30. Juni 2020

Anwohner:innen fordern Konsequenzen aus dem Radunfall auf der Neuen Weinsteige.

Auf der neuen Weinsteige im Abschnitt zwischen Olgastraße und Zellerstraße hat  am 19. Juni kurz vor Mitternacht ein SUV-Fahrer einen Radfahrer schwerst verletzt. Der Fahrer beging Unfallflucht.

Er fuhr bergauf, kollidierte auf Höhe der Hausnummer 12B mit dem Radfahrer, schleuderte ihn in die Heckscheibe eines geparkten Fahrzeugs, ließ ihn lebensgefährlich verletzt liegen und fuhr weg. Die Stuttgarter Zeitung hat sofort darüber berichtet und das Thema später noch einmal aufgenommen, weil die Anwohner:innen von der Stadt Maßnahmen gegen nächtliche Raserei verlangen.

Der 43-jährige Radfahrer ist außer Lebensgefahr (er hat vielfältige Verletzungen am ganzen Körper erlitten), und der Unfallfahrer wurde von der Polizei ermittelt, ein 40-Jähriger. Die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen. 

Eine Zeugin berichtete der Zeitung, sie sei gerade mit dem Hund spazieren gegangen und habe gehört, wie der Fahrer eines Autos plötzlich mächtig aufs Gaspedal trat, um die Straße hoch zu jagen. Dann tat es einen Schlag. Zuerst sah sie das zerknüllte Rad auf der Fahrbahn, dann den Schwerverletzten. (Was für ein Schock!) Sie weckte einen benachbarten Arzt, der erste Hilfe leisten konnte. Anwohner, die ich kenne, berichten auch mir, wie oft sie hören, wie Autofahrende hier die leichte und gekurvte Steigung hochrasen.

Als ich dort hochradelte, versuchte der Fahrer eines teuren Autos mich zu überholen, obgleich die Ampel rot war und er sich vor mir nicht mehr hätte einordnen können, brach dann aber ab. Offenbar ist für bestimmte Autofahrer:innen so eine Strecke mit Tempodruck und Überholpanik verbunden.

Zählungen (siehe Brief unten) haben ergeben , dass der Radverkehr auf diesem Streckenabschnitt ohne jegliche Radinfrstruktur immerhin sieben Prozent ausmacht. 

Die Anwohner:innen sind der Ansicht, dass der SUV-Fahrer den Radfahrer gesehen hätte, wenn er sich an Tempo 40 gehalten hätte. Manche radeln hier nur noch auf dem Gehweg, obgleich es verboten ist, weil sie auf der Fahrbahn Angst haben. Wir können von außen nicht beurteilen, was tatsächlich passiert ist. Deshalb sollten wir nicht spekulieren. Aber genau das sind die Situationen, die Radfahrende fürchten. Von hinten überfahren zu werden, weil Autofahrer einen nicht sehen und zu schnell sind (also mit der Situation unangepasster Geschwindigkeit fahren). Solchen Unfällen kann man nicht ausweichen.

Die Anwohner:innen fordern in einer ersten Maßnahme wirkungsvolle Tempokontrollen. Sie haben einen offenen Brief an die Stadtverwaltung und die Verkehrspolizei geschrieben, den ich hier veröffentliche:


An
Frau Polizeidirektorin Claudia Rohde
Herrn Oberbürgermeister Fritz Kuhn
Herrn Bürgermeister Martin Schairer
Herrn Bürgermeister Dirk Thürnau
Herrn Bürgermeister Peter Pätzold
Herrn Bezirksvorsteher Raiko Grieb

Per E-Mail

cc.
Frau Fahrradbeauftragte Evà Àdam
ADFC Stuttgart
VCD Stuttgart
Radentscheid Stuttgart

Stuttgart-Süd, den 29. Juni 2020



Verkehrssituation in der Neuen Weinsteige zwischen Olga- und Zellerstraße
Unfall Autofahrer / Radfahrer am 19./20. Juni 2020


Sehr geehrte Frau Polizeidirektorin Rohde,
Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Kuhn,
Sehr geehrte Herren Bürgermeister Schairer, Thürnau und Pätzold,
Sehr geehrter Herr Bezirksvorsteher Grieb,

bestürzt haben wir Anwohner aus der Neuen Weinsteige, zwischen Olga- und Zellerstraße, den schrecklichen Unfall zwischen einem Autofahrenden und einem Radfahrer in der Nacht von Freitag 19. auf Samstag 20. Juni 2020 erlebt. Wir wünschen dem verunfallten Fahrradfahrer eine vollständige Genesung und hoffen, dass der Hergang des Unfalls vollständig aufgeklärt wird.

Ein solcher Unfall kommt für uns nicht aus heiterem Himmel. Seit Jahren beobachten wir immer wieder mit Sorge, wie vor allem an Wochenenden Autofahrende die Neue Weinsteige vor unseren Wohnungen als Pseudo-Rennstrecke missbrauchen und mit völlig überhöhter Geschwindigkeit, oft mit lauten Auspuffanlagen, abends und nachts entlang rasen.

Auch der Autofahrer, der den Radfahrer am Freitagnacht auf Höhe der Neuen Weinsteige 12 mit seinem VW Tiguan gerammt und in parkende Autos geschleudert hat, fiel der Ohrenzeugin aus unserem Kreis schon vor dem Unfall im Vorbeifahren mit einer solchen Fahrweise auf: Unnötig lautes Beschleunigen ab ca. der Etzelstraße bergauf, als der Autofahrende an der Zeugin vorbei raste. Vor dem Knall, der offenbar entstand, als der Radfahrer auf die Heckscheibe eines geparkten Smart auftraf und diese zerbarst, war keine Verlangsamung oder Bremsgeräusch wahrnehmbar.

Eine solche Fahrweise ist für uns kein Einzelfall. Gefährliche Überholvorgänge an Radfahrenden sind hier an der Tagesordnung. Als Radfahrender ist man auf dieser Strecke durch ihre 6 – 7 % Steigung recht langsam unterwegs. So wird man von den Autofahrenden oft nicht als Verkehrsteilnehmer, sondern als Störung wahrgenommen, was Autofahrende durch Überreaktionen wie knappes Überholen vielfach zum Ausdruck bringen.

Viele Radfahrende, gerade aus der Nachbarschaft, benutzen daher oft den viel zu engen Gehweg hinter geparkten Autos entlang der Neuen Weinsteige und behindern damit zu Fuß Gehende. Angesichts der doppelten Gefährdung durch geparkte Autos rechts (Dooring) und zu eng überholende Autofahrende links auf der Straße ist das verständlich, aber bei dieser Infrastruktur ebenso für zu Fuß Gehende, Radfahrer und Bewohner gefährlich.

Der Grundsatzbeschluss der Stadt Stuttgart zur fahrradfreundlichen Stadt vom 21.02.2019 basiert auf den Forderungen des Radentscheids. Darin steht unter Punkt 4: „Bei Unfällen mit Beteiligung von zu Fuß Gehenden oder Radfahrenden untersucht die Stadt, inwiefern die Infrastruktur den Unfall begünstigt hat. Anhand der gewonnenen Erkenntnisse verbessert die Stadt die betroffene Infrastruktur unverzüglich durch bauliche Maßnahmen“.

Auf der Neuen Weinsteige im Bereich zwischen Etzel- und Zellerstraße ist bereits heute trotz der fehlenden Rad-Infrastruktur ein Anteil an Radfahrenden von rund 7 % unterwegs. Diese Zahl haben Anwohner in einer Dauerzählung mit dem von der EU im Programm Horizon2020 geförderten Verkehrszählungsprojekt aus den Niederlanden in diesem Straßenabschnitt ermittelt, nachzulesen unter https://telraam.net/nl/location/9000000227. 

Gemessen an der nicht vorhandenen Infrastruktur für Radverkehr ist diese Zahl durchaus beachtlich. Nach dem Grundsatzbeschluss der Stadt Stuttgart, eine „echte Fahrradstadt“ werden zu wollen, soll sich dieser Anteil in den nächsten Jahren hier wie überall in der Stadt aber deutlich steigern. Dafür sind, gerade nach einem solch schlimmen Unfall, auch deutliche Verbesserungen der Verkehrssicherheit erforderlich.

Wir bitten daher Sie, als Vertreter der zuständigen Behörden, Ämter und Gremien der Stadt und des Bezirks, mit Nachdruck um schnell durchzuführende Maßnahmen zur Verbesserung der Sicherheit für alle Verkehrsteilnehmer auf der Neuen Weinsteige zwischen Olga- und Zellerstraße.

Zu möglichen Maßnahmen zählen nach unserer Auffassung als Erstes regelmäßige Geschwindigkeitskontrollen entlang dieses Abschnitts. Diese ergeben nicht nur angesichts der häufigen Übertretungen nachts und am Wochenende Sinn. Tagsüber trägt eine kontrollierte, anwohnerfreundliche Geschwindigkeit zum Schutz der Kinder bei, die von zu Hause oder aus der Marienschule ins Etzel-Kinderhaus oder in den Kinderreich Theaterhort in der Alexanderstraße laufen.

Um speziell den Radverkehr in diesem Streckenabschnitt sicherer zu machen, sind nach unserer Ansicht darüber hinaus weitere Maßnahmen notwendig.

Kurzfristig:
Kontrolle der Überholabstände an Radfahrenden mit öffentlichkeitswirksamer Signalwirkung – 1,5 Meter Abstand haben sich noch längst nicht herumgesprochen
Tempo 30 in beide Richtungen
Überholverbot bergauf an Radfahrenden (neues Verkehrszeichen gem. STVO-Novelle) und Abstands-Hinweis auf einem Transparent über der Straße

Mittelfristig:
Prüfung der Einrichtung einer sicheren Zweirichtungs-Radspur, etwa anstelle einer der Fahrspuren (z.B. Einbahnstraßen-Ringverkehr über Neue Weinsteige, Zeller-, Immenhofer- und Olgastraße)
Vergleichbare Maßnahmen, um den Radverkehr bei Tag und Nacht sicher über diese Route zu leiten

Wir zählen auf das verantwortungsvolle Handeln der Stadtverwaltung zu unserer aller Sicherheit – für unsere lebenswerte Stadt – und erwarten gerne Ihre Antwort.

Mit den besten Grüßen
Unterzeichner*innen


Kommentare:

  1. Dem Brief kann ich nur zustimmen. Die neue Weinsteige umfahre ich bergauf immer, sie ist eine der wenigen Straßen in Stuttgart, die mir persönlich zu gefährlich sind. Das dies für Anwohner keine Option ist, liegt auf der Hand.

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  2. Das ist furchtbar!
    Dem Verletzten alles Gute und baldige und vollständige Genesung!

    Ein wiederkehrendes Thema dieses Formats ist die Schwierigkeit, zukunftsweisende Politik in den kommunalen Gremien durchzusetzen. Ich habe mir daher erlaubt, den Brief auch an den Vorsitzenden der größten "bürgerlichen" Fraktion des Gemeinderats weiterzuleiten, dessen lösungsverhindernde Rolle ich damit zu würdigen weiß.
    Ich darf aus meinem Anschreiben zitieren:
    "nicht nur zuletzt sind Stuttgarts Straßen geprägt von Gewalt und rechtsfreien Räumen...Ich freue mich auf Ihre selbstbewusste Führungsstärke, mit der Sie derlei Katastrohen zukünftig zu verhindern wissen."

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  3. Wenn anderorts wegen Krach am Wochenende Fahrverbote gefordert werden, müsste man hier mindestens genauso Fahrverbote Werktags fordern.

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  4. Der erste Artikel aus der Stuttgarter Zeitung hat mich zu folgenden Leserbriefen dorthin veranlasst:

    Betreff: Artikel: Autofahrer bringt Radfahrer zum Stürzen und fährt weiter

    Sehr geehrte Redaktion,
    der letze Absatz diese Artikel lautet:
    Der 43-Jährige, der keinen Helm trug, wurde ins Krankenhaus gebracht.

    Haben Sie Erkenntnisse, dass der Helm diesen Autoterroranschlag verhindert hätte.

    Ansonsten bitte ich zukünftig auf solche Victim-Blaming-Zusätze zu verzichten.
    Mit unfreundlichen Grüßen
    ...

    Betreff: Artikel: Autofahrer bringt Radfahrer zum Stürzen und fährt weiter

    uch die zwei vorherigen Sätze sind von einer unglaublichen Verharmlosung geprägt:
    Demnach fuhr der 43 Jahre alte Radfahrer in der Nacht zum Samstag auf der Neuen Weinsteige in Richtung Zellerstraße, als der VW Tiguan ihn überholte und dabei touchierte. Das Fahrrad wurde dadurch abgewiesen und prallte gegen drei geparkte Fahrzeuge.

    Ach so der Radfahrer wurde touchiert, ja klar. (Bei Fußgänger und Radfahrern kommt doch immer der Standardspruch "mißachten" oder "ohne auf den Verkehr zu achten" wenn diese sich verkehrswidrig verhalten). Der Knaller das Fahrrad wurde abgewiesen. Was für eine Prosa!.
    Ich hab da noch eine Ergänzungssatz für Sie. Würde sich in die restliche Meldung gut einpassen:
    Durch die Abweisung des Fahrrads hob der Radfahrer aus unerklärlichen Gründen vom Fahrrad ab und verursachte so einen erheblichen Sachschaden an einen abgestellten Auto.

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  5. Die krasse Verharmlosung im ersten Artikel beginnt schon in der Überschrift. Man muss sich klar machen, ohne den Bericht über den Protest (der immerhin besser ist), wäre das der einzige Zeitungsartikel darüber geblieben, wie fast ein Mensch getötet wurde. Das ist menschenverachtend, finde ich.

    Christine, wann ist Deiner Erfahrung nach mit einer öffentlichen Stellungnahme von Stadt oder Land zu rechnen?

    Wäre ein Radfahrer auf dem Radweg zu schnell gewesen, dann würde man 10 Tage später doch längst laut über Umlaufsperren zum Reduzieren der Geschwindigkeit nachdenken.

    Den Brief der Anwohner finde ich beachtlich. Derartig sachlich, obwohl sich über die Jahre Angst, Frust und Wut aufgestaut haben müssen angesichts der Untätigkeit der Behörden.

    Was sagt der SPD-Gemeinderat, der schnelle Radfahrer im Mischverkehr für zu gefährlich hält und verbieten will: Will er jetzt Autofahrer das Befahren der neuen Weinsteige verbieten?

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