22. Juli 2026

Lautenschlager Straße wird Fahrradstraße mit Hindernis

Der Gemeinderat hat beschlossen, dass die Lautenschlager Straße zwischen Bahnhof und Bolzstraße zur Fahrradstraße wird. Das ist schön. 

Leider aber soll an der Kreuzung Kronenstraße zunächst weiterhin dem Autoverkehr, der nur zu und von Parkhäusern fährt, Vorrang gegeben werden. Da  gibt es an allen vier Seiten Zebrastreifen. Später soll dort dann ein Kreisverkehr angelegt werden. Und das ist etwas verwunderlich. 

Alle, die die Strecke kennen, wissen, dass man da heute mit dem Fahrrad so gut wie immer an dem Zebrastreifen aufseiten der Stadtmitte auf Fußgänger:innen achten und oft auch anhalten muss. Der Autoverkehr, der ebenfalls wegen der Zebrastreifen meist steht oder sehr langsam rollt, muss zudem durchquert werden. Ich begegne immer wieder Autofahrenden, die damit rechnen, dass ich auf der Lautenschlagerstraße Vorrang haben könnte, und warten oder mich durchwinken, weil sie ohnehin gerade stehen. Die Situation hat schon etwas Chaotisches an sich. Aber das sind wir ja - viel schlimmer noch - von der Kreuzung Hauptradroute 1 am Tagblattturm gewöhnt. Das heißt allerdings nicht, dass das gut ist und zum Konzept für die Stadt Stuttgart werden muss: nämlich Vorfahrt für den Parkplatzzielverkehr vor der Fahrradstraße. 

Das Argument für die Beibehaltung der Vorfahrtsregel auch bei einer Fahrradstraße (die eigentlich Vorrang hat) ist nicht die Bequemlichkeit des Autoverkehrs, sondern der - wie es heißt - Schutz der Fußgänger:innen. Die müssen offenbar nicht vor dem Autoverkehr geschützt werden (der alle Zebrastreifen quert), sondern offensichtlich nur vor dem Radverkehr. Damit wird uns unterstellt, dass Radfahrende an den Zebrastreifen nicht auf Fußgänger:innen achten, sondern irgendwie blind durchbrettern. Dabei gibt es auf unseren Fahrradstraßen bereits reichlich Zebrastreifen, teils alle fünfzig Meter (wie auf der Eberhardstraße), die ebenfalls von vielen Fußgänger:innen benutzt werden. Wir haben also als Radfahrende sehr viel Erfahrung damit, dass wir auf unseren Fahrradstraßen dem Fußverkehr Vorrang gewähren müssen. 

Davon auszugehen, dass wir Radfahrenden auf der Lautenschlagerstraße nicht mit Zebrastreifen und Fußgänger:innen umgehen könnten und es deshalb gewissermaßen des Schutzes durch Autos bedarf, die auf der Vorfahrtsstraße quasi einen Wall bilden und uns ausbremsen, das ist schon ziemlich verquer gedacht und wirkt auf mich so, als halte man uns Radfahrende (im Gegensatz zu Autofahrenden) für unmündige Verkehrsteilnehmenden. 

Tatsache ist: Autofahrende stellen an Zebrastreifen für Menschen zu Fuß die weitaus größere Gefahr dar, auch weil sie breit und schwer sind. Für tödliche Unfälle an Zebrastreifen sind zu nahezu 100 Prozent Autofahrende verantwortlich. Kollisionen von Radfahrenden mit Fußgänger:innen an Zebrastreifen machen nur einen winzigen Bruchteil aus und gehen, wenn, dann  glimpflich aus. Es gibt also gar keinen Grund, zu glauben, Fußgänger:innen müssten ausgerechnet hier vor dem Radverkehr geschützt werden. Zumal sie, sobald etwas Fahrradstraße ist und sich der Autoverkehr verringert, die Fahrbahnfläche als ihre Fußgängerzone betrachten. Sie werden also überall queren. 

Um dieses Problem, das gar keines ist, sondern nur behauptet wird, zu lösen, will man später für teures Geld einen Kreisverkehr anlegen. Und dies wieder mit dem Argument, dass die Fußgänger:innen dann schmalere Fahrbahnen hätten, die sie auf dem Zebrastreifen überqueren können. Das bedeutet aber auch dass sich die Fläche verkleinert, auf der der Radverkehr den Fußverkehr quert und die Ausweichmöglichkeiten sich verringern. Normalerweise nehmen Radfahrende das Tempo raus, wenn sie sehen, dass Menschen zu Fuß den Zebrastreifen überqueren, lassen sie losgehen und fahren hinter ihnen weiter. Anhalten ist in den meisten Fällen überhaupt nicht nötig. Und es bedeutet außerdem, dass sich für Radfahrende die Fahrbahn so verengt, und sie sie hinter breiten Autos warten müssen, die vor den Zebrastreifen halten. 

Allgemein gelten innerstädtische Kreisverkehre für Fußgänger:innen als weniger gefährlich, weil die Fahrgeschwindigkeiten beim Rausfahren langsamer sind als beim Abbiegen und weil Autofahrende auf weniger Verkehr aus verschiedenen Richtungen achten müssen und Fußgänger:innen vielleicht eher sehen. An dieser Kreuzung Lautenschlager-/Kronenstraße ist der Autoverkehr allerdings wegen der Zebrastreifen bereits extrem langsam. Um ihn zu verlangsamen, braucht man den Kreisverkehr also nicht. Zudem führt die Anlage des Kreisverkehrs dazu, dass die Zebrastreifen fünf Meter weiter in die Straße hinein verlegt werden, Fußgängerinnen also auf ihrer Hauptstrecke, die Kronenstraße entlang Richtung Königstraße an der Straßenecke abbiegen und zum Zebrsstreifen hinlaufen müssen. Im Moment verbindet er direkt und bündig die beiden Gehwegseiten, so wie auch der aufseiten der Königstraße. Für sie gibt es also einen Umweg. Und Fußgänger:innen mögen auch kleine Schlenker auf ihren Wegen eigentlich gar nicht. 

Beim Radverkehr scheint es laut der UDV wiederum so zu sein, dass Kreisverkehre im Vergleich zu unbeampelten Kreuzungen das Risiko von Zusammenstößen mit Autos mit schweren Folgen verringern, allerdings die Zahl von Zusammenstößen mit leichten Verletzungen zunimmt. Nach meiner Erfahrung können Autofahrende schwer abschätzen, ob wir noch im Kreisverkehr bleiben oder schon rausfahren. Radfahrende müssen dies sehr deutlich machen, in dem sie den Arm nach links rausstrecken, wenn sie noch weiter um den Kreisel fahren, oder sie müssen sich wirklich vergewissern, dass der Autofahrer sie gesehen hat und wirklich warten wird. Das muss man mit unerfahrenen Radfahrenden eigentlich trainieren. 

Ich sehe den Vorteil eines Kreisverkehrs hier für niemanden. Genauso wenig wie ich den Nutzen einer Vorfahrtsregelung für die Kronenstraße sehe, nicht einmal für Autofahrende, die ohnehin dazu neigen, allemal bei einer Fahrradstraße, einen Vorrang des Radverkehrs anzunehmen, wenn sie nicht genau auf die Verkehrsschilder geachtet haben. Das führt zu Außerkraftsetzung der Verkehrsregeln durch Halten und Gewinke der Autofahrenden und erhöht das Risiko von Missverständnissen. 

Würde man dem Radverkehr - wenigstens erst einmal versuchsweise - an der Kronenstraße Vorrang geben, ändert sich für Fußgänger:innen nichts und der Kreisverkehr würde womöglich unnötig.

Übrigens haben wir 2015 eine solche absurde Vorfahrtsregelung für den Autoverkehr wegdemonstriert dort, wo die damals neue Fahrradstraße Tübinger Straße auf die Feinstraße trifft, die anfangs Vorrang hatte. Uns Radfahrenden hatte man sogar ein Stoppschild aufgestellt. Vernünftigerweise wurde die Regelung umgedreht, nachdem wir drei Mal fantasievolle Aktionen dort gemacht hatten. 

Müssen wir damit wieder anfangen? 

Davon abgesehen: Wir hoffen, dass im Zuge der Neugestaltung der sehr hohe Bordstein an der Verkehrsinsel vor der Rad- und Fußgängerampel zum Hauptbahnhof endlich verschwindet. Beinm Runterfahren tut es einen fürchterlichen Rums. Rauffahren soll man derzeit über diese schmale Radspur (Foto) und landet dabei mitten in den Fußgänger:innen, die queren, und zudem in der Fußgängerseite der Aufstellfläche. Das ist Chaos pur. Da hat man jetzt gar nicht daran gedacht, die Fußgänger:innen vor den Radfahrer:innen zu schützen. Auch das sollte dringend anders organisiert werden: Also Auf- und Abfahrt links an der Rad- und Fußgängerinsel mit einem wirklich eben abgesenkten Bordstein. 

An der Einmündung Thouretstaße soll der Radverkehr, der von der Bolzstraße her kommt, übrigens Vorrang erhalten. 

Durchgangs-Autoverkehr soll es nicht mehr geben, Im Grunde ist er jetzt schon verboten. Der Lieferverkehr darf zu bestimmten Zeiten rein. Und da es Parkplätze gibt, die unverändert bleiben sollen, werden vermutlich immer Autos herumfahren und herumstehen, auch dort, wo sie gar nicht stehen dürfen. So wie das derzeit auch der Fall ist. 

Und das Pflaster auf dem Teil der Lautenschlagerstaße zur Bolzstraße hin ist bereits wieder wacklig (wegen des vielen Autoverkehrs) und gar nicht radfahrgemäß. Auf diesem Straßenabschnitt ist außerdem mittags und abends ein oft blicklos querendes oder längs spazierendes Gastronomie-Punlikum unterwegs, das - wie auch in der Tübinger Straße im Abschnitt am Gerber - wenig Verständnis und wenig Respekt vor dem Radverkehr auf der Fahrbahn hat. 

Und auf die Fortführung am Ende der Lautenschlager Straße bin ich auch gespannt. Bisher löst sich ja an der Bolzstraße alles auf und uns bliebt Richtung Süden nur der freigegeben Gehweg, oder der Weg über die Bolzstraße auf Kopfsteinpflaster am Neuen Schloss vorbei. 


6 Kommentare:

  1. Wieso MÜSSEN Radfahrende im Kreisverkehr den linken Arm ausstrecken, wenn sie im Kreisverkehr bleiben? Mir ist dafür keine Regelung in der StVO bekannt. Zum Kreisverkehr kenne ich lediglich die Vorschrift, dass das Verlassen des Kreisverkehrs anzuzeigen ist – per Fahrtrichtungsanzeiger bzw. beim Fahrrad in der Regel per Handzeichen.

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    1. Das war vermutlich bezogen auf "entweder machen sie dies, oder es passiert jenes". Radfahrende müssen grundsätzlich keine Fahrrichtungsänderung anzeigen- das Armrausstrecken ist optional, wichtiger ist es, den Lenker fest mit beiden Händen im Griff zu haben.

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    2. Das müssen sie nicht ,aber es kann lebensrettend sein, und ich sehe auch Radelnde, die das machen, um den Autofahrenden hinter sich und denen, die einfahren Wollen, deutlichst zu zeigen, dass sei nicht gleich wieder rausfahren, sondern weiter um den Kreisel fahren.

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    3. „Radfahrende müssen grundsätzlich keine Fahrtrichtungsänderung anzeigen“? Dann sollten wir uns vielleicht noch einmal § 9 Abs. 1 StVO anschauen.

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  2. Die inflationäre Verteilung von Zebrastreifen auf Fahrradstraßen soll einen Mittelfinger der Autofraktion darstellen: wenn sie die Autohoheit schon verlieren, soll es der Radverkehr auch nicht leicht haben. Zwei Überwege sind übrigens nur 15m von einander entfernt und ein anderer 40- also sogar erheblich weniger als die genannten 50m.

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  3. Ich fürchte da eher eine Verschlechterung, durch den Kreisverkehr und seine beschriebenen Gefahren wie Stau und übersehen werden. Die eigentlichen Schwachstellen werden offenbar nicht angegangen: Das Chaos am Hauptbahnhof Richtung Heilbronner wird uns noch Jahre erhalten bleiben, und für die Weiterführung oben sehe ich auch kein brauchbares Konzept. Laut StZ soll es "um den Palast der Republik herum in die Friedrichsstraße" gehen und von dort über den (Fußgänger?) Überweg. Das klingt nach einer Murkslösung wie das Links abbiegen am Berliner Platz. Die meisten werden weiterhin geradeaus fahren und sich mit Fußgängern und der Gastro um den knappen Platz streiten...

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