13. Juli 2014

Baustellenalarm - so geht das nicht!

Wer unbedingt erreichen will, dass Radfahrer sich lieber auf ihren Pfadfindersinn verlassen, muss nur eine solche Umleitung konstruieren wie an der Heilbronnerstraße linksseitig stadtauswärts an der Vordernbergstraße Richtung Türlenstraße. 

Das Umleitungsschild weist Radfahrer, die hier bisher bequem gerade aus fahren konnten, nach links die Vordernbergstraße hinauf. Und da geht es wirklich HINAUF.

Mich hat ein Facebook- und Blogleser alarmiert. "Guck dir das mal an! Die schicken die Radler auf einen riesigen Umweg."

Ich habe ein Weile kopfschüttelnd hingeguckt und mich gefragt, was die Schilder genau bedeuten. Wir sehen das blaue Radwegschild. Okay, also geradeaus. Wir sehen das gelbe Umleitungsschild. Darunter hängt ein Schild für Rollstuhlfahrer, das wohl meint, die können weiter rollen. Wir sehen, dass Autofahrer vor Radfahrern gewarnt werden, die hier die Straße kreuzen. Wir sehen im weiteren Veraluf des Wegs eine Rampe. Und von dort kommt ein Radler. Sollen wir hier also wirklich den steilen Berg hinauf, oder ist das nur wieder eine von diesen missverständlichen Umleitungsschildern, die falsch stehen oder falsch gedreht sind?

Es scheint mir so ausgeschlossen, dass man die Radfahrer hier wirklich den Berg hinauf schickt, dass ich mich entschließe, dem blauen Radwegschild und meiner Ortskenntnis mehr zu vertrauen.

Und noch was spricht dafür, dass Radler doch geradeaus weiter und über die Rampe dürfen: Wenn man von oben kommt und stadteinwärts will, steht da ein Radweg-/Fußweg-Schild. (Foto unten.) Man darf also die Rampe nehmen.

Die Beschilderung ist inkonsistent und absolut missverständlich, denke ich. Wäre nicht das erste Mal. 

Aber falsch gedacht. 

Denn hier hat sich einer was gedacht, aber so was von gedacht, ausgeklügelt geradezu - teuflisch ausgeknobelt. 

Radler sollen nämlich doch den Berg hoch ächzen. Das erkennt man an dem oben aufgestellten Umleitungsschild. Mit meinem Pedelec bin ich den Berg auch ganz gut raufgekommen, der typische Gehwegfahrer dürfte hier schon mehr Schwierigkeiten haben. Und kein Radler fährt unnötig Berge hoch, wenn es einen steigungslosen Weg gibt.

Wer sich auskennt, ahnt, was kommt. Die Straße führt zur Türlenstraße. (Foto unten) und die hat keinen Überweg, weder für Radler noch für Fußgänger. Man unterquert die Einmündung der Türlenstraße in die Heilbronnerstraße nämlich durch die U-Bahnhaltestelle. Radfahrer können da auch durch (der Radweg führt genau dort hin), allerdings müssen Radler absteigen und schieben.

Am Ausgang der Umleitungsstraße stoßen wir also auf die viel befahrene Türlenstraße. Wenn man sie als Radler kreuzen will, dann geht das nur hier, über vier Spuren hinweg, denn weiter unten an der Einmündung sind auf beiden Seiten die Bordsteine sehr hoch.

Also, dann mal los, rüber über die Straße! Warten, gucken, Lücke abpassen, zügig starten, schnell rüber auf den Gehweg, der drüben auch gar nicht freigegeben ist.

Nein, das mache ich doch nicht.

Ich fahre rechts, nicht auf dem Gehweg, denn der ist nicht freigegeben, sondern auf der Fahrbahn. Da es unten keinen Überweg gibt, fahre ich auf stadtwärts wieder auf den Rad/Gehweg, und mache an am Eingang der Unterführungen einen U-Turn, um endlich wieder in der gewünschten Richtung stadtauswärs unterwegs zu sein.
(Siehe Karte unten)

Das ist nicht gut. Es wirkt wie eine Verhöhnung von Radfahrern. Ich habe für verrückte Radlersituationen das Wort "Gaga". Diese hier würde von mir eine Doppel-Gaga bekommen, wenn es nicht so ernst wäre.

Ich verstehe, dass man den Radlern die Rampe nur in einer Richtung erlauben will. Sie ist eng und unübersichtlich. Aber Enge ist an anderen Baustellen kein Grund, nicht Radler sogar ausdrücklich dort lang zu schicken, etwa wie in der Rosensteinstraße, nur um zu verhindern, dass Radfahrer auf der Fahrbahn fahren. "Wer als Radler den Umweg nicht nehmen will", höre ich jetzt schon die Verantwortlichen achselzuckend erklären, "der kann ja absteigen und über die Rampe schieben."

Jawoll, wir haben das Rad nämlich zum Schieben dabei, nicht um zu fahren.

Ich finde diese Umleitung ausgesprochen respektlos den Alltagsradlern gegenüber, für die das der Weg zur Arbeit und nach Hause ist. Man jagt sie hier

  • erstens eine ordentliche Steigung hinauf
  • zweitens auf eine vierspurige Straße ohne Übergang auf die andere Seite. 
  • und drittens mit einer inkonsistenten Beschilderung (das Radwegschild ist nicht verhängt. Und Radwegschilder stehen oft in großer Entfernung vom Radweg) 

Der Radler, der mich alarmiert hat, hat mir gestanden, dass er das Schild nicht glauben konnte und dann eben doch vorsichtig über die Rampe geradelt ist. Ich habe es genauso bemacht und ihm versichert, dass die Schilder hat inkonsistent und missverständlich sind. Beim zweiten Mal bin ich dann den Berg hochgefahren, um mich zu vergewissern, dass ich die Schilder richtig verstanden habe. Und nun muss ich zugeben, dass ich mich granatenmäßig geirrt habe. Und zwar auch in meinem Vertrauen darauf, dass die Verantwortlichen in der Stadt so was niemals machen würden, doch nicht mehr in der heutigen Zeit, wo man auf Radfahrer Acht gibt und ihnen das Radeln leichter macht.

Und jetzt frage ich mich: Wer denkt sich so was aus?



Kommentare:

  1. "Und jetzt frage ich mich: Wer denkt sich so was aus?"
    Ihr Ansprechpartner für verkehrsrechtliche Anordnungen:
    Tiefbauamt
    Hohe Straße 25
    70176 Stuttgart
    S-Mitte

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  2. Vielen Danke, lieber Anonymus. Ich nehme mal an, Sie sind nicht vom Tiebfbauamt und fordern mich hier auf, die Fragen lieber nicht öffentlich, sonderen direkt zu diskutieren. Ich habe schon zwei Gelbe Karten geschrieben, ich könnte noch eine dritte schreiben, aber das ist - denke ich nach reiflicher Überlegung - doch nicht mein Mittel. Ich veröffentliche eben das, was ich sehe. Nicht mehr und nicht weniger. Und vielen Dank für die Anteilnahme. (Die Frage "Wer denkt sich so was aus?" ist auch eher eine rhetorische Frage. Aber das haben Sie sich sicherlich auch gedacht.)

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  3. Natürlich muss das ("Wer denkt sich so was aus?") eine rhetorische Frage sein, da Ihnen sehr wohl klar ist, wer diesen Unsinn verzapft.
    Darüber zu bloggen ist unterhaltsam und sichert auf Jahrzehnte hinaus genügend Material, ändert aber leider herzlich wenig an den Verhältnissen. Wozu sind Sie in die Politik gegangen? Doch wohl, um nicht nur über Dinge zu mäkeln, sondern sie zu verändern!
    Der richtige Ansatz hier wäre Kontakt mit der Stelle, die die verkehrsrechtliche Anordnung herausgegeben hat, möglichst mit konkretem Verbesserungsvorschlag. Ich würde nicht behaupten, dass sich dadurch immer sofort alles zum Besten wendet. Aber diese Ämter sind auch keineswegs auf beiden Ohren taub. Und wenn doch, dann sind Sie ja schon ein ganzes Stück einflussreicher als Otto-Normal-Radler, um die Verhältnisse zu verändern. Viel Erfolg!

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  4. Schade, dass Sie meine Antwort wieder gelöscht haben! Haben Sie sich ertappt gefühlt?

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  5. EDIT: Bitte entschuldigen Sie den Verdacht. Bei reload der Seite war die Antwort dann doch noch da.

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  6. Liebe Anonymus, Sie haben schon Recht, das Bloggen ist das eine. Und in der Tat kann ich auch politisch handeln, allerdings nur im Stuttgarter Süden, wo ich Bezirksbeirätin bin, und nicht im Innenstadtbereich. Und wenn ich eine Gelbe Karte schreibe, bekomme ich auch Antwort, allerdings nicht schneller als alle anderen auch. Politik ist ein äußerst langwieriges Geschäft. Aber ich denke noch mal drüber nach, ob ich auch anfangen sollte, auf Ämtern anzurufen. (Aber da erreichen nicht mal Bezirksvorsteher gleich etwas.)

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  7. Meine Erfahrung zu den gelben Karten ist schlecht. Entweder kommt keine Antwort, oder erst nach mehreren Wochen, wenn sich der Mißstand schon von alleine gelöst hat.

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    1. Meine auch. Man bekommt sehr spät Antwort. Allerdings sehe ich auch, dass ich mich in meinen Fällen über Dinge beschwert habe, die sich tatsächlich schnell von selber lösen mussten, weil sie untragbar waren. Nur dass es halt einen Tag lang so war oder ein paar Tage, bevor Abhilfe kam. Ich bin im Moment unschlüssig, ob das ein gutes Mittel ist. Es wirkt ein bisschen querolatorisch und verbeißt sich in Einzelheiten. Na ja ...

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    2. Das wundert mich, denn an anderer Stelle in den Kommentaren empfiehlst du die gelbe Karte als Möglichkeit, Mißstände zu melden. Bei mir ging's im letzten Fall um Sperrmüll, der Fahrradabstellplätze blockierte. Die Blockade ging nach meiner Meldung noch Tage. Irgendwann wurde der Sperrmüll wohl regulär abgeholt, Wochen(!) später kam dann eine Antwort, daß sie nichts gefunden hätten. Und das war nur ein Beispiel.

      Überhaupt wundere ich mich in letzter Zeit, und zwar leider über deine Statements hier im Blog. Beispiel: bei der Neckarstraße freust du dich, daß die Stadt Stuttgart auf die Bedürfnisse der Radfahrer eingehen würde (mal davon abgesehen daß wir an der Stelle verschiedener Meinung sind), in deinem Beitrag hier beklagst du dich aber dann wieder darüber, welchen Stellenwert der Radverkehr für Stuttgart hat. Oder du befürwortest Schutzstreifen, an anderer Stelle äusserst du dich wieder gegenteilig. Ich wundere mich nur.

      Den Stellenwert des Radverkehrs sieht man an vielen Beispielen in der Stadt, nicht zuletzt in der Fahrradstraße. Dort durch wurde die Linie der Stuttgart Tours gelegt. Nicht nur durch die Eberhardtstraße, auch durch die Marktstraße. Also eine Straße, die eigentlich nur für Taxen und zu gewissen Zeiten für den Lieferverkehrs freigegeben ist, was wegen der Marktzeiten schon illusorisch ist, dort fährt und hält auch noch ein Bus durch. Und blockiert damit alles. Das ist der wirkliche Stellenwert, nämlich außer Lippenbekenntnisse tut sich hier nichts für Radfahrer.

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  8. In der Zwischenzeit ist auch das Fahren in Richtung Bahnhof aus der Unterführung Stadtbibliothek kommend nicht mehr erlaubt. Der Radfahrer soll die gleiche Umleitung fahren. Das ist besonders gefährlich beim Linksabbiegen in die Räpplenstraße. Dem aus der Räpplenstraße komenden Autofahrer ist die Sicht sowieso stark eingeschränkt wegen der Mauer der IHK. Nun hat er auch mit Fahrradfahrern welche von rechts auf dem Gehweg kommend (aus der "falschen Richtung" sozusagen) und Vorfahrt haben zu rechnen. Dass es an dieser Stelle bisher noch zu keinem Unfall kam ist dem gesunden Menschenverstand der Fahrradfaher zuzuschreiben - sie wissen nämlich, dass ein Fahrradfahrer in Stuttgart grundsätzlich keine Vorfahrt hat bzw sie erkennen die Umleitung sofort als Unsinn :-). Besonders beschämend finde ich allerdings, dass diese Umleitung auch für Rollstuhlfahrer gilt. Die Begründung "steile Rampe" ist peinlich für die SSB und die Stadt Stuttgart. Die Umleitung ist mindesten genauso steil, dafür aber 10 mal länger. Die SSB hat es schlichtweg versäumt, genügend Platz für Fußgänger, Behinderte und Fahrradfahrer an ihrer S21 Baustelle zu schaffen. Projektleiter für diese Baustelle ist ein Herr Schröder aus dem Tiefbauamt. Peinlich für einen grünen Oberbürgermeister.
    Ein Anwohner aus dem Postdörfle der aus Sicherheitsgründen in der Zwischenzeit auf die Heilbronnerstraße ausweicht.

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  9. Danke für den Hinweis. Da muss ich noch mal drüber schreiben.

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