Die meisten Autofahrenden gefährden uns Radfahrende tatsächlich nicht. Wir nehmen sie aber gar nicht besonders wahr, sie sind Teil des Straßenverkehrs, in dem wir uns mit dem Fahrrad bewegen. Wir merken uns auch keine anderen Radfahrenden, keine Fußgänger:innen und keine Autofahrenden, mit den es nicht zu einem Konflikt kommt. Und das sind auf all unseren Wegen die allermeisten. Ich merke mir aber sehr wohl Autofahrende, die sich mir gegenüber besonders aufmerksam oder nobel verhalten, besonders in solchen Situationen, wo ich halt auch immer wieder Konflikte erlebe:
- Das sind Autofahrende, die sehen, wenn ich auf einem Radfahrstreifen von hinten komme, anhalten und mit dem Rechtsabbiegen warten, bis ich vorbei gefahren bin.
- Oder sie bremsen, wenn sie mir in einer beidseitig zugeparkten Straße entgegenkommen, wo wir nur gerade so aneinander vorbeikommen. Oder sie fahren auf ihrer Seite in eine Parklücke hinein und lassen mich durchfahren, was ich besonders dann nett finde, wenn ich bergauf radle.
- Sie bedanken sich per Handzeichen, wenn ich meinerseits in eine Parklücke ausgewichen bin, damit sie durchfahren können.
- Es gibt Autofahrende, die bremsen, wenn sie sehen, dass ein Radweg die Seitenstraße quert, in die sie einbiegen wollen. Manche halten auch dort an, wo sie es nicht müssen, weil die Radquerung mehr als fünf Meter von der Kreuzungsecke entfernt liegt. (Das passiert an der Ampel an der Planie manchmal, wenn die Schwarzampel dunkel ist, Autofahrende aber die vielen Radfahrenden sehen. Dieses Zögern und sich orientieren, bevor man nach dem Abbiegen weiterfährt, finde ich sehr lobenswert.
- Sie bremsen sogar an einem Zebrastreifen, den ich auf den Fahrrad sitzend nutzen möchte, um dabei auf die Fahrbahn einzubiegen, und lassen mich fahren, obgleich ich auf dem Rad sitzend keinerlei Vorrang vor dem Autoverkehr habe.
- Sie bleiben hinter mir, wenn ich auf einem sogenannten Schutzstreifen entlang geparkter Autos radle, von denen ich Abstand halten muss. Sie arten den Gegenverkehr ab, sie überholen nicht Seitenspiegel-eng.
- Sie halten zum Be- und Entladen nicht auf dem Radstreifen, sondern links daneben auf dem Fahrstreifen (Bild oben).
Nette menschen fallen genauso auf und bleiben mir vielleicht sogar noch länger in Erinnerung, als sich nicht nett verhaltende Menschen. Und deshalb schreibe ich hier mal drüber. Mir fällt nicht nur derjenige auf, der mit seinem Porsche Cayenne zwei Meter inter meinem Hinterrad eine Steilstrecke hinauf röhrt einfach keinen Abstand halten will, oder diejenige, die vor meinem Vorderrad aus einer Einfahrt auf die Fahrbahn fährt, ohne auf mich zu achten. Oder der Fahrer, der mich mit einem halben Meter Abstand überholt und auch noch anhupt, die SUV-Fahrerin, die mir in einer schmalen Wohnstraße im Affenzahn entgegenkommt und erwartet, dass ich vor ihr auf den Gehweg ausweiche, und mit dann anbrüllt: Fahr Radweg! (wo keiner ist). Oder den Fahrer, der die Spur nach rechts wechselt und mich gegen den Bordstein drängt und dann davon fährt, obgleich ich (fast) gestürzt bin.
Die vielen Autofahrenden, die in ihrer Spur bleiben, ordentlich blinken, bevor sie abbiegen oder rechts ran fahren, beim Überholen Abstand halten, nicht hupen und mich nicht anbrüllen, nicht auf Schutzstreifen fahren und nicht auf Radstreifen anhalten, die fallen mir - und allen, die wir Rad fahren - nicht auf.
Das ist umgekehrt bei Radfahrenden auch so. Wir sehen vor allem diejenigen, die eine Regel verletzen, die vielen anderen, sehen wir nicht. Es gibt viele Radfahrende (die meisten), die bei Rot halten, die an Zebrastreifen den Fußgänger:innen Vorrang geben, die den Arm rausstrecken, bevor sie abbiegen, die in der richtigen Richtung auf dem Radweg oder Radfahrstreifen fahren und die nicht auf Gehwegen radeln, die nicht fürs Fahrrad freigegeben sind. Den Menschen, die in den Autos sitzen, fallen vielleicht auch mal Radfahrende auf, die ihnen per Handzeichen Vorrang geben, obgleich sie selbst Vorfahrt gehabt hätten, damit ein Abbiegevorgang sich schneller abwickeln lässt. Ihnen fällt aber bestimmt der Radler auf, der nicht an der roten Ampel anhält, auf den Gehweg fährt oder am Zebrastreifen noch rasch vor dem Fußgänger durchgefahren ist.
Dass wir vor allem diejenigen Verkehrsteilnehmer:innen sehen, die etwas tun, was uns ärgert und was wir falsch finden - auch weil es objektiv falsch ist -, gehört zu unseren vielen Wahrnehmungsverzerrungen. Der eine Radfahrer von den hundert, die wir gar nicht groß wahrgenommen haben, der auf dem Gehweg fährt, dient uns dann als Bestätigung dafür, dass "alle" Radfahrer:innen ständig die Regeln verletzen oder "Radfahrer sich an gar keine Regeln halten".
Die Fehler einzelner Autofahrender werden übrigens weniger pauschal der ganze Autofahrerschaft angerechnet. Fehler, die Autofahrende machen, werden in der Regel als individuelle Fehler betrachtet für die es einen individuellen Grund gibt: z.B.: Der/die parkt auf dem Gehweg, weil er/sie es eilig hat und es zu wenig Parkplätze gibt. Und wenn ein Fußgänger bei Fußgängerrot über die Straße geht, halten wir das nicht für typisch für alle Fußgänger:innen, sondern sehen das als individuelles riskantes Verhalten. Demgegenüber betrachten Etliche das Fehlverhalten von Radfahrenden eher nicht als individuelles Fehlverhalten, für das es vielleicht einen Grund gibt (z.B.: Die fährt auf dem Gehweg, weil sie vorhin auf der Fahrbahn fast von einem Autofahrer umgenietet worden wäre). Wir Radfahrenden sind in der Verkehrswelt in diesem Punkt in einer besonderen Situation. Wir sind die, die Fußgänger:innen nicht auf ihren Verkehrsflächen und Autofahrende nicht auf ihren Flächen haben wollen, aber wenige eigene Flächen haben. Für die einen sind wir zu langsam, für die anderen zu schnell. Und es ist - wie ich mit Staunen beobachten musste - gesellschaftlich völlig akzeptabel zu sagen: "Ich hasse Radfahrer."
Wir neigen überdies dazu, zu glauben, dass Fehler und Verstöße vor allem die anderen begehen, wir selbst oder unsere eigene Gruppe nicht. Auch das ist eine Wahrnehmungsverzerrung. Denn wir können davon ausgehen, dass die meisten anderen ungefähr so gut oder schlecht sind wie wir selbst, und was wir selbst nicht tun, tun die meisten anderen auch nicht. Und deshalb sind Regelverstöße unter allen Verkehrsteilnehmenden ungefähr gleich häufig, wenn auch jeweils andere.
Es gibt verschiedene Studien zu Regelverstößen unter Radfahrenden und Autofahrenden. Der Auto Club Europa (ACE) stellte 2019 fest, dass 40 Prozent der Autofahrenden und knapp 36 Prozent der Radfahrenden regelmäßig die Verkehrsregeln verletzten. Dafür wurde das Verhalten von 50.000 Leuten ausgewertet: 30 Prozent der Autofahrenden gucken nicht nach hinten (Schulterblick), bevor sie abbiegen, 10 Prozent blinken nicht, 2,2 Prozent nutzen das Smartphone, 1,29 Prozent fahren bei Rot, 1 Prozent missachtet die Vorfahrt im Kreuzungsbereich. Bei den Radfahrenden fahren 18 Prozent auf dem Fußweg (hier Gehwegüberfahrt genannt, die eigentlich nicht verboten ist, denn auch Autofahrende überfahren den Gehweg, wenn sie aus einer Grundstückseinfahrt rausfahren, gemeint aber wohl die Fahrt auf dem Gehweg), 7,4 Prozent strecken vor dem Abbiegen nicht den Arm raus, 5 Prozent nutzen die Fahrbahn statt des Radwegs. Eine Kopenhagener Studie (die Rambøll-Studie), veröffentlich 2019) zeigte darüber hinaus, dass bei guter Radinfrastruktur nur 5 Prozent der Radfahrenden die Regeln verletzten, während 66 Prozent der Autofahrenden Regelverstöße begingen. Und die Studie Scofflaw bicycling: illegal but rational gewann aus einer online-Befragungen von rund 18.000 Menschen die Erkenntnis, dass fast alle Autofahrenden, Radfahrenden und Fußgänger:innen Regeln verletzen, Autofahrende zu 99 Prozent, Radfahrende zu 97 Prozent und Fußgänger:innen zu 95 Prozent.
Es gibt keine wissenschaftlich anerkannte Studie, die zu dem Ergebnis kommt, dass Radfahrende mehr Regelverstöße begehen als Autofahrende. Es gibt allerdings Studien, über die subjektive Wahrnehmung von Radfahrenden, und nur dort schneiden sie schlechter ab als Autofahrende. Radfahrende haben also völlig zu Unrecht einen schlechten Ruf. Hinzu kommt, dass die Folgen von Regelverstößen durch Autofahrende für andere Menschen sehr viel folgenschwerer sind als die von Radfahrenden, den Autos sind schnell und schwer und mit ihnen töten ihre Fahrer:innen doch recht viele Menschen, manchmal mehrere gleichzeitig. Autofahrende haben auch das höhere Unfallrisiko.
Es stimmt, die auffälligen Verkehrsteilnehmer sind wenige, aber leider begegnet man ja jeden Tag so vielen anderen Verkehrsteilnehmern, dass am Ende des Tages dann doch ein paar weniger nette mit dabei waren. Und das sind halt dann die paar Situationen an die man sich erinnert.
AntwortenLöschenMeiner Meinung nach kommt bei der Wahrnehmung von Radfahrern aber noch was dazu: man Erwartet von Radfahrern besondere Rücksicht. das Betrifft Fußgänger die über den Radweg laufen ohne zu schauen und sich dann über die Radfahrer aufregen die nicht aufgepasst haben, das Betrifft Autofahrer die beim Abbiegen einen Radfahrer zur Notbremsung zwingen und, obwohl der Radler das geschafft hat, meinen der Radfahrer wäre viel zu schnell gewesen um ihn rechtzeitig zu sehen.
Sehr oft wenn über das Fehlverhalten oder auch rüpelhafte Verhalten von Radlern gelästert wird, handeln die Radfahrer korrekt, andere weniger korrekt und dadurch entsteht ein Konflikt, den in den Augen viel zu vieler nicht oder auch Radfahrer auf das Verhalten der Radler zurückzuführen ist.
Fast unter jedem Bericht über Abbiegeunfällen findet man den Hinweis, dass ein "Auch Radfahrer" niemals Probleme mit abbiegenden KFZ hat, weil er ja auch mal auf seinen Vorrang verzichtet und eben langsam fährt.
Zumindest im meiner Blase gibt es keine Pauschalisierung beim Fehlverhalten von Autofahrern, weil wir ja alle Autofahrer sind, aber eben nicht auf allen Wegen.
Pauschalisierung fällt leichter wenn man selber nicht zu einer Gruppe gehört, und es gibt halt viele Menschen die das Rad maximal in der Freizeit als Alternative zum Spazierengehen nutzen, und die meinen sie hätten mit den Menschen, die das Rad als Verkehrsmittel oder zum schnell fahren nutzen, so gar nichts gemein.