Kürzlich überholte mich auf meinem Pedelec an einem steilen Anstieg ein junger Mann auf einem Standard-Fahrrad. Alle Achtung! Als er vorbei war, stieß er einen kurzen, harten Huster aus.
Es ist mir schon öfter aufgefallen, dass manche husten oder sich immer wieder hart räuspern, also die Luft durch die Stimmbänder pressen, wenn es anstrengend wird. Auch wenn sie nicht keuchen, verraten sie mir damit, dass sie viel Luft brauchen. Es klingt aber gar nicht gut und ist zudem auch überhaupt nicht gut für die Stimmbänder. Mag sein, dass es vielen, die das machen, gar nicht bewusst ist. Also mal drauf achten. Denn es gibt eine weniger schädliche Alternative.
Im Kraftsport ist sowas Ähnliches als Pressatmung bekannt. Manche halten regelrecht die Luft an, drücken also die Luft gegen geschlossene Nase und Mund und damit in den Bauchraum, in der Hoffnung auf Unterstützung, was aber nicht viel nützt. Das geht, weil man ohnehin für kurze Kraftakte (anaeroben Sport) keinen Sauerstoff braucht. Bei Ausdauersport (aerobem Sport), bei dem man ständig viel Luft braucht, funktioniert das anders.
Beim Nachdenken über hustende Radfahrer, habe ich mich an ein Stimmbildungstraining für Rundfunkmoderator:innen erinnert, das ich als SWR-Mitarbeiterin in Bad Rappenau mitgemacht habe. Sprecher:innen müssen ökonomisch mit der Luft umgehen, damit sie ihre Sätze zu Ende kriegen, ohne an der falschen Stelle einatmen zu müssen. Alle Schauspieler:innen wissen (und man hört es manchmal auch), dass harte Konsonanten am Ende eines Wortes (t,k,p) ihnen ein Quäntchen Luft verschaffen. Denn dabei unterbricht man kurz den Ausstrom der Luft (beim t mit der Zunge gegen den Gaumen, beim k den hinteren Bereich, beim p mit den Lippen). Diese Bremse wirkt bis ins Zwerchfell hinunter, weitet die Lunge und holt Luft ohne dass man die Atemmuskular bemühen muss. Wir sind in Bad Rappenau dann auch in der Gruppe gelaufen und haben bergauf ein fröhlich ausgestoßenes "Hopo-Hopp" dafür genutzt, uns anstrengungslos dieses Quäntchen Luft zu besorgen. Das trägt einen regelrecht den Berg hoch.
Die Atemmuskulatur ist ziemlich komplex. Um den Brustkorb zu weiten, braucht man eine Unmenge kleiner Muskeln, die bis in den Hals reichen. Im Ruhezustand nutzen wir meist automatisch die Bauchatmung. Dabei strafft sich das sonst nach oben gewölbte Zwerchfell und erzeugt den nötigen Unterdruck zum Einatmen. Zum Ausatmen spannen wir die Bauchmuskulatur an und drücken mit den Organen das Zwerchfell nach oben. Den letzten Rest Luft kriegen wir nur mit Anstrengung oder eben durch eine Lippenbremse ("Hopp-Hopp", "Schitt!" oder "Kack!") raus. Jeder kurze Verschluss des Ausatemstroms gibt noch ein Quäntchen Luft und damit bei Bergaufanstrengungen einen kleinen Drive. (Die meisten Sportler:innen dürften auch das Verfahren kennen, beim Ausatmen, die Lippenbremse einzusetzen, also geräuschvoll pustend auszuatmen, entweder langsam oder Stoßweise. Asthmatiker:innen empfiehlt man diesen, die Lungenflügel weitenden Gegendruck, um das Kollabieren der Lunge zu verhindern.)
Wer sich beim anstrengenden Bergauf-Radeln immer wieder hart räuspert, tut - so vermute ich - das Gleiche: Der Luftstrom wird kurz gebremst, die Lungen weiten sich und erzeugen Unterdruck, der sich mit Luft füllt. Nur geschieht das eben leider mithilfe der Stimmbänder, was auf Dauer gar nicht gut für sie ist. (Jedes kräftige Räuspern schadet den Stimmbändern, sagen die HNO-Ärzt:innen.)
Langer Rede kurzer Sinn:
Den Huster:innen würde ich vorschlagen, es statt mit dem Kehlkopf mit den Lippen zu probieren, beispielsweise mit einem leisen Hopp-Hopp oder Kack-Kack oder Schitt-Schitt. Wenn man es für Mitradelnde und Passanten weniger auffällig haben will, dann reicht ein p-Stopper mit den Lippen.
Bei mäßiger Anstrengung und leicht erhöhter Atmung empfehlen Fachleute übrigens, solange wie möglich durch die Nase zu atmen. Wird das zu schwierig, dann bleibt man beim Einatmen durch die Nase und atmet durch den Mund aus. Denn das Einatmen durch die Nase hält die Atemwege sauber und schützt vor Austrockung und Unterkühlung der Schleimhäute und damit vor Infektionen (übrigens auch vor unerwünschten Insekten im Mund). Klar muss man manchmal den Mund aufreißen und einatmen, aber je eher man zur Nasenatmung zurückkehrt, desto eher beruhigt sich nach einer Anstrengung auch die Atmung. (Atem-Trainigs-Tipps für Leistungsradler:innen gibt es hier.)
Eine kleine Nachbemerkung: Viele Radfahrende bedecken bei Kälte Mund und Nase mit einem textilen Schutz. Der Winter ist ja weitgehende vorbei, weshalb man vielleicht in Ruhe darüber nachdenken könnte, wie viele gesundheitsschädliche Chemikalien und Mikrophasern der verwendete Mundschutz enthalten mag, die man einatmet, und man könnte sich für den nächsten Winter ein Material suchen, das keine chemische Ausrüstung hat und nicht aus Kunststoffen besteht.
"[...] Denn das Einatmen durch den Mund hält die Atemwege sauber [...]"
AntwortenLöschenHier muss es doch die Nase sein und nicht der Mund, durch die eingeatmet wird, oder?
Hihi. Danke, habe es korrigiert.
AntwortenLöschenDarüber habe ich noch nie nachgedacht. Allerdings habe ich in meiner Jugend viel Sport gemacht und mir scheint mein Körper "weiß" einfach wie ich richtig atme, auch wenn es anstregend wird.
AntwortenLöschenWas die Textilien angeht: Ich bin mittlerweile auf Wolle (ggf. mit etwas Seide) umgestiegen für alles was meinen Kopf, einschließlich Gesicht, Hals und Füße wärmt. Selbst bei den Handschuhen reicht das an den meisten Tagen.