22. Juli 2017

Freiheit für die Innenstadt


In Hamburg fordert ein Bündnis Sperrzonen für Autos, zumindest probeweise. Das verschafft Menschen mehr Ruhe, bessere Luft und mehr Bewegungsfreiheit. 

Viele Städte, auch Stuttgart, erkennen das. Und die Erfahrung zeigt, dass einige Leute zuerst massiv dagegen sind, aus Straßen Fußgänger- und Radlerzonen zu machen, später aber begeistert sind von den neuen Lebensqualitäten und Freiheiten.

Nachdem in New York der Times Square für den Autoverkehr probeweise gesperrt wurde, stimmten zwei Drittel der Händler für den Erhalt der Fußgänger- und Radlerzone.

Auch in Stuttgart zeigen die neuen Einkaufszentren (wie bereits die gesamte Königstraße), dass der Handel weiß, wie wichtig es ist, beim Shopping nicht von Autos gestört zu werden, die herumstehen oder auf Parkplatzsuche kreisen. Vermutlich liefe auch das Gerber sehr viel besser, wenn es keine Autos mehr in der Tübinger Straße gäbe. Wo Autos dominieren, fehlen die Fußgänger. Und das Blöde: Autos kaufen nicht ein.
Dorotheenquartier keine Autos, viele Leute
Der Handel, etwa Breuninger und das Milaneo, setzen auf die Wirkung von autofreien Plätzen und Zonen um ihre Läden herum.  Einkaufsmalls selbst sind ja auch nichts anderes als autofreie Flächen. Auch wenn der Handel öffentlich anders redet und um jeden Parkplatz auf der Straße kämpft, wissen wir eigentlich längst, dass der Handel blüht, wo das Auto wegbleibt. Doch gerade in Stuttgart ist - auch gerade bei den Profiteuren von Fußgängerzonen -  die Panik so groß, dass sie völlig vergessen, dass Fußgängerzone in der Innenstadt ja nur heißt, dass Autos in Parkhäuser fahren, statt durch die Eberhardstraße oder andere Gassen auf Parkplatzsuche zu kreisen. Mehr nicht.

Im Ausland genießen wir autofreie Innenstädte mit ihren Cafés, Restaurants, Läden, Brunnen, Plätzen und Bänken, weil wir uns dort meist zu Fuß bewegen. Venedig ist übrigens seit jeher autofrei. Reisende lassen die Autos vor den Toren der Stadt zurück. Wenn man ins Ausland guckt, kann man sich vorstellen, wie attraktiv Stuttgart für kaufkräftigen Tourismus sein könnte, wenn wir eine autofreie City anbieten könnten. Aber auch wir selbst hätten immer ein bisschen Urlaubsatmosphäre, wenn wir in die Innenstadt gingen. Parkhäuser haben wir ja an den Cityrändern genügend, falls wir mit dem Auto kommen müssen.

Aber nicht nur Hamburg oder Stuttgart haben zu viel Individual-Autoverkehr im Zentrum (und damit zu viel Schadstoffe in der Atemluft, zu vielLärm und zu wenig Platz für Fußgänger und Radfahrer), sondern eigentlich alle Städte.

Barcelona hat schon angefangen, Autos aus der Innenstadt weitgehend zu verbannen und die Hoheit über den Innenstadtraum den Fußgängern und Radfahrenden zu übergeben. Laut RedBulletin gibt so genannte Superblocks, in denen nur noch Anwohner und Lieferverkehr hinein und nicht schneller als 10 km/h fahren dürfen. In Wien gibt es die autofreie Siedlung Florisdorf. Sehr begehrt bei Mietern. Die Leute mögen es, wenn es ihnen leicht gemacht wird, ohne Auto zu leben. Was auch für den Freiburger Stadtteil Vauban gilt. Und in Bogotá wird schon seit Jahren die Hauptmagistrale sonntags für den Autoverkehr gesperrt, damit die Leute Fahrrad fahren können.

Das Managermagazin nennt elf Städte, die das Autoproblem angehen wollen.

Hamburg plant ein Grünes Netz, das Fußgängern und Radfahrern Wege garantiert, die von Autos kaum beeinträchtigt sind und gibt sich dafür zwanzig Jahre Zeit.

Madrid hat den Kernbereich der Stadt für alle Autos außer denen der Anwohner gesperrt. Je dreckiger ein Autos ist, desto höher sind die Parkgebühren, die sein Besitzer zahlen muss. Kameras überwachen die Straßen, an Parkautomaten muss man das Kennzeichen eingeben. Der Mobilitätsplan 2020 wurde übrigens von einer konservativen Regierung aufgelegt.

Olso wird in zwei Jahren, 2019, eine Innenstadt haben, in die keine Privatautos mehr reindürfen. Eine Citymaut gibt es bereits. Es werden fortwährend und auch in Zukunft Radwege gebaut.

Helsinki will eine Infrastruktur aufbauen, die einen Privat-Pkw überflüssig macht. Schon jetzt kreisen fünfzehn Busse durch die Innenstadt, die man per App anfordern kann und die halten, wo man möchte. Geplant ist, dass man sich per Handy-App seinen Mobilitätsmix zusammenstellt.

Bei Chengdu (China) soll eine Versuchsstadt für das Leben ohne Auto entstehen. Für 80.000 Einwohner soll kein Weg weiter ist als eine Viertelstunde zu Fuß sein. Aber es gibt auch kleine E-Fahrzeuge für den Individualverkehr.

Die Fahrradstadt Kopenhagen macht weiter auf ihrem Weg. Mehr als die Hälfte der Einwohner radelt.  Es gibt Fahrrad-Highways, eine 190 Meter lange Fahrradbrücke und so weiter.

In Paris haben den Einwohnern autofreie Tage auf bestimmten Hauptstraßen Lust auf mehr gemacht. Sie wollen verkehrsberuhigte Bereiche und mehr Radwege. Außerdem sperrt die Stadt immer mehr ältere Diesel aus der Innenstadt aus.

Auch aus London sollen Dieselautos in drei Jahren verschwunden sein. Die Londoner zahlen eine Staugebühr. Für Radfahrer wird allerdings nichts geplant, aber die fantasievollen und geplagten Londoner Radfahrer werden da sicher was für sich tun.

Brüssel will, dass der Fußgänger König wird (an Frauen haben sie dabei allerdings nicht gedacht). Im kommenden Jahr dürfen ältere Dieselfahrzeuge nicht mehr in die Stadt. Große Teile der Innenstadt sind schon jetzt Fußgängerzone. Der autofreie Tag einmal im Jahr macht den Einwohnern Freude. Noch streitet sich die Politik über noch mehr Fußgängerbereiche.

Mexiko will an zwei Tagen in der Woche und an zwei Samstagen zwei Millionen Autos weniger in der Stadt haben und das mit einem über Autokennzeichen rotierendes Fahrverbotssystem erreichen.

New York hat seine großen Parks autofrei und für Fußgänger sicherer gemacht. Im Sommer werden an ein paar Tagen aus stark befahrenen Straßen vorübergehend Fußgängerzonen gemacht.





Kommentare:

  1. Das "die Wirtschaft beleben" durch mehr Autoverkehr nicht klappt, hat man auch in Bad Wildbad erfahren:
    https://www.swr.de/swraktuell/bw/karlsruhe/bad-wildbad-ehemalige-fussgaengerzone-wird-wieder-fussgaengerzone/-/id=1572/did=19949056/nid=1572/105ukyn/index.html

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  2. Nur Verkehr aussperren hilft nicht. Laut Jan Gehl (Architekt und Stadtplaner aus Kopenhagen) muss man dem Rad- und Fußgängerverkehr nicht nur Flächen einräumen, man muss die gewonnenen Flächen auch attraktiv für Radfahrer und Fußgänger gestalten. Freimachen ist der leichte Teil, attraktiv gestalten ist der schwere Teil.
    Zum Argument "Online-Shopping gewinnt", wenn Kunden nicht mehr mit dem Auto bis vor die Tür fahren können: wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass man direkt vor dem gewünschten Laden einen Parkplatz bekommt? So ganz ohne dass Parkplätze wegrationalisiert oder Verkehrsberuhigungsmaßnahmen durchgeführt wurden? Die Wahrscheinlichkeit geht gegen Null! Wird das Auto z.B. alle 15 Minuten umgeparkt, nur weil man in einen Laden um die Ecke will? Und dann noch ein Stück weiter und dann noch ein Stück weiter...? Nein! Da ist man bereit, eine nicht unerhebliche Strecke zu Fuß zu gehen, warum also nicht von einem Parkplatz an der Peripherie der Innenstadt ausgehend oder von der Straßenbahnhaltestelle ausgehend?
    Die Psychologie sagt: den einen Parkplatz hat man sich selbst ausgesucht und man hat sich davon überzeugt (durch Rumkurven in den Straßen), dass es keinen besseren gab. Wird der Verkehr in die Parkhäuser geleitet, dann fühlen sich viele bevormundet.
    Wer unnötiges Rumkurven beobachten möchte, dem empfehle ich einen Freitag oder Samstag Abend an der Torstraße/Steinstraße in Kreuzung mit der Eberhardstraße. Wer von der Torstraße in die Steinstraße einfährt (unter der Gebäudeverbindung Kaufhof hindurch), kommt mit sehr großer Wahrscheinlichkeit nach 5 Minuten dort wieder raus. Der Rest biegt von der Steinstraße rechts in die neu geschaffene Verbindung zur Nadlerstraße ein, von wo man eigentlich nur in die Fahrradstraße Eberhardstraße kommt (kaum bis keine Parkplätze) oder in die Dornstraße und damit wieder auf die Hauptstätterstraße = raus aus dem Viertel - oder er sucht sich einen wilden Parkplatz wie die ca. 12 Autos, die vor zwei Wochen illegal an der Nadlerstraße entlang parkten (ganz sicher jeden Abend, aber vor zwei Wochen habe ich es mal wieder selbst gesehen). Die Anzahl der Autos, die an der Steinstraße zielgerichtet im Parkhaus geparkt werden, ist gering. Was man in der Feldstudie Torstraße/Steinstraße auch feststellen kann: es sind wenige Stuttgarter Kennzeichen, die meisten sind von auswärts und wir lassen sie ungehindert rumkurven und unsere Stadt/Luft verdrecken. Warum???

    Chris

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    1. Genau so ist das. https://dasfahrradblog.blogspot.de/2016/07/parkplatzsuche-der-unterschatzte-verkehr.html: Ich zitiere aus dem Artikel:
      Ein Autofahrer legt dagegen pro Parkplatzsuche rund 4,5 km zurück, was Fahrzeugkosten von jeweils 1,35 Euro erzeugt. Die Umwelt wird dabei mit 1,3 kg CO2-Ausstoß belastet. Befragungen durch die APCOA PARKING Group (Stuttgart) haben ergeben, dass rund 30 Prozent der Fahrer in den Innenstädten auf Parkplatzsuche herumkurven. In nur einem einzigen Stadtviertel wird so innerhalb eines Jahres eine Strecke gefahren, die 14 Weltumrundungen mit dem Auto entspricht.
      Autofahrende würden mehr Zeit und Geld sparen, wenn sie immer sofort das nächste Parkhaus ansteuern würden, meint die APCOA-Parking-Groop, die Parkhäuser managt. Parken kostet allerdings auch hier Zeit. Zumal man ja auch noch zum Ziel laufen muss. Ich schätze aus eigener Erfahrung allerdings, dass man fürs Rein- und Rausfahren aus dem Parkhaus (samt an der Kasse bezahlen und zum Ziel laufen) auch ungefähr zehn Minuten bis eine Viertelstunde pro Autofahrt einrechnen muss.
      Der Studie von APCOA zufolge überschätzen Autofahrer übrigens die Kosten für Parkhäuser. Im Jahr 2013 beliefen sie sich auf durchschnittlich 60 Euro im Jahr, was ja nicht viel ist.)
      Lenkt man Autofahrer mit einem guten Leitsystem gleich in die Parkhäuser, sparen sie Zeit und Geld. Übrigens finde ich das Auto allein deshalb die ungeschickteste Art, zum Schoppen in die Stadt zu fahren, weil man immer zum Auto zurücklaufen muss. Der Radios von Autofahrern bleibt deshalb kleiner als der von Radlern oder solchen, die mit dem ÖV gekommen sind und an einer Haltestelle am anderen Ende der City einsteigen können.

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    2. Hallo Chris, Deine Einschätzung, dass Autofahrer ihr Auto nicht alle 15 Minuten umparken, um zum nächsten Geschäft zu gelangen, kann ich leider nicht teilen. Es ist kaum vorstellbar, wie viele Verrückte es gibt, die genau das in dieser Art und Weise praktizieren. Stell Dich mal nachmittags oder Samstag vormittags an die Böblinger Straße zwischen Marienplatz und Adlerstraße. Da wird dann vom Norma bis zur Postfiliale alle 20 Meter neu geparkt, damit man ja keine 2 Minuten zu Fuß gehen muss. Absolut irre, was da so abgeht.
      Karl

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    3. Vielleicht ist die Böblingestraße da auch eher ein Sonderfall. In der Innenstadt ist Umparken auf Straßenparkplätzen etwas riskanter. Aber ich bin sicher, es gibt Autofahrer, die es trotzdem versuchen. Der Parkplatzsuchverkehr macht 30 Prozent in solchen Einkaufsgegenden aus. Und der hört nicht auf, wenn man nicht alle Parkplätze am Straßenrand wegnimmt. Das sind in der Innenstadt nur 1 Prozent aller Parkplätze. Der Rest, etwas 11.500 befindet sich in Parkhäusern.

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    4. Die Lösung besteht darin, Parkplätze am Straßenrand wegzunehmen? So wie in der Tübinger Straße? Das ist dort ja extrem erfolgreich gelungen.
      ;-)
      Karl

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    5. Hallo Karl,
      das Umparken in Stuttgart Süd halte ich für unwahrscheinlich. Dort sind Parkplätze Mangelware. Dass einer ein paar Meter umparkt mit dem Risiko keinen Parkplatz mehr zu bekommen, nein, das glaube ich nicht. Aber ich lasse mich gerne eines Besseren belehren. Das Ausmaß des zirkelden Verkehrs an der Steinstraße hätte ich vermutlich auch nicht glauben wollen, wenn ich ihn nicht selbst hätte beobachten können. Wollen wir uns am Samstag 26.8. am Marienplatz treffen und den Parkverkehr für eine Stunde oder mehr beobachten?
      Chris

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  3. zu Tübinger Straße: normale Knöllchen helfen nicht weiter. Wer große und teure Autos fährt, den jucken ein paar Euros nicht. Hier heißt die Lösung KONSEQUENT abschleppen. Wer sein Auto für ein paar hundert Euro wieder auslöst, der macht das nicht noch einmal mit wildem Parken.

    Krasses Missverhältnis:
    Parken im Parkverbot: 15 Euro.
    Öffis Fahren ohne Fahrschein: 60 Euro.
    Wer mehrfach beim Schwarzfahren erwischt wird, dem droht eine Strafanzeige, ebenso beim dreimaligen Vergessen der Mitführung des Fahrscheins (Abo). Falschparker haben erst ab wöchentlichem Strafzettel weitere Konsequenzen zu fürchten.

    Chris

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  4. Vorschlag:
    Alle ( wirklich alle) Parkplätze in den Strassen "bewirtschaften" Und diese Parkplätze deutlich teurer machen als die Plätze in den Parkhäusern und zu Kurzzeitparkplätzen ( Dauer z.B. < 1 h) machen. Und ausserhalb dieser Parkplätze ein absolutes Halteverbot, das auch konsequent mit Abschleppen durchgesetzt wird.

    Das Argument, Parkplätze auf der Strasse vor dem Geschäft wären für das Überleben des Geschäftes notwendig ist eine Milchmädchenrechnung. Wieviel Schaufensterfront hat denn ein kleines Geschäft. Davor können dann vielleicht ein bis zwei Autos parken.
    Wenn die Fahrer dieser Autos die einzigen Kunden sind, die in dieses Geschäft kommen, dann kann man Geschäft gleich zu machen.

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  5. Stuttgart leidet nicht nur unter dem oben thematisierten Einzelhandelsverkehr, sondern in zunehmend extremem Maße unter aggressiv lärmendem Freizeit-MIV (siehe http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.temposuender-in-stuttgart-so-viele-fahrverbote-wie-nie-zuvor.32b43bd0-a051-4b67-ba4c-a5b354839d43.html).

    Innovative Lösungen gibt es (siehe https://www.buergerhaushalt-stuttgart.de/vorschlag/40961).

    Man muss es halt machen.

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