4. März 2019

Die verrückteste Keuzung Stuttgarts

Vor einem Jahr habe ich über die närrische Kreuzung Eberhardstraße am Tagblattturm geschrieben.

Damals fuhren und gingen alle Verkehrsteilnehmer/innen kreuz und quer, wie sie gerade wollten. Jetzt ist die Ampel weg, die bei Radlern als die langsamste Ampel Stuttgarts verschrien war. Aber zu einer Vorfahrtregelung für Radler auf ihrer Hauptradroute 1 konnte man sich nicht durchringen. Der Autoverkehr zu den Parkhäusern hat Vorrang (sogar der Bus muss warten).

Auf der Kreuzung herrscht jedoch immer noch das gleiche friedliche Chaos, weil nach wie vor alle anderen Verkehrsteilnehmer/innen (außer den Radlern) machen, was ihnen passt. Dass die Regelverstöße von Radlern minimal sind, zeigt auch, dass die Kreuzung für sie passend gemacht wurde. 


Fußgänger/innen chaotisieren die Kreuzung, die von Autos beherrscht wird.
Das Auffälligste ist die komplette Anarchie der Menschen zu Fuß. Eine Baustelle am Tagblattturm unterbricht ihren Weg Richtung Tübinger Straße. Umwege machen Fußgänger/innen nicht. Deshalb gehen sie auf der Fahrbahn und überqueren dann mehr oder weniger diagonal die Eberhardstraße aufseiten der Tübinger Straße. Gerne auch mit Handy in der Hand und dem Blick aufs Display.
Auch bei Fußgängerrot bleiben sie nicht unbedingt stehen.
Das zeigt, dass diese Kreuzung für Menschen zu Fuß nicht passend organisiert worden ist. Sie erleben den Autoverkehr anders, nämlich als unproblematischer, als das Ordnungsamt.
Dieser Fußgänger hier schlendert sogar auf ganzer Länge aus der Torstraße kommend und dem Verlauf der Eberhardstraße folgend auf der Fahrbahn über die Kreuzung Richtung Rotebühlplatz. Er nutzt geschickt die Sperrflächen und guckt sich nicht mal um.

Ich muss sagen, dass ich diese Anarchie der Fußgänger/innen sogar ganz schön finde, zeigt es doch, dass die Kreuzung entschleunigt wurde und Vertrauen erweckt. In der Viertelstunde, die ich an einem Montag gegen 17 Uhr dort stand, habe ich keinerlei Konflikte beobachtet, keine Notbremsungen, kein Hupen. Alles total friedlich und entspannt und eben verwunderlich chaotisch.  

Für Radfahrende ist die Kreuzung bequemer geworden, bleibt aber heikel. 
Ebenso originell wie der Spaziergang des Fußgängers ist die Tour, die dieser Radler macht. Er kommt von der Tübinger Straße her. Die Hauptradroute 1 hat hier nicht Vorrang vor den Autos zu den Parkhäusern. Meistens müssen Radfahrende nicht warten, nur abbremsen. Man arrangiert sich. Dieser Radler müsste nun aber  anhalten, weil von der Torstraße her Autos kommen. Das will er aber nicht, also rollt er auf der linken Fahrspur weiter, lässt das rote Auto passieren, dann den schwarzen Kastenwagen. Und nun kommt noch ein heller Mercedes, dem er auch nicht vor den Kühler fahren will. Also fährt er noch weiter und hinten um das Heck des Mercedes herum, um in die Eberhardstraße Richtung Marktplatz zu gelangen. Uff.

Für Radfahrende hat der Abbau der Ampel große Erleichterung gebracht. Ich muss fast nie warten, ich kann links und rechts schauend meistens durchradeln und genieße das. Allerdings klappt es noch nicht so ganz. Wenn die Fußgängerampel an der Steinstraße für Autos rot ist, stauen sich die Fahrzeuge gerne vor der Einmündung Eberhardstraße. Kein Autofahrer kommt auf die Idee, dass er eigentlich die Straßeneinmündung frei lassen müsste. Also schlängeln sich die Radler zwischen Kühler und Heck des stehenden Verkehrs durch. Nicht ständig ist das so, aber immer wieder.

Um diese Kreuzung flüssig rollend zu bewältigen, muss man allerdings routineirt sein und schnell Übersicht gewinnen können.
Das  scheint diese Radfahrerin zu überfordern. Sie kommt vom Marktplatz her und hält etwas konsterniert dort, wo früher die Ampel stand. Ein zweiter Radler hält hinter ihr ebenfalls an. Warum auch immer. Erst als ein Radfahrer ihnen entgegen kommt, fahren sie los. Offenbar haben sie eine Weile gebraucht, um zu durchschauen, wie diese Kreuzung für sie jetzt organisiert ist.

Wieder mal ein Zeichen, dass Radler die Strecken kennen müssen, wenn sie sie flüssig fahren wollen. Kennt man sie nicht, kommt man zum ersten Mal an so eine Stelle, braucht man eine Weile, um die Streckenführung zu kapieren. (Sowas mutet man Autofahrenden nie zu!)

Links abbiegen unmöglich gemacht.
Was man hier wieder einmal gar nicht bedacht hat, ist, dass Radfahrende vielleicht auch mal nach links in die Steintraße abbiegen möchten. Die Linien und weißen Sperrstreifen sind so gezogen, dass man nur im sehr spitzen Winkel abbiegen könnte, nicht aber in einem dem Radfahren angemessenen Bogen. Das Polizeiauto zeigt sehr schön das Problem. Polizei darf das vielleicht so machen, und andere Autofahrer machen das auch immer wieder so, obgleich für sie Linksabbiegen verboten ist (sie dürfen auch nicht in die Eberhardstraße weiterfahren), aber Radfahrenden ist hier das Linksabbiegen erlaubt. Nur dass es nicht geht, ohne die Regeln zu verletzen, die die Fahrbahnmalerei festlegt. Das, finde ich, sollte man dringend nachbessern. Ganz dringend! Denn sonst verstärkt man nur weiter das Achselzucken bei Radfahrenden über die Gültigkeit der StVO für sie.

Und hier noch zwei Falschabbieger. Der Fahrer des dunklen Autos wollte eigentlich einen U-Törn machen und wieder Richtung Tübinger Straße hoch fahren, aber es kam ein Polizeiauto, und er brach das Manöver ab und fuhr in die Steinstraße weg (hatte ja gerade grün). Unten in der Collage sieht man einen Motorradfahrer, der vom Wilhelmsplatz her kam und über die Fußgängerfurt nach links eingebogen ist und (bei Fußgängerrot) die Gegenfahrbahn überquert hat, um sein Motorrad vor dem Tagblattturm auf dem Gehweg abzustellen. 

Auch einen Radler (Collage links oben) habe ich in der Viertelstunde gesehen, der  verbotenerweise die rote Ampel an der Steinstraße bergauf Richtung Tübinger Staße über die Gehwegecke umfuhr (verboten!). Der nächste (rechts oben) wartete und fuhr bei Grün. In der Collage sieht man noch zwei Lastenräder, die auf je einer Spur fahren, das eine auf der linken, der Busspur, die für Radler freigegeben ist, um geradeaus Richtung Tübinger Straße weiterzufahren, das andere auf der rechten Fahrspur, um dann in die Steinstraße abzubiegen.

Die meisten, die von der Tübingerstraße her kommen und Richtung Wilhelmsplatz weiter wollen, bleiben am Tagblattturm auf der Fahrbahn. Nur zwei Radlerinnen sind über den Aufstellplatz für Fußgänger auf den roten Streifen auf dem Gehweg eingebogen (Doppelbild ganz unten), der früher einmal als Radweg ausgeschildert war, jetzt aber keiner mehr ist. Eigentlich dürften sie da gar nicht radeln, aber der rote Belag suggeriert das eben noch.

Wobei die Fahrbahnradler sich schon sehr behaupten müssen. Autofahrerer überholen doch recht eng. Zum Glück sind ja alle langsam unterwegs. Auf der Collage sieht man einen Radler, der auf die linke Seite der Autoschlange geraten ist, und zwar weil er aus der Eberhardstraße vom Marktplatz her kam und links Richtung Wilhelmsplatz abgebogen ist

Auch hier ist das Linksabbiegen wieder einmal nicht vorgesehen. 

Mein ganz persönliches Fazit: 

Eigentlich braucht es hier gar keine beampelten Fußgängerüberwege. Zebrastreifen würden reichen.

Und die Vorfahrt muss umgedreht werden. Die meisten Autofahrenden achten jetzt schon sehr auf die Radfahrer und gewähren ihnen oft Vorfahrt, auch wenn sie sei gar nicht haben. Es spricht eigentlich nichts dagegen, dem Bus (der wohlgemerkt jetzt ebenfalls keine Vorfahrt gegenüber dem Steinstraßen-Verkehr hat) und dem Radverkehr auf der HRR1 Vorrang einzuräumen gegenüber dem Autoverkehr von und zur Steinstraße.
Das hat man deshalb nicht gemacht, weil dann die HRR1 dem Bus gegenüber Vorrang gehabt hätte, also Radler vor Bus (jetzt ist es halt der Pkw-Verkehr vor Bus). Ich war immer der Meinung, man hätte per Zusatzschild dem Bus Vorrang vor den Radfahrenden auf der Eberhardstraße geben können. Auch auf dem Rotebühlplatz und in der Einmündung zur Tübinger Straße schaffen es Busfahrer und Radfahrer glänzend, aufeinander zu achten und sich zu arrangieren.


Kommentare:

  1. Neulich hatte ich dort Premiere und bin (vom Schlossplatz kommend) voll über die Sperrfläche gefahren, weil ich nicht gecheckt habe, dass man mitten auf der Kreuzung einen Knick fahren soll.

    Wer denkt sich so einen Schwachsinn aus?
    Antwort: STUTTGART

    :D

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    1. Ich fahre immer über die Sperrfläche, geht ja auch nicht anders. Vor allem, wenn das Autos stehen. Dann kann man sich nur quer zu ihnen vorne an die Haltelinie am Fußgängerübberweg stellen. Tja, wer denkt sich so was aus? Und warum ist es mir nicht gelungen, die Planer davon zu überzeugen, dass das nicht gut ist? Vermutlichm weil die Linienführungen auf dieser verrückten Kreuzung schon so unendlich kompliziert sind.

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  2. Ich nehme mal an, dass die Linienführung durchaus 'durchdacht' ist - aber nicht in unserem Sinne oder wie wir es sonst gerne hätten.
    Nun habe ich die Linien nicht wissenschaftlich untersucht, aber nach Augenschein stelle ich dem 'Linienplaner' jetzt mal ein positives Zeugnis für vorausschauendes oder realitätsnahem Denken aus: Er hat versucht, alles so eng zu machen, damit so wenig KFZ wie nur möglich auf dumme Ideen kommen und aus welcher Richtung auch immer illegal abbiegen. Das ist ihm fast schon gut gelungen, nur wenige von oben kommende KFZ biegen noch am Tagblatturm in die Fahrradstrasse ein. Taxifahrer interessiert es überhaupt nicht, dass sie dort nicht abbiegen dürfen, die tun es einfach. Aber in Summe wird dem MIV recht gut Einhalt geboten - wenn auch zu unser Aller Verwirrung und fast-schon-Zwang, Sperrflächen zu befahren.

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  3. Mein Seg zur Arbeit führt über diese Kreuzung. Meine erste Freude über den Umbau ist schnell verflogen. So viel Geld wurde ausgegeben um etwas zu erreichen, dass kaum ein Vorteil ist. Ich betrachte die Umbauarbeiten in der Wilhelmstr. und am Wilhelmsplatz dazugehörenden. Von der Wilhelmstr. kommend muss ich am Wilhelmsplatz die Fahrbahn gekreuzt werden un sich Richtung Torstr. weiterzubegeben. Direkt nach der Überquerung der hauptstätter Str. mit oft sehr langen Ampelphase, die viele Radler dazu verführt über den Fußgängerweg zu fahren, muss wieder die Straße gequert werden. Dabei muss man auf die Busspur und gleichzeitig auf Autos von hinten und von Rechts kommend geachtet werden. Das ist in meinen Augen keine Verbesserung, sondern einfach nur anders schlecht und gefährlich. Umgekehrt warte ich oft sehr lange an der Hauptstätter Str. Richtung Wilhelmsplatz an der Ampel. Ab wo hier der Fahrradweg wieder auf dem Gehweg verläuft habe ich nicht mitbekommen.
    Förderung von Radinfrastruktur stelle ich mir anders vor.

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  4. Stimmt. Darüber habe ich auch schon geschrieben. https://dasfahrradblog.blogspot.com/2018/10/radstreifen-fur-hartgesottene.html

    Man wechselt, vom Wilhelmsplatz kommend, zwei Mal die Autofahrspuren, von links nach rechts und dann zurück nach links auf die Busspur, wenn man Richtung Tübinger weiter will. Richtig schlecht. Nur was für Hartgesottene. Wobei ich die Querung von Tübinger zu Eberhard eigentlich ganz okay finde, aber das ist auch das Einzige, was da okay ist. Alles andere ist nicht radlergerecht und schon gar nichts für ungeübtere Radfahrende.

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  5. Warum macht man da nicht einfach einen Mini-Kreisverkehr hin? Das frage ich mich schon so lange. So wie die Kreuzung Silberburg-/Gutenbergstraße!

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    1. Liebe Unbekannt oder lieber Unbekannt, einfach ist auch ein Kreisverkehr nicht. Erwogen wurde das, aber es schien wohl noch nicht praktikabel. Einen Kreisverkehr kann man tatsächlich nur dorthin machen, wo wenig Verkehr herrscht, er darf sich nämlich nie auf dem Kreisverkehr stauen, sonst steht alles an allen Einfahrten. Solange man da Fußgängerampeln für nötig hält, um den Autoverkehr zu stoppen, geht es also nicht. Würde man Zebrastreifen hinmachen, dann würde vermutlich der permanente Strom der Fußgänger/innen einen ähnlichen Effekt ausüben und sich oft Autos auf dem Kreisverkehr stauen. Außerdem sind Kreisverkehre für Radfahrende genauso gefährlich wie Radwege an Kreuzungen. Radler müssen unbedingt immer in der Mitte der Kreisverkehrsspur radeln, sonst erkennen Autofahrende nicht, dass sie nicht an der nächsten Ausfahrt rauswollen, sondern weiter herum, und fahren sie um. Ohnehin sind Autofahrende an der Einfahrt eines Kreisverkehrs gestressst, weil sie meinen, sie müssten so schnell wie möglich rein, beim Rausfahren vergessen sie meist das Blinken (als Radler weiß man also nicht, ob das Auto noch weiterfährt und man selber warten muss oder ob es rausfährt. Kreisverkehre wirken nur einfach, weil niemand Lust hat, an Ampeln zu stehen, sind aber gefährlich für Radfahrende und erzeugen bei Autofahrenden erheblichen Stress, der sie hektisch und unaufmerksam macht. Deshalb bin ich froh, dass es da keinen Kreisverkehr gibt.

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