nehmen. Ständig hält sie an, guckt sich nach ihrem Kind drüben auf dem Gehweg um.

Das Kind muss auf dem Gehweg radeln. Die Mutter dürfte zwar auch, aber der Gehweg ist schmal. Und mit dem Hänger kommt sie vermutlich auch nicht gut zwischen den Pollern durch, die man gegen Autos aufgestellt hat, die hier sonst auch noch parken würden.

Das Kind fährt  auf dem linken Gehweg. Was den Vorteil hat, dass die Mutter keine parkenden Autos zwischen sich und dem Kind hat, sondern es immer sehen und dirigieren kann. Die Straße ist allerdings schmal. Rechts parken Autos im Parkverbot. Und Autofahrer nutzen die Straße als Schleichweg, um den Ampelstau zu umgehen. Also kommen der Mutter in ständige Folge Autos entgegen. Immer wieder muss sie ausweichen.

Sie weiß, dass sie die Hindernisse - die parkenden Autos, die hier gar nicht parken dürfen - auf ihrer Seite hat, also den entgegenkommenden Autos Vorrang lassen muss, und schwenkt immer wieder in eine Parklücke oder Einfahrtlücke ein und hält an, um die Autos durchzulassen. Das Kind auf der anderen Seite des Gehwegs hält dann ebenfalls und wartet. Dann geht es wieder ein paar Meter weiter.

Diese Szene habe ich in Möhringen auf der Maierstraße bobachtet, die am Bezirksamt vorbeiführt. Diese Maierstraße ist eine der typischen Nebenstrecken, die Radfahrende nutzen, die nicht über die Hauptstraßen (Hechinger Str., Vaihinger  Str.) fahren möchten, die gar keine Radinfrastruktur haben.

Wie viele Nebenstraßenstrecken, hat sie stellenweise ein für Räder und Kinderanhänger ekliges Kopfsteinpflaster und natürlich auch gar keine Radinfrastruktur.

Muss das so sein? 

Da frage ich mich schon: Wie ticken wir eigentlich, dass wir Müttern (und Vätern) mit Kindern solche Hindernisreisen zumuten? Dass wir es nicht schaffen, Wege für  Eltern mit Kinderwagen, mit Rädern mit Kinderanhängen und für Kinder befahrbar zu machen. Dass wir nicht wenigstens auf ein paar wichtigen Fußgänger- und Radstrecken die Autos wegräumen. Und zwar ernsthaft.




Kommentare:

  1. Ein gute Artikel. Auch ich habe mir darüber schon Gedanken gemacht. Noch habe ich keine Kinder, aber ich möchte welche haben und deshalb Frage ich mich, muss ich mir zum Kind auch noch ein Auto anschaffen, um es sicher durch die Stadt bringen zu können?

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  2. Richtiger Artikel, jedoch betrifft das Väter ganz genau so.

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  3. Wie schön, dass ihr Väter anmahnt, dass ihr auch mit Kindern und Fahrrädern unterwegs seit. Das Beispiel betraf eine Frau, die ich genau beobachten konnte. Aber natürlich betrifft das Väter mit ihren Kindern auch. Und, lieber Zugezogen: Du musst gucken, ob du die Wege zur Kita und später zur Schule mit Kind und Fahrrad zurücklegen kannst. Meistens geht es, wenn man bereit ist, auch nicht optimale Bedingungen zu bewältigen. Je mehr Radler mit Kindern unterwegs sind, desto besser ist das für alle anderen, die mit Kindern radeln wollen. Und je mehr Forderungen ihr dann an die Parteien im Gemeinderat, die nicht für eine Radförderung eintreten, stellt, desto besser ist es für uns, die wir für eine Verbesserung des Radverkehrs kämpfen, aber so manche Abstimmung eben leider verlieren.

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  4. Der Artikel stimmt mich sehr traurig. Ich fände es schön, wenn jemand dies mal ausdrucken könnte und vor Ort verteilen könnte, wirkt es sicher auch bei dem ein oder anderen.

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  5. Es ist wichtig nochmal festzustellen:
    die geschilderten Zustände sind kein Zufall, sondern decken sich mit der Mobilitätspolitik der Stadt Stuttgart. Spätestens, wenn die abgebildeten Kinder in die Schule kommen, werden sie in der Ranzenpost Rundschreiben mit nach Hause bringen in denen (garniert mit allerlei Drohungen und Panikmache) davon abgeraten wird, dass Kinder Radfahren.

    Und um es unmißverständlich klarzustellen:
    auf dem Briefkopf wird "Stadt Stuttgart" stehen und die Verfasser werden in der Karriereleiter nach oben stolpern.

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    1. Lieber Anonymus, schick mir doch mal so einen Brief.
      Es ist übrigens nicht Ausdruck der Mobilitätspolitik der Stadt Stuttgart, sondern Ausdruck der Mehrheitsverhältnisse im Gemeinderat, der über Radinfrastrukturmaßnahmen (auch für Schüler/innen) entscheidet. Die Verwaltung ist immer so gut und fortschrittlich wie der Gemeinderat selbst, der die Verwaltung zum Handeln animiert.

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  6. Vor der Kommunalwahl hatte ich die Parteien gefragt: was tun Sie für den Radverkehr? Antworten:
    - CDU: nichts, ist sowieso zu gefährlich bei den vielen Autos
    - FDP: fahren Sie doch im Wald, ist wunderschön dort
    - SPD: persönlich nichts, bin zu alt
    - ALK: ist doch alles prima, wir brauchen keine Radwege
    - Grüne: wir wollen doch schon den ÖPNV fördern, hier will sowieso keiner radeln

    Stadt: Königstein im Taunus

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    1. grins. Allerdings sind die Grünen in Königstein nicht die Grünen in Stuttgart. Hier würdest du eine andere Antwort bekommen. Man sollte vielleicht auch wissen, dass Stadträte sehr regionale Gremien sind. Und selbstverständlich wollen die Grünen auf Stuttgarter Ebene, auf Landesebene und auf Bundesebene dringend den Radverkehr fördern.

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    2. Wann hat sich eigentlich in den Gedanken der Autofahrer durchgesetzt, dass die Straße nur den Autos gehört? Ich habe im Gegensatz zu früher den Eindruck, dass die Autofahrer echt davon überzeugt sind, dass Fußgänger und Radler auf der Straße nichts zu suchen haben. Geh´doch mal zum Beispiel auf einer Landstraße vorschriftsmässig auf der linken Seite zu Fuß. es ist unglaublich, wie viele Autofahrer Dir da einen Vogel zeigen.

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    3. Das war 1934. Damals haben die Nazis mit der Reichs-Straßenverkehrs-Ordnung die Fahrräder von der Straße verbannt. Und die Nazizeit war eben auch hier leider sehr prägend für dieses Land...
      Aus der Begründung:
      „Zeigen wir [zur kommenden Olympiade 1936] dem staunenden Ausländer einen neuen Beweis für ein aufstrebendes Deutschland, in dem der Kraftfahrer nicht nur auf den Autobahnen, sondern auf allen Straßen durch den Radfahrer freie, sichere Bahn findet.“
      https://silkroadprojectblogspot.wordpress.com/2013/04/08/1936-nazis-vertreiben-fahrrader-von-der-fahrbahn/

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  7. Der von den Verkehrsplanern so genannte „ruhende Verkehr“ ist eines der großen Probleme für Radfahrende und andere Verkehrsteilnehmer in Städten und Dörfern. Viele eigentlich akzeptable Radrouten werden dadurch unattraktiv und in Stoßzeiten unfahrbar, weil in den von den Städtebauarchitekten ausgewiesenen „reinen Wohngebieten“ die Zweckentfremdung der Fahrbahnen als Autoabstellfläche „wissenschaftlich“ und institutionell vorangetrieben worden ist. Dein Beispiel ist noch ein vergleichsweise harmloses. Als Radfahrer würde ich mir wünschen, dass mir Fahrbahnen als Fahrbahnen zu Verfügung stünden. Dummerweise werden die öffentlichen Verkehrsflächen missbraucht, um die kostenfreie und verkehrsbehindernde Autoabstell-Anspruchsfläche einseitig oder in der Regel beidseitig auf die Fahrbahnen auszudehnen. Eine Straße ist ein Verkehrsweg und kein Parkplatz, auch wenn die Planer und Architekten dies nicht einsehen können oder wollen. Viele Grüße.

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    1. Naja, das Thema "Parken" ist natürlich auch geregelt, durch den Gesetzgeber. Der sieht das Abstellen am rechten Fahrbahnrand vor. Das ist per se zunächst einmal keine Behinderung.

      Allerdings haben Kommunen natürlich Möglichkeiten der Steuerung. Eine in meinen Augen sehr elegante ist die Absenkung von Bordsteinen über längere Strecken. Das hat mehrere Vorteile. Neben dem Parkverbot wird Fußgängern das Überqueren der Straße erleichtert, insbesondere Eltern mit Kinderwagen, Senioren (mit Rollator?), Rollstuhlfahrer, ...

      Wie wenig Lobby diese Gruppen in den Kommunen haben, zeigt das flächendeckende Parken auf Gehwegen. Das ist zunächst grundsätzlich verboten, es sei denn, es wird ausdrücklich erlaut (Schilder, Markierungen).

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    2. Geregeltes Anwohnerparken ist eine konstruktive Sache, finde ich. Aber: Vielerorts gibt es mehr Fahrzeuge von Anwohnern als Platz entlang der Straßen zum Abstellen der Autos zur Verfügung steht. Spätestens dann entsteht „Verstopfung aufgrund Verparkung“. Ich bin die Hauptradroute zwischen Marienplatz und Südheimer Platz schon eine Weile nicht mehr gefahren. Aber, wenn ich mich recht erinnere, handelt es sich dabei auch um eine durch die Doppelfunktion „Fahrbahn“ und „Parkplatz“ überlastete Straße. Auch ich wohne in einem Innenstadtbezirk. Wenn ich ab morgen ein Auto bräuchte, wüsste ich nicht, wo ich es abstellen könnte. Alle Garagen und Stellplätze in der Umgebung sind belegt. Die Straßenränder sind sowieso ständig voll. Wo soll ich hin? Es gibt zu viele Autos, die zudem immer größer werden. Und viele Straßen sind nicht wegen fahrender Autos überlastet, sondern aufgrund der parkenden. Das muss man erst mal konstatieren bevor man nach möglichen Lösungen sucht und sie diskutiert, finde ich. Viele Grüße.

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    3. Man sieht auch sehr schön auf dem untersten Fotos das Parkverbotsschild.

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    4. Dass unsere (Innen-)Städte fast ersticken an dem Individualverkehr in Blech und Carbon, ist Alltagserfahrung.

      Wie Kommunen damit umgehen, ist die Frage. Mein Vorschlag von vorhin versucht, die Interessen mehrerer Gruppen zu bündeln. Dagegen steht die Realität, Fehlverhalten von Automobilisten nicht zu sanktionieren. Es ist völlig normal, falsch zu parken u.ä., schließlich ist man ja erstens Steuerzahler (laut ADAC sind Autofahrer die Melkkuh der Nation) und zweitens hat man da Recht des Stärkeren auf seiner Seite. Schon zu Zeiten des Feudalismus wurde das gemeine Fußvolk von den Straßen gejagt, wenn irgendwelche Herrschaften in ihren Kutschen kamen. Und schon damals gab es einen Zusammenhang zwischen sozialer Stellung und der Motorenstärke in PS.

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  8. Ich möchte auch gerade die Erfahrung. Alleine war es noch okay, mit etwas Abenteuerlust und gutem Willen durch Stuttgart zu cruisen. Aber mit Kind ist dann irgendwie Schluss mit lustig. Ich fahre dennoch (z. Zt. mit Anhänger), aber ich bin noch viel wählerischer geworden, was die Strecken angeht. Und 2 Meter Abstand, weil ich ein Kind befördere? Hält sich auch wieder kaum jemand dran. Sehr schade! Liebe Grüße von Katarina

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  9. Die Bilder kommen mir sehr vertraut vor. Kind im und anderes Kind auf kleinem Rad. 500m bis zur Kita. Täglich Angst um die Zwerge. Bis heute.
    Vorgestern hätte es Kind 3 fast erwischt, Beim Überqeren einer grünen Ampel.

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  10. Mutig, dass sich die Frau oben traut.

    Aber natürlich gibt es nicht nur Mütter und Väter (und Großväter ;-) etc), sondern auch Kinder. Eigenverantwortlich Strecken zurücklegen, sich - innerhalb geschützter Räume - eigenverantworlich bewegen und ausprobieren können, das sind die ersten Schritte ins eigene Leben.

    Mir ist wirklich unverständlich, wieso es keine Partei, keine einzige und noch nicht einmal ein einziger Politiker es für notwendig halten, gegen den Barbarenparagraphen 2 der StVO Stellung zu beziehen.
    §2 StVO besagt, dass 'Fahrzeuge', d.h. auch Fahrräder, auf der Fahrbahn fahren müssen. Er gilt schon für 10jährige Kinder.

    Natürlich muss man sich abgrenzen, aber es ist für mich immer wieder erschreckend, wie Lobbyinteressen es schaffen, die Menschen so zu korrumpieren, dass sie sich gegen ihren eigenen Nachwuchs stellen.

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    1. Du sprichst mir aus der Seele. Wir brauchen einen Radentscheid Deutschlsnd.

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  11. Ich habe auf dem Weg zum Kinderhaus eine ähnliche Straße zu passieren, üblicherweise mit dem großen 7 jährigen auf dem Rad und dem kleinen 2 jährigen im Hänger. Früher waren beide im Hänger, daher ist es ein extra breites Modell für zwei. Es handelt sich um die Paradiesstraße - treffende Benamsung.
    Eigentlich müsste mein großer auch links auf dem Gehweg radeln, denn rechts ist keiner. Weil aber links viele Einfahrten und T-Kreuzungen sind, und zudem der Straßenrand vollkommen verpackt ist, fährt mein Großer vor mir auf der Straße. Dies ist zwar nicht legal, er fährt aber als Erstklässler schon recht sicher, gibt Handzeichen beim Abbiegen und fährt mit konstantem Abstand zum Straßenrand. Ich hoffe, ich werde diesen Gesetzbruch niemals einem Polizisten oder einer Unfallversicherung erläutern müssen.
    Wenn wir in Gegenrichtung fahren, nimmt er den Gehweg. Übrigens ist in dieser Straße mehr Radverkehr als Autoverkehr, somit wären die Voraussetzungen für eine Fahrradstraße gegeben.

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