5. Januar 2026

Lust am Lärm

Mir scheint, wir Menschen machen gerne Krach. Laubbläser, Motorsägen, Rasenmäher, Autos, Motorräder, Züge, Flugzeuge. Alles dröhnt.

Junge Männer lassen die Motoren ihrer Autos extra aufheulen. Motorräder bullern laut durch die Nacht. Mopeds knattern. Und immer hängt das Rauschen des Verkehrs über dem Kessel oder das leise Tosen einer Autobahn über einer Landschaft. Dauerkrach macht krank, er belastet Herz und Kreislauf, weil er den Organismus in Gefahrenstress versetzt. In Südtirol üben die Massen an Motorradtouristen und Sportwagenfahrenden regelrecht Lärmterror aus, und auch bei uns im Schwarzwald ist das der Fall. Krach kann aber auch eine heilsame Wirkung haben. Vor allem dann, wenn wir ihn selber und gemeinsam mit anderen machen, etwa Silvesterfeurwerk, bei Fußballspielen, in der Fastnacht, auf Konzerten oder beim Auto-Posen. Entscheidend ist das Gemeinschaftsgefühl, dann ist Krachmachen ein Lustfaktor, der die gute Laune schafft. Viele von uns scheinen jedenfalls laute Geräusche (insbesondere überlaute Musik) zu mögen. Was wir weniger mögen, ist, wenn andere Krach machen. Wenn es uns nicht als bedrohlich erscheint, so steigert es den Ärger und verhindert, dass wir nachts schlafen können. Und manche mögen übrigens ausgerechnet den Lärm nicht, den Kinder beim Spielen draußen machen. Warum aber machen wir so gern Krach?

Er macht uns größer. Akkustisch erobern wir Raum, den wir physisch nicht besetzen können. Menschen reden laut, wenn sie Aufmerksamkeit erregen wollen und sich dabei ihrer selbst nicht ganz sicher sind. Mächtige Menschen (meist Männer) erkennt man wiederum daran, dass sie stets leise sprechen, zuweilen sehr leise. Dass junge Männer in Autos mit lauten Motoren Aufmerksamkeit erregen und dabei auch noch ein bisschen Angst machen wollen, leuchtet sofort ein. Sie sind sich ihrer Stellung in der Welt noch überhaupt nicht sicher. 

Auch manchen Radfahrenden sind ihre Räder zu leise. Fahrräder sind eigentlich so leise, dass viele Fußgänger:innen sie nicht hören. Man kann sie heute so bauen, dass die Nabe keine Klickgeräusche von sich gibt. Und auch die Pedelec-Motoren sind fast unhörbar geworden. Ich fahre so ein leises Fahrrad und weiß, es kann auch ein Manko sein. Denn Fußgänger:innen hören mich nicht von hinten kommen und erschrecken, wenn ich vorbei husche. Wie die meisten Radler:innen fast lautloser Räder hüstle ich dann oder schalte hörbar in einen anderen Gang oder rede sogar, um mich bemerkbar zu machen, denn auf nur freigegebenen Gehwegen möchte ich Fußgänger:innen nicht wegklingeln. Ansonsten genieße ich es aber ungemein, sehr leise unterwegs zu sein. 

Während die E-Autoindustrie noch nach einem Annäherungsgeräusch für E-Autos sucht (übrigens völlig unnötig), nutzen viele Radfahrende das Zahnradklickern der Nabe im Freilauf. Es ist bei Überholmanövern unter Radfahrenden ebenfalls ein willkommenes Signal dafür, dass von hinten ein Fahrrad kommt. Andererseits kann auch das Manchen nicht laut genug sein. Es gibt jede Menge Tipps, wie man den Freilauf lauter macht. Muss offenbar wichtig sein. Es kann zeigen, dass man viele Sperrklinken auf der Nabe hat, was den Antritt zackiger macht. Man kann die Lautstärke aber auch manipulieren oder technisch beeinflussen. Ein geschmierter Freilauf ist leiser, deshalb nehmen manche das Fett raus, um ihn lauter zu machen. Täuschen kann man Kenner (meist Männer) damit nicht, denn sie erkennen am Nabensaound, welche Preisklasse man radelt. Der Nabenkrach ist also Teil eines Wettbewerbs um schneller, teurer, besser, den wir (meist Männer) machmal austragen möchten. Und wir (auch wieder meist Männer) machen außerdem oft grundsätzlich gerne Lärm. Und besonders gern kündigen wir unsere Kommen und Dasein mit lauten technisch verursachten Geräuschen an. Sie ersparen es uns, dass wir selbst rufen oder den Finger zur Klingel bewegen müssen. Ein Motor oder Metallteile übernehmen es für uns, andere dazu zu bringen, uns Platz zu machen.

Ich bin eine Frau, ich habe es lieber leise und ich kommuniziere auch gern. Ich nutze meine Stimme, um Fußgänger:innen, die mich nicht hören, zu sagen: "Ich fahre jetzt mal links an Ihnen vorbei." (Wobei es sicherlich auch Frauen gibt, die für ihren Nebensound schwärmen.) Ich habe etwas länger gebraucht, um zu verstehen, warum manche Rennräder so unglaublich laut an mir vorbei gefahren werden müssen. Ein bisschen was von "Platz da, hier komme ich mit meiner Rennmaschine" hat das schon. Aber ist is ja auch total okay. Fahrräder sind immer noch so unendlich viel leiser als Autos mit Verbrennungsmotoren oder Poser-Autos, die nachts den ganzen Stadtkessel beschallen. Und Radfahrende gelten ja auch deshalb als gefährlich, weil sie sich so unheimlich leise nähern wie Raubtiere vor dem Beutesprung. Wer mit Lärm kommt, ist zumindest kein Beutegreifer. Das ist übrigens das große Täuschungsmanöver der Autoindustrie: denn Autos sind unendlich gefährlich für alle, die nicht im Auto sitzen und nähern sich laut, Fahrräder sind das nicht. 

8 Kommentare:

  1. "Ich bin eine Frau, ich habe es lieber leise"
    Nachdem ich vor ein paar Tagen die feministische Kritik am Verkehrssystem hier vehement verteidigt habe, muss ich heute allerdings sagen, so ein Satz geht mir zu weit.

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    1. Dabei gibt es viele Untersuchungen, die zeigen, dass Frauen es lieber leise mögen und selber auch leiser sind, dass sie laute Geräusche eher als Männer als bedrohlich empfinden (auch weil sie im Durchschnitt besser hören), dass Männer (Männergruppen) den öffentlichen Raum allein durch ihre Lautstärke beherrschen (kann man auf Plätzen, wo gefeiert wird, gut beobachten), während man Frauen eher weniger hört (was Frauen übrigens Angst macht) und dass der Geräuschpegel von Männern in Räumen oder im öffentlichen Raum die Deizbel von Staubsaugern locker überschreitet. Es ist also durchaus so, dass es (viele) Frauen gerne leiser mögen.

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    2. Einfach im ÖPNV beobachten, wer auf Lautsprecher mit dem Smartphone telefoniert: Zu 90% Männer! Und gerne Muslime. Deren dauerhaftes Ultra-ADHS-Imponiergehabe geht mir maximal auf die Nerven. Und es wird geradezu zelebriert: 'Schaut her, ich werde angerufen, ich bin wichtig!' Kopfhörer? Fehlanzeige. Man wird von allen Seiten gleichzeitig unfreiwillig beschallt. Und wenn man was sagt, wird man richtig aggressiv blöd angemacht. Der Bahn, SSB und den Busunternehmen ist das mittlerweile egal...

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  2. Jeden Tag, wenn der Nachbar unten vor dem Haus seinen Porsche einparkt, wackeln bei mir oben im vierten Stock die Wände. Wir wissen doch, dass z.B. Auto- und Motorradlärm schlecht für die Gesundheit ist. Gibt es denn da keine Grenzwerte, die eingehalten werden müssen?

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    1. Wenn ein einzelnes Einparkmanöver ausreicht, um tragende Wände im vierten Stock zum Wackeln zu bringen, liegt das Problem möglicherweise weniger beim Porsche als bei der Statik des Hauses. In diesem Fall wären Grenzwerte eher Sache des Bauamts — oder gegebenenfalls der seismologischen Dienste — als des Immissionsschutzes.

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  3. Eines meiner Räder hat einen relativ "lauten" Freilauf. Das ist technisch bedingt. Wenn andere den Freilauf hören ist das aber kein Imponiergehabe, sondern, im Gegenteil, Rücksichtnahme. Denn nur wenn NICHT getreten wird, also wenn die Geschwindigkeit reduziert bzw. nicht erhöht wird, hört man den Freilauf. Noch lauter wird es manchmal wenn ich auch noch bremse um noch mehr zu verzögern, denn das kann recht laut quietschen.

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    1. TBR: Ich wollte dir und allen anderen ja keinen Vorwurf machen, wer so ein Rad hat, hat so ein Rad. Und es hat ja auch Vorteile, weil andere einen hören. Lustig fand ich nur, dass manche den Freilauf noch manipulieren in Richtung mehr Lautstärke. Aber auch das ist okay. Autos sind immer viel lauter.

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  4. Liebe Christine,
    Geräusche für eAutos sind evtl. nicht "übrigens völlig unnötig". Das sehen zumindest Blindenverbände diametral anders und es könnte weitere plausible Gründe für alle Geben:
    https://www.dbsv.org/geraeuscharme-fahrzeuge.html
    https://www.dbsv.org/pressemitteilung/emobi-5-mai.html

    Gute Gründe für ein AVAS
    - Unfallgefahr: leise, elektrische Fahrzeuge, die angeblich öfter in Unfälle mit Fußgängern verwickelt sind.
    - Fußgänger können ein elektrisch betriebenes Auto bei einer Geschwindigkeit von 20 km/h erst akustisch wahrnehmen, wenn es weniger als acht Meter entfernt ist. Das entspricht einer Zeitspanne von eineinhalb Sekunden bis zum Aufprall.
    - Im öffentlichen Nahverkehr ist ein AVAS aus einem weiteren Grund wichtig: Ein Bus, der lautlos ankommt und hält, ist von einem blinden Menschen nicht auffindbar und damit nicht barrierefrei.

    Das sind die gleichen Gründe, warum Fußgänger sich über nähernde Radfahrer besonders erschrecken und daher häufiger Angst und Abneigung gegenüber ihnen empfinden, als gegen die objektiv gefährlichen Autos. Es stellt sich eher die Frage, warum es ein Gesetz gegen Laufklingeln und Lärm bei Radfahrern gibt, dies jetzt für Autos vorgeschrieben wird. Paradox ist es jedenfalls.

    In Düsseldorf gibt es die Schadowstraße und die Fußgänger sind unaufmerksam bis rücksichtslos gegenüber Radfahrern, da hilft etwas "Lärm" schon sehr. Daher klingeln viele Radfahrer stur sturm.

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