14. Mai 2019

Im SUV gefangen

Als ich 2006 vom Auto aufs Pedelec umstieg, war mir nicht klar, dass ich mich damit aus der motorwarmen Mehrheitskultur verabschiede.

Ohnehin bin ich in vielen Aspekten nicht mehrheitsfähig. War ich nie. Aber ich war wenigstens Autofahrerin, seitdem ich mir vor vierzig Jahren als junge Frau das erste Auto zulegte: einsteigen, wegfahren, nicht auf Stadtbahnen warten müssen, nach Mitternacht heimkommen könnnen. Es schien bequem. Es wirkt bis heute bequem, mit dem Auto durch Stuttgart zu fahren. Es gibt grüne Welle, viele Fahrspuren und überall Parkplätze. Manchmal halt auch Stau, aber das ist das Autofahrerinnenabenteuer, von dem man immer gut erzählen kann und dafür ein mitfühlendes Stöhnen erhält.

Als Frau, die Fahrrad fährt und sich nicht den SUV zugelgt hat, habe ich mich von dem Freiheitsbegriff verabschiedet, der sich so verbissen ans Auto koppelt, aber auch von dem Sicherheitsbedürfnis, das viele Frauen entwickeln.

Seit ich fast alle Wege mit dem Fahrrad zurücklege, habe ich aufgehört eingepanzert über den Straßenraum zu herrschen, den mein Auto und seine Geschwindigkeit um mich herum schafft, und zwar auf etwa sechzig bis hunderfünfzig Qadratmetern Straße. Ich zwinge keine Fußgänger/innen zu warten, bis ich herangerollt und vorbeigerollt bin, ich schicke kein Motorgedröhn und Auspuffgift die Fassaden empor, hinter denen Menschen wohnen. Ich stelle meine Freiheit, überall hin zu fahren, nicht über das Recht aller anderen, unbehelligt und gesund zu leben.

In Deutschland haben wir ein totalitär irrationales Verhältnis zum Auto.
Wir halten es für den Garanten unserer Freiheitm, doch dabei unterwerfen wir uns vollständig dem Auto: Das Auto ist stets präsent in unserem Denken, es steht als Zweites Wohnhimmer und Alter-Ego vor der Tür, innen ausgestattet mit persönlichen Dingen. Es ist wie ein quengelndes Kind, es will Beachtung, Pflege, Kraftstoff, Werkstattbesuche, Reifen. Wenn es am Straßenrand steht, ist es ständig in Gefahr, Kratzer zu bekommen oder Dellen oder einen Außenspiegel zu verlieren. Ein bisschen besorgt sind wir unterschwellig immer, ob es ihm gut geht, ob es alles hat, ob wir mit ihm einen guten Parkplatz finden oder ob illegal parken müssen, weil wir es ja immer irgendwo wieder loswerden müssen. Wenn es über Nacht falsch steht, verfolgt uns die Sorge und manchmal auch leichter Trotz bis in den Schlaf. Das Auto frisst einen gewissen Teil unserer Emotionen.

Ja, das Auto erlaubt es uns, jederzeit aus der Stadt hinauszu fahren. Ins Grüne. In die Freizeit. Wenn viele andere das auch tun und wir im Stau stehen, ärgern wir uns. Und wenn wir ankommen, suchen wir wieder einen Parkplatz und verlassen das Auto mit leichter Sorge, wie es ihm geht, wenn wir zurückkommen. Und auf der Wanderung queren wir Staßen und sehen wieder viele Autos. Wir hören fast immer Auto, wo auch immer wir sind, wir entkommen dem Auto nicht. Auch dann nicht, wenn wir gar keines haben.

Der SUV ist die paradoxe Potenzierung dieser Freiheit. Er ist ein Geländewagen, der in der Stadt sinnlos ist. Er ist zu breit, allemal in den engen Wohnstraßen und für manche Tiefgaragenparkplätze. Er bereitet uns Schwierigkeiten beim Manövrieren, wir sitzen zwar hoch, aber er schränkt unsen Rundumblick ein. So vermittelt er das Gefühl von hundertprozentiger Sicherheit, die dadurch entsteht, dass man sich komplett von der Außenwelt isoliert und sie mitheilfe eines Panzers auf Distanz hält. Zwischen mir und dem anderen Autofahrer ist großräumig Blech aufgebaut, selbst wenn ein andere einen Fahrfehler macht, bleibe ich unverletzt. Die Frau, die im SUV sitzt, ist niemals in Gefahr, dass ihr irgendwer zu nahe kommt. Die Kontrolle über die Distanz anderer zu mir, ist durchaus ein legitimes (auch durch schlechte Erfahrungen gelerntes) Grundbedürfnis von Frauen.

Ich verzichte auf diese Sicherheit. Ich isoliere mich nicht von der Welt, ich grenze mich nicht mehr aus, indem ich im Panzer die Stadt durchquere. Ich setze mich dem Leben aus. Ich lasse es an mich herankommen, auch wenn es manchmal verunsichernd ist. Ich höre die Tourette-Kranke schreien, ich sehe dem Obdachlosen in die Augen, der in der Tübinger Straße sitzt, auch im Winter nur mit Schlappen an den Füßen. Vor mir queren Fußgänger/innen die Straße, die mich nicht gehört haben, und ich fahre um sie herum. Der Respekt, Radfahrenden gegenüber ist sichtbar und spürbar geringer als der den Autos gegenüber, in denen Menschen sitzen, die man kaum sieht. Ich bin auf dem Fahrrad nur ein Mensch von vielen unter vielen, die sich arrangieren, mit einem Nicken, einem Handzeichen, einem Blickkontakt, einem Lächeln.

Ich habe mich damit sozialstatusmäßig downgegradet. Zugleich habe ich mich psychologisch und physisch upgegradet, denn aus Angst und Sicherheitsbedrüfnis habe ich Mut und Konfrontationsfähigkeit und aus Bequemlichkeit und Reglosigkeit habe ich Aktivität und Fitness gemacht. Ich fühle mich frei und lebendig, wenn ich durch die Stadt radle. Ich spüre, dass nicht das Auto mich beherrscht (quengelig, anspruchsvoll und monströs), sondern das Wetter, das Licht, der Wind, also das, was alles Leben auf diesem Planeten bestimmt, beeinflusst und dirigiert. Wenn es regnet, dann erlebe ich den Regen. Etwas, was eine SUV-Fahrerin kaum je erlebt, und wenn, dann nur unfreiwillig auf dem Weg zu Fuß vom Auto zum Laden oder zur Haustür, als etwas, vor dem man flüchtet. Der Autoverkehr wird für mich zu einer leicht fremden und befremdlichen Begleiterscheinung meiner Mobilität, ich muss mich mit ihm arrangieren, damit er mich nicht verletzt, er ist ein Element von vielen auf meinen Wegen mit dem Fahrrad. Einer, der übrigens auch Emotionen frisst: zum Beispiel Ärger über wüste Autofahrer, Falschparker, über die unglaublich raumfressende und aggressive Präsenz der Blechpanzer allüberall. Von diesem Ärger versuche ich mich zu befreien (geht aber nicht immer).

Die SUV-Fahrerin kann ich nicht erreichen, Reden hilft nichts. Es ist ihre Wahl.
Aber ihre Kinder tun mir leid. Und um der Kinder willen wünschte ich, wir könnten sie erreichen. Die Kinder einer SUV-Fahrerin lernen nicht mehr, was Regen ist oder Wind, und wie man damit umgeht. Sie lernen nicht, wie viel Nässe und Kälte man ganz persönlich aushalten kann, ohne sich zu erkälten, und ab wann es zu viel war. Sie lernen nicht, wie man sich anstrengt, wie viel Kraft in ihnen steckt und wo die eigene Kraft aufhört. Sie lernen die Stadt nicht kennen, sie sehen nichts.

Eingehaust in Straßenpanzer und elterliche Ängstlichkeit werden Kinder nicht nur vor der Außenwelt, sondern auch vor eigenen Erfahrungen geschützt, also von sich selbst isoliert. So wie die im SUV gefangenen Eltern sich selbst von Körpererfahrungen isoliert haben. Aus Angst, aus einem übergroßen Sicherheitsbedürfnis heraus, das das Leben tötet. Sie lassen ihre Kinder nicht mehr springen. Sie geben ihnen keine Freiheit. Und wenn, dann panzerns sie sie ein gegen Wind oder Sonne. Und gegen die kleinen schmerzhaften Folgen von Stürzen auf dem Kinderlaufrad oder dem Tretroller setzen sie ihnen Helme auf. So erfahren die Kinder nie, was es bedeutet, wenn man hinfällt. Wie man Schmerzen bewertet und überwindet und wie man auf sich selbst aufpasst. Schürfwunden, Beulen und verknackste Füße sind wichtig für die körperliche Entwicklung und die Fähigkeit, sich selbst vor Schmerzen zu schützen (ohne dafür Autos und Helme zu benutzen). Man weiß längst: Kinder brauchen das riskante Spielen, das an Grenzen gehen, das sich über Grenzen hinaustasten, hinfallen, aufstehen und beim nächsten Mal vorsichtiger zu sein und zugleich weiter zu gehen. Sie wollen was wagen, was erleben, draußen sein. Und sie brauchen es dringend, nicht nur für ihre eigene Gesundheit, für Koordination und die geistige Entwicklung, sondern auch für die Augen und die Fähigkeit, in die Weite zu gucken. Kinderaugen müssen jeden Tag mindestens zwei Stunden dem Licht des freien Himmels (auch mit Wolken) ausgesetzt sein, damit sie nicht kurzsichtig werden.







Kommentare:

  1. Liebe Christine
    Toller Artikel
    Gruß
    Karin

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  2. Großartig! Unter diesem Gesichtspunkt habe ich die unsäglichen SUVs noch nicht gesehen.

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  3. Liebe Christine,
    Dein Text ist wunderbar, die Argumente schlüssig und die Botschaft dinglich zeitgemäß.Vielen Dank, Joseph (derzeit vom langjährigen Pedelec Fahrer aufs Rennrad zurück;)

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  4. Schön geschrieben! ��

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  5. ... Bravo für deinen Beitrag! Hast völlig recht; SUV's ist die überflüssigste Autokategorie aller fahrbaren Untersätze. Sind allenfalls nachzuvollziehen in Kanada o.ä. aber mit Sicherheit nicht in NRW, oder der BRD.
    Radeln, radeln und nochmals radeln... ��

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  6. Hallo,

    schöner Artikel.

    Ich denke, man kann aber etwas gegen diese SUV tun: In grünen Tübingen wurden z.B. im Zuge einer Parkhausrenovierung die Stellplätze verbreitert. Das hätte man unterlassen können oder zumindest nur eine Etage mit dann erhöhten Parkgebühren verbreitern können.
    Im Bund könnte man wie es Frankreich gemacht hatte, eine Sondersteuer auf SUVs einführen.

    Was mich wahnsinnig wütend macht, sind die Plug-In-Hybrid SUVs: Die sind CO2-mäßig greengewasht, zahlen nun fast gar keine Steuer mehr und sind sogar als Dienstwagen steuerlich besser gestellt. Kretschmann und ander REgierungsgrüne fahren übrigens auch ein SUV - der Wasserstoffantrieb macht dieses Auto nicht besser. Leasingrate dafür übrigens ca. 800 € pro Monat von unseren Steuern. Auch das zeigt, wie es die Grünen tatsächlich mit den SUVs halten...

    >>> Ich habe große Erfurcht vor der Extinction Rebelion Bewegung: Man kann etwas tun - aber muss sich es auch trauen.

    Hier noch eine etwas andere Erklärung des SUV-Booms: Siehe Buch "Raubbau an der Seele" von Wolfgang Schmidbauer. Thema "Manische Abwehr".

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  7. Tolle Analyse! Ja, der Wind in den Haaren, etwas Schweiss auf der Haut, das ist erstrebenswerter als die saubere Körperlosigkeit ohne Flüssigkeiten. Am säubersten ist natürlich das Digitale, dein Smartphone, frei von jeder analogen Ungenauigkeit ... Gerade deshalb ist auch die Critical Mass so ein Heidenspass: etwas Anstrengung, jeder redet mit jedem, gute Laune und Musik aller Art, die eine mag man, die andere nicht.

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  8. Wow, sehr toll geschrieben.Besser kann man die Freiheit des Radfahrens kaum beschreiben.

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