19. Mai 2022

Fakt: Radfahrende nehmen Rücksicht

Noch mal das Thema, wer verstößt öfter gegen Regeln und wer fährt rücksichtlos? Vor zwei Jahren fragte sich das auch ADFC Sachsen und wertet dabei eine Studie aus, die in den USA gemacht wurde. 

Aus der geht hervor, dass fast 100 Prozent aller Verkehrsteilnehmer:innen - Autofahrende, Fußgänger:innen und Radfahrende - gegen Verkehrsregeln verstoßen. Die Studie  Scofflaw bicycling: illegal but rational gewinnt ihre Erkenntnisse aus online-Befragungen, die sich nach dem Schneeballsystem verbreiteten. Die rund 18.000 Menschen, die mitmachten, bekamen Bilder (Bild 2) von Verkehrssituationen zu sehen und wurden gefragt, wie sie sich verhalten. Ihre Antworten wurden bewertet von gesetzenskonform, über leichten bis schweren Verstoß gegen die Verkehrsregeln bis hin zu gefährlich rücksichtslos. 

Von den Befragten wählten 99,97 Prozent der Autofahrer:innen wenigstens einmal eine Antwort aus, die einen Gesetzesverstoß darstellt. Bei den Radfahrenden waren es 97,9 Prozent und bei den Fußgänger:innen 95, 9 Prozent. Das zeigt ziemlich deutlich, dass nicht nur die Radfahrenden diejenigen sind, die ständig gegen Regeln verstoßen. Wobei die überwiegende Mehrheit der Radfahrenden nach Darstellung des ADFC Sachsen nur leichte Verstöße beging, bei denen niemand gefährdet wurde. Und dafür gab es meist einen sehr vernünftigen Grund: die eigene Sicherheit.  

Foto aus der Studie
71 Prozent der Radelnden gab Sicherheit als Grund für Regelverstöße an. Danach folgten Energiesparen und Zeitsparen. Die Zahl der Verstöße aus purer Rücksichtslosigkeit war in der Studie nahe null. Zitat aus der Studie (S.823 ff, übersetzt): "Die Gründe, warum diese Verkehrsteilnehmer gegen das Gesetz verstoßen, unterscheiden sich je nach Verkehrsart. Autofahrer und Fußgänger, die gegen die Verkehrsregeln verstoßen, tun dies in der Regel, um Zeit zu sparen (77 % bzw. 85 % der Autofahrer und Fußgänger). Radfahrer hingegen geben andere Gründe an. Die häufigste Antwort auf die Frage, warum Radfahrer gegen die Regeln verstoßen, war die "persönliche Sicherheit", die mehr als 71 % der Befragten als Grund angaben. An zweiter Stelle steht das Sparen von Energie (56 %), gefolgt von Zeitersparnis (50 %). Um besser sichtbar zu sein war die am vierthäufigsten genannte Antwort (47 %) von Radfahrern, die gegen das Gesetz verstoßen. Die überwältigende Mehrheit der Radfahrer verstößt zwar gegen Regeln, aber die Antworten deuten darauf hin, dass die meisten dies in Situationen tun, in denen sie sich selbst oder anderen nur wenig Schaden zufügen würden, und dass sie oft aus Sorge um ihre eigene Sicherheit handeln, weil sie sich in einem von Autos dominierten Verkehrssystem unterlegen fühlen.

Autofahrer will illegal über Wilhelemsbrücke
abbiegen, Zeitersparnis
Der ADFC-Artikel führt die gleichen Argumente an, die wir alle kennen. Wird auf einer Fahrbahn schnell Auto gefahren, neigen Radfahrende dazu, den Gehweg zu nehmen, weil es ihnen Angst macht, knapp überholt zu werden. Das gilt auch für Ampeln, wo die Induktionsschleifen nur auf Autos ansprechen (oder wo man es nicht so genau weiß). Fehlen Querungsmöglichkeiten (Radfahrer dürfen oft nicht links abbiegen), dann nehmen Radfahrende auch gern mal den Radweg oder Geh-/Radweg in Gegenrichtung. 

Ständiges Anhalten und Neustarten kostet viel Energie, weshalb Radfahrende Stopps gerne vermeiden. Wir wissen ja, Autofahrende (die auch nicht gern an Ampeln halten) müssen nur das Gaspedal antippen, wir aber müssen ordentlich in die Pedale steigen, wenn wir starten. Irgendwo habe ich gelesen, dass einmal Antreten nach Vollstopp so viel Energie kostet wir 300 Meter radeln. Eine US-Studie zu der Frage, warum Radfahrer Stopp-Zeichen hassen, beschreibt das Problem so: Ein Durchschnittsradler kann mit 100 Watt auf gerader Strecke mit 20 km/h vor sich hin radeln. Wenn auf seiner Strecke alle 100 Meter eine Kreuzung mit Stoppschild käme, wäre er bei gleicher Leistung 40 Prozent langsamer. Um sein Tempo zu halten, müsste er 500 Watt auf die Pedale bringen, was nur Profisportler schaffen. Das gilt natürlich auch für hintereinander geschaltete Ampeln, die womöglich noch für Autos eine grüne Welle anbieten, die wir Radfahrenden aber nicht nutzen können. 

Es steht außer Frage, dass die Folgen verkehrswidrigen Verhaltens sehr ungleich verteilt sind. Die Verekhrsverstöße von Radfahrenden haben fast nie böse Folgen für Fußgänger:innen, während die Verkehrsverstöße von Autofahrenden häufig böse Folgen für Radfahrende (und Fußgänger:innen) haben. Bei Unfällen (ausgenommen Alleinunfälle) mit Verkehrstoten sind fast ausschließlich Pkw und Lkw die Unfallgegner, was man aus Daten in den Niederlanden weiß. 

Radler nimmt Fußgängerampel trotz Radlerampel
Verkehrwidriges Verhalten von Radfahrenden nimmt ab, je besser die Radinfrastruktur ist. Es genügt aber nicht, dass Radstreifen oder Radwege irgendwo vorhanden sind, wenn sie plötzlich wieder enden, es braucht eine durchgängig, auch über Kreuzungen hinweg geplante Radinfrastruktur, auf der Radfahrende auch beim ersten Mal sofort erkennen, wie es für sie weitergeht, die also selbsterklärend ist (etwas, was man für Autofahrende selbstverständlich macht, weil sonst die Unfallfolgen viel zu verheerend sind). Außerdem dürfen Radwege nicht ebensoviele Ampelstopps aufweisen wie Autostraßen, sonst werden sie nicht genutzt oder die Stopps werden regelwidrig umfahren. 

Ich halte Verkehrskontrollen für wichtig, aber es ist nicht das Wichtigste, Radfahrende zu kontrollieren, die auf Gehwegen fahren oder eine rote Ampel missachtet haben, sondern vor allem die Autofahrenden, die mit ihrem massiven und oftmals auch sehr aggressiven Fehlverhalten Radfahrende und auch Fußgänger:innen verunsichern und gefährden. Ein Kommentator des Berliner Tagesspiegel titelte kürzlich erbittert: "Verkehrskontrollen in Berlin: Als würde man Dealer im Seniorenheim suchen. Die Berliner Polizei kontrolliert lieber Radfahrer und Spaziergängerinnen. Für Autofahrende sind Gesetze und Vorschriften eher lieb gemeinte Vorschläge."

Auch in Stuttgart finden regelmäßig Kontrollen der Fahrradbeleuchtung statt. Außerdem hat die Fahrradstaffel auch ein Auge aufs Verkehrsgeschehen und sieht dabei E-Scooter auf Gehwegen, weggeworfene Kippen oder Radler:innen auf falschen Wegen. Allerdings ist unsere Fahrradstaffel gerade ein lernendes System, wie ich vom Chef der Staffel erfahren habe. (Im Herbst werde ich darüber mal schreiben) Fußgänger:innen werden in Stuttgart eher nicht von der Polizei kontrolliert, sie müssen nicht mit Bußgeldbescheiden rechnen, wenn sei bei Fußgängerot über die Straße gegangen sind.

Ich denke auch, dass Kontrollen vor allem dort verstärkt sein müssen, wo verkehrswidriges Verhalten eine reale und ernsthafte Gefahr für andere Menschen darstellt. Ich bin der Meinung, dass wir nicht in für uns verbotenen Fußgängerbereichen radeln sollten, allerdings sollten Kontrollen hier mit Augenmaß durchgeführt werden. Es geht nicht, dass Autofahrende oftmals nur belehrt und ermahnt werden, Radfahrende aber gleich bezahlen müssen. 

Die nächste Kampagne der Stadt Stuttgart wird hoffentlich heißen: "Auto nimmt Rücksicht!"



3 Kommentare:

  1. Sorry: eine amerikanische Studie wird ziemlich sicher zu Ergebnissen kommen, die mit bundesdeutschen Verhältnissen nicht vergleichbar sind.
    Oder um es ketzerisch zu sagen: im Vergleich zur gelassenen Fahrweise der Amerikaner herrscht hierzulande Wild-West und das Recht des Stärkeren.

    Als Boomer erinnere ich mich noch an Zeiten in den 70ern des letzten Jahrtausends, und da war die Verkehrsmoral, sowohl bei Auto- als auch bei Radfahrern, eine ganz andere. Da musste man eigentlich immer mit Kontrolle und Sanktion rechnen, und dementsprechend verhielten sich die Leute auch.
    Heute fahren die Leute achselzuckend bei Rot über die Ampel, abends auch Autofahrer. Überhaupt geht mir das Fingerpointing auf den Wecker, es gibt nämlich nicht die guten Radfahrer und bösen Autofahrer. Im Vergleich zu Kopenhagen z.B. sind wir alle miteinander die reinsten Anarchisten, auch auf dem Rad. Hauptsache wir kommen schnell von A nach B. Rücksichtnahme oder "mal langsam tun" wird bestenfalls belächelt, normalerweise aber angehupt.

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  2. Jörg
    Wissen über die Verhältnisse ist wichtig. Es ist ja so Regelverstoß ist nicht gleich Regelverstoß. Die Gefährdung anderer Menschen unterscheidet sich stark. Ein Fußgänger der bei Rot über eine Straße überquert, kann die Autoinsassen die Vorrang haben kaum verletzten, andersherum wird es dramatisch. Darüber muss man sachlich reden können.
    Wenn ich bei der Fußgängerampel bleibe ist es häufig extrem unfair organisiert. Die Ampeln zeigen im Pausenmodus die ganze Zeit Rot für Fußgänger, während sie für Autos aus sind. Nun wird es zum Regelverstoß dort die Straße unter Beachtung des Vorrangs für Autos zu überqueren wenn kein Auto in der Nähe ist.
    Das Thema Ampel ist insgesamt schwierig in der Verwaltungsvorschriften steht in den Vorworten, das alle Verkehrsarten gleich behandelt werden sollen. In der Praxis sind einige gleicher als andere. Und ehrlich braucht es ohne Autos Ampeln?
    Ampeln sind ein schwieriges Thema. Ampeln sind wahnsinnig teuer und bevorzugen den Autoverkehr über die Maßen. Dazu haben wir extra die Verkehrsleitzentrale mit einem Millionen Euro Budget. Als Feigenblatt wird bei der Verkehrsleitzentrale der ÖPNV genannt, der mit 1 bis 2 Mitarbeitern der SSB abgevespert wird.

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  3. Witzig, ich wurde als Fußgänger schon von einer Polizistin der Fahrradstraffel angebrüllt, als ich über eine rote Fußgängerampel gelaufen bin. Es war weit und breit kein Auto zu sehen. O-Ton: "Das Rotlicht gilt auch für Sie !!!"
    Man sollte diese Polizistin mal an die Einfahrt der gesperrten Lautenschlagerstraße stellen und Kennzeichen notieren lassen...

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