29. April 2026

Kritisieren geht immer

Es gibt Blogposts von mir, da eskaliert die Kritik an uns Radfahrenden, wenn ich ein notorisches Fehlverhalten von Autofahrenden thematisiert habe. 

Ich schreibe immer wieder auch über Fehlverhalten von Radfahrenden - GeisterradelnGehwegradelnohne Licht fahren etc -, suche dabei aber auch nach Erklärungen, warum Radfahrende bestimmte Regeln verletzen. Sie sollen aber keine Entschuldigungen sein, denn ich bin en Fan davon, sich an Verkehrsregeln zu halten. Allerdings weiß auch ich, dass es manchmal nicht geht, weil der Radweg plötzlich aufhört und ich nicht erkenne, wie es weitergeht, aber nicht auf eine Temp-50-Fahrbahn radeln will, weil ich Angst habe. Und selbst das Ohne-Licht-Radeln ist mir schon passiert, weil ich aus versehen das Licht ausgestellt hatte, das ich allerdings, nachdem mich jemand darauf hinwies, gleich wieder anstellen konnte. Erklärungen für Fehlverhalten im Straßenverkehr gibt es immer. Jede und jeder, der falsch parkt, bei Rot fährt, eine Straßensperrung missachtet, an verbotener Stelle links abbiegt (und in die Stadtbahn kracht) hat jeweils gute Gründe dafür, warum das jetzt "ausnahmsweise" sein muss. Und das gilt für Autofahrende und Radfahrende gleichermaßen. Allerdings scheinen die Gründe unterschiedlich zu sein. Autofahrende und Fußgänger:innen geben als Gründe meist an, Zeit sparen zu wollen, Radfahrende hingegen Sicherheitsgründe und Energiesparen (vor allem Starten ist anstrengend). 

Was wir einander vorwerfen - Autofahrende und Radfahrenden gegenseitig - sei hier mal aufgelistet. 

Autofahrende kritisieren, dass

  • Radler:innen rote Ampeln missachten 
  • auf der falschen Straßenseite fahren
  • unberechenbar und unvorhersehbar fahren
  • auf Gehwegen fahren
  • nachts ohne Licht radeln
  • nicht auf den Radwegen fahren
  • zu schnell fahren und Geschwindigkeitsbegrenzungen überschreiten
  • Nebeneinander radeln (was allerdings erlaubt ist, solange man dadurch Autofahrende nicht behindert)
  • Missachtung der Vorfahrtsregeln an Kreuzungen (man ist sich nie sicher, ob der Radler hält oder nicht) 
  • Das Rechtsabbiegen blockieren. Gemeint ist: Manche Autofahrende ärgern sich darüber, dass an Ampeln der Radler, die Radlerin vorfährt und vor ihnen steht und sie bei Grün nicht mehr zügig rechts abbiegen können. Dieses Verhalten von Radfahrenden ist allerdings kein Regelverstoß, sondern ausdrücklich erlaubt und aus Sicherheitsgründen sogar geboten.
Ja: Auch ich sehe etliche Radfahrende über rote Ampeln fahren oder der roten Ampel über den Gehweg ausweichen (auch verboten). Allerdings sind das nicht alle, nicht mal die meisten, sondern eben nur einige. Ich sehe auch etliche mit den Rädern auf Gehwegen entlang fahren, die nicht freigegeben sind, um einen Stau oder eine für sie schwierige Stelle zu umfahren (verboten). Die allermeisten Radfahrenden fahren allerdings nicht auf verbotenen Gehwegen, es sind auch hier immer nur einige. Geisterradler:innen habe ich auch schon gesehen, aber auch das ist eine Minderheit. Und ohne Licht radeln meinen überschlägigen Rechnungen zufolge eine bis zwei von zwanzig. Mich stört darüber hinaus übrigens, dass etliche auf freigegebenen Gehwegen Fußgänger:innen wegbimmeln und/oder zu schnell an ihnen vorbeifahren. Und ich fände Radfahrende auch für mich berechenbarer, wenn sie vor dem Abbiegen Handzeichen geben und wenn sie nicht unvermittelt rechts an mir vorbeifahren würden (sondern links überholen). Auch ich schüttle über manche Radler oder Radlerinnen den Kopf, weil sie links fahren, mich zu knapp überholen, die Kurven schneiden, plötzlich bremsen (gern auch als Gruppe) und anhalten, ohne auf den nachfolgenden Radverkehr zu achten, oder auf Radwegen herumstehen und sich unterhalten. 

Radfahrende kritisieren an Autofahrenden eher das, was sie für sich selbst als gefährlich empfinden. 

  • Zu enges Überholen 
  • Abbiegen, ohne auf den Vorrang geradeaus fahrender Radfahrender zu achten. Kann für uns tödlich enden 
  • beim Abbiegen die Kurve schneiden und Radfahrende in Bedrängnis bringen oder zur Notbremsung zwingen
  • Unvermittelt die Autotüren aufstoßen (Dooring), was für uns tödlich enden kann
  • Drängeln und Hupen, wenn man nicht am Fahrrad vorbeikommt
  • Halten und Parken auf Radwegen, Radfahrstreifen und Schutzstreifen, blockieren von Radwegen
  • Unterschätzen der Geschwindigkeit eines Fahrrads beim Abbiegen oder Rausfahren aus einer Seitenstraße, sodass wir Notbremsungen machen müssen. Auch das kann tödlich für uns enden.
  • Nicht sehen und nicht berücksichtigen von Radfahrenden (sogenanntes "Übersehen"). 
  • Das Auto zur Bestrafung (eigentlich als Waffe) einsetzen (dicht auffahren, eng Überholen, Ausbremsen, nachdem man sich geärgert hat)
  • Handynutzung im Auto und Ablenkung
  • zugeparkte Gehwegecken und damit Sichtbehinderung
  • Missachtung der Vorfahrt eines Radfahrenden an Kreuzungen
Auch das sind nicht alle, nicht einmal die meisten, sondern eben auch nur einige. Solche Formulierungen wie "am Zebrastreifen hält doch niemand" sind falsch, egal, ob auf Radfahrende oder Autofahrende gemünzt. Die meisten halten. 

Autofahrende stellen immer eine tödlich Gefahr für andere dar.  Tatsächlich - und das ist unabweisbare Realität - kann jedoch jede Autofahrerin und jeder Autofahrer jederzeit mit dem Auto einen oder mehrere Fußgänger:innen oder Radfahrer:innen schwer verletzen oder töten. Wir sind niemals sicher auf Straßen, auf denen Autos fahren. Es genügen ein paar Grad Lenkerbewegung, um auf dem Gehweg eine Mutter und ihre Kinder totzufahren oder schwer zu verletzen, ein Blick von zwei Sekunden aufs Handy, um den Radfahrer, der am Straßenrand fährt, nicht rechtzeitig zu sehen und auf den Kühler zu nehmen und zu töten, ein unterlassener Schulterblick, um beim Abbiegen mit dem Lkw eine Radlerin zu überrollen oder beim Tür öffnen einen Radler zu Fall zu bringen und dabei tödlich zu verletzen

Von Radfahrenden geht diese tödliche Gefahr für andere nicht aus. Zwar kommt es vor, dass ein Radfahrer einen Menschen zu Fuß zu Fall bringt und er oder sie sich dabei tödlich verletzt (überrollen kann er ihn nicht), aber zugleich mehrere Menschen mit dem Fahrrad zu töten, ist schlichtweg nicht möglich. Im Gegensatz zu Autofahrenden riskieren Radfahrende bei Fehlverhalten eher ihre eigene Gesundheit und zuweilen ihr Leben. Die meisten Radfahrenden wissen sehr gut, dass sie selber stürzen, wenn sie eine Person anrempeln oder dass jedes Schlagloch ihren eigenen Sturz zur Folge haben kann, und fahren sehr viel vorausschauender als Autofahrende. Dagegen erlaubt es die Organisation unserer Verkehrswelt Autofahrer:innen ohne große Konzentration auf den Verkehr und ohne allzugroße Weitsicht zu fahren. Sie fahren in den Grenzen einer gut gekennzeichneten Fahrbahn, die nie plötzlich aufhört, Und Begegnungen an großen Kreuzungen werden durch Ampeln geregelt. Wer aufs Rücklicht des Autos vor sich guckt und auf Ampeln achtet,  kann quasi im Halbschlaf fahren. Die meisten Fahrfehler werden durch die Sicherheitstechnik in Autos abgepuffert. Autos sind mit Airbags und Sicherheitsgurten und Überrollschutz ausgestattet und schützen ihre Insass:innen extrem gut vor den eigenen Fahrfehlern bei hohen Geschwindigkeiten.  

Was die Regeltreue von Radfahrenden im Vergleich mit Autofahrenden betrifft, schenken sich beide nichts.  Darüber gibt es reichlich Untersuchungen. Alle Verkehrsteilnehmenden brechen ungefähr gleich häufig die Verkehrsregeln (Fußgänger:innen etwas weniger). Autofahrende missachten ebenso häufig (wenn nicht häufiger) rote Ampeln, doch während sie oft noch beschleunigen und durchfahren, wenn die Ampel bereits von Gelb auf Rot gesprungen ist, fahren Radfahrende immer wieder auch mal weiter, wenn die Ampel schon lange auf Rot steht. Das fällt dann sehr auf. 

Wie überhaupt die Verstöße von Radfahrenden mehr auffallen als die von Autofahrenden. Während alle sehen, wenn ein Radfahrer auf der falschen Straßenseite, bei schon lange Rot oder auf dem Gehweg fährt, werden die Verkehrsverstöße von Autofahrenden seltener gesehen und wahrgenommen. Wenn einer 40 statt 30 km/h fährt, bemerkt man das von außen kaum, wenn der Fahrer/die Fahrerin vom Handy oder Display im Auto abgelenkt ist, sieht man das nicht, und das bei "Dunkelgelb" über die Ampel fahren, fällt auch kaum auf. Zugeparkte Gehwege registrieren wir kaum noch, weil es so sehr Usus ist und viele, die zu Fuß gehen, eben auch Autofahrende sind, die mal ihr Auto "irgendwo abstellen müssen". Der Radler auf dem Gehweg aber fällt unangenehm auf. Bei E-Scootern auf dem Gehweg ist die Aufregung übrigens schon wieder geringer.  

Fast alle Autofahrenden wollen keinen Zusammenstoß mit dem Radfahrer oder der Radlerin, schon gar nicht wollen sie dabei einen Menschen schwer verletzen oder töten. Es lebt sich schlecht mit dem Bewusstsein, einen Menschen tot gefahren und seiner Familie für den Rest des Lebens großes Leid zugefügt zu haben, und zwar egal, ob man selber allein schuld war oder dem Radfahrer die Schuld geben kann. Den meisten Autofahrenden ist mehr oder weniger deutlich bewusst, dass jederzeit was passieren kann: Ein Kind rennt vors Auto, man hat den Radfahrer beim Abbiegen nicht kommen sehen und so weiter. Kleine Fehler können im Straßenverkehr sehr große Folgen haben. Deshalb haben die meisten Autofahrenden große Angst vor der "Unberechenbarkeit" und "Unsichtbarkeit" von Radfahrenden. Ich denke, der Zorn vieler Autofahrender auf Radler:innen ist eine Kompensation dieser Angst, einen Menschen auf dem Fahrrad zu "übersehen" und zu töten. (Abhilfe schafft dabei, sich stets vor Richtungswechseln oder an Kreuzungen bewusst nach Radfahrenden umschauen und sie sehen zu wollen.) 

Mehr Verständnis füreinander, mehr Geduld im Straßenverkehr (sowohl beim Radfahren als auch beim Autofahren) und mehr Aufmerksamkeit für die ungleiche Kräfteverteilung würde uns allen helfen. Und natürlich weniger übereinander schimpfen und anderen Fehler auch mal zu verziehen. Dann könnten wir vielleicht gemeinsam und in Ruhe besprechen, was besser laufen könnte bei der Organisation des Straßenverkehrs. 


5 Kommentare:

  1. Das mit dem "mehr Verständnis" füreinander strapaziert die eigene Geduld aber erheblich.
    Ich kann leider kein Verständnis mehr für Leute aufbringen, die rote Ampeln überfahren (egal welches Verkehrsmittel) oder sich sonst irgendwie idiotisch im Verkehr unterhalten. Dieses ständige "Übersehen"; wer jemanden übersieht, hat entweder nicht hingesehen oder braucht wirklich ganz dringend eine Brille. Und ständig diese Verantwortungsdiffusion weg von einem slebst hin zu dern "Anderen". Ich bin für mich und mein Verhalten selbst verantwortlich. Ich kann noch in eingeschränktem Umfang für andere mitdenken (aber warum eigentlich, haben die keinen eigenen Kopf? Für mich muss doch auch kein anderer mitdenken). Täglich bin ich im Auto am Hupen, weil wieder irgendeiner aus einer Ecke kommt, aus der er nicht kommen darf. Manchmal möchte ich am liebsten meinen Hintermann/frau anhalten und ihm erklären, dass die Physik auch für ihn gilt und 2m Abstand bei 130 km/h auf der Autobahn da wirklich überhaupt nicht ausreicht.
    Ich bin der Meinung, in den letzten Jahren ist sowohl das Verantwortungsbewusstsein als auch der Verstand irgendwo verloren gegangen. Und ständig dieses Smartphone, das kommt mir vor wie eine Droge. Nein, man muss nicht ständig mit der Welt verbunden sein. Man muss sich auch auf das konzentrieren, was man gerade tut. Gehen, Radfahren, Autofahren mit 100%iger Aufmerksamkeit auf das eigene Tun und Handlen, mit der entsprechenden Verantwortung dafür.
    Und man sollte kontrollieren, kontrollieren und kontrollieren, alle, und zum Verkerhsunterricht schicken. Wenn man die regeln nicht kennt, kann man sie nicht beachten, also muss man sie lernen und wenn man sie nciht lernt, dann hat man gerade für das gefährlichste Fahrzeug keine Berechtigung mehr, das zu führen.
    Vielleicht bin ich etwas rabiat, aber mittlerweile bin ich von dem Ganzen "den anderen den Hintern retten" durch ständige 150%ige Aufmerksamkeit leid. Die Stories, die ich aus dem Verkehr erzählen könnte, können ganze Bücher füllen und irgendwann reichts einfach. Da geht dann auch das Verständnis flöten
    Karin

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  2. Auto 1,5t bei 50 km/h 147000 J
    Radfahrer 80 kg bei 20km/h 1333 J

    DAS ist der entscheidende Unterschied, und zwar noch bevor irgendwelche Regeln gebrochen wurden. Das ist der Grund, warum Radfahrer das RECHT haben auf der Straße zu sein, aber Motorisierte eine FahrERLAUBNIS brauchen. Deren Erhalt dann vom Respekt der Regeln abhängig ist (ok, in der Realität sieht das etwas anders aus).

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    1. Der Hinweis auf die deutlich höhere kinetische Energie von Autos ist grundsätzlich richtig und unterstreicht das größere Gefährdungspotenzial. Allerdings ist der Vergleich methodisch verkürzt:
      Zum einen werden unterschiedliche Geschwindigkeiten zugrunde gelegt (50 km/h vs. 20 km/h). Dieser Unterschied beeinflusst das Ergebnis signifikant. Der Vergleich vermischt damit zwei Faktoren (Masse und Geschwindigkeit), ohne sie voneinander zu trennen. Für eine präzisere Einordnung wäre es sinnvoll, entweder gleiche Geschwindigkeiten zu vergleichen (um den reinen Masseneffekt sichtbar zu machen) oder ausdrücklich zu benennen, dass hier typische Nutzungsszenarien gegenübergestellt werden.
      Zum anderen bleibt eine weitere relevante Vergleichsgruppe unberücksichtigt: Fußgänger. Deren kinetische Energie ist nochmals deutlich geringer als die von Radfahrenden. Betrachtet man das Gefährdungspotenzial entlang dieser Größe, ergibt sich eher ein abgestuftes Gefährdungsbild statt eines reinen Entweder-oder. Das relativiert zwar nicht den großen Unterschied zwischen Auto und Fahrrad, zeigt aber, dass auch Fahrräder gegenüber schwächeren Verkehrsteilnehmenden ein erhöhtes Risiko darstellen.
      Auch die Schlussfolgerung scheint mir normativ überdehnt: Aus physikalischen Unterschieden allein lässt sich keine grundsätzliche rechtliche Hierarchie („Recht“ vs. „Erlaubnis“) ableiten, sondern allenfalls ein höherer Regulierungsbedarf.

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    2. Nö.
      Das sind die Geschwindigkeiten, die diese Fahrzeuge typischerweise fahren, somit ergibt sich ein realistischer Vergleich. Ein Radfahrer ist so gut wie nie mit 50 unterwegs, ein Autofahrer quasi nie mit 20 (selbst in 20er oder 30er-Zonen wird signifikant schneller gefahren).
      Dies ist ein Fahrradblog und in dem Post geht es hauptsächlich um das Gefahrenpotenzial von Autofahrern im Vergleich zu Radfahrern. Wie C. Lehmann schreibt, gefährdet ein Radfahrer einen Fußgänger bei weitem nicht in derselben Weise wie ein Autofahrer einen Radfahrer, vor allem nicht, ohne sich selbst zu gefährden (das rein physikalische Gefährdungspotenzial ist nicht 100-fach höher, sonder 20-fach). Autofahrer sind selbst auf Fußwegen der für Fußgänger weitaus gefährlichere Verkehrsteilnehmer, sie töten dort Dutzende Fußgänger jedes Jahr!
      Und letztens, die rechtliche Einordnung der verschiedenen Verkehrsteilnehmer ist keine Schlussfolgerung meinerseits, sondern ganz einfach die Rechtsnorm. Fußgänger, Radfahrer und Reiter haben das Recht die Straße zu benutzen, Motorisierte brauchen eine Erlaubnis. Genau umgekehrt ergibt sich das (logischerweise) aus dem um Größenordnungen höheren Gefährdungspotenzial letzterer. Dass unser Verkehrs- und unser Rechtssystem das in der Realität pervertieren, steht auf einem anderen Blatt.

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    3. Lieber marmotte27,
      tip-top eingeordnet!
      Thomas

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