20. April 2018

Radfahren zwischen Zukunft und Gegenwart

Endlich mal ein echt sachkundiger Artikel übers Radfahren in Stuttgart und Esslingen. Umfangreich recherchiert und mit vielen gesprochen hat Dietrich Heißenbüttel für seinen Artikel "Schöner Radeln in ferner Zukunft" für Kontext. 

Da fährt einer Rad und analysiert unaufgeregt und mit radpolitischem Verstand die Realität. Begleitet wird der Artikel von Fotos von Joachim E. Röttgers, die tatsächlich auch passen und zeigen, was sie zeigen sollen. Heißenbüttel richtet den Blick auf die Infrastruktur zwischen Zukunftsreden und Realität. Sie ist ja da, aber sie ist lückenhaft und fällt auch mal kurz einer Umleitung für Autos zum Opfer wie die Tübinger Straße im Sommer.



Die Alternative für eine weggefallene Fahrradstraße
In der Radverkehrspolitik, so der Tenor des Artikels steckt viel Zukunft - Radschnellwege, geschlossene Radnetze - aber nur wenig Gegenwart. Zwischen dieser Zukunft und heute klafft eine Lücke, die Radfahrende jeden Tag mit ihren schmalen Reifen umfahren, ausfahren oder durchholpern. Beliebte Radstrecken werden kurzerhand unterbrochen, Radfahrende in den Straßenverkehr geschickt, wo sie wiederum den Platzkonflikt mit den gepanzerten Autofahren austragen, so wie in Esslingen geschehen. Umleitungsteilstücke lassen auf sich warten. Und sie werden umständlich. Radförderung durch bequeme und freundliche Angebote geht anders. Das haben die politisch Handelnden in den Städten noch nicht verstanden. Radfahren auf Umwegen, fast immer und fast überall. Zwischen Mettingen und Untertürkheim müssen Radler vom Weg entlang der Bahn auf die Augsburger Straße ausweichen, dann wird sie stückweise wieder freigegeben. Stuttgart streicht eine Fahrradstraße und lässt Radler zwischen Parkhauseinfahrten und schlechten Ampelschaltungen verhungern.

"Teilstücke sind für Radfahrer sinnlos", so Heißenbüttel. Radschnellwege kommen irgendwann, aber nicht demnächst. Und bis zum Bau eines Radwegs, auch eines Schnellwegs werden in den Gemeinderäten viele Abstimmungen wegen wegfallender Parkplätze verloren werden.

Kurzum: Städte machen große Projekte, lieben aber ihre Radfahrenden nicht - oder noch nicht. Denn wenn es konkret wird, fällt die Entscheidung gegen Bequemlichkeit und Angstfreiheit für Radfahrende und für den Vorrang des Autos, und zwar  kurioserweise auch noch mit Sicherheitsargumenten. (Stellt doch nicht solche Ansprüche, ihr Radler!) Es gibt kein Ampelmanagement für den Radverkehr und keine durchgehenden Radrouten. In Stuttgart gibt es da keine einzige, die nicht irgendwann mal auf einen freigegebenen Gehweg oder einen so genannten Mischverkehr mit Autos im Tempo-50-Verkehr zurückgreift. Zwischen heute und der Zukunft mit einer den Radverkehr wertschätzenden Infrastruktur liegen für jeden von uns noch Zehntausende von Radelkilometern.

Hier noch mal der Link zu dem Artikel.


Kommentare:

  1. Liebe Christine, Du hast ausführlich über den Rückbau des Fahrradstraßen-Fragments in der Tübinger Straße berichtet. Du hast dagegen nicht darüber geschrieben, dass die komplette Kreuzung bzw. Verbindungs-Bauwerke zwischen den Hauptrouten HRR1 und Neckartalradweg sozusagen informell regelmäßig mehrere Wochen im Jahr für den Radverkehr gesperrt wird, ohne dass eine Umleitung eingerichtet und ausgeschildert wird (siehe Bild 1 oben).

    Die Radinfrastruktur im Bereich der König-Karl-Brücke ist ja ein Provisorium mit viel zu geringer Leistungsfähigkeit. Allein die Mindestbreiten sind unterschritten schon für das heutige Aufkommen, erst recht aber, wenn sich entsprechend der Planung die Fahrradfahrten vervielfachen (20% Anteil am modal mix bis 2020).

    Gibt es mittlerweile konkrete Planungen für den Umbau der "alten" Eisenbahnbrücke als Bestandteil des zukünftigen Radverkehrsknotens? Dann könnte ich nachvollziehen, warum der Handlungsdruck ignoriert wird.

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    1. Die HRR 1 ist ohnehin brüchig und an vielen Stellen eher ein Witz. Ich hoffe immer, dass allein die Menge an Radfahrenden die Politik (also die bisher eher nicht radaffinen Parteien) in den nächsten Jahren zwingt, den Verkehr zu organisieren, weil die Radler dann endlich wirklich auf die Fahrbahnen ausweichen, weil auf den Radwegen und Gehwegen kein Platz mehr ist. Momentan kriegen wir die SPD nicht immer auf die Seite der Radfahrenden und haben keine Mehrheit. Und selbst die Mehrheit nutzt nichts, wenn das Tiefbauamt Planungen nicht umsetzt (weil es nach eigenen Angaben zu wenig Personal hat). Es gibt keine konkrete Planung zur alten Eisenbahn-Rosensteinbrücke, aber wir (meine Fraktion und ich) sind schwer dahinter her, dass sie uns erhalten bleibt. Eher wartet man an der Ecke, die du nennst auf die Eröffnung des Rosenstein-Tunnels für die Autos, damit man die anderen Straßen (Badstr. und die Neckartalstr auf der Wilhelmaseite verkehrsberuhigen kann. In der Bandstraße, parallel zum Neckardamm ist eine Fahrradstraße angedacht. Vorher wird man trotz mehrerer Anträge von mir, die Radroutenführung an der König-Karls-Brücke nicht umgestalten. Übrigens muss der Druck auch von den Radfahrenden, also beispielsweise vom Radentscheid und allen anderen, die viel Rad fahren, kommen, eine grüne Fraktion kann diesen Kampf nicht alleine gegen die Mehrheit im Gemeinderat kämpfen. Ich kann nur sagen: Schreibt den Stadträt/innen Briefe, immer freundlich, ohne Übertreibungen (also nicht ständig von Lebensgefahr reden), aber bestimmt auf die Notwendigkeit einer Radinfrastruktur hinweisend. Das zeigt ganz generell, dass ein Bedürfnis da ist, nach schnellerer Verbesserung.

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