30. September 2018

Die sanfte Tour

Reden wir miteinander. Das schlägt Till Räther in diesem Artikel der Süddeutschen Zeitung vor. Er plädiert für eine sanfte Eroberung der Straße durch uns Radfahrende, fürs freundliche Zeigen, dass wir da sind. 

Wer Rad fährt, gilt gern als verrückt, aggressiv, rücksichtslos und unbeleuchtet. Das liegt daran, dass Radfahrende den anderen immer nur dann auffallen, wenn sie ohne Licht radeln oder aggressiv und rücksichtslos sind. Die vielen Tausend anderen, die sich an Regeln halten und geduldig anhalten, weil ein Autofahrender sie zu übersehen droht, werden nicht gesehen. Sie sind die stillen Retter/innen unserer Städte,
Sie sind leise, sie brauchen nicht viel Platz (etwas Platz allerdings schon), sie stehen nicht im Stau, sie kommen pünktlich dort an, wo sie hinwollen, sie brauchen keine Parkhäuser, und nur ein Bruchteil des Platzes zum Abstellen, den Autos beanspruchen. Eigentlich sollten Radfahrende in jeder Stadt die gehätschelten und belohnten Verkehrsteilnehmer sein, weil sie die einzigen sind, die der Stadt nützten und sie kaum Geld kosten (verglichen mit dem Autoverkehr und dem öffentlichen Nahverkehr). Aber soweit sind wir noch nicht. Das dauert noch be Weile, bis die Mehrheit der Stadtpoliker/innen das versteht. 

Wir sehen uns, wir Radler, aber wir werden von vielen Autofahrenden nicht gesehen, weil wir durch den Schlosspark radeln, weil wir den Schwanenplatztunnel oberhalb auf eigenen Wegen überwinden, weil wir am Neckardamm entlang radeln, weil wir fern vom Autoverkehr geführt werden, auf schlechten Wegen mit Wurzelhubbel, mit scharfen Kurven, plötzlichen Sperrungen und Absteige-Aufforderungen. Weil wir nicht auf der Fahrbahn radeln. 

Und das tun viele deshalb nicht, weil sie die Autos fürchten, das enge Überholen, das Hupen, diese Machtdemonstrationen von SUVs, getunten Boliden und rasenden Smarts. Weil sie keine Lust haben auf die Konflikte, auf ihren eigenen Zorn, auf das Geschrei. (Vor allem Frauen haben auf so was gar keine Lust.) Und es steigert das Ansehen von Radfahrenden ja auch nicht gerade, wenn die Zeitung berichtet, ein Radler haben einem Autofahrer das Rad auf die Windschutzcheibe geworfen, weil er in der Einbahnstraße keinen Platz machte, oder die Seitentür aufgerissen und den Fahrer bespuckt oder mit der Faust aufs Autodach gehauen. Aggression erzeugt Gegenaggression bei den meisten Menschen, und so eskaliert die Situation. Das muss nicht sein. 

Deshalb plädiert Räther für die sanfte Tour, die in Zeiten von Hassgebrüll und Gefühlen aus den untersten Schubladen plötzlich auch sehr viel wirksamer sein könnte. Man könnte miteinander reden, erklären und bitten. Er schreibt: "Reden ist gut. Warum nicht mit Autofahrern? Man trifft sich an der Ampel fast immer wieder. Und statt dann aufs Dach zu hauen oder »Mörder« zu brüllen wie bisher, habe ich angefangen, das Gespräch zu suchen. Mit einem freundlichen Lächeln, das mir zugegeben nicht immer leicht fällt. Und dieser altmodischen Aufforderungsgeste des Fensterrunterkurbelns, der kaum jemand widerstehen kann, auch wenn niemand mehr eine Fensterkurbel hat. Um dann zu sagen: Bitte hupen Sie mich nicht an, ich darf auf der Straße fahren, weil der Radweg nicht mit dem blauen Schild markiert ist, oder weil der Radweg seinen Namen nicht verdient. Bitte fahren Sie nicht so eng an mir vorbei, wenn Sie mich überholen, klar, ein Meter fünfzig ist viel, aber eine Handbreit ist doch zu wenig und für uns beide gefährlich. Aber auch: Tut mir Leid, dass ich so unvermittelt vor Ihnen eingeschert bin." (Süddeutsche Zeitung)

Das ist anstrengend, ja (Wut hat man gleich und lässt sie gleich raus), aber es würde uns allen vielleicht gut tun, wenn ein Gespräch gelingt, anstatt dass man böse auseinander fährt. Ich finde die Methode der Ich-Botschaften, die auch Räther verwendet, gut. Man muss sie sich nur vorher überlegen, wie man die üblichen Vorwürfe formuliert. Statt: "Sie sind bei Rot gefahren!", "Ich möchte mich darauf verlassen, können dass keiner kommt, wenn ich Grün habe"; statt "Sie haben mich geschnitten", "Ich möchte nicht geschnitten werden." Statt: "Sie parken auf dem Radweg", "Ich möchte hier radeln. Ich muss hier sogar fahren." Es ist bei solchen Gesprächen überhaupt nicht entscheidend, ob der andere irgendetwas einsieht oder einem Recht gibt. Der Effekt solcher Gespräche, bei denen Autofahrende sich eben hinterher nicht in den ärger über "unverschämte" Radler retten können, sondern mit einem menschlichen Gesicht und einem menschlichen Ansinnen konfrontiert waren, ist, dass sie sich beim nächsten Regelverstoß gleicher Art erinnern. Sie erinnern sich des eigenen Gefühls leichter Beschämung. Sie können gar nicht anders. Es wird nicht viele geben, die denselben Verstoß (ohne Not) sogleich ein zweites Mal begehen. Und das ist das, was wir ja eigentlich erreichen wollen: Denkt an uns. 

Die Botschaft der "sanften Tour" lautet: Wir sind da. Wir sind Radfahrer, wir dürfen auf den Fahrbahnen fahren, wir teilen sie mit euch, den Autofahrenden. Und das müssen wir gemeinsam hinkriegen, denn ein Alternative dazu gibt es nicht. Es werden nämlich immer mehr Radfahrende werden, nicht weniger. 


Kommentare:

  1. Antworten
    1. Nichts ist einfach. Ich finde es auch schwierig, immer nett und freundlich zu bleiben. Es gelingt mir nicht. Aber es ist ein guter Gedanke, finde ich.

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    2. Niemand hat gesagt, dass es einfach würde ;-)
      Es ist letztlich aber die einzig aussichtsreiche Vorgehensweise, um schleichend, aber nachhaltig, eine Denkwende herbei zu führen - und die muss letztlich zwingend vor einer Verkehrswende erfolgen, sonst wird das damit nichts. Und der erste Schritt ist, runter von den "Versteck-Dich-Radverkehrsangeboten" zw. parkenden Autos und Hauswänden - rein in den Wahrnehmungsbereich auf den Fahrbahnen als Verkehrsteilnehmer und die klare Formulierung dieses selbstverständlichen Anspruchs.
      Das eigentliche Problem, dass "die Radfahrer" mit solchen Lösungsvorschlägen haben: Sie dauern - schlimmstenfalls über Generationen - und werden somit nicht in Betracht gezogen, weil man jetzt etwas für sich persönlich und unmittelbar wirkend an der Situation geändert haben will, und nicht erst für seine Kinder oder Enkel.
      Aber:
      So wie mittlerweile fast 70 Jahre (ca. 3 Generationen) der Besitz eines eigenen KFZ als Voraussetzung zu einer vollständigen "Menschwerdung" propagiert wurde, und die nahezu vollständige Nutzung des öffentlichen Raums durch KFZ der Bevölkerung als quasi unverbrüchliches Grundrecht "eingeimpft" wurde (unter massiver Mithilfe der Politik), solange wird es auch Zeit benötigen, um in der Bevölkerung eine tatsächliche und nachhaltige Umkehr in Wahrnehmung und Anspruchshaltung zu implementieren.
      Das Aufmalen weißer Linien (für den Radverkehr) auf der Fahrbahn mag sich vordergründig positiv anfühlen - sorgt aber tatsächlich nur für eine Verhärtung der Grenzziehung zw. "mein Raum - dein Raum". Hat man doch jetzt eine Markierung (Grenze), an deren Überschreitung durch den jeweils anderen man seine Kriegserklärung festmachen kann.
      Den Krieg dann mit freundlicher Ansprache und nett lächelnd führen zu wollen - das verlangt dann doch nach einer überdurchschnittlichen Selbstbeherrschung.....also alles nicht so einfach

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  2. Hatte ich mir heute vorgenommen. Nachdem jedoch dieselbe Dame viermal, jedesmal näher, immer wieder "Fahrradweg" plärrend, an mir vorbeigefahren ist, ist mir dann doch der Kragen geplatzt. Allein die Tatsache, dass der Polizeiposten schon Feierabend hatte, hat sie für heute vor einer Anzeige bewahrt (und Morgen ist mein Rant vermutlich verbei).

    Liebe Grüße
    TOK

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