2. April 2018

Womit sich die Stabsstelle Fahrradverkehr beschäftigen könnte

Bundesverkehrsminister Scheuer hätte gerne gar keine Toten im Straßenverkehr mehr. Und er will eine Stabstelle für den Radverkehr einsetzen.

In verschiedenen Medien ist zu lesen, dass er meint: "... Insbesondere im städtischen Verkehr gibt es für Radfahrer gefährliche Situationen. Das Miteinander von Autos, Bussen und Fahrrädern funktioniert oft nicht gut." Nicht genannt hat er hier eines der gefährlichsten Fahrzeuge für Radfahrende, die Lastwagen. Erst vor knapp einer Woche hat in Leipzig ein LkW-Fahrer beim Rechtsabbiegen eine 31 Jahre junge Frau tot gefahren (Einzelheiten siehe unten).

Scheuer setzt zunächst einmal bei der Sicherheit auf technische Nachrüstung und digitale Vernetzung des Autoverkehrs. Bemerkenswert , dass er nicht schon mal medienwirksam eine Helmpflicht für Radler fordert und dass er erklärt, jeder Verkehrsteilnehmer müsse seinen ganz persönlichen Beitrag leisten, die Fahrer von Autos, Bussen, Lkw genauso wie Radfahrer und Fußgänger. Nehmen wir mal an, dass seine geplante Stabsstelle Radverkehr ihm weitere Ansatzpunkte verschafft.  Ich hätte hier schon mal ein paar Vorschläge für mehr Sicherheit von Radfahrenden im Stadtverkehr:



1. Für Radfahrer sichere Kreuzungen anlegen: deutliche Markierungen, vorgezogene Radstreifen, Verkehrsinseln, Radwege, die eine Sichtbeziehung zum Autofahrer herstellen etc.
2. Vorgezogene Radstreifen an Kreuzungen mit Radfahrer-Ampeln die drei Sekunden vor dem Autoverkehr Grün bekommt.
3. Radfahrer dürfen an T-Kreuzungen (Bordstein rechts) geradeaus weiter fahren und an anderen Kreuzungen rechts abbiegen, auch wenn die Autoampel Rot zeigt (Grüner Pfeil).
4. Radfahrer dürfen grundsätzlich nebeneinander radeln. Das zeigt Autofahrern dann, dass sie zum Überholen auf die Gegenfahrbahn oder auf die linke von zwei Spuren wechseln müssen.
5. Radstreifen liegen nicht in der Dooring-Zone
6. Radfahrende werden nicht über Busspuren geleitet, weil man keine Radstreifen anlegen will (vor allem nicht über viel befahrene Busspuren, denn auch Busfahrer/innen sind nur Menschen).
7. Radfahrende werden nicht mehr  Gehwege und Fußgängerampeln geschickt (Fußgänger und Radler trennen), denn Autofahrer rechnen nicht mit Fahrrädern, die von Gehwegen kommen.
8. Für alle Autos werden Abbiegeassystenten verpflichtend eingeführt.
9. Durch Kreisverkehre werden Radstreifen mittig auf der Fahrspur hindurch geführt.

Leipzig, Prager Str. (Google Maps) 
Das gefährlichste für Radfahrende sind in der Tat Verkehrsknoten, wo Autofahrer die Richtung ändern. Das zeigt wieder einmal der tödliche Unfall in Leipzig. Er ereignete sich auf der Prager Straße. Der LkW fuhr hunderte von Metern neben der Radfahrerin her, die allerdings durch einen Grünstreifen mit Bäumen optisch von ihm getrennt war. Als er nach rechts in die Kommandant-Prendel-Allee abbog, fuhr die Radlerin gerade auf dem Radstreifen geradeaus weiter. Sie wurde vom LkW-Fahrer überrollt und starb einige Tage später im Krankenhaus. Das Foto von Google-Maps zeigt diese Abbiegestelle. Und sie ist leider klassisch: Keine Sichtbeziehung zwischen Radler und Fahrer, Rechtsabbieger und geradeaus fahrende Radler haben gleichzeitig Grün.

Heilbronner Str. Radweg mit vielen Überquereungen
Mich graust es jedes Mal, wenn ich von solchen Unfällen erfahre, denn man kann als Radfahrerin kaum etwas dagegen tun. Ich habe mal angefangen,  an jeder Einbiegestelle über den Radweg zu bremsen und mich nach links hinten umzuschauen und abzuwägen: Fährt ein Auto neben oder knapp hinter mir, wird der Fahrer blinken, wenn er jetzt nach rechts abbiegt oder nicht, hat er mich gesehen?  Das exerziere ich jeden Monat einmal durch, wenn ich die Heilbronner Straße über den Pragsattel nach Stammheim radle und stelle fest: Es ist nicht praktikabel. Ich muss mich darauf verlassen können, dass Autofahrende Vorsicht walten lassen und mit mir rechnen. Auf den Radwegen entlang der Heilbronner Straße hat bereits etliche Unfälle gegeben, einige davon schwere, weil Autofahrer über den Radweg (der auf dem Gehweg verläuft) in eine Tiefgarage, eine Tankstelle oder zu einem Parkplatz eingebogen sind. Eigentlich ist das ein unhaltbarer Zustand.

Immer wieder versichern mir Kommentatoren, dass LkW heute mit einem halben Dutzend Außenspiegeln versehen sind, sodass keinen Toten Winkel mehr gibt. Aber das reicht offenbar nicht. Es braucht einen Abbiege Assistenten wie in die UDV schon lange fordert. Davon redet Scheurle allerdings auch nicht. Ich bin gespannt, welche Problem sich seine Stabsstelle ausguckt und welche Lösungen sie vorschlägt. Hoffentlich nicht solche, die die Radfahrenden wiederum beschränken, statt ihn bequemer und sicherer zu machen.

Kommentare:

  1. Unser Verkehrsminister hat also ein Ziel. Das da heißt "keine Verkehrstoten mehr". Gut, in der Politik wird daraus eine "deutliche Senkung" oder etwas Ähnliches.

    Dem Mann kann geholfen werden. Er verlasse seinen regional geprägten Erfahrungsschatz und schaue nach Westen, konkret in die Niederlande.

    Unser Nachbarland verzeichnete 2016 629 Verkehrstote, 8 mehr als 2015. Und 2015 waren es 52 mehr als 2014.

    Das sind natürlich viel kleinere Zahlen als bei uns. Interessant wird eine andere Betrachtungsweise. In NL sterben 28 Menschen pro 1 Million Einwohner im Straßenverkehr. Bei uns sind es 42. Führen wir also holländische Verhältnisse, haben wir also die Chance, einem Drittel der rund 3200 Verkehrstoten in Deutschland das Leben zu retten. Also über 1000 Menschen.

    Frisch auf, Herr Scheuer, ran an's Werk 😁

    In NL steigen seit 2 Jahren die Zahlen wieder, um 8 bzw 52 Tote im Jahr. Als Konsequenz wird unter anderem darüber nachgedacht, Tempolimits deutlich zu senken. Innerorts von 50 auf 30, auf Landstraßen von 80 auf 60.Und auch die 130 auf Autobahnen werden überdacht.

    Pragmatische und einfache Maßnahmen, deren Erfolg oder Misserfolg schnell sichtbar und messbar werden.

    Noch ein Wort zu Deinem Artikel: Radler dürfen grundsätzlich nebeneinander fahren, solange sie den nachfolgenden Verkehr nicht behindern. Das weiß nur kaum jemand.

    Viele Autofahrer fühlen sich schon behindert, wenn sie wegen einem Radler langsamer machen müssen. Weil sie sich halt nicht bei Gegenverkehr noch geradeso vorbeiquetschen können.

    AntwortenLöschen
  2. Was leider nicht beachtet wird: Das Gehirn des Menschen ist nicht in der Lage, dauerhaft sich zu konzentrieren. Selbst wenn man etwas gesehen hat, ist es nach einigen Sekunden nicht mehr Präsent, sondern als Nichtigkeit abgetan.
    Leider gibt es auch immer mehr Assistenten. Bei den Autotestern werden diese entweder abgeschaltet oder es wird sich darüber aufgeregt, das diese zu früh regeln. Lkw- Abstand, Gerät verfügbar- wird abgeschaltet.
    Leider trägt zum schnellen fahren auch bei, das Autos immer mehr gedämpft werden. Man kann sich im Fahrgastraum fühlen wie im Wohnzimmer, doch das bringt auch den Nachteil, das die Außen Geräusche gedämpft werden und man bei gleicher Wahrnehmung des Autogeräusches, deutlich schneller fährt. Mal abgesehen davon, das die Autos aus gleichem Hubraum immer mehr Leistung heraus holen können.

    AntwortenLöschen
  3. Ich hätte noch ein paar Wünsche:

    1. Anpassen der ERA (d.h. der Verwaltungsvorschriften), sodass keine Radverkehrsanlagen gebaut werden dürfen, die im Widerspruch zu einschlägigen Gerichtsurteilen stehen, weil sie Radfahrer verleiten oder zwingen, gefährliche Wege zu nehmen.

    Ein Beispiel: das erste Foto in diesem Blogbeitrag. Radfahrer müssen mindestens einen Meter Abstand zu parkenden Autos einhalten, sonst wird ihnen bei Dooring-Unfällen eine (Teil-)Schuld zugewiesen. Also: keine Radverkehrsanlagen in weniger als 100cm Abstand zu längs parkenden Autos.

    2. Keine Benutzungspflicht für Radverkehrsanlagen, die den aktuellen Vorschriften widersprechen. Vor allem kein Neubau solcher gefährlichen Einrichtungen.

    In dieser Hinsicht herrschen in Stuttgart katastrophale Zustände. Zum Vergleich: Ständig werden (Auto- und Bahn-)Tunnel nachgebessert, wenn Sicherheitsvorschriften verschärft werden. Radinfrastruktur nach 70er-Jahre-Schema dagegen wird nicht gesperrt oder ausgebaut, sondern bleibt ignorant mit blauen Lollis garniert.

    AntwortenLöschen
  4. Zur Heilbronner Str. hätte ich noch ein klasse Foto: Toyota entlädt neue Karossen gern über den Radweg und auch Ausstellungsstücke werden über den Radweg in Schaustellung gebracht.

    AntwortenLöschen