Jedes Jahr das gleiche: Die Zahl der im Straßenverkehr - meist von Autofahrenden - getöteten Radfahrer:innen steigt. 2025 waren es 462 Menschen, 3,8 Prozent mehr als im Vorjahr.
Das ist nicht gut, doch in manchen Medienbeiträgen klingt es schon fast triumphal: Haben wir es nicht immer gesagt, Radfahren ist gefährlich, besonders, wenn Alte Pedelecs fahren. Pedelecs sind gefährlich.
Die taz sucht hat sogar nach einer weiteren Schreckenszahl gesucht und ist auf 20,6 Prozent Zunahme von getöteten Radfahrenden gekommen, allerdings halt in den letzten zehn Jahren. Auch das ist zu viel, aber der Radverkehr hat sich seitdem gewandelt. Immerhin macht die taz deutlich, dass die Radinfrastruktur nicht immer weniger passt.
Jedes Jahr stellen die Medien heraus, wie viele Pedelec-Fahrende unter den Opfern sind. 217 der Getöteten waren 2025 mit Pedelecs gefahren. 2015 waren das noch 36 gewesen. Pedelecs waren damals allerdings viel weniger verbreitet, weshalb auch weniger Ältere Fahrrad fuhren. 65 Prozent der Geöteten waren 2025 über 65 Jahre. Kein Wunder, es radeln ja auch mehr. So werden Jahr für Jahr das Pedelec und das Alter problematisiert und für die steigendenden Zahlen bei den Verkehrstoten unter den Radfahrenden verantwortlich gemacht. Man schanzt ihnen die Verantwortung für eine Verkehrssituation zu, die dem Auto Raum und Geschwindigkeiten verschafft, das Fahrrad aber Platz nur zögern zugesteht. Die Alten auf Pedelecs werden skandalisiert, aber nicht die Autofahrenden und ihr zu schnelles und unaufmerksames Fahren. "Fast jeder zweite getötete Radfahrer saß auf eine Pedelec", titelte die FAZ, aber niemand titelt, "alle neun Stunden stirbt ein Mensch wegen Raserei" und nur wenige Medien nehmen auch mal deshalb den Autoverkehr in den Fokus.
Ist Radfahren also gefährlich? Nein, das ist es nicht. Auch für ältere Pedelec-Radelnde nicht. Es ist sogar viel ungefährlicher als vieles andere, was wir so machen. Am riskantesten ist unser Lebensstil mit Bewegungsmangel und falscher Ernährung. 340.000 Menschen sterben jährlich an Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Im vergangenen Jahr kamen 43.000 Menschen durch einen akutem Herzinfarkt ums Leben. 10.400 Menschen begingen 2024 Suizid. Und auch der Autoverkehr ist gefährlicher für Autofahrende selbst als das Radfahren für Radfahrende. Rund 1.200 Menschen sterben jährlich bei Unfällen in ihren eigenen Autos. Das Risiko für Autofahrende, bei einem Verkehrsunfall zu sterben, liegt bei 0,7 Prozent, das von Radfahrenden bei 0,4 Prozent, wie die vpv-Versicherungen feststellt. Das von Fußgängern liegt demnach unverhältnismäßig hoch, nämlich bei 1,5 Prozent.
Radfahren hält gesund, schützt vor vielen dieser und anderer Krankheiten und verlängert unsere Lebenszeit. Wer viel Rad fährt, stirbt weniger oft vorzeitig. Die gesundheitlichen Vorteil des Radfahrens überwiegen die Nachteile durch Unfallrisiken um ein Vielfaches.
Die Zahl der Todesopfer im Straßenverkehr ist zu hoch, keine Frage, vor allem, wenn man bedenkt, dass es Mittel und Wege gäbe, sie zu verringern, also die Sicherheit aller zu erhöhen. Wir könnten, wenn wir wollten. Am nützlichsten (und preisgünstigsten) sind Tempolimits: Tempo 30 in Städten kann dazu führen, dass überhaupt kein Mensch im Straßenverkehr stirbt. Ein Tempolimit von 120 km/h auf Autobahnen soll die Zahl der Toten um ein Drittel verringern können. Blitzer zur Überwachung generieren zusätzliche Einnahmen. Sichere Radwege und eine klare und sichere Führung an Kreuzungen helfen ebenfalls, Radfahrende im Straßenverkehr sichtbar zu halten und vor Zusammenstößen zu schützen. Und für Räder gut befahrbare Untergründe verringern die Zahl der sogenannten Alleinunfälle, bei denen die Polizei kaum je notiert, ob ein Bordstein in einer Baustellenführung im Dunkeln, Schlaglöcher, Laub, Eis oder Poller im Weg der Grund für den Sturz waren. Vor allem für die immer mher Älteren, die Pedelecs fahren, ist eine übersichtliche Streckenführung wichtig. Dem Autoverkehr gönnen wir die ja auch und auch da nimmt die Menge der Älteren zu.
Dass wir nicht rigoroser daran arbeiten, die Gefahren zu verringern, die vom Autoverkehr für alle anderen ausgehen, ist der eigentliche Skandal dieser jährlichen Zahlen. Eine grundsätzlich radfreundliche Organisation des Verkehrs verringert Zusammenstöße von Autofahrenden mit Radfahrenden, was letztlich auch im Interesse von Autofahrenden ist. Unsere Verkehrspolitik ist aber immer noch getrieben von der Idee, dass Autofahrende schnell vorankommen können müssen, statt von dem Bedürfnis, Menschen, die nicht im Autos sitzen, unbedingt vor den Gefahren des schnellen und schweren Autoverkehrs zu schützen.

Es hilft den Radfahrern halt auch nichts wenn Radschnellwege geplant und nie gebaut werden. Der Radverkehr wird mehr, aber die Infrastrukur wird nicht angepasst.
AntwortenLöschenWeiterhin auf nicht als Radweg beschilderten Nebenwegen / Ortsdurchfahrten unterwegs. Teilweise viel zu schmal mit Gegenverkehr und Fußgängern. Baumwurzelschäden, Schlaglöcher und Flickenteppiche überall. Frisch gemachte kurze Abschnitte sind nicht glatt. Seit Jahrzehhnten tut sich einfach nichts (Strecke Pfinztal - Berghausen und Karlsruhe).
Ich hatte gestern auf meiner Fahrt von der Arbeit nach Hause vier gefährliche Situationen, bei denen ich die Autofahrenden angebrüllt habe. Zweimal enges Überholen. Einmal eine entgegenkommende Linksabbiegerin die wohl erst bei meinem Schrei auf die Bremse trat und zum Schluß eine ältere Dame, die ohne Schulterblick und Blinken vom Fahrbahnrand losfuhr, als ich eben an ihrem Fahrzeug vorbei fuhr.
AntwortenLöschenAutofahrenden ist wohl gar nicht klar, was es an Angst und Schrecken für Radfahrende bedeutet, wenn sie sich mit hoher Geschwindigkeit in Richtung Radfahrende bewegen und nicht klar ist, ob sie ihr Gefährt im Griff haben. Sie selbst haben ja kein Risiko. Einer Kollision mit einem Radfahrer kann man in einem Auto gelassen entgegen sehen.
Man kann das schon als Terror betrachten.
"Man kann das schon als Terror betrachten."
LöschenEmotional verstehe ich dich gut, aber Terror ist es in den allermeisten Fällen nicht. Dafür fehlt die Absicht.
Danke für dein Verständnis.
LöschenAber die Botschaft entsteht beim Empfänger.
Ich erlebe auf der Strecke zwischen Wannweil und Kirchentellinsfurt seit Jahren, dass die Autos mich extra dicht überholen und dabei meistens hupen. Nur um mich auf den (für den Radverkehr freigegebenen) Gehweg zu drängen. Das ist wirklich Terror pur. Den Verantwortlichen in Wannweil ist das bekannt und bewusst. Aber die ignorieren das einfach...
LöschenIch habe auf meinem täglichen Arbeitsweg zu wischen einem und fünf Vorfällen mit Motorisierten bei denen ich mich gefährdet fühle. Zu geringer Abstand, Schneiden, Überholen bei Gegenverkehr mit und ohne durchgezogene Linie etc. Es kann bis zu zehn gehen.
LöschenWege ohne Vorfälle sind sehr sehr selten Und ich fahre in aller Regen zu relativ ruhigen Zeiten und bin gegen die jeweiligen Hauptströme unterwegs.
Es bleibt einem nichts anderes übrig, als sich dort durchzuschlängeln, wo es einigermassen sicher ist, aber vielleicht nicht immer 100%ig legal...
AntwortenLöschenWie sehen die Zahlen aus, wenn man sie in Relation zum zugenommenen Radverkehrt setzt? Also wieviele Opfer / Unfälle pro gefahrenem Radfahrkilometer?