Geht es auch anderen Frauen so? Das fragt sich Blogleserin Wiebke. Im Straßenverkehr gibt es Aggressionen. Davon sind sowohl Frauen als auch Männer betroffen. Ich vermute aber, auf unterschiedliche Weise.
Aus jeder Begegnung von Fahrrad und Auto auf begrenztem Platz kann unvermutet eine schnell eskalierende Konfrontation entstehen. Übrigens hauptsächlich dann, wenn die Radfahrerin oder der Radler im Recht sind, weil sie genauso radeln dürfen wie sie radeln. Und klar, die Aggressiven sind nicht nur Männer, sondern auch Frauen, wenn auch - nach meiner Erfahrung als Frau - deutlich seltener. Und solche Konfrontationen ereignen sich selten, wenngleich nicht so selten, dass nicht die meisten Radfahrerinnen und vermutlich auch Radfahrer von ein oder zwei bedrohlichen Szenen in den letzten Jahren erzählen können. Also solchen, wo Gewaltandrohung oder tatsächliche Gewalt im Spiel ist.
Wiebke hat mir vor längerer Zeit geschrieben, dass sie in einer 30er-Zone radelte. Auf beiden Seiten wurde geparkt, Parklücken gab es ebenfalls auf beiden Seiten. Sie fuhr bergab. Ihr kam ein SUV entgegen, dessen Fahrer nach rechts in eine Parklücke hätte fahren können, das aber nicht tat. Sie sah auf ihrer Seite die Möglichkeit, eine Parklücke zu erreichen, bevor sie sich begegneten, doch der Fahrer des SUV beschleunigte stark und hielt auf sie zu. Sie schaffte es gerade so noch in die Parklücke. Eine Situation, wie sie sie nicht zum ersten Mal erlebte.
Der Fahrer des SUV hupte nun jedoch auch noch, hielt mit quietschenden Reifen neben der Radlerin und brüllte: "Du bescheuerte Fotze." Dann machte er Anstalten auszusteigen. Er öffnet die Fahrertür. Sie beschrieb den Fahrer als jungen Mann, extrem muskulös. Sie bekam Angst. Zum Glück war es heller Tag und sie konnte zu einer Gruppe Leute flüchten, die die Szene beobachtet hatten. Der Fahrer machte die Autotür wieder zu und fuhr weiter. Sie schrieb mir, dass sie ähnlich bedrohliche Szenen schon mehrmals erlebt habe. Und sie hatte die Sorge, dass sie diesem Typen wieder begegnet, wenn sie wieder diese Straße radelt, und fuhr erst einmal anders. Sie überlegt sogar, ob sie überhaupt noch mit dem Rad fahren soll.
Über einen Fall von 2021, wo ein Autofahrer in so einer Situation sogar zugeschlagen hat, habe ich schon berichtet. Auch in diesem Fall war die Radlerin eine Frau. Auch in diesem Fall hat der Autofahrer beschleunigt, als er die Radlerin in enger Straße ihm entgegenkommen sah, und auch er hat sie sexistisch beschimpft. Die herbeigerufene Polizei stellte sich nicht schützend auf die Seite der Frau, die in Bedrängnis geraten war.
Mir fallen ebenfalls bedrohliche Szenen ein, die ich erlebt habe. Ein Autofahrer wollte mich mal bergauf in einer beidseits zugeparkten Straße mit Tempo 30 unbedingt überholen, obgleich der Platz für einen minimalen Überholabstand nicht gereicht hätte, also radelte ich eher mittig (ohnehin fahre ich nicht in der Dooringzone an Autos entlang). Das ärgerte den Fahrer so, dass er knapp an mir vorbeizog, als ein bisschen mehr Platz war, dann aber bremste, anhielt und ausstieg. Als ich ihn bremsen sah, habe ich augenblicklich angehalten und mein Fahrrad in die Gegenrichtung gedreht und bin aufgestiegen, um wegzufahren. Er brach seine Aktion daraufhin ab und fuhr seines Wegs.
Diese Situation - wütender Autofahrer hinter Radlerin - ist für eine Radfahrerin 2021 unangenehmer ausgegangen. Ein Autofahrer fuhr hupend und drängelnd den Fahrer, was er für ein Problem habe. Daraufhin kam es zu einer Brüllerei und verbalen Drohungen, schließlich stellte sie das Fahrrad beiseite und ging auf Anraten eines Zeugen zur Polizei, um Anzeige wegen Nötigung zu stellen. Doch die Polizei sah in der Huperei keine Nötigung, obgleich Hupen, um jemanden wegzuscheuchen, nicht erlaubt ist. Hupen darf man nur, wenn man vor einer Gefahr warnen will.
Ich kenne auch einen Fall, wo ein männlicher Radfahrer von einem Autofahrer, der sich darüber geärgert hatte, dass er und seine Freundin nebeneinander auf einer Fahrradstraße radelten, eine Kopfnuss bekommen hat. Zum Glück hat sein Helm den Stoß abgefangen. Die Frau konnte rechtzeitig entkommen.
Wir dürften alle bereits Aggressionen erfahren haben. Ich vermute aber, auf viele Frauen haben sie eine nachhaltigere und einschüchterndere Wirkung als auf viele Männer. Männer werden dabei auch nicht sexistisch beschimpft, für Frauen aber gibt es jede Menge böser Schimpfwörter, die deutlich machen, dass sie als Frauen gesehen und verachtet werden. Womöglich fällt es Männern auch leichter, ihren Zorn an radfahrenden Frauen rauszulassen. Ich weiß es nicht. Konfrontationen auf einer Strecke, die eine Frau täglich radelt, lösen durchaus die Sorge aus, an der gleichen Stelle, demselben Typen wieder zu begehen. Und wenn eine Frau dann überlegt, ob sie einen Umweg radelt oder gar nicht mehr, dann sollte man die Angst, die Konfrontationen mit Gewaltandrohung oder Gewalt bei Frauen im öffentlichen Raum auslösen, wirklich ernst nehmen. Uns wird aber keiner helfen. Darum:
Ich empfehle allen, die auf keinen Fall in eine körperliche Auseinandersetzung verwickelt werden wollen, sofort ihre Flucht vorzubereiten, wenn eine Konfrontation droht. Und dann: Fliehe entschlossen!
- Drehe das Fahrrad sofort in die Gegenrichtung zu der, die der Autofahrer fährt, steige auf und fahre gegebenenfalls davon. Kein Auto kann so schnell gewendet werden wie ein Fahrrad. (Einmal ist mir dann noch die Beifahrerin schreiend hinterher gerannt.)
- Wenn es eng ist auf der Fahrbahn bei einer bedrohlichen Begegnung: Schiebe das Fahrrad sofort auf den Gehweg und bereite dich auf die Flucht vor, falls der Autofahrer aussteigt, ebenfalls in Gegenrichtung zum Auto. In diesem Fall ist es egal, dass du auf dem Gehweg nicht radeln darfst.
- Wenn sich ein ein Weg anbietet, den mit dem Auto nicht fahren kann, umso besser, dann wähle den und fahr davon.

Solche Aggression können tödlich enden, ob nun mit Auto als Waffe oder ohne. Der Schaffner, der zusammengeschlagen wurde ist mittlerweile verstorben.
AntwortenLöschenUnd in Frankreich sitzt der Autofahrer, der Paul Varry ermordet hat, Gott sei Dank nach wie vor in Haft.
Anzeigen bringen nichts, eher im Gegenteil. Sie können sich, wie es mir passiert ist, ob nun durch Inkompetenz oder vielleicht sogar bösen Willen der Ermittelnden, auch plötzlich gehen einen selbst wenden.
Es gibt eine überaus unterstützenswerte Initiative zur Autogewalt, welche in Kürze eine Petition startet:
AntwortenLöschenhttps://www.oeffentliches-interesse-autogewalt.de/
... werde unterschreiben wenn die eingereicht wird.
LöschenIch verstehe nicht wieso kein öffentliches Interesse besteht wenn die Gewaltaktionen nur auf Grund des Verkehrsmittels stattfinden.
Für mich hat das schon eher was mit Hasskriminalität zu tun.
Kein öffentliches Interesse kann ich nachvollziehen, wenn private Zwistigkeiten eskalieren, das ist aber bei solchen Taten im Straßenverkehr regelmäßig nicht der Fall.
Ich gehe davon aus, dass sich einige, die angezeigt wurden und das ganze durch die Staatsanwaltschaft eingestellt wird, als Helden feiern und garantiert daraus ableiten richtig gehandelt zu haben.
Und alle Polizisten die Gegenanzeige stellen, (also nicht der der eigentlich angezeigt wurde) sollten mit drastischen Konsequenzen rechen müssen. Denn das ist eine Aktion die nur als Einschüchterung verstanden werden kann, was wiederum definitiv nicht in der Aufgabenbeschreibung der Polizei zu finden ist.
Ich habe mittlerweile eine kleine Sammlung von Schreiben der Staatsanwaltschaft Stuttgart in denen zum Beispiel steht, dass gewaltsames Abdrängen keine Rücksichtslosigkeit ist.
AntwortenLöschenAuch ist die Stuttgarter Polizei schnell dabei Gegenanzeigen anzufertigen, wegen Behinderung durch Verstoß gegen das Rechtsfahrgebot mit der Aufforderung dicht an parkenden Fahrzeugen zu fahren um Autos nicht zu behindern.
Vor gewaltbereiten Autofahrern musste ich auch schon öfters fliehen. Ich habe nicht das Gefühl, dass die Polizei auf meiner Seite wäre.
... als Mann kenne ich hauptsächlich die Gewalt mit dem Auto.
AntwortenLöschenAusgestiegen ist noch keiner, obwohl ich sicher nicht eine bedrohlich imposante Statur habe. Aber verfolgen knapp überholen und ausbremsen sind halt auch so Aktionen die mit der charakterlichen Eignung zum Führen eines KFZ nicht vereinbar sind, aber leider interessiert das keinen.
Aber die Gewalt mit Auto wird häufig von Menschen angewandt die ohne Auto als Waffe und Panzer eher zu den schwächeren gehören. Meine anekdotische also nicht repräsentative Erfahrungsevidenz zeigt hier den typischen Aggressor als Senior > 70 Jahre, und da egal ob männlich oder weiblich.
Und Berufskraftfahrer die meinen Radfahrer hätten auf ihrem Arbeitsplatz nichts verloren (dann meist männlich)
Die Tips zur Fluchtvorbereitung finde ich sehr hilfreich aber auch ziemlich traurig, dass das durchaus notwendig sein kann.
Als Mann habe ich (normal groß , eher schlankere Radfahrer-Figur) aktuell eher die Tendenz, auf den Menschen, der da aus dem Auto aussteigt, zuzufahren, also nicht aggressiv, sondern ganz normal, denn ich habe mir ja nichts vorzuwerfen, im Gegenteil, ich bin in meinem vollen Recht.
AntwortenLöschenBisher ist mir dabei nie was passiert, vielleicht muss ich das aber überdenken angesichts der offenbar immer größeren Tendenz solcher Menschen, dann auch zuzuschlagen.
Dann hoffe ich das beste für dich. Dass wir als Radfahrende im Recht sind oder waren schützt nicht vor Aggressionen, ganz im Gegenteil. Autofahrende (aber auch andere Menschen in anderen Situationen) reagieren am aggressivsten, wenn sie bei selber ahnen, dass sie im Unrecht sind. Oder anders gesagt: Sie wollen sich auf keinen Fall bei einem Fehler ertappen lassen, schon gar nicht zurechtweisen lassen.
LöschenMeine Frau wurde nach verbaler Kritik an Autofahrer, der Radweg an Grundstücksausfahrt ignorierte, von diesem körperlich attackiert und gewürgt(!). Trotz Zeugen (die sich von sich aus anboten) wurde Strafverfahren wg. "mangelnden öffentlichen Interesses" eingestellt.
AntwortenLöschenWas???
LöschenDienstaufsichtsbeschwerde?
Das sind diese rätselhaften Entscheidungen, die mich auch beschäftigen, und ich habe den Eindruck, dass sie uns betreffen, wenn wir Rad fahren oder mit dem Rad gefahren sind. Würde ein Mann uns als Fußgängerin angreifen und würgen, würde die Polizei das vermutlich nicht so abtun. Kann ich nicht beweisen, aber es befremdet dieser Mangel an Parteinahme für die von Gewalt bedrohte und von Gewalt betroffene Frau.
LöschenAus genau diesen Gründen radle ich mit Dashcam.
AntwortenLöschenEs wirkt trotzdem abschreckend, wenn diese Aggressoren sehen und noch zzgl darauf aufmerksam gemacht werden, dass dies alles aufgenommen wird.
Und falls due Polizei nicht reagiert, bin ich gerne bereit eine Dienstaufsicht Beschwerde gegen den Polizisten zu fertigen.
Mein absolutes Horror-Erlebnis, das fast filmreif war (bei "versteckter Kamera" o.ä. dann aber alles andere als witzig gewesen wäre), war ein Fahrer eines Lieferwagens, der sich durch die simple Vorfahrt des hauptstraßenparallelen Radwegs provoziert gefühlt hat und mich derartig nachhaltig verfolgt hat, daß ich mir leider, wie so oft im Affekt, weder Kennzeichen noch die Firmenbeschriftung (die also nicht vor einer klaren Demonstration der charakterlichen Uneignung zum Führen eines Kfz schützt) merken konnte. Schlimmer als ein wildes Tier auf Beutejagd hat mich dieser Fahrer mehrfach ausgebremst, ist seitlich in alle möglichen Einmündungen gefahren, auch mehrfach ausgestiegen und Türen aufgerissen. Natürlich konnte er schmale Lücken nicht zumachen, so daß ich stets wieder entkommen konnte. Diese Verfolgungsjagd ging über 1000 (!) Meter durch einen Ort, wo mich das Bergab-Geländeprofil beim Erreichen einer hohen Fluchtgeschwindigkeit unterstütze, aber trotzdem alles abverlangte.
AntwortenLöschenDie genannten Flucht-Tips sind sehr gut und wichtig - Autofahrer blicken oft nicht, wo man als Radfahrer überall durchkommt, und ohne ihren "Panzer" kennen die meisten dieser Art offenbar keine Navigation.
Da ich ein Ziel in einer engen Hofeinfahrt und in der Nähe geöffneter Geschäfte hatte, habe ich von Zwischenzielen abgesehen und durch "Haken schlagen" und dann die Flucht in diese Einfahrt den Verfolger abhängen können.
Da der sehr nachhaltig wirkte, schreibe ich das bewußt mal anonym, man weiß nie, wer hier mitliest. Gerne kann ich Christine persönlich kontaktieren, wenn gewünscht - wir waren zu anderen Themen auch schon mehrfach im Austausch.
Kamera - ja, die hätte vielleicht geholfen. Persönlich mag ich diese Aufrüsten eigentlich nicht unbedingt, aber man sieht ja mittlerweile sogar Unternehmen, die in allen Fahrzeugen Kameras fest montieren - z.B. auch Busbetriebe.
Ich zucke heute noch zusammen, wenn ich die Nachhaltigkeit und Ausdauer dieser Gewalt-Attacke in Erinnerung rufe. "Normale" Brüllstreitigkeiten enden ja in der Regel, wenn die Akutsituation (Engstelle o.ä.) vorbei ist. Und gegen Autofahrer bin ich leider selbst auch nicht gegen einen "Brüller" gefeit, weil diese gelebte Aggression im Affekt nicht viel Lösungswege bietet, als erstmal "Lautstärke", um überhaupt wahrgenommen zu werden. Klingel reicht ja für nix...
Was für eine krasse Geschichte. Und so viel sinnlose Wut! (Wenn du magst, kannst du mir eine E-Mail schicken.)
Löschenwenn es eine möglichkeit gibt, ist der gehweg auf der anderen strassenseite in gegenrichtung nochverwähnenswert. ich habe ender der 80er mehrere jahre als fahrradkurier gearbeitet - ausbremsen gehört ja eher zu den harmlosen massnahmen, flucht muss immer eingeplant sein. mittlerweile fahre ich auch grosse umwege - zur arbeit - das ist sicherlich für alle beteiligten besser. und schont meine nerven
AntwortenLöschenAls radelnde Frau (in einer Großstadt) kenne ich leider solche Situationen auch gut und ja, bei der ein oder anderen habe ich schon das Gefühl, dass Geschlecht eine Rolle spielt. Insbesondere junge Männer und Berufskraftfahrer scheinen geradezu Spaß daran zu haben, mich abzudrängen, zu eng zu überholen oder auszubremsen. Bei Ansprache an der nächsten gemeinsamen roten Ampel wird man wahlweise ins Lächerliche gezogen oder beschimpft. Bedroht wurde ich bisher nur als Fußgängerin, wenn ich mich erdreistet habe, freundlich auf gefährdendes Falschparken aufmerksam zu machen.
AntwortenLöschenWas ich leider auch häufig erlebe, sind eklige Anmachen aus dem Auto heraus, besonders wenn man z.B. mit PKW und Rad nebeneinander an einer roten Ampel steht und nicht weg kann. Dann kommen gern mal obszöne Gesten, Rufe, Pfiffe oder ein "Geiler Arsch, höhöhö". Ich hab leider auch keine Lösungsvorschläge. Solche Dinge passieren mir sogar eher tagsüber an belebten Orten, vermutlich weil ich besser als Frau sichtbar bin, Kleidung egal.
/P.