3. Mai 2018

Wenn Radfahren Nicht-Radlern lebensgefährlich erscheint ...


... dann läuft was falsch. Eine Verkehrswissenschaftlerin der Uni Westminster hat Radfahrende protokollieren lassen, was sie täglich auf den Straßen erleben. 

Das Ergebnis hat selbst routinierte Straßenradler/innen erstaunt bis erschreckt. Denn viele gefährliche Situationen nimmt man nicht mehr wahr, wenn man täglich unterwegs ist: Man antizipiert die aufgehende Fahrertür bei einem geparkten Auto, das Auto, das auf dem Radweg steht oder gleich drauf fährt, den Rotlichtverstoß eines Autofahrers und das schnelle Abbiegen, ohne auf Radler zu achten. Diese Vorfälle werden zu einem kalkulierbaren Risiko, das wir Menschen sehr oft nicht mehr als Risiko empfinden. Für Radler/innen, die keine Übung haben, sind solche Erfahrungen jedoch so stressig, dass sie das Radfahren gleich wieder lassen. Das ist das Ergebnis einer Studie mit 2.586 Radlerinnen und Radlern, über die die Zeit.online berichtet.
Dreiviertel von ihnen waren erfahrene Fahrradpendler, 70 Prozent außerdem männlich und zwischen 30 und 59 Jahren alt. Sie waren in britischen Städten unterwegs. Sie notierten insgesamt 6.000 Zwischenfälle, meistens mehrere am Tag.

Die schlimmsten Schrecksekunden bescherten ihnen Autos, die mit zu geringem Abstand überholten, abbiegende Lkw, blockierte Radwege, Dooring-Situationen und Beinahezusammenstöße mit Autos. Die routinierten Radler waren erstaunt, wie hoch die Zahl der Zwischenfälle auch bei ihnen waren, nachdem sie sie protokolliert hatten. Als Alltagsradler denkt man nicht weiter über diese kleinen Schrecksekunden und Ausweichmanöver nach. Für ungeübte Radler aber sind sie so gravierend, dass sie dann doch lieber nicht mit dem Fahrrad fahren.

Viele äußerten deshalb den Wunsch, den Radverkehr besser vom Autoverkehr zu trennen. Nur auf die Straße gepinselte Radfahrstreifen genügten vielen nicht. Aber schön wäre es, wer es wäre wenigsten schon mal einer da, so wie hier in der Böheimstraße. Dann fahren vielleicht weniger Leute auf dem Gehweg, die meinen, wenn es auf der Fahrbahn keine Radmalereien gibt, dann solle man auf dem Fußweg radeln, oder es sei besser, weil die Autofahrer sonst böse werden.

Eine Stadt, die das ungeheure Potenzial der Leute ausschöpfen möchte, die lieber mit dem Fahrrad fahren würden als mit dem Auto, bietet ihren Radlern allerdings mehr an als eine Radfinfrastruktur, die wie eine Behelfspinselei aussieht. Eine Radinfrastruktur muss als aufmerksaem, sinnvoll, bequem und gut gemacht empfunden werden, um Menschen aufs Fahrrad zu locken. Alle, die den Verkehr planen und als sicher oder unsicher einstufen müssen sich eigentlich immer die Frage stellen: Würde ich auf diesem Radweg/Radstreifen meine 10-jährige Tochter zu Schule radeln lassen? (Oder würde ich dort mit meinem 8-jährigen Sohn radeln?)

Die Radinfrastruktur muss vor allem auch den Menschen sicher erscheinen, die selbst nicht Fahrrad fahren. Wenn die Kölner Oberbürgermeisterin Reker Radfahren in ihrer Stadt zu gefährlich findet und es deshalb ablehnt, dann sollte sie ihren Gemeinderat von einer anderen Politik überzeugen oder vielleicht doch mal selber öfter Fahrrad fahren. Solange Autofahrer und Fußgänger mir immer wieder sagen, Radfahren sei in Stuttgart lebensgefährlich, sind wir gaaaanz weit entfernt von einer Radinfrastruktur, die mehr Menschen das Fahrrad als gutes alternatives Verkehrsmittel erscheinen lässt als bisher.  Tut man das nicht, hat man nur die Radler in einer Stadt, die trotz  einer mangelhaften Radinfrastruktur Rad fahren. Das sind dann übrigens eher die Pfadfinder/innen und Schlängler/innen, die von den Medien und einigen Politikern so gern als Kampfradler diffamiert und dazu benutzt werden, die Radfahrenden insgesamt in Misskredit zu bringen.

Die Forderung der Verkehrswissenschaftlerin, Rachel Alfred, ist klar und eigentlich auch völlig logisch: Gefährdete Verkehrsteilnehmer/innen müssen Vorrang haben.

Es muss gleichzeitig etwas dafür getan werden, dass ein Umdenken einsetzt. Hier sind die Pressestellen der Polizeien und Medien gefragt. In London hat das diesem Bericht zufolge offenbar geklappt. Bis vor ein paar Jahren unterstellten Journalisten in ihren Beiträgen den Radfahrenden indirekt eine Mitschuld an ihren Unfällen, indem sie auf fehlende Helme oder Warnwesten hinwiesen. Das hat in der britischen Presse offenbar aufgehört. Davon sind wir in Stuttgart  noch ein Stück entfernt.


Kommentare:

  1. Wenn Nichtradfahrern das Radfahren lebensgefährlich erscheint, liegt das auch an einer bestimmten Sorte Radfahrer, die meint, sich mit Wahnwesten zu schmücken und durch das Tragen unnützer Pseudo-"Helme" selber zu suggerieren, dass das Radfahren lebensgefährlich sei...

    Ich "protokolliere" in meinem Blog auch seit einer Weile, was ich tagtäglich so erlebe. Aber bei mir ist es grade nicht so, dass ich daraus den Schluss ziehe, auf separater Infrastruktur wär das für mich am Ende "sicherer". Denn auch dort habe ich grade in den Anfangsjahren mehr als genug heikle Situationen erlebt - und selbst heute schüttle ich regelm. mit dem Kopf, wenn ich sehe, was auf touristischen Radwegen, Misch- oder reinen Gehwegen rechts neben mir so abgeht. Meine radverkehrspolitische Aktivität und der Start meines Blogs gehen auf meinen bislang einzigen Außerort-Unfall zurück: und der geschah auf einem gemeingefährlich, viel zu schmal und unübersichtlich gestalteten Kombi-Geh-und-Radweg mit einem Pedelecfahrer. Und nur deshalb, weil ich die Benutzungspflicht ausnahmsweise mal nicht ignoriert hatte...

    Eigentlich zeigt die Gewöhnung an die Zustände ja auch, dass die meisten Situationen zumindest zu Beginn als "gefährlich" eingestuft werden, aber die zunehmende Erfahrung zeigt, dass eben auch in 99,9 % dieser als "gefährlich" empfundenen Situationen am Ende nix passiert ist. "Gefahr" bezeichnet aber eine hohe Eintrittswahrscheinlichkeit eines Schadenereignisses - und die wird durch die Unfallfreiheit widerlegt. Die (wertvolle) Erfahrung lehrt einem dann eben auch, sich entsprechend darauf einzurichten, weshalb man routiniert damit umgeht. Ich hätte gar keine Lust, mich über jeden Engüberholer künstlich aufzuregen - auch wenn ich es hin und wieder trotzdem tue.

    Das mag alles unangenehm sein, vor allem die ständigen Respektlosigkeiten von Seiten motorisierter Verkehrsteilnehmer können nervig sein. Das gehört aber nun einmal halt dazu; solange wir in einer Gesellschaft leben, die ein hohes Maß an Mobilität einfordert oder notwendig werden lässt.

    "Radinfrastruktur" wird (in Konkurrenz zum Kfz) niemals eine Lösung darstellen. Das wären z. B. höchstens Innenstadtfahrverbote für Kfz. Aber diese heilige Kuh wird garantiert vorerst niemand schlachten wollen.

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  2. Radfahren ist genau dann lebensgefährlich, wenn sich Autofahrer et al. (vorsätzlich) falsch verhalten. Erst hieraus entsteht eine Gefahr. In einer reinen Radler-Gesellschaft würde niemand diese Aussage stützen.

    Es liegt also in der Verantwortung eines jeden Kraftfahrers, durch angepasstes Verhalten diese Gefahr zu reduzieren.

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    1. Lieber Matthias,
      auch die Behörden tragen eine wesentliche Verantwortung. Durch entsprechendes Kreuzungsdesign kann die Unfallgefahr drastisch reduziert werden. Die entsprechenden Konzepte gibt es und sie haben sich in der Praxis bewährt.

      Siehe z.B. den Film hier:
      http://busy-streets.de/niederlaender-planen-pro-radfahrer-sicher-abbiegen-an-kreuzungen/
      oder hier:
      https://volksentscheid-fahrrad.de/de/2016/04/05/gefaehrliche-kreuzungen-sicher-umgestalten-927/
      Auch Christine hat schon darüber geschrieben:
      https://dasfahrradblog.blogspot.de/2014/08/die-sichere-kreuzung.html

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    2. Lieber Holger,

      da hast Du natürlich recht, Behörden sind da natürlich auch in der Pflicht. Und dass hier bisweilen (grob) fahrlässig oder sogar mit Vorsatz bestehende Vorschriften missachtet werden,ist ein anderes Thema.

      Hier geht es um die Einschätzung von Autofahrern, Radfahren sei lebensgefährlich. Und das Unverständnis, dass jemand sich freiwillig dieser Gefahr aussetze. Dabei wird diese Gefahr erst durch Fehlverhalten von KFZlern real.

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    3. Lieber Matthias, perfekt. Mein Fehler, ich hatte "AUSSCHLIESSLICHE Verantwortung" in Deinen Beitrag hereininterpretiert bzw. gedanklich dazugedichtet.

      Hast Du das mit der real werdenden Gefahr auch schon in dieser Art erlebt: Autofahrer überholt eng, drängt Dich ab, kurbelt das Fenster runter und herrscht Dich an: "Blödmann, Kampfradler, Verkehrsrowdy, was fährst Du hier auf der Straße, das ist lebensgefährlich für Dich!"?

      Christine hatte in einem älteren Blogeintrag über eine ähnliche Situation berichtet, die sie im Schwabtunnel hatte, und wo sie passend und schlagfertig geantwortet hat...

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    4. Guten Morgen Holger,

      erlebe ich selten. Viel häufiger das Selbstverständnis, die Straße gehöre dem Autofahrer und ich hätte dort nichts verloren (Abdrängen, Hupen, Drohungen mit der geballten Faust, verbale Gewaltandrohung oder auch nur der gut gemeinte Ratschlag "da drüben ist ein Gehweg").

      Das letzte Mal wurde ich mit dem Stichwort "lebensgefährlich" auf einem Kindergeburtstag von einer besorgten Mutter konfrontiert. Ich habe ihr dann geantwortet, sie möge ihr Verhalten überdenken, wenn sie Radfahren lebensgefährlich macht. Ich wäre ihr noch nicht auf der Straße begegnet und bis jetzt sei Radeln für mich noch nie gefährlich gewesen.

      Ich hatte ein paar Schmunzler auf meiner Seite 🚴‍♂️

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  3. Lieber Dennis,
    ich halte es für verantwortungslos, wie Du argumentierst. Ca. 50% der dokumentierten Fahrradunfälle sind "Alleinunfälle", ein Großteil vermutlich mitverursacht durch die (auch von Dir beschriebene) unzureichende Infrastruktur abseits der Straßen. Typisch passieren solche Unfälle mit eher niedrigem Tempo. Dort hilft der Helm nachweislich, schwere Kopfverletzungen zu vermeiden oder weniger schwer zu machen.

    Wenn man dagegen auf der Straße oder Kreuzung von einem LKW überrollt wird, hilft die Styroporschale natürlich herzlich wenig. Bei der anderen häufigen Unfallkonstellation verringert der Helm die Schwere der Verletzung (Autofahrer von rechts nimmt die Vorfahrt, Fahrradfahrer prallt mit dem Kopf schräg auf die Frontscheibe).

    Details findest Du z.B. in einer Studie der Unfallforschung der Versicherer: https://udv.de/de/medien/mitteilungen/radhelme-schuetzen-wirksam

    Sich mit Tarnkleidung unsichtbar zu machen ist auch keine gute Idee, für keinen Verkehrsteilnehmer. Ist auch nachgewiesen. Warnwesten sind tatsächlich zweischneidig, weil der Radfahrer damit offensichtlich signalisiert, dass er erwartet, Opfer zu sein und entsprechend rücksichtsloses Verhalten mancher Autofahrer provoziert. Aber dann hat man immerhin schon vermieden, dass man komplett übersehen wurde...

    Dann begehst Du auch noch einen Fehler, dem auch Christine in der Vergangenheit mehrfach aufgesessen ist: Eine getrennte Fahrradinfrastruktur ist nicht per se mangelhaft ausgeführt. Seit 2009 gibt es recht vernünftige technische Regelwerke, die so eine Gestaltung verbieten, wie Du sie beschreibst. Zu eng und unübersichtlich, das kommt bei einem vorschriftsmäßig gebautem Radweg nicht vor. Eine Führungsform auf Gehweg widerspricht den Vorschriften ab einem relativ niedrigen Verkehrsaufkommen. Es gibt klare Mindestbreiten, die vom Verkehrsaufkommen abhängen. Dass die Behörden hier noch regelmäßig versagen, kannst Du dem Konzept nicht anlasten und das Kind mit dem Bade auskippen. Das wäre so, als wenn ein Autobahnteilstück als Feldweg ausgebaut ist und Du damit begründest, dass die Regelgeschwindigkeit 130km/h viel zu hoch wäre und das Befahren von jeder Autobahn mit Mindestgeschwindigkeit 60 km/h gefährlich ist und dass man deshalb auf keiner Autobahn fahren kann.

    Wenn für einen mangelhaften Radweg von den Behörden versäumt wurde, die Benutzungspflicht zu überprüfen und die Anordnung der Benutzungspflicht aufzuheben (also den blauen Lolli abzuschrauben), dann kannst Du gegen die Anordnung Einspruch erheben. Das solltest Du auch tun, das hilft gegen die Regelverletzungen vernünftiger Radfahrer, die das Klima vergiften (und was für Dich bei einem Unfall auch Nachteile hat, Stichwort Teilschuld).

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    1. Holger, du verstehst da offenbar ein wenig falsch. Ich bin auch kein "Anfänger" und weiß, wie man entbläut. Kannst ja gerne mal meinen Blog besuchen. ;)

      Meine Ansicht zum Helm und Helmträgern sei mir unbenommen. Ich halte die Dinger für wirkungslos, mehr als leichte Verletzungen können die von den Prüfnormen her nicht verhindern; besonders auch nicht bei Unfällen mir Autos. Und wer sich selber ständig auf die Nase legt, sollte besser seinen unsicheren (evtl. durch den Helm risikokompensierten) Fahrstil hinterfragen. Die UdV ist auch sicher alles - nur keine unabhängige Quelle; sind es doch grade die Versicherer, die alles tun, um vor Gerichten eine Mithaftung der Opfer zu bewirken. Derzeit ist ja immer noch Stand der Rechtsprechung: wenn ich auf meinem Rennrad Brötchen hole und mich einer über den Haufen fährt und mir Kopfverletzungen beschert, krieg ich deutlich weniger oder gar kein Schmerzensgeld, als wenn ich mit meinem MTB gefahren wäre...! Genau HIER sind alle "freiwillig" Helmtragenden Rennradfahrer daran Schuld, dass die wenigen ihrer Art, die sich diesem Profis-Nachäffen verweigern, zivilrechtliche Nachteile erleiden. Und das wird auch bald bei "normalen" Radfahrern wieder so sein, der BGH hat das ja schon angedroht...!

      Die angeblich "vernünftigen" technischen Regelwerke halte ich eben auch nicht für "vernünftig", weil sie am Grundproblem "Radweg" nichts ändern. Und eingehalten werden sie auch bei Neubauten nicht. Ich sehe grundsätzlich keinen sachlichen Grund für die Separation, da die wenigsten Unfälle im Längsverkehr auf freier Strecke passieren. Das, was dann am Ende an "Radwegen" rauskommt, ist in aller Regel mit unzähligen Benachteiligungen für Radfahrer (Vorfahrtrechte, Bettelampeln, längere Rotphasen, Umwege usw.) gespickt. Zumal dann auch noch Mischnutzung mit Fußgängern angeordnet wird (außerorts die fast ausnahmslose Regel)...!

      Daher: (benutzungspflichtige) Radwege (an Fahrbahnen) muss man mit dem Bad ausschütten!

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  4. P.S.: schade, dass Du bei deinen verkehrspolitischen Bemühungen schon resigniert hast. Die Rahmenbedingungen sind derzeit doch eingentlich günstig wie nie. Grenzwerte (CO2 und NOx) erzwingen eine massive Reduktion des KFZ-Verkehrs. Flächendeckende Fahrverbote sind die drohende Alternative, wenn die KFZ-Lobby nicht ein wenig von ihrem Alleinanspruch auf zügig befahrbare Infrastruktur abrückt und die Hälfte der Autofahrer auf umweldfreundliche Verkehrsmittel umsteigt. Von den Alternativen für eine Reichweite über ca. 2 km ist die Infrastruktur für das Fahrradfahren mit Abstand die billigste Alternative, auch dann, wenn sie regelkonform oder sogar attraktiv gestaltet wird.

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